9punkt - Die Debattenrundschau

Die Idee des Lebenden insgesamt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2020. Achille Mbembe schickt der taz einen sehr milden, versöhnlichen Text, in dem er ein bisschen weiter ausholt, um sein Denken zu erklären - eine Entschuldigung will er aber immer noch. Mbembe gehört auch zu den Unterzeichnern eines internationalen Aufrufs von Professoren, die erklären, nicht mehr in deutsche universitäre Kommissionen eintreten zu wollen, falls dort BDS-nahe Künstler oder Wissenschaftler unerwünscht sind. Im Tagesspiegel fragt Gerhart Baum: Wo war in der Stunde der Exekutive eigentlich die Legislative?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2020 finden Sie hier

Ideen

Achille Mbembe schickt der taz einen sehr milden, versöhnenden "Brief an die Deutschen", in dem er zwar auf das Thema Israel eingeht, aber nicht direkt auf die Kritik an seinen Äußerungen (eine Entschuldigung verlangt er aber nach wie vor). Er versucht eher, sein Denken zu erklären, dass der Essenzialisierung von Identitäten und Differenzen zu entkommen suche. Gelernt habe er das, als er nach dem Vergleich der Erfahrungen der Apartheid und des Rassismus in Amerika verstanden habe, dass sie zu unterschiedlich seien, um daraus eine Philosophie der "Blackness" zu entwickeln: "Unter diesen Umständen ist es geboten, die Suche nach der Möglichkeit einer mit der Gesamtheit des Lebenden solidarischen Menschheit mit neuem Schwung aufzunehmen. Ich versuche, diese Rückkehr zur Idee einer 'Menschenrasse' mit der Idee des Lebenden insgesamt zu verknüpfen, mit der Integration der unteilbaren Biosphäre. Dies ist der Sinn der Kritik von Feindseligkeit in 'Politiques de l'inimitié' und anderen jüngeren Texten."

377 internationale Künstler und Professoren erklären, nicht mehr in deutsche universitäre Kommissionen eintreten zu wollen, falls dort BDS-nahe Künstler oder Wissenschaftler nicht erwünscht sind, melden die Ruhrbarone. Im Text der Erklärung heißt es: "Die Unterzeichner verpflichten sich, nicht in Jurys, Preiskomitees oder universitäre Einstellungsausschüsse in Deutschland einzutreten, wenn es 'klare Indikatoren gibt, dass ihre Entscheidungen ideologischer oder politischer Einflussnahme oder Lackmustests unterworfen" wird." Zu den Unterzeichnern gehört auch Achille Mbembe, neben vielen der üblichen Verdächtigen wie Judith Butler, Etienne Balibar, Noam Chomsky. Der volle Text findet sich hier.

Ähnlich wie gestern der mazedonische Schriftsteller Nikola Madzirov (unser Resümee) ist auch Daniel Barenboim der Ansicht, dass Erinnerung nicht bedeuten darf, sich zum Sklaven der Vergangenheit zu machen: "Mit dem Erinnern muss ein zusätzlicher konstruktiver Aspekt verbunden sein, es muss ein aktives Erinnern stattfinden", schreibt er in der FAZ. "Übertragen auf die Erinnerung an den Holocaust, bedeutet dies, dass der Erwerb von Wissen durch das Verstehen seines eigentlichen Wesens es uns ermöglicht, nicht Sklave einer Erinnerung zu sein, die wir nicht vergessen dürfen. Andernfalls wird es eine Rechtfertigung für undemokratische und militaristische Tendenzen bieten, welche Gegenwart und Zukunft sowohl der israelischen als auch der palästinensischen Gesellschaft ernsthaft gefährden."

Im Guardian findet Kenan Malik die Vorstellung, die geplagte Natur schlage zurück mit dem Coronavirus, ziemlich albern, um nicht zu sagen boshaft angesichts der vielen Toten. "Die Romantisierung des 'Natürlichen' ist, so der Religionswissenschaftler Alan Levinovitz, im Privileg verwurzelt. Nur wer einen Lebensstil genießt, der ausreichend vor den Verwüstungen der Natur geschützt ist, hat die Lizenz, sie zu romantisieren. In Ländern mit robusten Gesundheitssystemen haben die Menschen die Wahl, sich für eine natürliche Geburt oder alternative Medizin zu entscheiden oder Impfstoffe abzulehnen. In vielen Teilen der Welt, in denen die 'natürliche' Geburt für Frauen ein Zwang und keine Wahl ist, ist sowohl die Mütter- als auch die Säuglingssterblichkeitsrate erschreckend hoch. Es ist die Armut, die so viele im globalen Süden dazu verurteilt, sich auf die traditionelle Medizin zu verlassen oder ohne Impfstoffe zu leben."

Außerdem: In der FR denkt der Philosoph Otfried Höffe über das Menschen- und Naturbild des Trans- und des Posthumanismus nach.
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Geschichte

Ein sehr großer Teil der osteuropäischen Juden ist nicht in Vernichtungslagern, sondern vor Ort durch Erschießungen umgebracht worden, besonders in der heutigen Ukraine. Diesem "Holocaust durch Kugeln" widmet sich der Band "Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine" des ukrainischen Historikers Boris Zabarko, den Christoph Brumme bei libmod.de vorstellt. Der Band bringt viele Berichte Überlebender: "Dass diese beklemmenden Berichte so spät erscheinen, viele Jahrzehnte nach den Massenmorden, liegt auch daran, dass in der Sowjetunion der Holocaust verschwiegen wurde. Über den Genozid an den sowjetischen Juden wurde weder gesondert berichtet noch geforscht. Auf den Denkmälern und Mahnmalen aus jener Zeit war immer nur zu lesen, dass dort friedliche Sowjetbürger von den Faschisten ermordet wurden, ohne Hinweise darauf, dass es sich um Juden handelte. Sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland ist über den 'Holocaust durch Kugeln' viel zu wenig bekannt."
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Internet

Die EU-Kommission erwägt offenbar recht konkret, eine Art zentraler Behörde zur Überwachung der großen Internet-Plattformkonzerne zu schaffen, berichtet Friedrich Greis bei golem.de. Zunächst soll aber eine Folgenabschätzung stattfinden: "Die Studie soll demnach untersuchen, inwieweit die Plattformanbieter ihre eigenen Produkte begünstigen und dazu gezwungen werden könnten, bestimmte Geschäftsbereiche abzugeben. Als Beispiel werde Amazon genannt, das einen Marktplatz betreibe und dort gleichzeitig als Verkäufer agiere. Apple wird unter anderem vorgeworfen, seine eigenen Produkte im App-Store zu bevorzugten Konditionen zu vertreiben."
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Medien

Die Chefredaktionen deutscher Medien sind von der Herkunft her doch recht homogen, konstatiert Erica Zingher in der taz, die eine Studie zum Thema vorstellt. "Das Ergebnis ist ernüchternd: Von 126 befragten Chefredakteur*innen sind 118 Deutsche ohne Migrationshintergrund. 'Sie sind eine homogene Enklave', heißt es. Lediglich 6 Prozent der Chefredakteur*innen haben also einen Migrationshintergrund. Besonders diskriminierte Gruppen seien hier überhaupt nicht vertreten, 'kein Chefredakteur und keine Chefredakteurin, der oder die Schwarz ist, aus einer muslimisch geprägten Familie oder einer der größten Einwanderergruppen (türkisch, polnisch, russischsprachig) stammt'." Mehr zur Studie hier.
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Stichwörter: Diversität

Kulturpolitik

Künstlern und Szenen, die auf Publikum angewiesen sind und sich nicht einfach so digitalisieren lassen, wird es langsam mulmig. Lars Fleischmann schildert in der taz die völlig unterschiedlichen Ansätze der Bundesländer, KünstlerInnen zu unterstützen, in denen das Land NRW besonders schlecht abschneidet. Hier haben KünstlerInnen einen offenen Brief verfasst um zu protestieren: "In NRW verweist das Ministerium in Düsseldorf auch auf die andere Möglichkeit eines 'vereinfachten Zugangs zu Leistungen der Grundsicherung'. Über den Umweg des Jobcenters, erfährt man auf der Seite der Arbeitsagentur, soll man durch einen einfachen Antrag 'finanzielle Engpässe überbrücken' können. Das hören die Unterzeichner*innen des offenen Briefs aber nur ungern: 'Uns nun auf das ALG II zu verweisen ist indiskutabel. Wir sind nicht arbeitslos!' Während Angestellte immerhin Kurzarbeitergeld erhielten, sei für Künstler*innen nun das Existenzminimum angesagt."

Im Interview mit Zeit online erklärt Leiter Hartmut Dorgerloh, warum das Humboldt Forum nach mehreren Verschiebungen jetzt auch im September nicht eröffnet werden kann: Die Lieferketten sind wegen Corona zusammengebrochen. Und auch die für die Eröffnung angesetzte große Elfenbein-Ausstellung kommt für September nicht zustande. "Die Kolleginnen und Kollegen vom Nationalmuseum in Kenia, mit denen wir für die Ausstellung zusammenarbeiten, dürfen nicht hierherkommen und wir nicht zu ihnen. Und bis auf Weiteres ruht auch erst mal der internationale Leihverkehr."

Europa

Der Lockdown war notwendig, davon ist der FDP-Politiker Gerhart Baum überzeugt. Aber bei dem, was jetzt danach kommt, muss man aufpassen, meint er im Tagesspiegel, schlau geworden in all den Jahren, in denen die Terrorismusgefahr benutzt wurde, die Freiheiten der Bürger auf Dauer immer mehr einzuschränken: "Ein wesentliches rechtstaatliches Defizit sehe ich in der mangelnden Mitwirkung der Parlamente. Es ist mir unverständlich, dass der Bundestag und etliche Landesparlamente ihre Rechte so ohne Weiteres aus der Hand gegeben haben. Allein der nordrhein-westfälische Landtag hat darauf gepocht, über die Fortgeltung der gesundheitlichen Notlage in regelmäßigen Abständen mitzuentscheiden. An diesem Vorwurf ändert nichts, dass - wie die Bundesjustizministerin rechtfertigend anführt - in den Ausschüssen des Deutschen Bundestages darüber beraten wurde. Damit wird dieses Defizit nicht kompensiert. Es ist nicht hinnehmbar, dass der Bundesgesundheitsminister per Verordnung am Gesetzgeber vorbei agieren kann und dass die gesamte Eindämmungspolitik auf einer Generalklausel im Bundesinfektionsschutzgesetzes beruht."
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Stichwörter: Baum, Gerhart, Corona, Fdp

Gesellschaft

In Finnland hat das Sozialversicherungsinstitut Kela zwei Jahre lang mit 2000 Langzeitarbeitslosen ein Grundeinkommen getestet. Im Interview mit Zeit online erklärt Projektleiterin Marjukka Turunen, was das gebracht hat. Mehr bezahlte Arbeit leider nicht: "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiteten im Durchschnitt nur sechs Tage mehr im Jahr ... Aber allein mit Geld holt man die Leute nicht in die Arbeitswelt zurück. Und auch wenn die Effekte auf dem Arbeitsmarkt nicht signifikant waren: Lohnarbeit ist nicht der einzige Maßstab für Erfolg. Laut unserer Umfragen wurde doppelt so viel Freiwilligenarbeit geleistet und andere unbezahlte Arbeit wie die Betreuung von Angehörigen stieg um ein gutes Drittel."
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