9punkt - Die Debattenrundschau

Jene Zone des Verdachts

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.06.2020. SZ, FAZ und taz freuen sich über den Friedenspreis für den indischen Wirtschaftsphilosophen Amartya Sen, der den rationalen Trottel in die Wüste schickte. Und der nicht so kontrovers ist wie Achille Mbembe oder Pankaj Mishra, ergänzt der Tagesspiegel. In der NZZ will Slavoj Zizek Rassismus, Pandemie und Ökologie zusammendenken. Die New York Times zitiert genüsslich aus John Boltons Buch. In der Zeit sieht Jens Jessen die antirassistische Bewegung in eine Kulturrevolution umschlagen. Aber der Guardian meldet: Rhodes Will Fall.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2020 finden Sie hier

Ideen

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den indischen Wirtschaftsphilosophen Amartya Sen. In der SZ ist Thomas Steinfeld die Auszeichnung schon deshalb willkommen, weil wir Sen die Überwindung des "rationalen Trottels" verdanken, jener Lieblingsfigur der klassischen Ökonomie, die eigennützig und um seines persönlichen Interesses angeblich das gesamte Wirtschaften hervorbringt: "Immanuel Kant hielt nicht viel von diesem Dummkopf, der seine Umgebung mit den "blöden Maulwurfsaugen der Selbstsucht" anschaut und nichts hervorbringt als eine kleine, von ihm allein bewohnte Insel der Rationalität in einer vom Zufall beherrschten, im Ganzen unvernünftigen Welt."

In der FAZ gibt Jürgen Kaube ein Beispiel, wie Sen die utilitaristische Cleverness vorführte: "Zwei Mädchen finden zwei Äpfel, einen großen und einen kleinen. Mädchen A zu Mädchen B: 'Nimm dir einen.' Mädchen B nimmt den größeren. Mädchen A ist verstimmt: 'Das war unfair.' Mädchen B: 'Weshalb, welchen hättest du denn genommen?' Mädchen A: 'Na, den kleineren.' Mädchen B: 'Dann sei doch zufrieden, genau den hast du ja jetzt.'" In der taz ergänzt Sven Hansen: "Sen sieht Armut deshalb eben nicht nur als ökonomisches Problem, sondern als Mangel an Verwirklichungschancen für die Schwächsten. Deshalb betont er stets die Rolle von Bildung. Aber auch ein funktionierendes Gesundheitswesen, Rechtsstaat und freie Meinungsäußerung sind für die wirtschaftliche Entwicklung nötig, so Sen. Die Freiheit des Einzelnen sei eben auch ein soziales Gebot."

Im Tagesspiegel scheint Gregor Dotzauer dagegen die Preisvergabe zu brav, nicht kontrovers genug. Auf den bescheidenen, brillanten Sen können sich doch alle einigen! "Diskurspolitisch ist dieser Friedenspreis das Pflaster, das sich die Deutschen nach den Wunden gönnen, die der Streit um den aus Kamerun stammenden Philosophen Achille Mbembe geschlagen hat. Wo dieser zuviel spalterisches Potenzial besitzt, indem er schwierige Fragen in oftmals fragwürdigen Worten an die Weltordnung stellt, oder der jüngere Inder Pankaj Mishra ein unkontrollierbares 'Zeitalter des Zorns' heraufziehen sieh, hat Amartya Sens Grundvertrauen in die zivilisierende Kraft von Demokratien etwas Tröstliches."

Der neue Bildersturm ist Jens Jessen in der Zeit nicht geheuer, auch wenn er Cecil Rhodes schon keine Träne nachweinen würde. Aber wenn Churchill, Bismarck und selbst Mahatma Gandhi abgeräumt werden sollen, möchte Jessen ein bisschen Ambivalenz ausgehalten wissen: "Mit jedem Schritt auf ihrem langen Marsch entfernt sich diese Kulturrevolution (falls es eine ist) weiter von einem mehrheitsfähigen Kampf gegen manifesten Rassismus, manifeste Gewalt und Diskriminierung und dringt in jene Zone des Verdachts vor, in der auch das Unscheinbare, Zufällige oder kaum Sichtbare zu ahnden ist. Die vitale und überwältigend einleuchtende antirassistische Bewegung, die von den aktuellen Vorfällen ausging, ist wieder dort angekommen, wo sie schon vor bald zehn Jahren einmal stand - nämlich bei der Annahme eines 'strukturellen' Rassismus, der überall ist und nirgendwo im Besonderen, nämlich tief eingelassen in das gesellschaftliche Gewebe und die kulturelle Überlieferung der Nordhalbkugel." Der Guardian meldet unterdessen, dass sich das Oriel College der Oxford University einverstanden erklärt hat, die Statue des Imperialisten Cecil Rhodes zu entfernen, wie es die Kampagne "Rhodes Must Fall" seit vier Jahren fordert.
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Geschichte

In der Zeit erinnert die amerikanische Historikerin Jill Lepore daran, dass die Schwarzen Amerikas ihren Kampf um Gleichberechtigung seit zweihundert Jahren führen, und nach jedem kleinen Fortschritt wieder vertröstet wurden: "Seit den 1960er-Jahren hat das 'Law and Order'-Regime, das mit Richard Nixon begann, die Macht des Staates über schwarze Menschen in Form unverhältnismäßig hoher Verhaftungs- und Verurteilungsraten und härterer Strafen ausgeweitet. Um genau diese Ungerechtigkeit geht es Black Lives Matter. Als man ihm einmal zur Geduld riet, wies Martin Luther King das energisch zurück. Vielleicht verstehen die Amerikaner endlich, warum die Zeit des Wartens vorbei ist, warum es nie Zeit zum Warten gab."

In der Welt stellt Matthias Heine klar, dass aus einem einzigen Grund "die ganzen Hitler-Denkmäler" auch nicht mehr stehen: "Es gab gar keine Hitler-Denkmäler."
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Politik

In Washington und den Medien sorgt das Buch "The Room Where It Happened" des amerikanischen Sicherheitsberaters John Bolton, der sich mit Donald Trump überworfen hat, für das erwartete Flügelschlagen. Die New Yorks Times zitiert genüsslich einige Zitate, die zeigen, wie Trump seine Entourage schützte ("Behinderung der Justiz ist seine Lebensweise"), wie er China für seinen Wahlkampf nutzen wollte und selbst die Internierungslager dort für eine gute Sache hält ("The right thing to do"). Ärgern dürfte den Präsidenten aber vor allem eines: "Angesichts solcher Vorkommnisse machten sich sogar seine höchsten Berater, die sich selbst für unerschütterlich in ihrer Loyalität gerieren, hinter seinem Rücken über Trump lustig: Während seines Treffens mit Nordkoreas Staatschef Kim Jong-il, schob Boltons Darstellung zufolge Außenminister Mike Pompeo ihm einen Zettel zu, die den Präsidenten mit den Worten verunglimpfte: 'Er ist voller Scheiße.'"
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Europa

Die Corona- und die Rassismus-Debatte haben ökologische Fragen aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt, schreibt Slavoj Zizek in der NZZ. Zudem dränge das "Establishment" darauf, alle drei Bereiche getrennt zu halten: "Gegen dieses Argumentationsmuster sollte man darauf bestehen, dass die drei Bereiche im Grunde eine Einheit bilden: Epidemien sind kein bloßes Gesundheitsproblem, sondern brechen im Zusammenhang mit unserer aus dem Gleichgewicht geratenen Beziehung zu unserer natürlichen Umwelt aus. Antirassistische Proteste wurden auch dadurch befeuert, dass rassische Minderheiten durch die Epidemie weit stärker gefährdet sind als die weiße Mehrheit, die sich Selbstisolation und bessere medizinische Versorgung leisten kann. Wir haben es also mit Krisen zu tun, die infolge der Dynamik des globalen Kapitalismus ausbrechen: Alle drei - Virusepidemien, Rassenunruhen und ökologische Krisen - wurden nicht nur vorhergesagt, sondern begleiten uns bereits seit Jahrzehnten."

Die israelische Soziologin Eva Illouz zieht schon grundsätzliche Lehren aus der Pandemie, die in ihren Augen immerhin eine Krise planetarischen Ausmaßes war. Eine der Lehren: "Der Staat und nur der Staat wird zunehmend eine Politik der Lebensbedingungen betreiben. In den vergangenen vierzig Jahren hatten die Neoliberalen unisono verkündet, der Staat sei zu stark, sei ineffizient, aufgeblasen und überflüssig. Viele mussten ihre Meinung über Nacht ändern. Nach Jahrzehnten, in denen ein endloses Wirtschaftswachstum als unverzichtbare Voraussetzung des menschlichen Lebens erschien und die Außen- und Innenpolitik leitete, rückten mit der Corona-Krise die nichtökonomischen Dimensionen unseres Daseins wieder mit voller Kraft in den Vordergrund."

Das Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Urteil gegen die EZB (Unsere Resümees) seine Macht überschritten, ärgert sich die Politikwissenschaftlerin Christine Landfried ebenfalls in der NZZ: "Die Machtüberschreitung des Bundesverfassungsgerichtes hat zu der unhaltbaren Situation geführt, dass ein Urteil des EuGH in einem EU-Mitgliedstaat nicht gilt."
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Gesellschaft

Wenn die Polizei nicht als Schutz, sondern als Bedrohung wahrgenommen wird, dann gerät die Demokratie in Gefahr, weiß Joachim Käpnner in der SZ. Aber trotz NSU oder Fälle von Polizeigewalt und Rassismus, könne man die Polizei hierzulande nicht mit den USA vergleichen, meint Käppner: "In Deutschland ist die Polizeiausbildung gründlicher und ziviler als in den USA, wo mancherorts Leute a gun and a badge tragen dürfen, die man in Europa gar nicht erst zur Aufnahmeprüfung zulassen würde. .. Es fehlt jener giftige Mix aus Slums, Armut von Afroamerikanern, daraus resultierender Gangkriminalität, rassistischen Einstellungen keineswegs aller, aber doch vieler Polizeibeamter, der Allgegenwart von Schusswaffen und einer Militarisierung der Polizei."
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Stichwörter: Polizeigewalt, Rassismus

Medien

In der taz wiegelt Barbara Junge die Kritik an Hengameh Yaghoobifarahs Kolumne ab, die die Polizei auf den Müllhaufen fantasiert hatte: "Satire darf fast alles - und greift manchmal in seiner Wortwahl daneben. Niemand in der taz bezeichnet Menschen ernsthaft als Abfall."

Auf der Medienseite der FAZ weist Michael Hanfeld darauf hin, dass die Beitragserhöhung für ARD und ZDF um 86 Cent im Monat angesichts der Mehrheitsverhältnisse in den Ländern keineswegs gesichert sei.
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Wissenschaft

Wissenschaftsskeptikern, die aktuell jeden Irrtum der Virologen zum Anlass nehmen, Kritik and der Forschung zu äußern, rät der Soziologe Wolf Lepenies in der Welt zur Lektüre von Max Webers Text "Wissenschaft als Beruf", in dem Weber daran erinnerte, dass wissenschaftlicher Fortschritt aus einer "Folge von Korrekturen und Selbstkorrekturen" besteht. Gleichwohl warnte Weber vor einer Vermischung von "Erkenntnissphäre und Wertungssphäre", von Wissenschaft und Politik: "Für ihn hatte der Wissenschaftler sich damit zu bescheiden, ein 'Impresario der Sache' zu sein: 'Persönlichkeit auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.' Gurus, Propheten und Möchte-Gern-Politiker hatten in der Wissenschaft nichts zu suchen. Wissenschaftler durften nicht den Anspruch erheben, 'Führer in Angelegenheiten der Lebensführung zu sein'. In der Corona-Krise aber wurden manches Mal Virologen und Epidemiologen zu Experten der 'Lebensführung'. In diese Rolle wurden sie von der Öffentlichkeit und den Medien gedrängt - und manche Wissenschaftler haben diese Rolle gerne angenommen oder sogar gesucht."
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