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9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Gitarre und Fahrrad

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.12.2018. AP rekonstruiert in einer exquisiten Recherche, wie Tayyip Erdogan in einem Telefonat Donald Trump dazu bracht, in Syrien die Kurden im Stich zu lassen. In der Welt weiß Peter Sloterdijk: Der Weg zu den Wahrheiten des Südens führt durch die Tunnel der Schweiz. Die SZ bereitet dem Westen eine bitte Niederlage: Die Frauen im Sozialismus hatten besseren Sex. Der Fall des Legendenreporters Claas Relotius stellt die Branche jetzt vor die Frage: Ist Journalismus Kunst, Handwerk oder doch nur Kunsthandwerk?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.12.2018 finden Sie hier

Ideen

In einem von der Welt jetzt abgedruckten, aber eigentlich uralten Podcast-Interview mit dem Kulturphilosophen Robert Harrison plaudert Peter Sloterdijk zeitlos über Paulus als wahren Begründer des Christentums, über Nietzsche und Sprengkraft der Moderne: "Zu Nietzsches Zeiten war dieses Geräusch sehr helvetisch, weil die Schweiz das Land war, in dem die ersten heroischen Anstrengungen unternommen wurden, die Berge zu durchdringen und Tunnel zu schaffen - neue Wege in den Süden. Das ist die metaphysische Frage, vor der all diese nordischen Völker stehen: Wie können wir einen einfacheren Zugang zu den mediterranen Wahrheiten zurückerlangen? Die Schweizer Tunnel haben eine wichtige Rolle in der modernen Kultur gespielt."

Thomas Thiel berichtet in der FAZ von dem höchst umkämpften Vortrag des Philosophiedozenten und AfD-Politikers Marc Jongen an der Uni Siegen, in dem dieser Redeverbote und Zensur durch Linke, Diversitätssrhetoriker und den UN-Migrationspakt beklagte.
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Gesellschaft

Susan Vahabzadeh lernt bei der amerikanischen Wissenschaftlerin Kristen Ghodsee viel über das Verhältnis von Kapitalismus und Patriarchat. Am bittersten: Frauen im Sozialismus waren nicht nur beruflich emanzipierter, sie hatten auch besseren Sex! Das lag daran, dass die Beziehungen anders als im kapitalistischen Westen keinem Tauschhandel unterlagen. Naja, zumindest nicht im Idealfall: "Im Sozialismus, beklagte sich ein Mann bei ihr, musste man 'interessant sein'. Versorger wurden nicht so dringend gesucht. Damit falle weg, so Ghodsee, was die Theorie der Sexualökonomie besagt, dass wir alle sexuellen Beziehungen als eine Art Handel sehen, bei denen der Mann fast immer der Käufer ist. Sex gegen Versorgung. Das ist, so die Theorie, der Anreiz für Männer, etwas zu leisten. Der Job soll sie attraktiver machen für eine Frau. Oder mehrere."

Dorothea Marcus erzählt in der taz, wie die Soziologin Blandine Sankara in Burkina Faso mit ihrer Biofarm Yelemani an die Landes- und Familientradition anknüpft: "'Consommons burkinabé', diesen Slogan gab in den achtziger Jahren eigentlich ihr Bruder Thomas Sankara aus. 1983 kam er mit einer Revolution an die Macht. Vier Jahre lang versuchte Sankara, der Che Guevara Afrikas, ein Land zu reformieren, das heute immer noch zu den ärmsten der Welt gehört. Auch als Präsident war er oft mit Gitarre und Fahrrad unterwegs. Er engagierte sich für Ernährungsautonomie, Umweltschutz und Frauenrechte, förderte das Bildungssystem, kämpfte gegen Korruption - aber auch gegen die Austrocknung und Verödung der Böden." Allerdings wurde Thomas Sankara vor 31 Jahren in Ouagadougou erschossen, der Mord vermutlich von seinem Jugendfreund in Auftrag gegeben, dem späteren Präsidenten Blaise Compaoré.
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Politik

Ein vielverbreiteter AP-Bericht schildert ausführlich und sehr quellengestützt, wie sich Donald Trump in einem Telefonat mit Tayyip Erdogan in die Enge hat treiben lassen und auf seinen Druck hin den Rückzug der amerikanischen Truppe aus Syrien entschieden hat. Und damit die Kurden im Stich lässt: "The Dec. 14 call came a day after Secretary of State Mike Pompeo and his Turkish counterpart Mevlut Cavusoglu agreed to have the two presidents discuss Erdogan's threats to launch a military operation against U.S.-backed Kurdish rebels in northeast Syria, where American forces are based. The NSC then set up the call. Pompeo, Mattis and other members of the national security team prepared a list of talking points for Trump to tell Erdogan to back off, the officials said. But the officials said Trump, who had previously accepted such advice and convinced the Turkish leader not to attack the Kurds and put U.S. troops at risk, ignored the script. Instead, the president sided with Erdogan."
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Medien

In der SZ ahnt Annette Ramelsberger, wie viel Schaden der Fall Claas Relotius dem Journalismus insgesamt zugefügt hat und mahnt, dass Journalisten keine Geschichten nach Hause bringen sollten, die larger than life seien: "Zu allererst: Journalisten sind keine Künstler, sie sind meist ordentliche Handwerker. Zweitens: Sie müssen der Wahrheit dienen und nicht dem eigenen Ruhm. Drittens: Sie haben eine Aufgabe. Sie sind die von Karl Kraus sogenannten 'Kehrichtsammler der Tatsachenwelt', die dokumentieren, nachfragen und zweifeln. Daraus entstehen dann zwar keine Texte wie Discokugeln, die nach allen Seiten glitzern. Aber dem Ansehen des Journalismus und der Aufgabe, die er in der Gesellschaft hat, hilft die solide Geschichte mehr als Texte, die zu schön sind, um wahr zu sein."

In der FR sieht Daniel Kothenschulte im Reportagestil des Spiegel allerdings eher das kunstgewerbliche Überbleibsel des einst bewunderten 'new journalism'. Und noch etwas: Im 'Spiegel'-Kanal auf Facebook findet sich noch immer ein Werbevideo, in dem Relotius seine Reportage 'In einer kleinen Stadt' über Trump-Wähler im Mittleren Westen der USA ankündigt. 'Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen dort froh waren, dass jemand aus Deutschland kam und ihnen zuhört', transportiert das kolonialistische Klischee des deutschen Weltverstehers."

In der taz fallen Anne Fromm und Rene Martens übrigens auch noch einige andere Namen ein, wenn es ums Fabulieren oder Zuspitzen und mangelnde journalistische Fairness geht. Aber bei den Reportern des Spiegel, meinen sie, gab es durchaus ein System: "Die Geschichtenerzähler beim Spiegel, intern werden sie 'Märchenfraktion' genannt, bekamen auch personell über die Jahre mehr Einfluss. Klaus Brinkbäumer, der im Sommer abgesetzte Chefredakteur, stand für das große Erzählen. Auch Ullrich Fichtner gehört zur Reporterfraktion. Das Schönschreiben wurde hausintern mehr prämiert als die Recherche, bemängeln einige im Haus. Dafür gab es Journalistenpreise - aber mit dem Fall Relotius jetzt vielleicht auch die Quittung."

Auch in der NZZ attackiert Rainer Stadler die Schönschreiber und Großerzähler: "Sie zeugen von einem naiven Realitätsbegriff, an den sich die Branche wider besseren Wissens klammert." In der Welt spricht Christian Meier mit Spiegel-Chefredakteur Ullrich Fichtner über den Fall. Auf ZeitOnline rekapituliert Holger Stark ausführlich den Fall. Und im Schweizer Buchjahr kommt auch Borderliner Tom Kummer zu Wort, der selbstverständlich viel Verständnis für Relotius aufbringt: "Ich erlebe ihn nur als Projektionsfläche dieser redaktionellen Selbstenthüllungs-Orgie, die mir natürlich bekannt vorkommt und die mit zum Schlimmsten gehört, was ich je gelesen habe."

Wer auch nur ein schlechtes Wort über die Sache verliert, riskiert seine Abfdindung: In der NZZ berichtet Viola Schenz vom Ende des Weekly Standards, der 1995 zum Hort des intellektuellen Neokonservatismus aufschoss und nun Knall auf Fall geschlossen wurde: "Der WS ist Opfer seiner Geradlinigkeit... Immer wieder kritisiert und attackiert das Magazin den Präsidenten und dessen irrlichternde Politik - zum Missfallen von Verleger Philip Anschutz, einem Trump-Unterstützer. Bei Jacob Heilbrunn hält sich in der NYRB die Trauer in Grenzen: Für den Weekly Standard sei der Journalismus eh nur Mittel zum Zweck gewesen. Und seine Bemühungen um einen Regime-Wechsel seien in Washington so erfolglos gewesen wie die im Irak.

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