9punkt - Die Debattenrundschau

Jammern oder brüllen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2019. Im Tagesspiegel verteidigt Max Czollek das Jüdische Museum als Plattform für Debatten über religiöse Vielfalt. Warum kann Israel nicht gegenüber Polen und Palästinensern so großzügig sein wie gegenüber den Deutschen, fragt Yishai Sarid in der FAZ. Die SZ ruft Spitzenpolitiker, Richter und Professoren auf, mal wieder unter Menschen zu gehen. Die New York Times überlegt, warum Skandale keinen Einfluss mehr aufs Wahlverhalten haben. Und ZeitOnline beklagt die politische und ästhetische Verwahrlosung des Mannes.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.12.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Früher sahen selbst die Nazis besser aus, seufzt Jens Balzer auf ZeitOnline und beklagt nicht nur die Rückwärtsgewandheit heutiger Männer, sondern auch eine flächendeckende Verwahrlosung in politischer und ästhetischer Hinsicht: "Die Erotik, die Michael Kühnen verströmte, konnte man selbst dann interessant finden, wenn man nicht zur Gruppe der Holocaustleugner gehörte; er war schwul und starb 1991 an Aids. Hingegen wirken die rechten Männer von heute, die man in der AfD und der Identitären Bewegung findet, bloß noch wie unzufriedene verklemmte Bankangestellte: mit ihren randlosen Brillen und mühsam unterdrückten Gewaltfantasien. Es geht keine Souveränität von ihnen aus - dazu präsentieren sie sich auch allzu ausgiebig als Opfer des Systems, der Eliten, der Lügenpresse und des Feminismus oder von alldem zusammen. Sie werden von keiner Aura des anziehend Bösen umleuchtet, weil sie entweder jammern oder brüllen; sie sind öde angezogen und es umgibt sie nichts Sexuelles."

Die taz blickt in ihrer Wochenendausgabe in die Zukunft der zwanziger Jahre. Oberschwarzseherin Sybille Berg ist auch dabei und sieht die Zukunft in China, seiner KI und der digitalen Diktatur: "Der Kapitalismus in seiner umfassenden Weitsicht hat lange ja Wissen freiwillig an China verkauft. Es hat keinen gestört. Große Teile unserer Wirtschaft, der Infrastruktur, der Innenstädte gehören sowieso schon ausländischen Investoren. Der Westen hat also seine kommende Unterlegenheit freiwillig herbeiverkauft, so wie wir alle unsere Profile an die Digitalfirmen verkaufen, die sie an die Geheimdienste weiterreichen."

Die Redaktion der FAZ blickt auch nicht gerade zukunftsfreudig auf das kommende Jahrzehnt: Unter anderem sieht Jürgen Kaube Menschen vor sich, die einen Tweet-Wechsel für eine Debatte halten, Andreas Platthaus begräbt die Aussicht auf eine Abwahl Donald Trumps, Melanie Mühl graust es vor dem cyborghaften Look, den sich junge Mädchen von der Schönheitschirurgie verpassen lassen, um auszusehen wie ihr per App bearbeitetes Selfie, und Verena Lueken flüchtet auf analoge Inseln in Brandenburg.
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Im Tagesspiegel reagiert Max Czollek erbost auf einen Artikel in der FAZ (unser Resümee), in dem Thomas Thiel die Arbeit des Jüdischen Museums Berlin scharf attackierte und vor allem der Programmleiterin Yasemin Shooman vorwarf, das Museum zu einem Hort von Israelfeinden und BDS-Sympathisanten zu machen: "Es lässt sich festhalten: Kritiker wie Thomas Thiel mögen die Forschung zur Diskriminierung von Muslimen und Musliminnen nicht. Weil Yasemin Shooman diese Forschung betrieben hat und unter anderem ein Forum in der Akademie dafür fand, fordert er einen Kurswechsel für das gesamte Jüdische Museum. Die dahinter liegende Annahme, Shooman allein hätte das Haus überhaupt zu einem Ort für Judenfeinde machen können, ist eine Personalisierung der Programmlinien des JMB, die die Grenze zur Verschwörungstheorie abermals überschreitet. Die Realität sieht anders aus, beginnend bei der Absicht, mit der die Akademie vom Gründungsdirektor des Museums, W. Michael Blumenthal, ins Leben gerufen wurde. Blumenthal ging es von Anfang an darum, eine 'Plattform für Debatten über religiöse Vielfalt, Partizipation und das Zusammenleben in der pluralen Gesellschaft' zu schaffen."

Politik

Warum ist Israel ausgerechnet gegenüber den Deutschen so großzügig, wundert sich der Historiker und Schriftsteller Yishai Sarid im FAZ-Interview mit Ursula Scheer: "Meinem Gefühl nach ist etwas verkehrt an dieser Beziehung. Sie ist zu gut. Deutschland unterstützt Israel auf vielfältige Weise, und Israel geht nicht allzu hart mit Deutschland ins Gericht, etwa wenn sich dort wieder Antisemitismus zeigt. Umgekehrt kritisiert Deutschland Israel nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich denke nicht, dass Deutschland das Recht hätte, ein scharfer Kritiker Israels zu werden, aber diese Harmonie ist künstlich. Früher haben viele Israelis aus Prinzip keine deutschen Produkte gekauft. Heute gibt es in Tel Aviv Biergärten, wo junge israelische Mädchen in Dirndl bedienen. Ich finde das seltsam, aber die Leute gehen hin, und vielleicht bin ich nur ein schlechtgelaunter alter Mann, der diese Normalität nicht akzeptiert, und wenn er durch Berlin geht, immerzu an den Holocaust denken muss. Aber die Sache ist nun einmal kompliziert und verdreht. Ich wünschte mir, wir wären so gnädig gegenüber den Polen, Arabern und Palästinensern, wie wir es gegenüber den Deutschen sind."

Warum lässt sich die Kanzlerin eigentlich so selten auf Marktplätzen sehen? Warum gehen Journalisten noch so selten raus? In der SZ wünscht sich Klaus Ott mehr Austausch in der Gesellschaft. Denn dass der Respekt vor Eliten schwindet, liege nicht nur am ungehobelten Pöbel: "Wer als Wissenschaftler Unis öffnet, sammelt für seine Professorenkarriere weniger Pluspunkte als jemand, der viel forscht, hochgeistig publiziert und unter seinesgleichen bleibt ... Das ist borniert und rückständig. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz, Medizin und Medien brauchen einen Sinneswandel, eine innere Reform. Das Rausgehen und Reden muss wichtiger werden als das Knüpfen von Seilschaften, um sich gegenseitig hochzuziehen und so Karriere zu machen. Gemeinschaftssinn statt Egoismus, das ist überlebenswichtig für Demokratien."

In der taz schreibt dagegen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und setzt dort auf einen Patriotismus, den er nicht unbedingt national definiert, der aber mehr Bindekraft herstellen soll als der Verfassungspatriotismus, aber auch Raum für eine europäische Identität lassen soll: "Wenn wir uns einem Gemeinwesen zugehörig fühlen, muss es etwas geben, was uns auf einer tieferen menschlichen Ebene miteinander verbindet: gemeinsame Erfahrungen, Mythen, auch Bedrohungen und Herausforderungen. Was eine plural verfasste Gesellschaft zusammenhält, in der Vielfalt ein Gefühl des Miteinander entstehen lässt, hat mit Bindekräften wie Toleranz, Respekt, Vertrauen und Empathie zu tun. Und damit, Konflikte auszuhalten. Stattdessen erleben wir, dass sich ein gemeinsamer Erfahrungs- und Diskursraum auflöst und die Debatten zunehmend unversöhnlich geführt werden."
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Medien

In der New York Times denkt David Brooks darüber nach, warum amerikanischen Medien mit ihrer Berichterstattung kaum noch Einfluss auf das Wahlverhalten haben. Das Trump-Impeachment wird sie so wenig kümmern wie der Mueller-Report oder Kavanaugh-Anhörungen. Sie wollen wissen, wie jemand wählen wird? Dann stellen sie eine einfache Frage: Lebt sie in der Stadt oder auf dem Land? Geografische und psycho-soziale Muster legen sich über Ereignisse, wenn es um politische Loyalitäten und nationale Wahlergebnisse geht. Demografie ist Schicksal... Aus Gründen, die ich nicht verstehe, ereignete sich über die vergangenen Dekaden ein grundlegender epistemischer Wandel. Verschiedene amerikanische Regionen und Subkulturen erkennen Realität nicht mehr durch dieselbe Linse. Sie schaffen Bedeutung in völlig unterschiedlichen Weisen. Psycho-soziale Kategorien haben sich verhärtet."

In Russland, betont SZ-Korrespondentin Silke Bigalke, steht die unabhängige Berichterstattung nicht nur unterm Druck des Kreml, sondern auch der Geheimdienste, Behörden oder Oligarchen. Aber der kritische Journalismus ist nicht verschwunden, macht sie Hoffnung, sondern nur umgezogen: "Das russische Internet ist voll von Regierungskritik. Man findet Berichte darüber, wie in russischen Gefängnissen gefoltert wird, wie Putins Vertraute sich bereichern, über die verdeckten Militäreinsätze der Regierung. Die etablierten Medien dagegen haben sich immer weiter angepasst, oft notgedrungen. Das Fernsehen ist längst eine Propagandamaschine. Viele Verlage gehören inzwischen kremlnahen Oligarchen."

Last but not least: Die Journalistenorganisation OCCRP hat Maltas Regieurngschef Josph Muscat zur Person des Jahres in Korruption und Organisierter Kriminalität gekürt.
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