9punkt - Die Debattenrundschau

Allah hat das Virus geschaffen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2020. Wie soll ein Staat "Social Distancing" verordnen, wenn ein Drittel der Bevölkerung weniger als 44 Euro im Monat zum Leben hat, fragt der ägyptische Autor Khalid al-Khamissi in der SZ. Auch in Amerika sind es vor allem die Ärmsten, und damit oft Schwarze, die an Covid-19 sterben, notiert Zeit online. In Weißrussland wird das Virus mit den Methoden der ruhmreichen Sowjetunion behandelt, berichtet die taz: einfach leugnen. In der Türkei gibt der Staat den Bürgern keine Hilfe, sondern bittet selbst um Spenden, schreibt Bülent Mümay in der FAZ. China spielt sich als Musterknabe auf - aber gerade China war eigentlich vorbereitet und hat darum umso schmählicher versagt, ruft Matthias Küntzel im Perlentaucher.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2020 finden Sie hier

Politik

China spielt sich heute als Musterknabe der Corona-Bekämpfung auf. Dabei hat die übrige Welt das Virus dem Versagen der chinesischen Behörden zu verdanken, die es bekanntlich zunächst vertuschten. Noch schlimmer wird dieser Umstand dadurch, dass die Gefahr gerade in China bekannt war, schreibt Matthias Küntzel im Perlentaucher. Im Jahr 2002/2003 wütete in Südostasien die SARS-Epidemie. Seitdem wusste man, dass Corona-Viren gefährlich werden können. Das wichtigste chinesische Institut für die Erforschung von Coronaviren befindet sich in der Stadt Wuhan. Schon "2013 bezeichneten chinesische Wissenschaftler in einem Aufsatz in der Zeitschrift Nature das Auftreten dieses Virus beim Menschen als 'eines der folgenschwersten Ereignisse für die Weltgesundheit'. Dieser Virentyp bleibe auch in Zukunft eine 'erstrangige Bedrohung'. Die meisten der zwanzig Autorinnen und Autoren dieses Aufsatzes kamen vom Institut für Virologie in Wuhan."

"Ägyptische Intellektuelle fragen sich bereits, ob die Seuche der Startschuss für einen Rückzug der Glaubensvertreter aus der weltlichen Sphäre sein könnte und sie nun der Wissenschaft das Primat überlassen werden - nachdem die Religiösen das Leben seit den Siebzigerjahren beherrscht haben", schreibt der ägyptische Schriftsteller Khalid al-Khamissi in der SZ. Zugleich berichtet er, weshalb die ägyptische Regierung die Ausgangssperre auf den Zeitraum von sieben Uhr abends bis sechs Uhr morgens begrenzt hat: "Nach den letzten Erhebungen der Ägyptischen Zentralagentur für öffentliche Mobilisierung und Statistik lebten 2017/18 etwa 33 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung hat also pro Kopf weniger als vierundvierzig Euro im Monat zum Leben. Ein weiteres Drittel der Ägypter lebt an der Grenze zur Armut. Diese Menschen verfügen allesamt kaum über Ersparnisse, die ihnen erlauben, länger als eine Woche zu Hause zu bleiben."

In Amerika trifft die Krise die schwarze Bevölkerung viel stärker als die weiße. Es handelt sich um ein Armutsproblem, schreibt Rieke Havertz in Zeit online am Beispiel Chicagos: "In den ärmsten Vierteln der Stadt, in denen in großer Mehrheit Afroamerikaner und Hispanics leben, werden Zigaretten einzeln an den Straßenecken verkauft, weil sich die wenigsten eine ganze Schachtel leisten können. Die Armut und Arbeitslosigkeit ist hoch, die Gewalt auch, Supermärkte sind hier keine Superstores, sondern kleine Eckläden. Familien leben zusammen auf engem Raum, das Leben spielt sich, sobald es jetzt wärmer wird, auf den Straßen und Veranden ab. Social Distancing ist hier nur schwer möglich. Ein Arztbesuch, wenn man hustet, noch viel weniger."
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Europa

Weißrussland handelt in der Corona-Krise wie einst die ruhmreiche Sowjetunion, es lügt und verschleiert, schreibt Barbara Oertel in der taz: "Genau dieser zynische Umgang mit einer Ausnahmesituation ist auch jetzt wieder in Weißrussland zu besichtigen. Derzeit ist von 1066 Coronainfizierten die Rede, angeblich gibt es 'nur' 13 Tote zu beklagen. Zweifel sind angebracht. Genaue Statistiken des Gesundheitsministeriums gibt es nicht. Der Geheimdienst KGB läuft, auf Anordnung von Lukaschenko, zu Hochform auf. Nicht nur ÄrztInnen, die unangenehme Wahrheiten öffentlich machen könnten, werden bedroht, sondern auch Erkrankte und Angehörige von jüngst in Krankenhäusern Verstorbenen."

Der türkische Staat ist pleite. Statt die Bürger in der Krise zu unterstützen, hat Tayyip Erdogan selbst zu einer Spendenkampagne aufgerufen, um Geld für Notmaßnahmen zu bekommen,erzählt Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne. Und die Kommunikation wird strikt gesteuert: "Der unter dem Dach des Gesundheitsministeriums gebildete Wissenschaftsrat kommt täglich zusammen. Dem türkischen Ärzteverband, der größten zivilgesellschaftlichen Organisation im Gesundheitswesen, der die bisherigen Maßnahmen für ungenügend befindet, wird die Aufnahme in den Rat verweigert. Denken Sie auch nicht, der Rat sei sonderlich wissenschaftlich. Ein Mitglied etwa, Prof. Dr. Mehmet Ceyhan, Spezialist für Infektionskrankheiten, erklärte: 'Allah hat das Virus geschaffen, damit die Bevölkerung nicht haltlos wächst und es mehr Nahrungsquellen gibt.'"
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Gesellschaft

Mit der Entwicklung der medizinischen Möglichkeiten sind wir dazu übergegangen, die Bekämpfung des Todes für selbstverständlich zu nehmen, schreibt Thea Dorn in einem Essay bei Zeit Online. Sie warnt bei allem Verständnis für Statistiken und Maßnahmen davor, dass die "Scoring- und Rating-Mentalität" den Blick für die "elend" in Isolation sterbenden Menschen versperrt: "Ich fürchte, wir müssen - auch in Deutschland - viel mehr über das reden, was in der Antike das allerselbstverständlichste Thema war: darüber, was ein 'guter Tod' sein könnte. Indem wir den Tod als ebenso katastrophalen wie gewissermaßen peinlichen Störfall betrachten, den es um jeden Preis hinauszuzögern gilt, indem wir ihn als GAU behandeln, als größten anzunehmenden Unfall, bei dem unsere Individualität ihre Kernschmelze erlebt, machen wir ihn noch schockierender, als er ohnedies ist."

Nun haben wir "die berührungslose Gesellschaft", die die Journalistin Elisabeth von Thadden in ihrem gleichnamigen Buch diagnostizierte - und die uns auf Dauer ebenfalls krank machen wird, schreibt Anna-Lisa Dieter in der Welt: "Covid-19 verändert unsere erotische Kultur. Wie lange wird es dauern, bis man wieder einen fremden Menschen küssen kann, ohne dabei 'Tröpfcheninfektion' zu denken? Nach dieser Krise werden wir Intimität neu codieren müssen."

Bevor wir über die Zukunft nach der Corona-Krise nachdenken, müssen die Voraussetzungen für eine breite gesellschaftliche Debatte geschaffen werden, schreibt Stefan Brandt, Direktor des Berliner Zentrums für Zukunftsgestaltung im Tagesspiegel. Er fordert ein interdisziplinäres Begleitgremium von Medizinern, Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen, Kulturwissenschaftlern und anderen, die die Bundesregierung beraten: "Wollen wir nach der Krise zurück zum ökonomischen Status quo, in dem die Produktionskette für ein Kleidungsstück zehn und mehr Länder umfasst - oder finden wir eine andere Balance zwischen Globalisierung und Lokalisierung? Wollen wir den Massentourismus der Vor-Corona-Zeit wiederbeleben - oder können wir Erholung und Welterfahrung auch auf nachhaltige Weise suchen? Aus diesen und vielen weiteren Fragen setzt sich 'Wie wollen wir leben?' zusammen."

Im Interview mit Julia Grass (Berliner Zeitung) erklärt der Angstforscher Borwin Bandelow Hamsterkäufe und die Angst vor Corona: "Immer wenn eine neue Gefahr kommt, die unbeherrschbar ist, haben wir davor mehr Angst als vor bekannten Gefahren. Vor zwei Jahren im Winter 2017/2018 gab es etwa 25.000 Grippetote in Deutschland. Nicht auszudenken, wir hätten jetzt 25.000 Corona-Tote, dann wäre hier wirklich Panik. Die Angst vorm Unbekannten beobachtet man auch nach Terroranschlägen oder anderen Virusepidemien. Das menschliche Gehirn hat ein Vernunftgehirn, das Argumente abwiegen und Zahlen und Fakten verstehen kann. Und dann haben wir ein Angstgehirn. Das ist auf der Stufe eines Huhnes."
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Archiv: Gesellschaft

Wissenschaft

Wir brauchen dringend belastbare Daten über die Mortalitätsrate durch Corona, die Durchseuchung der Gesellschaft und die Wirksamkeit der Maßnahmen, sagt Ulrich Dirnagl, Experte für die Qualität medizinischer Forschung und Direktor der Abteilung Experimentelle Neurologie an der Charité im Gespräch mit Anne Brüning (Berliner Zeitung). Wenn die Maßnahmen mehr Opfer fordern als das Virus selbst, geraten wir in eine "gesamtgesellschaftliche Triage-Situation", fährt er fort und verweist auf die "stummen Opfer": "Das sind zum Beispiel diejenigen Menschen, die Symptome eines Schlaganfalls haben, aber weil sie aus Angst vor Covid-19 darauf verzichten, die 112 zu wählen und sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. In Berlin ist seit Corona die Zahl der Patienten in den Stroke-Units um ein Viertel zurückgegangen. Wir können die Folgen im Moment nicht beziffern. Wir haben aber vor, das jetzt systematisch zu modellieren. Das Gleiche müsste für viele weitere Erkrankungen geschehen, etwa Herzinfarkte, Tumorbehandlung und Depressionen. Denn dann könnte man genauer sagen, wie groß die Zahl der stummen Opfer ist."
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Überwachung

Eine App zum anonymisierten Tracken Corona-infizierter Personen soll entwickelt sein. Aber die Experten streiten noch, ob ein zentraler Server die Daten speichern soll, oder ob die App dezentral funktionieren soll. Chris Köver liefert bei Netzpolitik Aufschluss über den komplizierten Streit und zitiert unter anderem den IT-Unternehmer Chris Boos: "In Deutschland, sagt Boos, sei klar, dass nur eine zentralisierte Version umgesetzt werden kann. Die Gesetzgebung zum Datenschutz erlaube es gar nicht, dass Medizindaten wie eine Infektion öffentlich geteilt werden - selbst wenn diese pseudonymisiert seien, wie im Fall des dezentralen Systems. Der Jurist Michael Veale, der das dezentrale Protokoll mitentwickelt hat, argumentiert dagegen, die öffentlichen Daten seien juristisch betrachtet gar keine persönlichen Daten, da sie nur unter Einsatz von illegalen Methoden deanonymisiert werden könnten."

Weiteres: In der NZZ fürchtet Evgeny Morozov, dass die Staaten ihr Vertrauen jetzt allein in technische Lösungen legen (im Jargon: "Solutionismus"). "Covid-19 tut für den solutionistischen Staat, was 9/11 für den Überwachungsstaat bewirkte. Aber die Bedrohung für die politische Kultur der Demokratie, die der Solutionismus mit sich bringt, ist ungleich subtiler - und damit umso heimtückischer." Für Zeit Online begutachtet Lisa Hegemann die vom Robert Koch Institut für Smart Watches und Fitnessarmbänder geplante App, mittels derer die Ausbreitung des Coronavirus über das Abfragen von Aktivitätsdaten der Nutzer verfolgt werden soll.
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