9punkt - Die Debattenrundschau

Alle Systeme herunterfahren

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2019. Zaghaft aber stetig zeigt sich in der muslimischen Welt ein Trend zur Säkularisierung, hofft der türkische New-York-Times-Kolumnist Mustafa Akyol. Hermann L. Gremliza ist gestorben. Die Zeitungen würdigen den Polemiker. Die FAZ berichtet über die immer noch steigende Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland. in der NZZ erklärt der Kulturwissenschaftler Alexander Etkind, warum Öl und Erdgas die Entwicklung von Demokratie behindern. Aber sie behindern nicht ein schönes Weihnachtsfest, das die Perlentaucher hiermit all ihren Lesern wünschen!
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.12.2019 finden Sie hier

Religion

In der Welt erklärt der Soziologe Armin Nassehi, was das eigentlich Subversive an Weihnachten ist: die Stille. Das wusste schon Maria, als sie auf Elisabets Gruß mit dem "Magnificat" antwortete: "Nicht umsonst hat die Theologie diesen Text gerne feministisch gelesen oder auch sozialrevolutionär. Jedenfalls verweist er darauf, wie voraussetzungsreich es ist, die Grundstruktur der Welt, die Routinen des Alltags, die Selbstverständlichkeiten der Ordnung, die Alternativlosigkeit des Gewohnten infrage zu stellen. Und so naiv mein Argument auch klingen mag, so sehr muss man sich doch darüber wundern, dass es Weihnachten bis heute gelingt, alle Systeme herunterzufahren, den Hochmut der großen Sprecher wenigstens zeitweise, wenn nicht verstummen, so doch leiser werden zu lassen, und die Mächtigen wenigstens kurz auf Normalmaß zu reduzieren."

Mona Jaeger berichtet in der FAZ (politischer Teil) über die immer noch steigende Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland. In Köln hat sie einen jungen Mann nach seinen Gründen gefragt. Ihn stört die Intransparenz bei den Kirchensteuern: "Trotz sinkender Mitgliederzahlen steigen die Einnahmen, weil der Arbeitsmarkt sich gut entwickelt und Lohn- und Einkommensteuer steigen. Die katholische Kirche nahm 2018 6,64 Milliarden Euro ein, die evangelische 5,79 Milliarden Euro. Es ist dem jungen Mann nicht gelungen, Näheres über die Verwendung des Geldes zu erfahren. Jeder Verein müsse transparent machen, was er mit seinen Einnahmen mache, die Kirche aber nicht. Das stört ihn."

Langsam aber stetig wächst in der arabischen Welt ein neuer Säkularismus heran. Grund dafür ist vor allem die Unzufriedenheit mit religiösen und sektiererischen Parteien, meint Mustafa Akyol in der New York Times. Auch im Iran und der Türkei zeigt sich dieser Trend: "In der Türkei, meinem Land, sind unter Präsident Recep Tayyip Erdogan die ehemals marginalisierten Islamisten der Türkei zur neuen Führungselite geworden. Dadurch konnten sie ihren Glauben sichtbarer und durchsetzungsfähiger machen - aber es ist auch ein Feigenblatt für ihre unersättliche Machtgier. Wie der in der Türkei geborene Soziologe Mucahit Bilici beobachtet hat, 'wird der Islamismus in der Türkei heute in der öffentlichen Meinung mit Korruption und Ungerechtigkeit assoziiert'. Und viele Türken verabscheuen ihn mehr als je zuvor. Die Desillusionierung gilt oft nur dem Islamismus als politisches Instrument, aber er kann sich gegen den Islam, die Religion, selbst wenden."

In Indonesien wächst dagegen der Trend zum Religiösen auf die hässlichste Weise und richtet sich immer mehr gegen Homosexuelle, berichten Richard C. Paddock und Muktita Suhartono in der Times. Vor allem Bewerber um Arbeitsplätze müssen inzwischen häufig Fragen beantworten, die über ihre sexuelle Orientierung Auskunft geben soll: "Im September stand das Parlament kurz vor der Verabschiedung einer Änderung des Strafgesetzbuches, die schwul-lesbische Beziehungen effektiv geächtet hätte. Ein ähnlicher Vorschlag wird für das neue Jahr erwartet. In Bekasi Regency, das an die Hauptstadt Jakarta angrenzt, erklärte die Kinderschutzbehörde diesen Monat, dass sie anhand von Polizeiakten 4.000 Menschen identifiziert habe, die an der 'Krankheit' leideten, lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender zu sein. Theorien fördernd, die im Westen widerlegt wurden, erklärte der Beauftragte der Agentur, Mohamad Rojak, gegenüber Reportern, dass 'die Mehrheit der sexuellen Desorientierungen' durch einen 'sorglosen Lebensstil' verursacht worden seien und forderte die Menschen auf seiner Liste auf, ihren Zustand durch eine 'Therapie' zu überwinden.'"
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Ideen

Öl und Erdgas sind Russlands Verderben, meint in der NZZ der russische Kulturwissenschafter Alexander Etkind. In allen von ihren Rohstoffen abhängigen Ländern nicht nur in Russland, beobachtet er die Entstehung einer Ständestruktur: "Das politökonomische Prinzip der Demokratie, 'no taxation without representation', funktioniert in Ölstaaten nicht, weil diese eben nicht von Steuern abhängig sind. Allein das Öl vermag es, Finanzströme zu generieren, die den Steuereinnahmen ganzer Staaten entsprechen. ... Insgesamt entstehen so zwei Klassen von Bürgern: eine privilegierte Minderheit, welche die kostbare Ressource fördert, schützt und mit ihr handelt - und alle anderen, deren Existenz von der Umverteilung der Rente aus diesem Handel abhängt. Diese Situation schafft starre, fast schon ständische Strukturen."
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Überwachung

Warum erst Smartphones knacken? Man kann sich doch auch als Start Up ausgeben und einfach eine Chat-Software zum Download bereitstellen - und schon kann man prima mitschreiben. Das hat laut Friedhelm Greis bei golem.de (unter Bezug auf eine Recherche der New York Times) der Geheimdienst der Arabischen Emirate mit der Messenger-App Totok gemacht, die zuletzt auch in den USA beliebt war (Google und Apple sollen sie inzwischen verbannt haben): "Die Verbreitung von Totok soll auch dadurch begünstigt worden sein, dass die Regierung der Emirate bei Apps wie Whatsapp oder Skype bestimmte Funktionen blockiere. Zuletzt habe auch der chinesische Smartphone-Hersteller und Telekomausrüster Huawei für die App geworben. In dessen Cloud steht die App weiterhin zum Download bereit."
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Stichwörter: Totok, Messenger

Gesellschaft

Margarete Moulin fordert in der taz ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild, das die Freier, nicht die Prostituierten kriminalisiert. Nach der Liberalisierung in Deutschland durch die rot-grüne Koalition sei "Deutschland das Bordell Europas geworden": "In Schweden zeigt das dort 1999 eingeführte Sexkaufverbot die gewünschten positiven Erfolge, weil es an gute Ausstiegshilfen für die Frauen gekoppelt ist, wie Therapien und Berufsausbildungen. Die Zahl der Sexkäufer ist um 80 Prozent, die der Prostituierten um 60 Prozent gesunken. Kaum ein EU-Land hat heute weniger Probleme mit Menschenhandel."
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Europa

Frankreich bleibt während der Weihnachtstage blockiert. Millionen von Franzosen müssen stundenlange Staus in Kauf nehmen, wenn sie ihre Familien sehen wollen. Das seltsamste an diesem Streik ist, dass sich auch publizistisch so gut wie nichts dagegen regt - die Franzosen ertragen es wie eine Naturkatastrophe. Im Gegenteil: Der große Streik sei eine "Frage des Stolzes" für die Arbeiterklasse, schreibt der Historiker Gérard Noiriel in huffpo.fr. "Die Arbeiterbewegung hat nie gezögert, ihren Kampf auch am Weihnachtstag fortzuführen, sobald die herrschende Klasse ihre Interessen bedrohte." Noiriels Beispiel: "Im Oktober bis Dezember 1963 gingen die Minenarbeiter von Trieux in einen großen 'defensiven' Streik, eine der ersten großen Repliken des Proletariats gegen die 'Restrukturierungspolitik' des französischen Kapitalismus, die in den Folgejahrzehnten in die Liquidation ganzer Bereiche der Großindustrie führte." Die Welt wäre sicher besser, wenn wir noch Zehntausende Kumpel hätten, die mit fünfzig an Staublunge sterben!

"Putin ist nicht das Problem Russlands", meint der russische Schriftsteller Dmitri Bykow im Interview mit der NZZ. "Das Problem Russlands ist die Gleichgültigkeit und Trägheit der meisten Bürger. Wie man diese Trägheit besiegen kann, weiß ich nicht. Vielleicht muss man sie auch gar nicht besiegen, vielleicht geht es den Leuten besser so. Russland hat eine lange Tradition moralischen Suchens. Russland interessiert sich nicht für Politik, sondern für den Sinn des Lebens. In der russischen Geschichte gibt es eine lange Reihe enttäuschter Hoffnungen. Das heutige Russland glaubt nicht mehr an Utopien: 'Das war schon da, das hat man uns schon gesagt.' Deshalb ist es in Russland heute sehr schwierig, die Menschen zu überraschen, zu bewegen, mitzureißen."
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Medien

Hermann L. Gremliza, Herausgeber der altlinken Postille konkret, und einer, den man gern klischeehaft einen begnadeten (oder wahlweise gnadenlosen) Polemiker nennt, ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Alexander Nabert würdigt ihn in der taz: "Dass Gremliza die konkret konsequent gegen den virulenten Israelhass vieler ehemaliger Leser positionierte, ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst. Dass konkret sich tendenziell auf die Seite von Putins Russland schlug, verweist zugleich darauf, dass das Magazin nicht immer Stimme der progressiven und modernen Linken war."

Willi Winkler erzählt in der SZ ein wenig die Geschichte der konkret, die "bis 1964  von der DDR subventioniert und von den illegalen KPD-Mitgliedern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl betreut wurde". Seine Bewunderung für Gremliza kann Winkler nicht verhehlen: "Wie Ulrike Meinhof brillierte Gremliza als Kolumnist und mähte mit seinem messerscharfen Verstand alles nieder, was rechts von ihm stand und dumm genug war, sich öffentlich zu äußern." In der FAZ schreibt Dietmar Dath und in Zeit online David Hugendick. Martin Krauss nennt ihn in der Jüdischen Allgemeinen gar den "größten Stilisten, den die Bundesrepublik hervorgebracht hatte".
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