9punkt - Die Debattenrundschau

Etwas für Florette, nicht für Dreschflegel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2019. In der FAZ streiten Horst Bredekamp und der Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer über Wohl und Wehe der Kolonialkunst. Und Monika Grütters bekundet laut dpa, dass sie mit der Rückgabe nicht länger warten will. In La Règle du Jeu preist Bernard-Henri Lévy ein Buch Daniel Schneidermans, das die Reaktionen der internationalen Presse auf Hitler analysiert. In Zeit online erklärt der Soziologe Matthias Quent, warum der Anschlag von Bottrop als Terrorakt zu bezeichnen ist. Und die Türken verlassen die Türkei in Scharen, berichtet die New York Times.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2019 finden Sie hier

Kulturpolitik

In der FAZ streiten Horst Bredekamp, einer der ehemaligen Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, und der Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer um den Umgang mit Kolonialkunst. Befragt von Andreas Kilb und Stefan Trinks verlangt Bredekamp historische Differenzierung: "Wer den Kolonialismus als alleinige Erklärung nimmt, macht die Menschheitsgeschichte flach wie Papier. Uns hat interessiert: Wer hat diese Bestimmung kritisiert? Wer ist Montaigne an die Seite zu stellen, der gesagt hat: Die Kannibalen sind wir? Wenn man das mit dem Begriff des Kolonialismus totschlägt, verneint man alles, was Menschen über ihre Feindschaften hinaus zusammengebracht hat."

Zimmerer attackiert Bredekamp daraufhin direkt: "Wenn Sie diese Schattierungen zeigen wollten, warum haben Sie es dann nicht getan? Warum haben Sie sich nicht von Anfang an ganz klar positioniert zu den Benin-Bronzen - eindeutig Raubkunst - oder zu anderen Objekten, die zwischen 1884 und 1919 erworben wurden? Die Möglichkeit hatten Sie doch. Aber in Ihrer Konzeption findet das alles gar nicht statt. Wie stehen Sie denn zu den Benin-Bronzen?" Bredekamp antwortet mit dem Hinweis, dass Benin-Bronzen häufig für den Markt gefertigt worden seien.

Mit Blick auf die Debatte um Kolonialkunst will Monika Grütters laut Tagesspiegel/dpa nicht länger "passiv abwarten, bis jemand etwas zurückhaben möchte", sondern "aktiv auf die Nachfahren zugehen". Aber: "'Ansprechpartner müsste die staatliche Seite sein, um nicht Konflikte auszulösen. Man muss genau wissen, wohin und an wen man zurückgibt', sagte sie. In Zweifelsfällen könnte eine unabhängige, international besetzte Kommission bei der Klärung helfen."

Geschichte

Daniel Schneiderman ist ein bekannter Medienjournalist in Frankreich, der der üblichen Linken angehört und also nicht gerade als ein Freund Bernard-Henri Lévys bezeichnet werden kann. Und doch preist der stets zu Großherzigkeit fähige Lévy Schneidermans neues Buch, das auch in Deutschland auf Interesse stoßen könnte: "Berlin, 1933 - La presse internationale face à Hitler". Was Lévy in den Reaktionen der internationalen Presse auf Hitler begegnet: "Die Gewöhnung an den Antisemitismus schon seit der Weimarer Zeit. Die Vergiftung der besten Köpfe, die - wie Raymond Aron - die 'mangelnde Vorsicht' der deutschen Juden beklagen. Die Idee, dass, nachdem eine Zeitung in Jerusalem erstmals den Namen 'Auschwitz' druckte, die Information parteiisch sein könnte und mit der Pinzette anzufassen sei. Oder die Religion der nackten Fakten, also die Verweigerung der Emotion, die hier ihre grausige Grenze findet."
Archiv: Geschichte

Gesellschaft

Im Zeit-Online-Interview mit Vanessa Vu warnt der Soziologe Matthias Quent davor, Anschläge wie in Bottrop oder im Münchner-OEZ mit dem Begriff "Amok" zu verharmlosen. Er schlägt vor, von "Terror" zu sprechen und erklärt, weshalb der Begriff bei islamistisch motivierten Anschlägen schneller gebraucht werde als bei rechtsextremen Taten: "Es gibt ein Bias, Gewalt aus Außengruppen als bedrohlicher darzustellen und wahrzunehmen als Gewalt aus der Eigengruppe. Außerdem galt Terrorismus in Deutschland lange nur als Angriff auf den Staat, vor allem durch den linken und islamistischen Terrorismus, während Angriffe auf einzelne Bevölkerungsgruppen bestenfalls als seltene Eskapaden einiger weniger Extremisten galten, die mit unserer Gesellschaft nicht viel zu tun hätten. (...) Es gibt eine starke Abwehr dagegen, anzuerkennen, dass unsere rassistisch beeinflusste Kultur immer wieder Gewalt und Terror hervorbringt, und nicht nur die Kultur der anderen." Im Welt-Gespräch mit Kaja Klapsa kommt der Politologe Florian Hartleb zu dem gleichen Schluss und zieht eine Parallele zwischen rechtsterroristischen und islamistischen Gewalttätern.

Der Historiker Christian Booß vermisst in der Debatte um die Entlassung Hubertus Knabes als Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen die Zwischentöne - sowohl bei den  teilweise vor Wut kochenden Verteidigern Knabes als auch bei seinen Gegnern gebe es Heucheleien, schreibt Booß in der taz. Booß verweist auf eine Erklärung ehemaliger Bürgerrechtler, die im letzten Monat ihre Sorge bekannten, dass der Streit der Arbeit der Gedenkstätte schade (Link und mehr dazu in einem Beitrag des RBB). "Die Aufarbeitung braucht, 30 Jahre nach dem Ende der SED-Herrschaft, eine Neutarierung, aber auch ein Hohenschönhausen. Das ist ein sensibler Prozess, etwas für Florette, nicht für Dreschflegel."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Internet

Zur psychologischen Hygiene in sozialen Medien gehört, dass man lästige Follower blockt, um sie aus der Wahrnehmung zu verbannen. Sascha Lobo empfiehlt diese Methode in seiner Spiegel-online-Kolumne: "Eine Reihe generalempörter Leute glaubt, dass Blocken quasi gleichbedeutend mit Zensur sei. Das ist Unfug, ein Ausweis der Ich-Hybris und der Definitionsblindheit. Zensur heißt, sich nicht äußern zu dürfen. Blocken aber ist die Freiheit des Einzelnen, andere aus der persönlichen Digitalsphäre auszuschließen, so wie man auch ins eigene Wohnzimmer nicht jeden hineinlässt."
Archiv: Internet

Europa

Lange Zeit war es in der Türkei üblich, Silvester mit einem guten Essen und einer Tombola zu feiern - bis die Religionsbehörde Diyanet Silvester zur Sünde erklärte, schreibt Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne: "Das Diyanet, das über viermal so viel Mittel verfügt wie das Ministerium für Wissenschaft, Industrie und Technologie, schmähte Silvesterfeiernde als 'Giaure', also als Ungläubige. Diese Menschen müssen sich von einer mit ihren Steuern finanzierten Behörde des Abfalls vom Glauben bezichtigen lassen."

Die Türken antworten auf Erdogans großartige Visionen von der Türkei und sich selbst mit einem Exodus, berichtet Carlotta Gall unter Bezug auf neue Statistiken in der New York Times: "In den letzten zwei bis drei Jahren sind nicht nur Studenten und Akademiker aus dem Land geflohen, sondern auch Unternehmer, Geschäftsleute und Tausende von wohlhabenden Personen, die alles verkaufen und ihre Familien und ihr Geld ins Ausland bringen."
Archiv: Europa
Stichwörter: Diyanet, Türkei, Silvester