9punkt - Die Debattenrundschau

Auf Faxgeräte angewiesen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2020. Dass die antirassistischen Proteste auf Europa übergesprungen sind, ist im Zeitalter der Migration nur logisch und gut, meint Gustav Seibt in der SZ. Die Debatte um J.K. Rowling wird in Britannien weitergeführt: Dass Geschlecht nicht einfach eine Frage der eigenen Entscheidung ist, macht Alex Massie vom Spectator am Sport deutlich. Und Zoom beugt sich laut Tagesspiegel China, Twitter laut Welt nicht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

In Deutschland reagieren die Medien nur zaghaft auf die Debatte um J.K. Rowling (vielleicht hat noch keiner der Wortführer die Parole ausgegeben?) In Britannnien solidarisiert sich Alex Massie vom Spectator mit Rowling (unser Resümee) und macht am Beispiel des Sports deutlich, dass Geschlecht nicht einfach eine Frage der eigenen Entscheidung ist: "Es mag ja selten sein, dass männliche Geborene im Frauensport an Wettkämpfen teilnehmen, aber es wird immer weniger selten. Vielleicht haben Sie das Gefühl, dass dies nur fair ist. Transgender-Athleten müssen die Möglichkeit haben, an Wettkämpfen teilzunehmen. Aber dann werden einige von Ihnen vielleicht auch das Gefühl haben, dass dies unfair ist. Und dass Sie den Eindruck haben, dass vor allem in Sportarten, die auf Kraft und Explosivität setzen, männlich Geborene einen ungerechten Vorteil gegenüber ihren  Rivalinnen haben."

Ausgerechnet die Vogue wird dagegen zum Hort der Queerness: Eine der deprimierenden Lehren aus de Debatte sei "die Erosion der Harry-Potter-Marke" schreibt Raven Smith. "Es geht nicht um den Verlust der Leser oder des Einnahmen (J.K. kann finanziell alles mitnehmen), es sind Grundlagen der Welt, die sie für uns baute, die auf einmal schwankend erscheinen."

Homophobie und ähnliche Formen des Ressentiments unter Muslimen in westlichen Ländern sind keine Reaktion auf eigene Diskriminierungserfahrungen, meint der Soziologe Ruud Koopmans im Gespräch mit Gerald Wagner in der FAZ. Es gibt aber Zeichen der Hoffnung: "Das Ausmaß an Homophobie, Antisemitismus, an traditionellen Geschlechterrollenauffassungen und religiösem Fundamentalismus liegt zwar unter den muslimischen Migranten deutlich höher als in der Mehrheitsgesellschaft oder auch in anderen Migrantengruppen, aber zugleich auch deutlich unter dem Ausmaß in den Herkunftsländern. Insofern findet eine gewisse Assimilation an die Wertvorstellungen der Einwanderungsländer durchaus statt, in der zweiten Generation auch mehr als in der ersten. Aber es bleibt vorerst eine Lücke, da die zu überbrückende kulturelle Distanz einfach sehr groß ist."

Peter Hemecker schildert bei hpd.de en détail, wie  Städte immer wieder kirchliche Träger etwa für Kitas bevorzugen - auch aus komplizierten finanziellen Beweggründen. Und die Parteien sind sich alle einig: "In der eingangs erwähnten Sitzung der Bezirksvertretung Münster-Südost vom 10. Juni 2020 protestierte allein die Vertreterin der Piraten gegen die Trägervergabe an die katholische Kirchengemeinde wegen der starken Kumulierung kirchlicher Einrichtungen. Die CDU sagte, sie finde das doch gerade gut, dass die Katholiken wieder eine Kita bekämen. 'Das kann ich mir lebhaft vorstellen, Sie sind ja auch von der CDU', entgegnete die Piratin. In der anschließenden Abstimmung geschah dann das Unfassbare: Nicht nur CDU, sondern auch Grüne, SPD und FDP stimmten einstimmig ohne weitere Kommentare und Bedenken für die städtische Empfehlung zugunsten der kirchlichen Trägerschaft."
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Internet

In der Coronakrise, die zur Schließung vieler Bibliotheken führte, hat das Internet Archive eine "National Emergency Library" gegründet und die Ausleihe eingescannter Bücher erleichtert. Dagegen klagen nun einige amerikanische Verlage, darunter Randomhouse, Hachette und HarperCollins, schreibt Julia Barthel in Netzpolitik. Internet-Archive-Gründer Brewster Kahle begründet seine Initiative in einem Blogpost so: "Als Bibliothek erwirbt das Internet-Archiv Bücher und leiht sie aus, wie es Bibliotheken schon immer getan haben." Aber mit der Klage der vier Verlage hat sich diese Situation nun verändert, so Barthel: "'Trotz des Spitznamens Open Library gehen die Handlungen des Internet Archives weit über die legitimen Bibliotheksdienste hinaus, verletzen das Urheberrechtsgesetz und stellen vorsätzliche digitale Piraterie im industriellen Maßstab dar', schreiben die Kläger. Damit werde nicht nur das temporäre Projekt der National Emergency Library, sondern die digitale Bücherleihe grundsätzlich angegriffen, antwortet das Internet Archive in einem Blogpost mit der abschließenden Aufforderung: 'Lasst uns ein digitales System bauen, das funktioniert.'"

Trotz einiger Fortschritte beim Breitbandausbau steht Deutschland in der Digitalisierung allenfalls mittelmäßig da, schreibt Jörg Hunke in der Berliner Zeitung nach Lektüre einer EU-Studie zum Thema: "Besonders schlecht sieht es .. bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung aus. Hier steht Deutschland nur auf Rang 21... Und das machte sich auch in der Coronakrise bemerkbar, als bundesweit die Gesundheitsbehörden mit den neuen Herausforderungen bei der Erfassung von Infizierten und Erkrankten an ihre Grenzen kamen, weil sie noch auf Faxgeräte angewiesen sind." Im Kommentar erklärt Hunke den Lesern nochmal, dass das Internet nicht wieder weggehen wird.

Der in Mode gekommene Videokonferenzendienst Zoom beugt sich (anders als Twitter) der chinesischen Regierung und lässt Menschenrechtler nicht konferieren - ein schwerer Fehler, meint Sebastian Christ im Tagesspiegel: "Offene Kommunikation im Netz ist nur dann möglich, wenn die dazu genutzten Kanäle allen Menschen gleich zur Verfügung stehen. Ein expandierendes Unternehmen wie Zoom lebt davon, möglichst viele Menschen mittels Videokonferenzen zu verbinden. Der Opportunismus, den Zoom gegenüber der chinesischen Regierung nun an den Tag gelegt hat, könnte das Unternehmen am Ende teuer zu stehen kommen."

Twitter ist in China verboten. Aber die chinesische Regierung nutzt Twitter für ihre Propaganda. Twitter hat jetzt zurückgeschlagen und Tausende Konten aus Russland, der Türkei und eben China gelöscht, berichtet Deniz Yücel in der Welt: "Betroffen sind 1152 Accounts aus Russland, 7340 aus der Türkei und 23.750 aus China. Zusätzlich zu diesen 'hochaktiven' Konten habe man, so teilte das US-Unternehmen am Donnerstagabend mit, rund 150.000 weitere chinesische Accounts gesperrt, die als Verstärker gedient haben sollen."

Außerdem: In der FAZ stellt Wolfgang Kleinwächter eine Initiative der Vereinten Nationen für ein "weltweit freies Internet" vor (mehr dazu hier).
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Wissenschaft

Das MIT beendet seine Verträge mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier, berichtet Sebastian Grüner bei golem.de. Elsevier ist für seine exorbitanten Preise für die Publikation wissenschaftlicher Texte bekannt - vor allem aber konnte sich das MIT mit Elsevier nicht auf eine Open-Access-Publikation seiner Papiere einigen, unter anderem weil Elsevier auch noch eine Übertragung von Urheberrechten verlangt: "Das MIT veröffentlichte für seine Verträge mit Wissenschaftsverlagen Ende vergangen Jahres ein Framework mit Richtlinien für die Zusammenarbeit. Dieses 'gründet in der Überzeugung, dass der offene Austausch von Forschungs- und Bildungsmaterialien der Schlüssel zur Mission des MIT ist, Wissen weiterzuentwickeln und dieses Wissen für die größten Herausforderungen der Welt einzusetzen'. Einer der wichtigsten Punkte dabei ist die Möglichkeit zur Open-Access-Publizierung, was wiederum nur möglich ist, ohne das eigene Urheberrecht komplett an den Verlag abzutreten."
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Stichwörter: Open Access, MIT, Urheberrecht

Politik

Masha Gessen legt in Deutschland gerade ihr neues Buch "Autokratie überwinden" vor. Im Interview mit Jan Pfaff von der taz erzählt sie ganz konkret, wie der Trumpismus die Institutionen der amerikanischen Demokratie untergräbt: "Nach dem Rücktritt von Präsident Nixon hatte der Kongress das Amt des Inspector General geschaffen - es gibt Inspector Generals für jeden Teilbereich der Regierung, interne Aufpasser. Ihr Auftrag ist es, die Regierungspolitik zu überwachen, Missmanagement und Betrug aufzudecken und die Ausgaben zu kontrollieren. Sie berichten direkt an den Kongress. Es ist ein Kontrollinstrument der Legislative gegenüber der Exekutive. Mit einer Schwäche. Der Präsident kann einen Inspector General jederzeit feuern. Das hatte zuvor kein Präsident gewagt, Trump macht es wöchentlich und zerstört so dieses Instrument." Die Welt bringt heute einen Vorabdruck aus ihrem Buch.
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Ideen

Wenn jetzt nicht nur in den USA, sondern auch in Europa Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt protestieren, zeigt sich Gustav Seibt (SZ), dass "der Westen" doch noch existiert, zumindest als "normatives Projekt", wie Heinrich August Winkler es einmal beschrieb: "Europa, das so lange die Welt eingeteilt und besiedelt hat, ist inzwischen selbst zu einem Einwanderungsgebiet geworden. Es wird dabei ähnlich multiethnisch, wie es die USA seit jeher waren. Damit ist auch die Erblast des Kolonialismus an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt. Der Sprung des Protests über den Atlantik hat einen historischen Grund in der Sache; er ist mehr als wohlfeile moralische Selbsterhöhung, wie manche Kritiker glauben. Der Kampf um Anerkennung, den eingewanderte Europäer heute führen, macht auf seine Weise Ernst mit dem normativen Projekt des Westens."

In der NZZ denkt der Politikwissenschaftler Adrian Lobe über den Virus als Kommunikationsmodell in der Massengesellschaft nach. Viren, überlegt er mit Baudrillard, Michel Serres und Susanne Ristow, sind "sehr erfolgreiche Kommunikationssysteme, effizienter als jede Druckerpresse, denen es durch massenhafte Reproduktion nicht nur gelingt, im menschlichen Organismus die Agenda zu setzen, sondern auch im Informationssystem der Weltöffentlichkeit - gerade weil das hypermediale Virus den Menschen als Medium instrumentalisiert. Vielleicht ist diese Rekombinatorik auch eine Art Mimikry der zunehmend digitalen und programmierten Gesellschaft - was bedeuten würde, dass die infektiösen Agenten smarter sind als wir Menschen. Und vielleicht ist das Virus auch das radikalste Medium, weil es schon gar kein Dazwischen mehr gibt."
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Medien

"Die Zeit der Neutralität ist vorbei", hat der Spiegel-Redakteur Philipp Oehmke neulich geschrieben und einen parteiischen Journalismus gefordert (unser Resümee). "Helm auf, rein ins Getümmel", antwortet der ungläubige Welt-Autor Thomas Schmid in seinem Blog (ohne einen Link auf den Kollegen zu setzen und ihn namhaft zu machen, was sich in einem Blog eigentlich gehört): "Der Mann merkt offensichtlich gar nicht, dass er nur mehr vom Gleichen will. Wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine Forschung im Vordringen ist, die von politisch gesetzten Werturteilen und -präferenzen ausgeht, so hat dem auch der Journalismus die Tore geöffnet. Und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums."
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Stichwörter: Journalismus, Der Spiegel