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9punkt - Die Debattenrundschau

Das, was ich sage, ist Fakt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.07.2019. Aktualisiert: Die Irish Times erzählt die traurige Geschichte der Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich nach den Enthüllungen über ihre erfundene jüdische Identität das Leben nahm. Der Historiker Jörn Leonhard erinnert in der FAZ daran, wie zweispältig sich die Idee der "Selbstbestimmung" der Völker nach dem Ersten Weltkrieg auswirkte. In der NZZ macht Udo Di Fabio einen Vorstoß zu einer weiteren europäischen Integration - bis hin zum Bundesstaat.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2019 finden Sie hier

Medien

Die Bloggerin Marie Sophie Hingst ist tot, berichtet Caroline Fetscher im Tagesspiegel. Sie war vor einigen Wochen ins Gespräch gekommen, weil sie sich eine jüdische Familiengeschichte erfunden hat (unsere Resümees). Spiegel-Autor Martin Doerry hattte die Geschichte enthüllt, nachdem einige Historiker über Unstimmigkeiten in ihrem Blog Read on my dear, read on aufmerksam gemacht hatten. Hingst, die in Dublin lebte, hat sich offenbar das Leben genommen, schreibt Fetscher mit Bezug auf die Irish Times.

Die Irish Times brachte die Geschichte bereits am Samstag. Es handelt sich um eine sehr lesenwerte Reportage von Derek Scally, der Hingst nach den Spiegel-Enthüllungen über ihre gefälschte identität getroffen hatte und ursprünglich ein Portät über Hingst schreiben wollte, auf dessen Veröffentlichung er verzichtete, weil er sah, wie sehr sie psychisch angeschlagen war. Hingst hatte sich eine Mutter namens Rachel erfunden. Scally erzählt, wie er ihre "Stiefmutter" Cornelia, eine Zahärztin in Wittenberg anruft: "Als ich sie nach Rachel Hingst, Sophies  jüdische Mutter, frage, suefzt sie hörbar ins Telefon. Es gibt keine Rachel. Sie, Cornelia, ist ihre leiblich Mutter und nicht ihre Stiefmutter. 'Meine Tochter lebt in vielen Realitäten, und ich habe nur zu einer Zugang', sagt sie. Sie erzählt über den jahrelangen Kampf ihrer Tochter um ihre seelische Gesundheit, verschiedene Therapieversuche und die Stabilität, die sie in Irland fand. Cornelia sprach über ihre Sorge, dass sie Enthüllungen über Sophie ihr bei ihrem Arbeitgeber in Irland, Intel, schaden könnten."

"Der Tod der Frau, die durch die Presse als Betrügerin bekannt wurde, wirft große medienethische Fragen auf", schreibt Laura Hertreiter bei sueddeutsche.de.

Im Interview mit Elia Blülle von republik.ch schildert der New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen das Problem der Medien-Ausgewogenheit in Zeiten der Polarisierung: "Neutralität wird dann zum Problem, wenn sie falsche Ausgewogenheit fördert: zwei Positionen als gleichwertig einstuft und darstellt, obwohl sie das nicht sind. Der Anspruch auf absolute Neutralität hievt zudem Journalistinnen auf eine Bühne, die befreit ist von Meinung und Ideologie. Der Journalist sagt dem Medienkonsumenten: Ich habe keine Agenda, ich sage dir nur, wie es ist - und du musst mir glauben, denn das, was ich sage, ist Fakt. Die Menschen trauen diesem Konzept nicht mehr."
Archiv: Medien

Europa

In Polen ist die Polarisierung so groß, dass eine Diskussion schon gar nicht mehr möglich ist, sagt die deutsch-polnische Autorin Emilia Smechowski, die für ein Jahr in ihre Herkunftsstadt Danzig zurückgekehrt ist, im Gespräch mit Paul Linke von der Berliner Zeitung: "Jede Seite glaubt, sie sei im Recht, jede Seite hat ihre eigenen Helden, ihre Orte und Medien. Ein Austausch findet nicht mehr statt. Das ist eine gefährliche Situation, und die Regierung befeuert das enorm. Sie will diese Spaltung."

Der ehemalige Verfassungsrichter und konservative Publizist Udo Di Fabio macht in der NZZ einen überraschenden Vorstoß zu einer weiteren Integration der EU bis hin zum Bundesstaat, die in Deutschland sogar ein Referendum zur Souveränitätsübertragung nötig machen würde. Und da ist er optimistisch: "Würde man sie in einer Abstimmung fragen, ob sie die Vereinigten Staaten von Europa wollten, so wäre eine bejahende Antwort weitaus wahrscheinlicher als in manch anderem Mitgliedstaat. Wer es pointiert will: Nur Kleingartenvereine und AfD-Sympathisanten hissen noch Schwarz-Rot-Gold. Elite und Mitte der Gesellschaft tragen Blau mit goldenen Sternen."

Die EU hat zwar einige eher milde Prozeduren, um Staaten, die von demokratischer Praxis abweichen, zu sanktionieren, aber selbst dazu kommt es nicht. Und Ursula von der Leyen verdankt ihre knappe Mehrheit als Kommissionspräsidentin auch Stimmen aus Ungarn und Polen. Für den in der SZ schreibenden Politologen Jan-Werner Müller ist das kein gutes Zeichen: "Es fehlt nicht an Prozeduren, sondern am politischen Willen. Und das vor allem bei der Parteifamilie, welche Europa noch immer dominiert: Der Europäischen Volkspartei. Manfred Weber, der sich zuletzt als Opfer einer 'Macron-Orbán-Achse' darstellte, hat mit jahrelanger Nachsicht gegenüber seinem Parteifreund Viktor entscheidend dazu beigetragen, dass in Budapest eine softe Autokratie errichtet werden konnte."

Im FAZ-Streit über die Rolle der Bürgerrechtler beim Mauerfall (unsere Resümees) bleibt Detlef Pollack bei seiner kritischen Position: Die Bürgerrechtler hätten die Massenproteste nicht gesucht, nicht einmal am 22. Oktober, als in Leipzig bereits 300.000 Menschen protestierten und Honecker zurückgetreten war: "Wahrscheinlich haben in diesen Wochen viele Oppositionsgruppen noch nicht einmal erkannt, dass eine Massenbewegung im Entstehen begriffen war. Jedenfalls haben sie diese Bewegung nicht organisiert. Sie wollten es nicht, und sie hätten es aufgrund ihrer personellen Ressourcen und ihres begrenzten Medienzugangs auch nicht gekonnt."
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Gesellschaft

Islamisten und Rechtsextreme haben ein ähnliches Frauenbild, weil sie beide darauf beruhen, sich einen äußeren Feind zu konstruieren, sagt der Soziologe Abram de Swaan im Gespräch mit Nina Branner vom Tagesspiegel: "Die Angst vor einem äußeren Feind ist essenziell bei der Unterdrückung von Frauen. Es ist fast eine mathematische Gleichung, die übereinstimmen muss: Der Mann muss die Frau vor Feinden schützen, damit sie Kinder gebären kann und dadurch die Gesellschaft aufrechterhalten."
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Archiv: Gesellschaft

Geschichte

Der Historiker Jörn Leonhard, Autor des Buchs "Der überforderte Frieden - Versailles und die Welt 1918-1923", kommt in der FAZ auf die Versailler Friedenskonferenz zurück und macht auf die Zweischneidigkeit des Schlüsselbegriffs von der "Self Determination" aufmerksam, mit dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson viele beteiligte Nationen begeisterte: "Die vermeintliche Eindeutigkeit dieser Ordnungsvision, die in den Nachkriegsgesellschaften etwa Polens, der Tschechoslowakei oder des späteren Jugoslawiens mit dem Bild der Imperien als Völkergefängnisse zusammenfiel, traf in der Praxis auf eine ausgesprochene Spannung zwischen demokratischer Partizipation und einer ethnischen Definition von Staatlichkeit. Das universalistische Versprechen des Selbstbestimmungsrechts traf gleichsam auf die weiter bestehenden multiethnischen Gemengelagen Ost-, Ostmittel und Südosteuropas."
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Politik

Wenn die Araber in Israel mehr Partizipation suchten, könnten sie helfen, das Land zu reformieren, schreibt Ahmad Mansour in der taz: "Ich erkenne durchaus viele Benachteiligungen von Arabern in Israel. Doch Israels Araber könnten, wenn sie nur ihre demokratischen Optionen sinnvoll nutzen würden, weitaus mehr politische und produktive Macht gewinnen. Sie müssten dazu nur demokratische Parteien gründen oder sich überhaupt endlich mehrheitlich an den Wahlen beteiligen. Längst wäre Netanjahu abgewählt. Längst hätten wir bessere, politische Verhältnisse, weniger provokante Siedler, eine Regierung, die die Gleichberechtigung aller mehr achtet und umsetzt."

Die Baltimore Sun gehört zu jenen amerikanischen Medien, die nach der DSGVO Europäern jeden Zugang zu ihren Seiten verwehrte. Heute ist das schade. Denn Donald Trump hat in einem Tweet von Baltimore als einem "rattenversuchten Ort" gesprochen, und das Editorial Board der Zeitung antwortet mit der Überschrift: "Lieber ein paar Ratten haben als eine sein." Der Guardian zitiert länger aus dem Artikel der Baltmore Sun und auf andere Reaktionen.

Außerdem: Nach Angela Merkels Solidarisierung mit vier von Donald Trump angegriffenen Kongressabgeordneten, zeichnet Marco Stahlhut in der FAZ ein wenig schmeichelhaftes Porträt der linken Demokratin Ilhan Omar, die vor einigen Tagen eine Pro-BDS-Resolution in den Kongress eingebracht hat (der sich allerdings mit überwältigender Mehrheit gegen BDS aussprach).
Archiv: Politik