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9punkt - Die Debattenrundschau

Mit robuster Entschlossenheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2018. Im Spectator hält Anne Applebaum eine Gardinen-Predigt an alle Brexiteers, die mit Orban und Kaczynski paktieren wollen. In der SZ spricht der zu Lebenslang verurteilte Schriftsteller  Ahmet Altan über die Absurditäten der türkischen Justiz. SZ und Welt kommentieren Ian Burumas Kündigung bei der New York Review of Books. Alle trauern um die große Verlegerin Inge Feltrinelli.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2018 finden Sie hier

Europa

Im Spectator hält Anne Applebaum den Brexiteers, die anfangen, den Orbans und Kaczynskis schöne Augen zu machen, weil sie auf Verbündete hoffen, eine Gardinenpredigt: "Ein anderes Britannien, das noch eine wichtige Rolle in Europa und der Welt anstrebte, würde sich jetzt dem Rest Europas anschließen, ja, die Führung übernehmen, um diese Welle aus Heuchelei, Korruption und Autoritarismus zu bekämpfen, die Europa und das Vereinigte Königreich bedroht, und nciht nur die Europäiusche Union, sondern auch die Nato und andere transatlantische Organisationen bedroht, von den Finanzmärkten ganz zu schweigen."

Im über seinen Anwalt geführten SZ-Gespräch mit Christiane Schlötzer spricht der wegen regierungskritischer Zeitungsartikel und "Verbreitung einer unterschwelligen Botschaft" in einer Talkshow zu lebenslanger Haft verurteilte türkische Schriftsteller Ahmet Altan über die Absurditäten der türkischen Justiz: "Als Altan seinen Richter später fragte, was es mit dieser Beschuldigung auf sich habe, erhielt er eine Antwort, die es wert ist, für die Historiker festgehalten zu werden, die einmal Bücher über diese Zeit in der Türkei verfassen werden. Der Richter sagte, mit einem ironischen Lächeln: 'Unsere Staatsanwälte lieben es, Wörter anzubringen, die sie nicht verstehen.' Altan wurde schließlich als 'glaubenskämpferischer Putschist' und zehn Tage später noch mal als 'marxistischer Terrorist' verurteilt."

Trotz aller Nähe zu Erdogan darf Ditib nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden, meint Matthias Dobrinski in der SZ: "Würde Ditib nun der Verfassungsfeindschaft verdächtig, beförderte dies die Abgrenzungstendenzen vieler Muslime im Land, aber auch die der Mehrheit gegenüber den Muslimen. Vor allem stünde die Zusammenarbeit von Staat und muslimischen Organisationen vor dem Aus: Mit wem soll eine Landesregierung noch über einen islamischen Religionsunterricht verhandeln, wenn die Ditib ausfällt? Mit dem ebenso türkeinahen Verband der islamischen Kulturzentren? Mit dem Islamrat, dominiert von der konservativ-islamischen Milli Görüs? Mit dem Zentralrat der Muslime, der eine kleine Minderheit der Gläubigen vertritt?"

Und wieder einmal ist auf eine dieser Recherchen von Bellingcat hinzuweisen, wo jetzt zum zweiten Mal (unser Resümee) zu den mutmaßlichen Skripal-Attentätern recherchiert wird - nicht nur die Pässe der beiden verweisen darauf, dass sie zum russischen Geheimdienst GRU gehören.
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Gesellschaft

Deutsche Frauenhäuser sind unter anderem wegen der Wohnungsnot und der Flüchtlingskrise überbelegt. Ihre Finanzierung ist meist prekär - Ministerin Franziska Giffey will sich engagieren. Heike Herold vom Dachverband der Frauenhäuser fordert im Gespräch mit Chantal Louis von emma.de "einen Rechtsanspruch von Frauen auf Schutz und Hilfe, so auch einen Platz im Frauenhaus. Der muss in einem Bundesgesetz verankert sein. Frauen müssen diesen Schutz in Anspruch im ganzen Land nehmen können, ohne dass vorher zwischen Kommunen und Bundesländern über Kostenübernahmen verhandelt werden muss. Und dazu brauchen wir mehr Plätze in den Frauenhäusern."
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Ideen

Heute berichten auch die deutschen Medien über Ian Burumas Kündigung als Chefredakteur der "New York Review of Books" (Unser Resümee). Hannes Stein kann die Kritik an Buruma in der Welt nachvollziehen: "Es geht einzig und allein darum, ob ein bedeutendes Magazin, in dem jeder Intellektuelle von Rang und Namen gern veröffentlichen würde, ausgerechnet Jian Ghomeishi Platz für einen Text einräumen sollte. Zweitens: Ian Buruma sagte im Interview mit 'Slate', es sei nicht seine Sorge, ob Ghomeishi schuldig ist oder nicht. Es ist aber sehr wohl seine Sorge. Denn es macht einen gewissen Unterschied, ob sich ein Schuldiger oder ein Unschuldiger dagegen wehrt, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden."

Und in der SZ berichtet Christian Zaschke: "Dem niederländischen Magazin Vrij Nederland sagte Buruma: 'Ich hatte starke Reaktionen erwartet. Meine Hoffnung war, dass sich eine Diskussion darüber entwickelt, wie wir mit Leuten umgehen, die sich falsch verhalten haben, aber vor Gericht freigesprochen worden sind.' Die heftige Kritik an ihm selbst empfindet er als 'ironisch', wie er sagt: 'Ich habe ein Themenheft über Menschen gemacht, die nicht von der Justiz, sondern von sozialen Medien verurteilt worden sind. Jetzt stehe ich selbst am Pranger.'"

Im Tagesspiegel erklärt der Chemnitzer Politologe und Extremismusforscher Eckhard Jesse, weshalb Rechts- und Linksextremismus nicht unterschiedlich wahrgenommen werden sollten: "Gewalt, moralisch legitimiert, sei nur verständliche Gegengewalt gegen die strukturelle Gewalt des Staates oder gegen die konkrete der Polizei. Es mache einen riesigen Unterschied aus, ob ein wehrloser 'Fremder' attackiert wird, ein Schwacher, oder ein bewaffneter Polizist, ein Starker. Im ersten Fall sei dies feige, im zweiten Fall mutig. Aber: Das Leben eines jeden Menschen ist gleich viel wert. Und: Ist ein 'Fremder' immer schwach, ein Polizist immer stark? Wenn eine strafrechtlich relevante Verschiedenheit besteht, dann die zwischen einer 'vorsätzlichen' und einer 'fahrlässigen' Tat, unabhängig von der Ethnie des Opfers."
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Kulturmarkt

Inge Feltrinelli, geborene Schönthal, die letzte große Verlegerin ihrer Generation, ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Welt-Autor Thomas Schmid erzählt ihre glamouröse Karriere, die als VIP-Fotografin (Hemingway auf Kuba!) startete, bis sie nach dem frühen Tod ihres Mannes den Feltrinelli-Verlag übernahm und verlegerischen Mut bewies: "Die neue Verlegerin, die schon zuvor einen strengen Blick auf die Zahlen hatte, tat zweierlei. Sie dünnte den politischen Teil des Verlagsprogramms aus - hielt aber zugleich unbeirrbar daran fest, dass Feltrinelli ein linker Verlag mit Publikumserfolg sein müsse. Vor allem erkannte sie eines sehr früh: Verlage, die nur Bücher akquirieren, lektorieren, drucken und verkaufen lassen, haben keine große Zukunft mehr. Deswegen baut sie mit robuster Entschlossenheit die Buchhandelskette Feltrinelli auf, die in jeder größeren Stadt Italiens Filialen hat."

In der SZ erinnert sich Michael Krüger ("Als ich sie vor über vierzig Jahren kennenlernte, war sie die schrillste und schönste Frau auf der Frankfurter Buchmesse"). Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer.
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