9punkt - Die Debattenrundschau

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Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2020. Ob in Russland, China, in der Türkei oder in Bangladesh - überall auf der Welt werden oppositionelle Künstler und Aktivistinnen, die die Wahrheit über Corona berichten, bedroht und verfolgt, beobachtet der Tagesspiegel. Der Theologe Christoph Markschies  erklärt das Kreuz auf dem Humboldt-Forum in der Berliner Zeitung zum "Teil einer Ausstellungsarchitektur". Die Debatte um Achille Mbembe wird in Zeit und taz weitergeführt, die um Drosten überall. Und die Frankfurter Buchmesse findet statt!
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2020 finden Sie hier

Politik

Ob in Russland, China, in der Türkei oder in Bangladesh - überall auf der Welt werden oppositionelle KünstlerInnen und AktivistInnen, die die Wahrheit über Corona berichten, bedroht und verfolgt, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Manchmal genügt ein Tweet oder ein Video. Wo keine Demokratie herrscht, werden Blogger, Aktivisten, Autoren, ja ganze Print- oder Online-Medien kriminalisiert, nur wegen Corona-Infos. In China wurden Bürgerjournalisten und Anwälte aufgegriffen, nachdem sie aus Wuhan berichtet hatten. Der Video-Blogger Fang Bin und der Jurist Chen Qiushi sind seit über drei Monaten verschwunden. Seit Mitte April wird auch der Pekinger Aktivist Chen Mei gemeinsam mit zwei Mitstreitern vermisst. Sie hatten an einem Projekt mitgearbeitet, das von der Zensur blockierte oder gelöschte Covid-19-Nachrichten wiederherstellt. Auf den Philippinen wurde die Künstlerin Maria Victoria Beltran wegen eines satirischen Facebook-Posts über steigende Infektionszahlen in Cebu City 16 Stunden lang an einen Stuhl gekettet und mit Haft bedroht, falls sie weiter 'Fake News' verbreitet."

In der SZ fragt sich der ägyptische Schriftsteller Khaled el-Khamissi derweil, weshalb in Ägypten Immobilienmogule und Killer begnadigt, Oppositionelle und Aktivisten aber ohne Gerichtsverhandlung weiter inhaftiert bleiben.
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Kulturmarkt

"Die Frankfurter Buchmesse 2020 (14.-18. Oktober) findet statt - als physische Messe mit einem digitalen Rahmenprogramm", meldet das Börsenblatt: "Grundlage für die Durchführung der 72. Frankfurter Buchmesse auf dem Messegelände ist ein detailliertes Gesundheits- und Hygienekonzept, das die dann geltenden Schutzverordnungen des Landes Hessen umsetzt und die Sicherheit der an der Messe teilnehmenden Besucher*innen, Aussteller*innen und Mitarbeiter*innen gewährleistet." Die Messe soll aber deutlich kleiner werden, ergänzt der Buchreport.
Archiv: Kulturmarkt

Gesellschaft

Im Wirtschaftsteil der Zeit streitet das amerikanische Soziologen-Ehepaar Saskia Sassen und Richard Sennett über die Folgen der Coronakrise. Sennett fürchtet, dass "Hunderttausende kleiner Geschäfte pleite sein (werden), die Einzigen, die diese Zeit überstehen können, sind die großen Konzerne. Und danach, um es etwas zu übertreiben, könnte es keine italienische Trattoria nicht mehr geben, sondern nur noch McDonald's." Sassen sieht's romantischer: "Aber kleine Unternehmen brauchen auch nicht viel, Richard. Wenn einige große Unternehmen und Handelsketten pleitegehen, könnte durchaus eine sehr viel lebendigere Stadtkultur entstehen, mit vielen winzigen Geschäften in den Vierteln. In diesem Sinne würden wir in eine ältere Epoche zurückkehren."

Wir erleben derzeit ein "großes soziologisches Experiment" sagt der Sozialphilosoph Oskar Negt im FR-Gespräch mit Daniel Behrendt mit Blick auf das "Stillhalten" in der Gesellschaft: "Aus dieser Perspektive scheinen mir 'Hygiene-Demos' und der Unmut einer Minderheit weit weniger interessant als der leise, vielleicht auch fragile Bewusstseinswandel, der sich gerade in der breiten Gesellschaft vollzieht. Die Menschen entdecken, wie sehr Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt von ihrem eigenen Handeln abhängen, wie viel in ihrer eigenen Verantwortung, aber auch ihrer eigenen Handlungsmacht liegt. In diesem allmählich aufkeimenden Bewusstsein liegt die große Chance, 'demokratische Antikörper' gegen antidemokratische Tendenzen und Denkweisen zu entwickeln, wie der Frankfurter Politikwissenschaftler Reiner Forst kürzlich zutreffend feststellte."

Selbst in gutwilligen Auseinandersetzungen mit dem Thema Vergewaltigung - so etwa in einem Video das die Autorin Gilda Sahebi in einer Show der Entertainer Joko und Klaas gesehen hat - werden vergewaltigte Frauen als Opfer dargestellt, die auch nach der Attacke starr vor Angst sind. Sahebi, die selbst vergewaltigt wurde, erklärt in der taz, warum sie sich diesem Bild vom Opfer nicht mehr fügen will: "Für mich aber war das Gefühl, Opfer zu sein, ein Gefängnis, in das ich mich selbst geschlossen hatte. Niemand hatte mich dazu gezwungen. Was mir passiert ist, habe ich mir nicht ausgesucht. Aber ich hatte geglaubt, der Weg nach dem Missbrauch sei vorgezeichnet. Schließlich war es das, was ich überall sah, zu sehen bekam: Frauen, die sexuellen Missbrauch, Übergriff, Hass erleben, sind gezeichnet. Dieser eine Moment, diese furchtbare Zeit in ihrem Leben, diese traumatisierenden Erfahrungen, prägen den Rest ihres Lebens, binden sie an den Täter, an die Männer. Das ist nicht wahr. Ich hörte auf, der Erzählung zu glauben."

Politisch motivierte Straftaten haben 2019 deutlich zugenommen, meldet Andrea Nüsse im Tagesspiegel: "Rechtsextrem motivierte Taten dominieren, aber linksextrem motivierte Straftaten haben besonders stark zugenommen, gestiegen sind insbesondere antisemitische Straftaten und in geringerem Maße anti-muslimische."

Weiteres: Die Coronakrise lässt die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern wie "unter einem Brennglas" hervortreten, schreiben die Soziologen Jutta Allmendinger und Jan Wenzel in der NZZ. Ebenfalls in der NZZ sinniert Thomas Ribi über Mitgefühl in Zeiten von Corona.
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Archiv: Gesellschaft

Internet

Twitter hat Leser von Trump-Tweets neulich unter Tweets mit falschen Behauptungen zu Briefwahlen zu Factchecking aufgerufen. Trump ist wütend. Aber Charlie Warzel glaubt in der New York Times nicht, dass Twitter Trump die Plattform entziehen sollte:  "Sollte Twitter die nukleare Option ziehen, würde es eine so heftige Zensurdebatte auslösen, dass das Thema im Kongress oder vor Gericht landen würde. Es würde das Unternehmen auch in die Rolle versetzen, in der es sich am unbehaglichsten fühlt: die des Schiedsrichters über die Wahrheit."

In der Welt lobt Christian Meier indes zaghaft den Vorstoß von Twitter: "Wer sich dann selber einen Teil seiner Reichweite wegschneidet, weil er tatsächlich konsequent Falschinformationen ausblendet oder löscht, auch solche, die durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind (ganz häufig sind sie das), der muss eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen und fragen: Was bringt mir mehr - die Leute machen zu lassen, weil der Laden dann brummt, oder den Laden sauber zuhalten, weil das die anderen Leute gut finden? Bisher war immer die erste die von den Firmen gewählte Variante." Ein kleiner Anfang von Twitter ist gemacht, kommentiert auch Lisa Hegemann auf Zeit Online.
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Stichwörter: Twitter

Kulturpolitik

Die Kuppel, das Kreuz und die Inschrift sind eben auch Ausstellungsstücke, sagt der evangelische Theologe, Historiker und ehemalige Präsident der Humboldt-Universität Christoph Markschies im Gespräch mit Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) zur Debatte um das Kreuz auf dem Humboldt Forum (Unsere Resümees): "Unter der Kuppel und dem Kreuz wird ja eine buddhistische Höhle mit Wandmalereien inszeniert, die auch eine Rekonstruktion eines Objektes von der Seidenstraße mit Originalteilen ist. Es kommt immer darauf an, dass Betrachter im Museum die Objekte einordnen können. Da könnten also beispielsweise beim Humboldt-Forum außen Fernrohre stehen und dazu die notwendigen Erklärungen gegeben werden - sonst versteht die eine Hälfte der Besucher das Problem nicht und die andere Hälfte versteht es miss. In jedem Fall muss klar werden, dass es sich bei all dem um Teile einer Ausstellungsarchitektur handelt, nicht um die Bauzier einer Kirche und nicht um die Botschaft des Humboldt-Forums." In der taz kann Susanne Messmer wenigstens der Diskussion um das Kreuz etwas Gutes abgewinnen: "Es ist doch erstaunlich, wie ausdauernd die Architektur eines alten Gebäudes als produktive Reibungsfläche zu dienen in der Lage ist."

Ideen

Die postkolonialen Studien sind längst nicht mehr postkolonial, sondern sind inzwischen vor allem in den hiesigen Geisteswissenschaftern verinnerlicht und zu einer Art Doxa geworden. Und so übernimmt die hiesige akademische Linke etwa Achille Mbembes Denken über Israel, diagnostiziert Jens Jessen in der Zeit. Dabei habe man "die Opferskala des Postkolonialismus längst von Hautfarben und Kategorien des historischen Rassismus befreit .. und kurzerhand alle Schwachen und Ohnmächtigen zu 'Schwarzen' und alle Starken und Herrschenden zu 'Weißen' erklärt. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zur Perhorreszierung Israels als eines florierend kapitalistischen und mit den USA verbündeten 'weißen' Herrenstaates - unter souverän kaltherziger Ausblendung der jüdischen Opfer- und Leidensgeschichte."

In Antwort auf einen Artikel Daniel Bax' (unser Resümee) fasst Remko Leemhuis vom American Jewish Committee (AJC) in der taz einfach nochmal alle Äußerungen Mbembes zu Israel zusammen - eine für Mbembe insgesamt recht peinliche Bilanz: "So bezeichnet er den israelisch-palästinensischen Konflikt als größten 'moralischen Skandal des 21. Jahrhunderts'. Schon diese schiefe Optik wirft Fragen auf. Hat Mbembe noch nie vom Bürgerkrieg in Syrien gehört? Oder vom Bürgerkrieg im Jemen und der dort anhaltenden Hungersnot? Und um weitaus dramatischere Konflikte zu finden, muss sich Mbembe nicht mal mit dem Nahen Osten beschäftigen. Dem Hochschullehrer in Südafrika sollte ein Blick über die Grenze nach Simbabwe genügen, wo Robert Mugabe über Jahrzehnte grausam geherrscht hat... Wo bleibt die moralische Entrüstung über die misogynen Faschisten von Boko Haram? Zu alldem hat er sich wenig oder nicht geäußert. Nur der israelisch-palästinensische Konflikt erregt offenbar so sehr Mbembes Zorn, dass er fordert, Israel 'global zu isolieren'."

Das Robert-Koch-Institut muss umbenannt werden, fordert der Globalhistoriker Jürgen Zimmerer im Dlf-Kultur-Gespräch mit Ute Welty. Im Auftrag der deutschen Kolonialverwaltung experimentierte Koch zur Bekämpfung der Schlafkrankheit im heutigen Tansania an Afrikanern mit dem arsenhaltigen Mittel Atoxyl, das bald zur Erblindung führte, erklärt Zimmerer: "Er erhöhte die Dosen noch mal, und das führte zu Erblindung und bis zum Tod einzelner Leute. Und obwohl er das wusste, empfahl er dann der deutschen Kolonialverwaltung eine großflächige Atoxyl-Kampagne, zu sagen, im Grunde sterben zwar die Leute, während sie diese Behandlung haben, sie werden nicht geheilt, auch das war klar, er konnte keinen Beweis erbringen, dass eine endgültige Heilung möglich ist. Aber während sie behandelt werden, sind sie als Erregerherd eigentlich ausgeschaltet. Das heißt, um andere zu schützen - und da wird es jetzt auch sehr modern, die Frage - um andere zu schützen, hat er im Grunde Einzelne geopfert."
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Medien

"Gibt es vielleicht gute Gründe dafür, dass unter Politikerinnen und Politikern mit Einfluss, unter deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Weltrang so wenige sind, die die Rolle des Krisenerklärers auf sich nehmen wollen?", fragt der Psychiater Jan Kablitzer mit Blick auf die Debatte um Christian Drosten und die Bild (Unser Resümee) auf Zeit Online:  "In den USA lässt sich im Großen beobachten, was man in Deutschland bisher vor allem in sozialen Medien und bei einigen Demonstranten sieht: welche Narrative die Oberhand gewinnen, wenn eine ausgewogene, differenzierte Geschichte der Krise fehlt. Dann setzt sich ein Narrativ der Krise als 'wir gegen die anderen' durch, bei dem schnell aus vermeidbaren Schwerkranken und Toten unvermeidbare Opfer gemacht werden, tragische Helden wider Willen im Kampf von Gut gegen Böse."

Drosten ist nebenbei inzwischen auch ein ganz guter Virtuose der sozialen Medien. Das zeigt seine Reaktion auf die Anfrage der Bild-Zeitung, sich gefälligst sofort zu den Vorwürfen zu äußern, beobachtet Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne: "Christian Drosten veröffentlichte die Anfrage des Autors auf Twitter mit der Bemerkung, die Bild-Zeitung plane eine tendenziöse Berichterstattung und habe zusammenhangslos irgendwelche Zitate zusammengewürfelt. Bumm, 60.000 Likes inklusive Vorberichterstattung, was wiederum ein Framing des Bild-Artikels gesetzt hat."
 
Die aktuelle Pandemie zeigt den "Zwiespalt von alltäglichem Wahrnehmen und wissenschaftlichem Erkennen nur in besonders zugespitzter Form", sekundiert Gustav Seibt in der SZ: "In den Debatten, die sich daran knüpfen, ist immer wieder von Meinungsfreiheit die Rede. Eine unumstrittene wissenschaftliche Wahrheit gebe es nicht. Selbst 'Fakten' seien theorieabhängig, sie lassen sich zur Not anders lesen. Und damit wird die wissenschaftliche Diskussion zu einer Art politischem Meinungsstreit, bei dem jeder Standpunkt seine Berechtigung, sein Recht auf Gehör habe. Dahinter verbirgt sich die berechtigte Wahrnehmung, die Hannah Arendt in ihrer klassischen Abhandlung über 'Politik und Wahrheit' in die Beobachtung brachte: in einer rein politischen Perspektive nehme sich Wahrheit - Vernunftwahrheit, wissenschaftliche Wahrheit - als Konkurrent im Machtkampf aus."

Der Streit wird auch mit anderen Mitteln ausgefochten: Meedia meldet, dass die AOK ihre Anzeigenkampagne "Für ein gesünderes Deutschland" von der Bild abzieht.
Archiv: Medien