9punkt - Die Debattenrundschau

Unser Kontinent ist gigantisch

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.01.2020. Im SZ-Gespräch erklärt Achille Mbembe, wie er sich ein postkoloniales Afrika ohne Grenzen vorstellt. Knapp eine Million deutsche Frauen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von alliierten Soldaten vergewaltigt, erinnert die NZZ unter Bezug auf die Historikerin Miriam Gebhard. Golem.de wirft einen Blick auf netzpolitische Projekte der neuen EU-Kommission. Der Guardian kann sehr gut verstehen, warum sich Meghan Markle und Prince Harry zurückziehen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2020 finden Sie hier

Politik

Shadi Hamid, Fellow an der Brookings Institution, wirft der amerikanischen Linken im Atlantic Magazin vor, dass ihre Reaktion auf die Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani narzisstisch sei: Sie würden seinen Einfluss auf die Geschehnisse im Nahen Osten in den letzten zwanzig Jahren, inklusive der Hunderttausende Toten des Syrienkriegs, die Soleimani als Patron Baschar al-Assads mit verantworte, völlig verkennen: "Es ist mehr als ironisch, dass die Demokraten den Schlag als  als einen der schlimmsten außenpolitischen Fehler der Trump-Präsidentschaft darstellten, während viele Iraker und Syrer jubelten. Eines der wenigen Male, wo sie positiv auf etwas - irgendetwas - reagiert haben, das die Vereinigten Staaten getan haben. Ihre Interessen sind natürlich nicht die gleichen wie die der Amerikaner, aber man sollte zumindest versuchen zu verstehen, warum sie feiern."

Im Grunde kam der Anschlag sowohl den USA als auch dem Iran gerade recht, glaubt Slavoj Zizek in der Welt: "Was, wenn die USA, die Saudis und Israel den Iran zu einem massiven Racheakt bewegen möchten, um endlich einen vollumfänglichen Militärschlag zu legitimieren, damit die Fertigstellung einer Atombombe zu verhindern und das Land als ernst zu nehmenden Faktor im Mittleren Osten auszuschalten? Und der Iran selbst? (…) Dank der neuen internationalen Spannungen gelingt es der herrschenden Elite, die eben noch im Begriff war, ihre Legitimation zu verlieren, die Massen zu neuem patriotischem Eifer zu bewegen."

Wladimir Putin ist der eigentliche "Triumphator" der amerikanisch-iranischen Konfrontation im Irak, meint hingegen Richard Herzinger in der Welt: "Putin kann es jedenfalls nur recht sein, dass die amerikanisch-iranische Konfrontation von seinen Untaten in Syrien ablenkt. Wie er auch mit Genugtuung zusehen kann, wie sich die USA und der Iran im Irak gegenseitig in Schach halten - und sich das westliche Bündnis darüber weiter entzweit. Selbst dass dem Iran durch Washington gewisse Grenzen aufgezeigt werden, passt ihm ins Konzept, kann er doch so seine Führungsrolle in Syrien noch mehr festigen und seinen unverzichtbaren Verbündeten Teheran, der zugleich aber auch ein Rivale ist, auf den zweiten Platz verweisen."

Ebenfalls in der Welt erklärt der iranischstämmige deutsche Autor und Regimegegner Behzad Karim-Khani, weshalb er den amerikanischen Imperialismus mehr ablehnt als den iranischen: "Ich habe antiamerikanische Tendenzen. Bei uns haben die Amerikaner nicht den Totalitarismus besiegt und die Demokratie gebracht, wie sie es in Deutschland gemacht haben. Bei uns war es andersrum. Sie haben die Demokratie zertreten und den Totalitarismus gebracht. 1953. Acht Jahre nachdem sie hier fertig waren. Und für uns waren sie alle Trumps. Reagan war Trump. Clinton war Trump. Die Bushs waren Trumps. Und auch Obama war Trump. JFK war Trump und Abraham Lincoln auch. Ich will, dass sie gehen, habe aber Angst, dass sie es wirklich tun. Das ist der Nahe Osten."

Mit Misstrauen betrachtet der Historiker und Spezialist für "Globalgeschichte" Robert Kramm auf geschichtedergegenwart.ch, dass die Demokratiebewegung in Hongkong etwa Flaggen wie den Union Jack schwenkt und offenbar dazu neigt, die Kolonialgeschichte zu romantisieren: "Gerade im Kontext Hongkongs können derartige Symbole zu kolonialen Versatzstücken werden. Insbesondere dann, wenn diese in ein Netz von nicht unproblematischen Symbolen und Performanzen eingewoben sind. So zum Beispiel als Studierende am 9. November des Toten Chow Tsz-lok gedachten und dazu das Lied 'Last Post' spielten, einen Song aus dem British Empire des 19. Jahrhunderts, das auch im Commonwealth immer noch bei Militärbestattungen verwendet wird - insbesondere um Soldaten zu ehren, die im Krieg gefallen sind. 'Last Post' stellt einen eindeutigen Bezug zur imperialen Geschichte her, und betont als Abschiedsgruß der gedenkenden Studierenden zugleich einen männlich dominierten, martialischen Charakter der Proteste, indem die 'front-liner' (eine Bezeichnung für die Protestierenden in den ersten Reihen der Demonstrationen) als Soldaten im Krieg inszeniert werden."

Außerdem: In der FAZ schreibt Liao Yiwu einen ergreifenden kleinen Text über seinen Freund Wang Yi, Pastor und Dichter, der zu neun Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
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Ideen

"Es gibt keinen Ort der Welt, an dem wir Afrikaner willkommen sind, nicht einmal in Afrika", sagte der afrikanische Historiker und Politologe Achille Mbembe bei einem Vortrag. Im großen SZ-Gespräch mit Jörg Häntzschel erklärt Mbembe, wie er sich ein postkoloniales Afrika ohne Grenzen vorstellt: "Wir sollten die Tendenz des Westens zu Feindseligkeit und Abschottung nicht auf unserem eigenen Kontinent nachahmen. Unser Kontinent ist gigantisch. Es gibt genug Platz für alle in Afrika. Wir sollten Afrika zu einem riesigen Labor für Versuche machen, wie wir die Welt gerecht teilen, reparieren und widerstandsfähig machen können. Jeder soll sich frei bewegen dürfen. Dazu müssen wir uns gegen Europas Übergriffe auf Afrikas Souveränität, seine Bewohner und sein Territorium zur Wehr setzen. Europa hat kein Recht, den Afrikanern in Afrika zu diktieren, wie, wann und ob sie sich bewegen dürfen. Es hat dieses Recht vielleicht in Europa, aber nicht hier." (Wie genau die Europäer die Afrikaner in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, hätte man im Interview allerdings schon gern erfahren.)
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Stichwörter: Afrika, Mbembe, Achille

Geschichte

Knapp eine Million deutsche Frauen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von allierten Soldaten vergewaltigt, erinnert in der NZZ Yaël Debelle, die unter anderem mit der deutschen Historikerin Miriam Gebhard gesprochen hat: "'Die sexuelle Gewalt traf Frauen aller Schichten, junge Mädchen und alte Frauen - und auch Männer', sagt Gebhardt. 'Es geschah am helllichten Tag, nachts bei Hausdurchsuchungen, auf offenem Feld, in Kellern und Unterständen' - 'und in spontan eingerichteten Vergewaltigungsräumen'. Die Taten seien oft in der Gruppe verübt worden, die Soldaten hätten gegenseitig Schmiere gestanden. Rund 860 000 Frauen wurden vergewaltigt, so Gebhardts Hochrechnung. Die Historikerin hat die eidesstattlichen Erklärungen von vergewaltigten Frauen studiert, die abtreiben wollten."

Eher als geisteswissenschaftliche Mode tut Simon Strauß in der FAZ die These ab, dass das Römische Reich wegen eines Klimawandels untergegangen sei: "Als TED-Talk-erfahrene Vorzeigefigur dieser 'new environmental historians of Rome's fall' tritt insbesondere der einundvierzigjährige Kyle Harper hervor, der manchen schon als 'Edward Gibbon des 21. Jahrhunderts' gilt. Sein demnächst auch auf Deutsch erscheinendes Buch 'Fatum' führt die Überzeugung des Autors schon im Titel: dass das spätantike Rom durch eine fatale, also schicksalhaft unausweichliche Klimaveränderung zu Fall gebracht worden sei."

Weiteres: In der FR schreibt Arno Widmann über Hong Xiuquan, den Anführer des Taiping-Aufstandes, der zum Christentum konvertierte und Jesus für seinen älteren Bruder hielt. Besprochen wird die Kunstinstallation "Kriegskinder" im Museum Neukölln, in der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs über ihre Erfahrungen sprechen (Berliner Zeitung).
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Internet

Friedhelm Greis wirft bei golem.de einen Blick auf kommende netzpolitische Projekte der neuen EU-Kommission. Axel Voss, der die EU-Urheberrechtsreform im Sinne der Inhalte-Lobbies durchsetzte, wird wieder mitmischen: "Noch ziemlich am Anfang steht das wohl wichtigste Digitalprojekt der neuen EU-Kommission, das 'Gesetz über digitale Dienste'. Dieses hat Ursula von der Leyen schon im vergangenen Juli in ihrer 'Agenda für Europa' angekündigt. Damit 'müssen bessere Haftungs- und Sicherheitsvorschriften für digitale Plattformen, Dienste und Produkte geschaffen und der digitale Binnenmarkt vollendet werden'. Dieser 'Digital Services Act' (DSA) könnte eine Art europäisches Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) auf Steroiden bedeuten, da nicht nur illegale, sondern auch 'schädliche' Inhalte bekämpft werden sollen. Zusätzlich könnte der DSA das sogenannte Providerprivileg bei der Haftung einschränken. Netzaktivisten erwarten daher 'die Mutter aller Schlachten um die Internetrechte'." Das Providerprivileg bedeutet, dass Provider nicht für Inhalte der durch sie öffentlich gemachten Dienste verantwortlich gemacht werden können.
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Europa

Künftig wollen Prinz Harry und Meghan, auch The Harkles genannt, auf eigenen Beinen stehen und immerhin auf die fünf Prozent ihres Einkommens verzichten, die sie bisher als "senior members of the Royal Family" bekommen haben, wie Peter-Philipp Schmitt in der FAZ weiß: "Die Königin bekommt aus dem sogenannten Kronbesitz, einer milliardenschweren Immobiliengesellschaft mit Besitztümern im ganzen Königreich, darunter die halbe Regent Street in London und die Pferderennbahn in Ascot, einen bestimmten Anteil ausbezahlt, der genau festgelegt ist. Damit und auch aus dem privaten Vermögen der Königin werden nicht nur die Paläste mitsamt den Bediensteten unterhalten, von der Apanage Ihrer Majestät in Höhe von gut 82 Millionen Pfund (rund 97 Millionen Euro) werden auch die Kosten der öffentlichen Verpflichtungen der Königsfamilie bezahlt. Harry und Meghans Anteil machte bisher fünf Prozent ihres Einkommens aus. Darauf verzichten sie nun, um eigenes Geld verdienen zu können, das war ihnen bisher wegen ihres Anteils aus dem 'Sovereign Grant' nicht möglich, und auch um sich unabhängiger vom Einfluss des Palastes auf ihr Leben zu machen."

Königin Elisabeth und  die direkten Thronfolger seien "incandescent with rage", berichten die Zeitungen. (Hier ein Überblick des Guardian Titel) Und bei Twitter rufen die britischen JournalistInnen - allen voran Piers Morgan von der Daily Mail, hier- schon den Untergang der Monarchie aus. Der Independent (hier) und der Guardian (hier) melden heute, dass sich die beiden bei der Bekanntgabe ihrer Entscheidung über die Queen hinwegsetzten. Die taz versichert dagegen in ihrem besten Denglisch: "Die Entscheidung hat ein empowerndes Moment."

Das Paar hatte im Grunde keine andere Wahl als ihren Rückzug, weil besonders Meghan von den Boulevardzeitungen wie kaum eine andere gemobbt wurde, kommentiert Hadley Freeman im Guardian. Und "dieselben Kolumnisten, die Meghan verspotteten, weil sie von vom könlglichen Glamour geblendet sei, verurteilen sie nun, weil sie ihn hinter sich lassen will. Wer das Glück hat, nicht in einer von Missbrauch geprägten Beziehung zu leben, kann deren Dynamik in der Medienreaktion auf Harry und Meghan nachvollziehen. Die Titel der Zeitungen sind das Äquivalent zur Reaktion eines eines gewalttätigen Mannes, der schockiert zusehen muss, dass seine Frau ihn verlässt."
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Gesellschaft

Gestern hat sich Philipp Ruch für seine Mobilisierung der Asche toter Juden zur Bekämpfung des Konservatismus entschuldigt (Lea Rushs Zahn hat ihn dazu inspiriert, unser Resümee). Wir tragen den Verweis auf einen Text Eliyah Havemanns in der Jüdischen Allgemeinen nach. Havemann, gehört zum "Aktions-Künstler-Komitee", das versucht hat, die Stele abzureißen, und von der Polizei gestoppt wurde. Er macht auf ein paar Ungereimtheiten in den Äußerungen des "Zentrums für politische Schönheit" aufmerksam: "Ursprünglich posaunte das ZPS, dass in der Säule tatsächlich menschliche Überreste seien. Dann revidierte es diese Aussage und behauptete, auch dort seien nur 'negative Bodenproben' enthalten. Deswegen wundert es umso mehr, dass der Einsatz mit der Asche nach der ersten Protestwelle entfernt und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) zur Beerdigung übergeben wurde. Wozu?"

Ebenfalls in der Jüdischen Allgemeinen erzählt Michael Wuliger, wie er mehrere Dritte Weltkriege überlebte.
Archiv: Gesellschaft