9punkt - Die Debattenrundschau

Fiebrige Aufwallungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2020. Gesichtserkennung ist Gift für die Freiheit, ruft die SZ, egal ob sie funktioniert oder nicht. In der New York Times versucht David Brooks einen Vorstoß in die Echokammer der Trumphasser: Die Tötung von General Qassem Soleimani war gut und richtig. Jürgen Trabant erkennt in der FAZ: Europas Sprache ist die Übersetzung. Der Guardian begräbt mit dem Brexit auch jeden Hoffnung auf eine Republik. Und die vor 240 Jahren gegründete NZZ möchte ihr Jubiläum lieber nicht im angesagten Emma's Torch feiern.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.01.2020 finden Sie hier

Europa

Am Europäischen Gerichtshof in Luxembourg erlebt der Berliner Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant bei einer Verhandlung, wie Anwälte und Richter auf Französisch, Estnisch, Lettisch, Polnisch und Ungarisch miteinander kommunizieren, und die Dolmetscher mit ungeheurer Präzision arbeiten. Wie das geht? Bei 24 Amtssprachen wären 552 Sprachkombinationen möglich, aber der EuGH arbeitet mit Französisch als Pivot-Sprache, schreibt Trabant in der FAZ: "Die europäischen Sprachen sind am Europäischen Gerichtshof in ihrer ganzen offiziellen Würde präsent, als Sprachen der Mitgliedstaaten, als Sprachen, die komplizierte juristische Sachverhalte ausdrücken und diskutieren können. Das Französische schließt hier die anderen Sprachen Europas nicht aus, sondern versammelt sie schwesterlich um sich. Denn die Sprache Europas ist nicht das Französische, sondern ganz offensichtlich die Übersetzung."

Wer glaubt, die EU sei für Britannien eine verlorene Sache, der sollte es mal mit dem Republikanismus versuchen, seufzt Jonathan Freeland nach dem Spektakel um Prinz Harry und Meghan Markle im Guardian: "Wer glaubte, die Windsors könnten problemlos den öffentlichen Fantasien entrissen werden oder Briten würden jemals entspannt die königliche Familie zugunsten eines gewählten Staatsoberhaupts von der Bühne schieben, wurde in dieser Woche von einem solchen Irrglauben befreit."
Archiv: Europa

Überwachung

Auf 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen will das Bundesininnenministerium Überwachungskameras installieren, die in der Lage zur Gesichtserkennung sein werden. Andere Programme wollen Menschen an ihrem Gang oder einfach "auffälliges Verhalten" erkennen können. Portland und San Francisco wollen ihrer Polizei solche Techniken verbieten, weiß Jannis Brühl in der SZ und fordert das auch für Deutschland und Europa: "Überwachungstechnik wirkt auch dann als Gift für die Freiheit, wenn sie schlecht funktioniert. So sind die Erkennungsquoten des derzeitigen Pilotprojekts am Berliner Bahnhof Südkreuz eher mittelmäßig, heißt: Das System markiert zu viele Menschen als verdächtig, nach denen es gar nicht fahndet. Die Sicherheit der Zukunft sieht nach derzeitigem Stand also so aus: Tausende Fehlalarme, und damit Tausende anlasslose Polizeikontrollen. Das wird Bürger Nerven, Beamte Zeit, Behörden Geld kosten. Am schlechtesten sind die Erkennungsquoten bei Frauen und dunkelhäutigen Menschen."
Archiv: Überwachung
Stichwörter: Gesichtserkennung

Gesellschaft

In der NZZ ärgert sich Sarah Pines über die Heuchelei neuartiger Flüchtlingsrestaurants, die damit werben, dass sie Geflüchteten, Asylsuchenden und Überlebenden des Menschenhandels Zuflucht, Job oder Ausbildungsplatz geben. Zum Beispiel die in hellem skandinavischen Design eingerichteten Restaurants von "Emma's Torch - alles andere als eine Wellblechhütte: "An den Tischen plaudern westliche Menschen, über den Stuhllehnen hängen mit Bommeln besetzte Jutebeutel. Einrichtung und Tische sind glatt, anonym, ohne Firlefanz oder 'ethnisches' Dekor. Keiner der Gäste dreht sich in Richtung Küche, an deren offenem Tresen Flüchtlinge, Asylsuchende und dem Menschenhandel Entkommene Essen zubereiten. In der Flüchtlingsküche ist das Machtgefälle noch offensichtlicher als in herkömmlichen Restaurants. Denn sie wirbt mit den schwächsten Mitgliedern einer Gesellschaft, die außerdem noch das schwächste Glied in der Kette der Mitarbeiter stellen. Sie stehen in der Küche, aber nicht als Chefköche oder Rezeptentwickler - auch wenn sie hier und da den nötigen Input und das Know-how für einzelne Gerichte liefern."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Politik

David Brooks gehört in der New York Times zu den eher konservativen Kommentatoren, aber aufrechten Gegnern von Donald Trump. Jetzt warnt er davor, reflexhaft alles schlecht zu finden, was Trump macht. Die Tötung des iranischen Top-Generals Qassem Soleimani findet er zum Beispiel weder verkehrt noch erfolglos, doch in der überreizten Echokammer hallen nur apokalyptische Kriegsfantasien: "Das ist Trumps ultimativer Sieg. Bei jedem Argument auf jedem Gebiet geht es nur noch um ihn. Der Hass auf Trump schmiedet alle zusammen, er sichert in der Anti-Trump-Welt höchste Aufmerksamkeit und maximale Profite. Deswegen erleben wir diese Serie fiebriger Aufwallungen - der Mueller-Report! Das Steele-Dossier! Impeachment! -, die am Ende nirgendwohin führte."

In der NZZ erklärt Felix Ackermann, warum man doch besser von Belarus spricht als von Weißrussland und dass Moskau gerade dabei sein könnte, sich Minsk einzuverleiben: "Lukaschenko und Putin verhandeln derzeit die Novelle des Vertrags über einen gemeinsamen Unionsstaat der Russischen Föderation und der Republik Belarus. Seit Monaten weisen Beobachter warnend darauf hin, dass Putin versuchen könnte, seine Herrschaft auf diese Weise über das Jahr 2024 hinaus auszuweiten. Andere verweisen darauf, dass die Integration beider Staaten im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion bereits weit vorangeschritten ist. Russisch ist noch immer die Lingua franca in der Region. Absolventen von Minsker Hochschulen können in Moskau ohne Genehmigung eine Arbeit aufnehmen. An den Grenzen im Osten der Republik Belarus gibt es keine Personenkontrollen."
Archiv: Politik

Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an den blutigen 13. Januar 1920 in Berlin, an dem die radikale Linke zur Großdemonstration gegen das Betriebsrätegesetz aufrief. Da die Auseinandersetzung zwischen zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten mittlerweile das Ausmaß eines Bürgerkriegs angenommen hatte, gab es auch an diesem Tag Tote und Verletzte: "Die Demonstration vor dem Reichstag stand unter dem Motto 'Heraus zum Kampf gegen das Betriebsrätegesetz, für das revolutionäre Rätesystem!' Zwar hatte sich der 'Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte' im Dezember 1918 mit 344 zu 98 Stimmen gegen eine Räterepublik und mit 400 zu 50 Delegierten für eine möglichst frühzeitige Wahl der Nationalversammlung ausgesprochen, aber das hinderte die radikale Linke nicht, an ihren Zielen festzuhalten. Sie forderte, den 'Ausbau der Betriebsräte zu selbstständigen revolutionären Organen neben den Gewerkschaften'. Sie wollte nicht 'mitwirken', sondern das 'volle Kontrollrecht über die Betriebsführung' haben."
Archiv: Geschichte

Medien

Als komplizierte Causa beschreibt Hendrik Wieduwilt in der FAZ eine Klage von Tichys Einblick gegen das Recherchezentrum Correctiv, das für Facebook als Faktenchecker agiert. Weil es einen Text des von Roland Tichys Mainstream-Anti-Magazin als teilweise falsch deklariert hat, hatte dieser nun wegen unlauteren Wettbewerbs geklagt, aber vor dem Landgericht Mannheim verloren. Trotzdem: "Im Raum stehen nun gewichtige verfassungsrechtliche Fragen: Darf Facebook überhaupt auf Grundlage privater Klauseln mit einem Redaktionshelfer wie Correctiv andere Beiträge als falsch markieren? Oder ist es wie ein Staat an Artikel 5 Grundgesetz gebunden, müsste also alles außer Straftaten tolerieren?"

Im Aufmacher der NZZ schreibt Chefredakteur Eric Gujer mit selbstgewissem Blick über die Geschichte der Zeitung, die vor 240 Jahren, am 12. Januar 1780, gegründet wurde: "Digitalisierung bedeutet Disruption im journalistischen Selbstverständnis. Man sollte den Wandel ruhig positiv sehen. Er gab schließlich auch den Anstoß für die Gründung der NZZ."
Archiv: Medien