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9punkt - Die Debattenrundschau

Es gibt keine Zuschauer

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.03.2019. Die SZ ist befremdet über Masha Gessen, die in Leizpig mit dem Preis für Europäische Verständigung ausgezeichnet wird und partout nicht mit Putin-Anhängern reden will. France Culture berichtet von der Gründung  der Wissenschaft der "Giletjaunologie" bei einer Debatte zwischen französischen Intellektuellen und Emmanuel Macron. Die FAZ sagt nicht, warum in ihrem Titelkopf nur mehr drei Herausgeber verzeichnet sind. Die Berliner Grünen wollen laut taz die Gneisenaustraße in Kreuzberg 61 abschaffen. Und der Brexit ist ein Kater.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2019 finden Sie hier

Europa

Der Sprecher des Houses of Commons, John Bercow, hat eine dritte Abstimmung über Theresa Mays Brexit-Deal ausgeschlossen - und May damit den Schlussstein ihrer Taktik entrissen. Was das heißt, ist noch nicht absehbar, schreibt Tom McTague bei politico.eu: "Alternativen, die bisher unmöglich erschienen, weil es nicht genügend Zeit gab - wie eine Parlamentswahl, eine Absetzung Theresa Mays als Premierministerin oder eine substanzielle Neuverhandlung der Politischen Erklärung (zum Verhältnis zur EU, d.Red.) auf der Grundlage neuer roter Linien -, kommen als glaubwürdige Optionen wieder in Betracht. Die Downing-Street-Taktik, das bevorstehende Brexit-Datum als Druckmittel gegen Abgeordnete zu verwenden, verschwindet über Nacht."

Dazu passt folgende Meldung aus dem Independent: "Die französische EU-Ministerin nennt ihren Kater Brexit. Denn 'er miaut laut, um rausgelassen werden, aber wenn ich die Tür öffne, bleibt er einfach da stehen'." In der Berliner Zeitung verteidigt Götz Aly dagegen den britischen Parlamentarismus: "Wo bitte erlebt man in Deutschland je derart engagierte Debatten? Wie würde Angela Merkel aussehen, wenn sie tagelang Auge in Auge mit den Oppositionsführern, zudem bedrängt aus den eigenen Reihen, in ständigem und öffentlichem Wortwechsel Rede und Antwort stehen müsste? Gemessen an den althergebrachten Gepflogenheiten und der Sitzordnung des Unterhauses ist unser Bundestag eine sterile, autoritär verregelte Zwangsveranstaltung."

Acht Stunden lang hat Emmanuel Macron am Montagabend mit der Créme de la Crème der französischen Intellektuellen - von Gilles Kepel bis Marcel Gauchet - diskutiert, berichtet Eric Chaverou auf der Website von France Culture. "Nach fünf Stunden Debatte lanciert der Soziologe Julien Damon seinen Neologismus, die 'Giletjaunologie'. Der Professor der Science-Po-Hochschule, ein Spezialist für soziale Fragen und urbane Soziologie, gehört zu den vielen, die an diesem Abend die Krise analysieren, die den Anlass für die Diskussion bildet. Eine Debatte, die Emmanuel Macron für einen Moment nach der Gewalt am Samstag verschieben wollte, bevor er es sich anders überlegte. 'Werden Sie endlich die Samstagsdemos verbieten?' und 'Wann wird Paris die Gilets jaunes los?' waren übrigens die beiden ersten Fragen, die von Pascal Bruckner gestellt wurden. Der Präsident betonte, dass das Recht zu demonstrieren fortbestehe, 'auch wenn die Unruhen am Samstag von Gewalttätern ausgingern, die nur noch auf der Straße sind, um zu zerstören'."

Spanien streitet sich über die Frage, ob die sterblichen Überreste Franco von der Felsenkirche im Tal der Gefallenen auf einen Friedhof an der Peripherie von Madrid - wo auch seine Frau liegt - umgebettet werden soll. Geplant hat das die sozialistische Regierung, berichtet Thomas Urban in der SZ. Aber es gibt viel Gegenwind: "Das Massengrab von Paracuellos markiert ein riesiges weißes Kreuz auf dem Hang eines grünen Hügels; es ist rechts von der Startbahn des Flughafens Madrid-Barajas gut auszumachen. Das Kreuz von Paracuellos wurde zum Symbol und zum Argument gegen die Verklärung der roten Volksfront, die nicht nur die Faschisten, sondern auch die gemäßigten bürgerlichen Gruppierungen als Feinde ansah. Für die Linken hingegen wurde das 150 Meter hohe Betonkreuz über dem Tal der Gefallenen 50 Kilometer nordwestlich von Madrid zum Symbol für den franquistischen Terror und Zynismus. Das gewaltige Kreuz steht über einer von Zwangsarbeitern in den Fels gehauenen riesigen Höhlenkirche - und dort befindet sich hinter dem Hauptaltar das Grab Francos. So bewegt sich die Debatte über den Caudillo zwischen diesen beiden gigantischen Kreuzen." Klingt eigentlich wie ein perfekter Ort für ihn.

Bevor Masha Gessen am Mittwoch auf der Buchmesse in Leipzig für ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte" mit dem Preis für Europäische Verständigung ausgezeichnet wird, hat Sonja Zekri die 2013 von Russland nach Harlem/New York umgezogene Putin-Kritikerin für die SZ besucht. Zekri findet die häufige Verwendung des Totalitarismus-Begriffs durch Gessen "störend" und sie fragt sie, ob mit Putin-Anhängern reden nicht auch manchmal helfen würde: "Das findet Masha Gessen überhaupt nicht, sie glaube nicht daran, dass jemand, der dem Regime nahesteht, die Situation klug analysieren könne. Das ist einerseits richtig, führt andererseits aber zu dem Eindruck, dass ganz Russland nur noch aus Oppositionellen oder Vollstreckern besteht, dass es so etwas wie Mitläufer gar nicht geben kann. Die Existenz von Unbeteiligten hält sie tatsächlich für eine Illusion: 'Im Totalitarismus tauschen Täter und Opfer ständig die Plätze. Es gibt keine Zuschauer.'"

Italien befindet sich in einem demokratischen Ausnahmezustand, schreibt Roberto Saviano im Guardian. Er thematisiert Gewalt gegen Migranten und besonders die neue Versklavung der Erntearbeiter in Süditalien: "Die Politik, die den Hass auf Migranten schürt, trägt nicht dazu bei, diese Bedingungen zu mildern, denn natürlich sind diese Arbeitnehmer vor allem im Agrar- und Lebensmittelsektor nützlich: eine billige Arbeitskraft ohne Rechte, die sowohl ausgebeutet als auch attackiert werden kann, um populistische Stimmen zu erhalten."
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Ideen

In der NZZ warnt der Philologe Christoph Riedweg mit Platon vor zu viel "unkritischem Enthusiasmus" bei der Digitalisierung im Bildungsbereich: "Das Vertrauen auf die Schrift hat laut Platon eine Vernachlässigung des Erinnerungstrainings - Voraussetzung jeder sicheren Kenntnis - zur Folge. Der Wissensaufbau kann nicht an ausgelagerte 'Typen' (Schriftzeichen oder auch Bits) relegiert werden, sondern muss aus dem Innern eines Menschen heraus entstehen. Die Schrift - und damit vergleichbar das Digitale - eignet sich bestenfalls als Gedächtnisnotiz für etwas, was man bereits weiß. Wissen selbst setzt intensives, anstrengendes Lernen voraus, und Platon diagnostiziert die heute auch im Zusammenhang mit den 'Google effects on memory' thematisierte Gefahr, dass die permanente Abrufbarkeit extern gelagerter Informationen zur markanten Schwächung eines davon unabhängigen, intrinsisch-dynamischen Wissens führen kann."
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Geschichte

Bei den Grünen im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain zirkuliert ein Antrag, Kreuzberger Straßen, die nach preußischen Generälen benannt sind - etwa die Gneisenau- oder Yorckstraße, möglichst nach verdienstvollen Frauen umzubenennen. Die Bild-Zeitung und die Berliner CDU sind empört, berichtet Antje Lang-Lendorff in der taz. Aber auch woanders gibt es Skepsis, etwa bei Historiker Hanno Hochmuth, den sie zitiert: Er "halte nicht viel davon, die Maßstäbe von heute retrospektiv auf die Vergangenheit zu legen, sagt er. 'Geschichte hat immer einen Schatten.' Die Befreiungskriege seien natürlich militant und aggressiv gewesen, auch der deutsche Nationalismus sei in dieser Zeit entstanden. 'Aber wenn wir anfangen die Geschichte zu säubern in Hinblick auf die heutigen Standards, wüssten wir gar nicht, wo wir aufhören sollten.'" Götz Aly hatte schon vor einer Woche in der Berliner Zeitung gegen die Grünen-idee protestiert.
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Internet

Das selbstgefilmte Video des Attenttäters von Christchurch zirkulierte hunderttausendfach auf sozialen Medien. Carolina Schwarz erklärt in der taz, wie schwer es ist, solche Spuren zu tilgen: "Dabei arbeitet Facebook mit Algorithmen, die die Videos schon vor dem Hochladen als gewaltvoll identifizieren und löschen. Eine internationale Datenbank, bei der nach Facebook-Angaben das Ursprungsvideo hochgeladen wird, erkennt auch Kopien und löscht diese automatisch. Sobald die Videos jedoch verändert, also beispielsweise spiegelverkehrt oder von einem Bildschirm abgefilmt, hochgeladen werden, greifen die Algorithmen nicht mehr. Dann sind sozialen Medien auf menschlichen Sichter*innen angewiesen, die traumatisierende Bilder und Videos sichten müssen, um diejenigen von der Plattform zu entfernen, die gegen die Richtlinien verstoßen." Laut Facebook wurde das originale Video live 200mal angesehen und danach 4.000mal vor der Löschung, berichtet Johnny Lieu bei Mashable.
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Politik

James Kirchick nimmt in einem wütenden Hintergrundtext für die FAZ den entstehenden Corbynismus bei den amerikanischen Demokraten aufs Korn, der nach Bernie Sanders' Erfolgen durch Politikerinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez und Ilhan Omar verkörpert wird. Er konzediert zwar, dass die gemäßigten Gegenkräfte in den USA stärker seien als bei  Labour, aber er empfiehlt auch einen Blick auf die Republikaner, wo auch niemand glaubte, dass Donald Trump "jemals Präsidentschaftskandidat der Grand Old Party werden könne und erst recht nicht Präsident. Ein wichtiger Grund, weshalb Donald Trump all das tun konnte, liegt in der Tatsache, dass die republikanischen Eliten es unterließen, die Art roter Linien zu ziehen, die ihm den Weg versperrt hätten. Wie Großbritannien gegenwärtig auf die harte Tour lernt, wird eine Partei, die sich nicht ausreichend vor der Übernahme durch Extremisten schützt, am Ende von Extremisten übernommen."
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Gesellschaft

Fremdenhass gibt es auch in China. So wurde die Schauspielerin Yao Chen massiv angegriffen, weil sie als UNHCR-Botschafterin positiv über den Weltflüchtlingstag schrieb: "Verlogene Schlampengöttin" und "weißer Gutmensch" lauteten einige der Beschimpfungen, erzählt die chinesische Journalistin und Unternehmerin Franka Lu auf Zeit online. "Zum Thema Rassismus in der chinesischen Geschichte und Gesellschaft gibt es nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen. Der Ahnenkult, der sich in der chinesischen Kultur bis heute erhalten hat, macht eine kritische Analyse vormoderner Vorstellungen im chinesischen Kulturerbe schwer. An den streng kontrollierten Universitäten bekommen chinesische Wissenschaftler für Forschungen in diese Richtung keine Erlaubnis. Und die wenigen internationalen Wissenschaftler, die sich auf dieses Gebiet vorgewagt haben, sind Kritik aus China und sogar von Seiten westlicher Kollegen ausgesetzt. Schließlich sei Rassismus ein aus der westlichen Kolonialgeschichte entwickelter Begriff. Im Verbund mit einigen Sinologen hat die chinesische Regierung eine Art 'chinesischen Exzeptionalismus' entwickelt. Es gilt die Behauptung, dass alles, was in China nach Rassismus aussieht, etwas völlig anderes sei als der 'wahre Rassismus' des Westens, nämlich eine in Geschichte und Kultur begründete Tradition."

Gejammert wurde ja schon immer, aber nie so viel wie heute, mokiert sich Daniel Fallenstein von den Ruhrbaronen in der Welt. Dabei geht uns immer besser, wir sind immer gesünder und werden immer älter, aber das können die Apokalyptiker nie zugeben, die den "moralwirtschaftlichen Sektor" zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelt hätten: Dabei sei gerade dieser Sektor "der beste Beweis für die Stärke dieses Systems. Er ist ein Zeugnis der unglaublichen Leistungskraft des modernen Kapitalismus. Nie zuvor hat ein so großer Anteil der Bevölkerung so wenig zur Wertschöpfung beigetragen, und trotzdem geht es nicht nur wirtschaftlich immer weiter bergauf, sondern auch in allen anderen Bereichen. Das ist eine ganz wunderbare Tatsache, die es verdient, gefeiert zu werden."
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Medien

Diese Meldung in eigener Sache auf Seite 1 der FAZ muss man in ihrer Brutalität erstmal verkraften: "Holger Steltzner ist aus dem Kreis der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgeschieden. Die Grundlage für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den anderen Herausgebern war nicht mehr gegeben. Steltzner war seit 2002 für den Wirtschafts- und den Sportteil zuständig." Online kann diese Meldung übrigens nicht mehr abgerufen werden. Statt dessen kommt die Mitteilung: "Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.Net-Homepage?" In den Medien sind bisher keine Hintergründe zu diesem Vorfall bekannt. Die Geschichte erinnert an den hochkantigen Rauswurf des ehemaligen FAZ-Herausgebers Hugo Müller-Vogg im Jahr 2001, der gestern fröhlich twitterte: "Das wäre ja mal ganz was Neues, dass die @FAZ_NET den wahren Grund nennt, wenn sie einen Herausgeber feuert."
Archiv: Medien