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9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Fahrrädern und Kastenwagen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.04.2020. Arundhati Roy spricht in der SZ über die Armen in Indien, die, auch ohne an Covid-19 erkrankt zu sein, die ersten Opfer der Krise sind. Der Philosoph Martin Seel fordert in der SZ angesichts der Krise eine Politik der "eingestandenen Ungewissheit". Die Ruhrtriennale war in Verruf geraten, weil sie Israelboykotteuren ein Forum verschaffte, nun lädt sie den Israelboykotteur Achille Mbembe zur Eröffnungsrede im August ein, berichtet das Blog Mena-Watch. Bei heise.de erklärt Julia Reda, warum sie ihren Kampf gegen Uploadfilter fortsetzt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

Im Interview mit der SZ weist die Schriftstellerin Arundhati Roy darauf hin, dass es den bürgerlichen Kreisen in den Großstädten auch in der Corona-Krise noch gut geht. Ganz anders "die Arbeiterklasse, die Arbeitsmigranten", von denen es in Indien fast fünfeinhalb Millionen gibt und die jetzt wegen der Ausgangssperren ihre Arbeit und damit auch ihre Unterkünfte verloren haben: "Sie hatten buchstäblich keinen Ort mehr, an den sie hätten gehen können. Es gab keinen öffentlichen Nahverkehr mehr, also haben sie sich auf den langen Marsch in ihre Dörfer aufgemacht, die Hunderte Kilometer entfernt liegen. Es war ein unfassbarer Anblick. Die Polizei hat sie geschlagen und gedemütigt, weil sie sich nicht an die Ausgangssperre hielten. Das waren Hunderttausende Menschen. Die Ausgangssperre, die eigentlich eine soziale Distanzierung erreichen sollte, führte hier zu einem physischen Zusammenpressen von Menschen."

Wirklich traditionell ist der Verzehr von Pangolinen und ähnlichen Wildtieren in China nicht, sagt der in Houston lehrende chinesische Tierschützer Peter Li im Gespräch mit Livia Gerster in der FAS: "Der Handel mit wilden Tieren kam erst in den letzten vierzig Jahren auf. Die Händler behaupten, das Fleisch des Pangolins mache potent, und seine Schuppen heilten Krankheiten. In China sind die Tiere mittlerweile so gut wie ausgestorben. Nun werden sie aus Südostasien und sogar aus Afrika ins Land geschmuggelt und dann für horrende Preise in Restaurants angeboten. Die Industrie hinter der traditionellen chinesischen Medizin bewirbt nicht nur Schuppen, sondern auch Bärengalle, Leopardenknochen, Tigerpenis und Elefantenhaut als Wundermittel. Nichts davon hat eine wissenschaftliche Grundlage. China braucht diese Pseudomedizin nicht, aber leider lassen sich viele von den Profiteuren einlullen."

In der SZ schickt Felwine Sarr Impressionen aus dem stillgelegten Dakar und stellt fest, dass es für die globalisierte Oberschicht ungewöhnlich ist, nicht zu wissen was kommt, keine Pläne und Termine machen zu können. "Für andere, und das ist die Mehrheit, war das Morgen immer gefärbt von Ungewissheit. Es brachte seinen Teil an Herausforderungen und plötzlichen Engpässen, manchmal Überraschungen und Tröstungen. Die ungewissen Zukunftstage, man lernte und wusste mit ihnen zurechtzukommen. Man zähmte die Zeit durch eine Runde Tee, durch das Netz einer Unterhaltung, die sie in einen Ort gehobener Qualität veredelte."

Wie ein Rohrspatz schimpft Autor Ulf Erdmann Ziegler in der taz über all die Zwangsmaßnahmen, die der Staat seinen Bürgern zumutet, und dann auch noch föderal unkoordiniert: "In Berlin darf man einen Buchladen offenhalten; in Hessen durfte der Buchhändler wochenlang die Bücher nicht einmal einzeln zur Tür herausreichen, aber durchaus einen Boten in mein Treppenhaus schicken. Wo endet die Für- und Vorsorge, und wo beginnt die Willkür?
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Kulturmarkt

Es hält sich unter deutschen Journalisten wirklich kein Klischee hartnäckiger als die Behauptung, es gebe die warme, persönliche Kultur auf der einen Seite und das kalte algorithemengesteuerte Digitale auf der anderen Seite. Auch SZ-Redakteur Felix Stephan scheint zu glauben, seine Zeitung werde noch mit der Handpresse hergestellt, wenn er den "prädigitalen Literaturbetrieb aus Verlagen, Kritik, Jurys, Buchhändlern und informierten Lesern" feiert, der die Buchbranchen durch die Corona-Krise trage. Was er meint ist, dass die Verlage ohne Amazon zwar leiden, aber doch irgendwie über die Runden kommen: "In der Krise erleben sich die deutschen Verlage und Buchhandlungen zum ersten Mal seit langer Zeit als resilient und belastbar: Verlage organisieren Kampagnen, in denen sie auf die Orte hinweisen, an denen auch jetzt Bücher verkauft werden. Unabhängige Buchhändler nehmen Bestellungen an und tragen sie zur Abholung zum nächsten Geschäft, das noch öffnen darf, zu Metzgern und Apotheken. Reihenweise fahren Buchhändler mit Fahrrädern und Kastenwagen ihre Bücher selbst zu den Kunden. Schriftsteller lesen aus ihren Wohnzimmern." Das ist ganz wunderbar, nur "prädigital" ist gar nichts mehr. Und die Auslieferung mit Fahrrädern und Kastenwagen dürfte schon in den Außenbezirken der Städte auf ihre Grenzen stoßen.

Stefanie Sippel fragt in der FAZ, wie weit die Hilfen der Bundesregierung für die Kulturbranchen reichen werden, und spricht mit Betroffenen: "Besonders hart trifft die Situation kleine Verlage. Mark Lehmstedt betreibt einen solchen, vier Mitarbeiter hat er in Leipzig. Der Lehmstedt-Verlag bringt vor allem Bildbände heraus. Wie so viele andere hat auch er neuntausend Euro Soforthilfe bekommen. Doch davon kann er nicht einmal für einen Monat seine laufenden Kosten decken: Miete, Versicherungen, Verlagsauslieferung, Lagerkosten, Gewerbesteuern. 'Wir haben einen Umsatzrückgang von 98 Prozent', sagt Lehmstedt."
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Medien

Daniel Laufer und Jan Petter stellen bei Netzpolitik das neue Jugendportal Fritzfeed vor, das sich in seiner Machart an Buzzfeed orientiert und offenbar harmlos verpackte AfD-nahe Positionen propagieren soll: "Über die Fritzfeed-Macher:innen war bislang kaum etwas bekannt. Kein einziger Artikel wurde unter Klarnamen verfasst. Auf Profilen sind Nachnamen gekürzt, ein Großteil der Beiträge erscheint anonym. Im Impressum steht ein Name: Christian Schäler. Der heute 27-Jährige meldete 'Fritzfeed e.K.' bereits im November 2018 als Firma an. Auf Nachfrage bezeichnet er sich als 'Inhaber und Chefredakteur'. Die Inhalte der Seite stammten von 'aktuell zwölf Personen'."
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Stichwörter: Fritzfeed, Buzzfeed, AfD

Urheberrecht

Die europäische Urheberrechtsreform muss in Deutschland umgesetzt werden. Julia Reda fürchtet, dass es immer noch zu Uploadfiltern kommen kann, die dann höchstwahrscheinlich völlig legale Inhalte sperren werden. Bei Heise.de schreibt die ehemalige EU-Abgeordnete der Piratenpartei: "Der einzige Weg, wie Uploadfilter möglicherweise verhindert werden können, ist die Einführung von verpflichtenden kollektiven Lizenzen oder vergüteten Urheberrechtsschranken. Vereinfacht gesagt müsste der Staat Plattformen und Verwertungsgesellschaften zum Abschluss von Lizenzen nach geregelten Tarifen verpflichten, die alle User-Uploads pauschal legalisieren und die Rechteinhaber dafür finanziell kompensieren. Ob das mit internationalem und Europarecht vereinbar ist, ist aber hochumstritten." Reda hat gerade den Verein "control c" gegründet, der sich für Open Access und die Idee eines Offenen Netzes einsetzt, hier stellt sie ihn vor.
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Europa

Der Virologe Hendrik Streeck hat in der Nähe von Heinsberg, einem karnevalbedingten Hotspot der Seuche in Deutschland, eine Studie durchgeführt, deren vorläufige Ergebnissen ihn zur Folgerung führen, dass eine leichte Lockerung der Kontaksperren möglich sei. Über die Studie ist ein Sturm der Entrüstung entstanden, weil die PR-Agentur "Storymachine" des einstigen Bild-Chefs Kai Diekmann bei der Publikation half. Streeck verteidigt sich im Interview mit Matthias Jauch im Tagesspiegel:  "Die Unterstützung haben wir vom ersten Moment an klar und transparent deutlich gemacht. Ich finde übrigens, dass man Forschung so offen dokumentiert, gerade jetzt inhaltlich richtig und spannend. Storymachine hat mir angeboten, uns bei der Arbeit an der Studie zu beobachten, und diese Beobachtungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Sinne der maximalen Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit habe ich dieses Angebot gerne angenommen, und mit der Leitung des Universitätsklinikums abgestimmt." Die taz berichtet auf eine Doppelseite über die Kontroverse.

Auch die Leopoldina, die "Nationale Akademie der Wissenschaften" hat eine vorsichtige Empfehlung zu Öffnungen angegeben, die aber von Jürgen Kaube in der FAZ zerpflückt wird. Lenz Jacobsen liest die Empfehlungen der Leopoldina in Zeit online und glaubt, dass der eigentlich Streit noch kommt: "Am konkretesten sind die Leopoldina-Wissenschaftler bei den Schulöffnungen. Sie empfehlen, als Erstes die Kinder der letzten Grundschulklassen wieder in die Schule gehen zu lassen. Die kleineren Kinder brauchen die Schule dringender, argumentieren die Wissenschaftler. Kitas sollen geschlossen bleiben, weil die Kleinen nichts vom Kontaktverbot verstehen. Aber können Neunjährige wirklich stundenlang Mundschutz tragen und Abstand zu ihren Mitschülern halten? Die Älteren könnten die Regeln sicher besser einhalten und wären damit das geringere Risiko. Wie wägt man das ab? Manche Eltern werden nicht wollen, dass ihre (kleineren) Kinder als Erstes wieder dem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, andere werden sauer sein, dass ihre (größeren oder Kita-) Kinder weiter zu Hause bleiben müssen. So wird es jetzt mit jeder Entscheidung sein."

In Frankreich, wo Präsident Emmanuel Macron ab dem 11. Mai Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführende Schulen wieder öffnen will, ist dieser Streit schon ausgebrochen.  Hier protestieren die Lehrergewerkschaften, berichtet Annika Joeres auf Zeit online: "'Wieso bleiben Cafés geschlossen und Schulen öffnen? Das ist unseriös', sagte Francette Popineau, Generalsekretärin der größten Pädagogengewerkschaft SNUipp-FSU. Die Lehrenden würden 'für die Wirtschaft' geopfert. Tatsächlich arbeiten in Frankreich viel häufiger als in Deutschland beide Eltern. Umso schlechter können Fabriken und Betriebe wieder laufen, wenn die Kinder nicht versorgt sind."
Archiv: Europa

Ideen

Die  Ruhrtriennale war vor zwei Jahren in die Diskussion geraten, weil sie Anhängern der Israelboykottbewegung BDS ein prominentes Forum verschaffen wollte (unsere Resümees). Die Festivalleiterin Stefanie Carp wurde daraufhin vom Landtag  in NRW kräftig kritisiert. Aber nun hat sie wieder einen Anhänger der Bewegung eingeladen, berichtet Alex Feuerherdt dem Blog Mena-Watch. Er bezieht sich auf einen offenen Brief des FDP-Abgeordneten Lorenz Deutsch. Dieser kritisiert den kamerunischen Philosophen Achille Mbembe, der Anfang August den Eröffnungsvortrag über "die globalen Praktiken von Inhaftierung und Eingrenzung" halten soll, "die dazu führen, dass überall auf der Welt Mauern, Tore und Enklaven errichtet werden". Mbembe unterstützt den Boykott israelischer Forscher an Universitäten und hat in der Zeitschrift Radical Philosophy dargelegt, warum er Israels Politik gegen die Palästinenser fast noch schlimmer findet als die einstige Apartheid in Südafrika. "Es zeigt sich auch in seinen Verfahren und Techniken der Zerstörung […] und in seiner fanatischen Zerstörungspolitik, die darauf abzielt, das Leben der Palästinenser in einen Trümmerhaufen oder einen zur Säuberung bestimmten Müllhaufen zu verwandeln. In Südafrika haben die Trümmerhaufen nie ein solches Ausmaß erreicht", so Mbembe laut Feuerherdt. Die Jüdische Allgemeine hatte schon im März berichtet. Mehr auch in Welt online.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hofft im Gespräch mit Ellen Daniel von den Salonkolumnisten, dass die Corona-Krise einen abgemilderten, nicht so scharf auf Individualisierung setzenden Liberalismus durchsetzen hilft: "Denn nun wird sehr deutlich, dass es staatlicher Vorsorge, einer funktionierenden staatlichen Infrastruktur, vor allem im Bereich der Gesundheitsversorgung, aber auch der allgemeinen Krisenreaktion bedarf, um effektives Risikomanagement zu betreiben. Und schmerzhaft wird deutlich, wo die Politik diese Vorsorge vernachlässigt hat. In der Krise sehen wir aber auch: die Krisenbewältigung ist auf kooperierende Bürger angewiesen, die die Prävention der kollektiven Gefährdung vor ihre individuellen Interessen stellen. Und diese Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme scheint sich überraschend gut zu etablieren. Darauf wird man nach der Krise möglicherweise aufbauen können." Für den Tagesspiegel hat Christoph David Piorkowski den Soziologen interviewt.

Ungewissheit (in Grenzen, versteht sich) ist gut für den Menschen, versichert in der NZZ der Philosoph Martin Seel. Sie gehört zur Freiheit dazu. Seel warnt vor allen "Gewissheitsversprechen" von Politikern. Sie wären "eine glatte Lüge. Gute Politik in diesen Tagen zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Entscheidungen im Angesicht eingestandener Ungewissheit trifft. ... Unsicherheitsvermeidung ist die höchste Tugend demokratischer Gesellschaften nicht. Den Rechtspopulisten und ihren radikalen Flügeln ist das mit aller Entschiedenheit entgegenzuhalten. Die Normalisierung der Verhältnisse, die wir alle uns wünschen, darf nicht mit dem Übergang in einen Überwachungsstaat erkauft werden. Sie wird nicht auf Abruf hergestellt werden können, sie wird sich sukzessive einstellen müssen: Die alten Gewohnheiten werden mit neuen einhergehen, die ihrerseits von Fall zu Fall revisionsbedürftig bleiben. Insofern ist und bleibt die Gewissheit der Ungewissheit ein Wahrzeichen der menschlichen Lebensform heute wie gestern."

Sehr interessant liest sich, was Franka Lu in Zeit online über das Buch "Unrestricted Warfare" von Qiao Liang und Wang Xiangsui schreibt, das die chinesische Strategie in der Corona-Krise erklären hilft. Laut diesem Buch, das die jetzige chinesische Führung geprägt habe, kann auch außerhalb des Militärischen alles zur Waffe werden: "Informationstechnologie, öffentliche Meinung, Handel, Finanzwesen, internationales Recht, eine Überschwemmung, ein Kulturaustausch, eine UN-Konferenz, ein Vertrag über den Aufbau eines Mobilfunknetzes, eine archäologische Entdeckung in Xinjiang und immer so weiter. Dabei gibt es bis heute immer nur ein Ziel: die Stärkung der chinesischen Ein-Parteien-Staatsordnung."

Außerdem: Die EU ist viel kritisiert worden, weil sie in der Corona-Krise weitestgehend untätig blieb. Das ist unfair, weil sie auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik nicht zuständig ist. Auf Zeit online schlagen Thomas Wieser von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel und Christian Kastrop, Direktor des Programms "Europas Zukunft" der Bertelsmann Stiftung, daher ein "Konzept der 'europäischen öffentlichen Güter' beziehungsweise der europäischen Gemeinschaftsgüter" vor.
Archiv: Ideen