9punkt - Die Debattenrundschau

Beuteschema der liberalen Öffentlichkeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2018. Für die Zeit begab sich ein Autor nach Tansania und beschreibt, wie ratlos man dort die europäischen Debatten über Kolonialkunst und Restitution verfolgt. Die Reportage mit viel Atmo ist am Ende, konstatiert dieselbe Zeit mit Blick auf die Relotius-Affäre. Soll es nun eine Moscheesteuer geben, oder pudert man damit nur einen Zopf? Die Medien sind uneins. Die Jungle World erinnert an die Fatwa gegen Salman Rushdie vor bald dreißig Jahren.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.12.2018 finden Sie hier

Kulturpolitik

"Wer hat uns eigentlich gefragt, was wir Afrikaner wollen?", sagt in der Zeit die Leiterin der Geschichtsabteilung des Nationalmuseums von Tansania, Flower Manase, im Gespräch mit Werner Bloch, der sich auf den Weg nach Tansania begeben hat, um an einem vom deutschen Goethe-Institut initiierten Museumsgespräch mit afrikanischen Museumsexperten zur Kolonialismusdebatte in Europa teilzunehmen. Das Nationalmuseum steht weitgehend leer, die deutschen Kolonialherren brachten viele Artefakte außer Landes - zugleich fehlen aber noch die technischen Voraussetzungen zur Aufbewahrung, beobachtet Bloch und stellt "Apathie" bei den Gesprächsteilnehmern fest: "Afrikas Probleme liegen woanders, heißt es. Man misstraut dem französischen Präsidenten. Warum bloß sollte er den Afrikanern Geschenke machen? Ist das nicht eine politische Finte? 'Wir wollen keine Almosen, wir haben Rechte', sagt Flower Manase. Viele hier bezweifeln auch, dass die Franzosen denn eigentlich wissen, wovon sie sprechen. Stimmt es überhaupt, was in dem großen Bericht steht, der kürzlich im Auftrag der Regierung von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr vorgelegt wurde? Die Kunsthistorikerin Savoy kenne Afrika ja nicht gut, sie habe hier nur ein paar Wochen verbracht und lediglich vier Länder bereist."

Internet

Die sozialen Medien sind ein mächtiges Übel. Die Politiker müssten regulieren, haben aber keine Ahnung und drohen an falschen Schrauben zu drehen, schon weil sie in ihrer Ahnungslosigkeit Schlagwörter wie "Bots" und "Filterblase" nachplappern, schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne. Und so "fordern mächtige Laienmünder, was ohnmächtige Laienohren hören wollen könnten. Im ungünstigen Fall kommt am Ende ein schlechter Kompromiss für eine nicht funktionierende Lösung eines nicht existierenden Problems heraus. Und dann wird ein Grenzwert für die Schwermetallbelastung im Zaumzeug minderjähriger Einhörner als politischer Durchbruch gefeiert."
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Europa

Britannien wird's nach dem Brexit wieder prima gehen, ist sich Quentin Letts sicher. Der Journalist, der sonst eher in Pro-Brexit-Medien Daily Mail oder Daily Telegraph schreibt, malt die kommenden goldenen Zeiten aber kaum aus und blickt in politico.eu lieber mit Grauen auf die Länder der Europäischen Union: "Belgiens Regierung befindet sich mal wieder in Aufruhr. Dem pfauenhaften französischen Präsidenten werden von einem bolschewistischen Mob die Federn gezogen. Die deutsche Kanzlerin beendet bald ihr politisches Leben. Italien und Brüssel mögen sich auf dem Papier über Roms Ausgabenpolitik geeinigt haben, aber keine der Seiten wird da lange fair spielen. Spanien hat ein schlimmes Problem mit der Arbeitslosigkeit, und das arme Griechenland, die Wiege der westlichen Demokratie, hat die Kontrolle über seine eigenen Angelegenheiten verloren und verwandelt sich in ein Land der Dritten Welt."
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Ideen

Die Fatwa gegen Salman Rushdie vor bald dreißig Jahren ist ein einschneidender Moment auch in der Geschichte der Linken, sagt Perlentaucher Thierry Chervel im Gespräch mit Till Schmidt in der Jungle World: "Große Teile der europäischen Linken schwenkten damals um von einer sozialen hin zu einer kulturalistischen Deutung von Gesellschaft. Das gilt bis heute und gewinnt in meiner Wahrnehmung auch immer mehr an Bedeutung. Symbolisch steht die Todes-Fatwa deshalb auch für den cultural turn in der politischen Debatte. Insofern war das Jahr 1989 eine Zeitenwende im doppelten Sinne: mit dem Mauerfall und Khomeinis Fatwa als zentralen, auch sehr symbolischen Ereignissen."
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Medien

Auch über die Feiertage lässt der Fall Claas Relotius (unsere Resümees) den Zeitungen keine Ruhe. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Markus Ehrenberg zieht der Moderator Jörg Thadeusz, der selbst in verschiedenen Jurys saß, Journalistenpreise in Zweifel und fragt: "Warum war es so erfolgreich, die Welt journalistisch genau so zu bestätigen, wie sie eine Vorsitzende der Grünen ohnehin sieht?"

Dass Reporter jüngst immer stärker versuchen, in ihren Texten "Atmosphäre" zu erzeugen, nimmt Thomas Assheuer in der Zeit noch hin. Aber: "Relotius hat diese Technik pervertiert. Er unternahm erst gar nicht den Versuch, sich einer unbekannten Wirklichkeit zu nähern; stattdessen erzeugte er atmosphärische Räume und Erlebnis-Höhlen, die perfekt ins gefühlte Beuteschema der liberalen Öffentlichkeit passten. Gemessen an ihrem Erfolg, erfüllten die Geschichten, die Relotius narrativ eingespeichelt hatte, die Erwartungen von Redaktion, Lesern und Juroren vollkommen. Sie sorgten für Schaudern und Entzücken, denn sie enthielten genau die Klischees, genau die Stereotype, Fantasmen und Deutschmythen, die alle beim Publikum vermuteten."

Ebenfalls in der Zeit resümiert Holger Stark die Hintergründe der Relotius-Affäre und meint: "Die Kunstform der makellosen, überparfümierten Reportage, die den Leserinnen und Lesern vorgaukelt, die ganze Welt im Schicksal einer Person erfühlen und erzählen zu können, und die mit der Figur des allwissend-autoritativen Erzählers dabei ist, wenn es knallt und raucht - diese cineastische Kunstform muss spätestens jetzt am Ende sein."
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Stichwörter: Relotius, Claas

Religion

In der Welt fordert Seyran Ates eine an die Kirchensteuer angelehnte Moscheesteuer für Muslime, um die Finanzierung von Moscheen in Deutschland aus dem Ausland zu unterbinden - und stößt damit auf Zuspruch bei Politikern von CDU, CSU und SPD. Im Gespräch mit Martin Lutz meint sie, "dass die Politik die großen Verbände durch die Islamkonferenz geadelt habe. 'Eine schweigende Mehrheit der Muslime fühlt sich durch die Verbände gar nicht vertreten. Wir müssen so etwas wie einen demokratischen Islamrat gründen', schlägt sie vor. Dieser müsse eine Antwort sein auf eine neue Form des religiösen Nationalismus aus der Türkei und der Muslimbrüder, die sich in Deutschland seit den achtziger Jahren ausbreite. 'Der Islamrat oder Rat der Muslime sollte als Erstes erheben, wie viele Moscheen und Muslime es hierzulande überhaupt gibt', so Ates. Bisher sei man auf Schätzungen angewiesen."

"Weg mit der Kirchensteuer!", fordert indes Maritta Adam-Tkalec in der Berliner Zeitung und erinnert: "Als Napoleon deutschen Fürsten ihre Besitztümer nahm, erhielten diese zum Ausgleich säkularisierte Ländereien und Besitztümer der Kirche. Diese wiederum bekam das Recht, Steuern zu erheben - die freundlicherweise der Staat einzutreiben hatte. Man sieht, es handelt sich um einen alten, müffelnden Zopf, der längst abgeschnitten sein müsste. Die Ausweitung von Kirchenprivilegien auf Moscheegemeinden hieße, den Zopf frisch zu pudern."

In einem kurzen SZ-Kommentar findet auch Heribert Prantl: "Es wäre eigenartig, dieses umstrittene Modell, bei dem der Staat als bezahlter Dienstleister für die Einziehung der Mitgliedsbeiträge der Kirche auftritt, auch noch in Form einer Moscheesteuer auf die Muslime auszudehnen."
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Politik

Akute Wirtschaftskrise in Kuba. Grund dafür ist, dass Brasilien kubanische Mediziner zurückschickt. 2017, so berichtet Knut Henkel  in der taz, "entfielen auf die Entsendung von Fachkräften rund 81 Prozent der 'Export'-Einnahmen. Die kubanischen Mediziner bekamen nämlich nur 30 Prozent des von Brasilien abgeführten Gehalts ausbezahlt, der Rest floss in den kubanischen Etat. (Der brasilianische Präsident) Bolsonaro hatte von 'Sklaverei' gesprochen und gesagt, er wolle nicht die 'kubanische Diktatur' finanzieren." Bei den Salonkolumnisten schildert Marko Martin in einem Vorabdruck, wie die Wirtschaftskrise in Kuba in der Realität aussieht.

In der tunesischen Provinzstadt Kasserine hat sich ein Journalist selbst verbrannt und damit jene Geste wiederholt, mit der einst der arabische Frühling begann. Tunesien gelte zwar als der einzige Erfolg dieser Aufstände, aber die Demokratisierung sei in der Provinz so gut wie gar nicht angekommen, berichtet Mirco Keilberth in der taz: "Während in der Hauptstadt Tunis neue Bürgerinitiativen und das freigewählte Parlament zahlreiche Reformen durchsetzen konnten, fühlt sich die Jugend in Orten wie Kasserine vom politischen Leben völlig ausgeschlossen. Viele leben ausschließlich vom Schmuggel entlang der nahen algerischen Grenze. Die Arbeitslosenquote liegt nach Angaben von lokalen Aktivisten in Kasserine und Sidi Bouzid wohl weit über 50 Prozent. Den Staat kennen viele Jugendliche nur in Form von Polizeiwillkür."

In der Zeit erklärt der Politologe Herfried Münkler die Krise der Demokratien unter anderem mit der von dem Soziologen Ferdinand Tönnies vorgenommenen Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft: "Wenn es in der politischen Debatte zurzeit um den Zusammenhalt der Gesellschaft geht, muss man wissen, was zusammengehalten werden soll: eine Gemeinschaft oder eine Gesellschaft. Bei Gemeinschaften geht es um die Stärkung des Gemeinschaftsethos; bei Gesellschaften ist das sehr viel schwieriger, weil funktionale Effekte ins Spiel kommen, die sich hinter dem Willen der Einzelnen vollziehen. Populisten gleich welcher Couleur behandeln Gesellschaften, als wären sie Gemeinschaften. Das hat gesellschaftszerstörende Folgen. Wer den Zusammenhalt von Gesellschaften sicherstellen will, muss darum klüger und weitsichtiger sein, als das der Populismus von seiner Grundintention her erlaubt."
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