9punkt - Die Debattenrundschau

In Minsk wird rund um die Uhr gehupt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2020. "In Belarus findet eine Revolution statt. Unerwartet für alle", schreibt der weißrussische Autor Artur Klinau in der FAZ. taz und Zeit online berichtet über die brutale Polizeigewalt im Land. Die iranische Feministin Nasrin Sotoudeh ist in den Hungerstreik getreten, weil politische Gefangene nicht  von der Corona-Amnestie profieren, berichtet emma.de. Ein neuer Fall von Cancel Culture: Der schwarze Philosoph Adolph Reed kann in New York nicht vor den "Democratic Socialists of America" reden, weil er nicht antirassistisch genug ist, berichtet die New York Times. Selbst in Corona-Zeiten steigt die Zahl der MeToo-Hilferufe aus der Kultur, hat die Welt gelernt: Abhängigkeiten werden ausgenutzt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2020 finden Sie hier

Europa

Die weißrussische Journalistin Alexandrina Glagoljewa beschreibt in der taz die Gewalt der Sicherheitskräfte in ihrer an sich beschaulichen Heimatstadt Bobruisk: "Die Festgenommenen wurden wie Schwerverbrecher behandelt. Im Konvoi, gebückt und die Hände hinter dem Kopf, wurden sie zu den blauen Bussen geführt. Sicherheitskräfte bedrängten sie von allen Seiten. Frauen, die sich vor wenigen Minuten noch nicht gekannt hatten, fielen sich weinend in die Arme. Wegen des Lärms kamen Bewohner*innen der umliegenden Häuser dazu. Als ich zu denjenigen laufen wollte, die meinen Mann abgeführt hatten, hielt mich eine Frau auf. Sie sagte: 'Mädchen, geh nicht dorthin, sie werden dich zum Krüppel schlagen.'"

Ähnliches berichtet der weißrussische Autor Artur Klinau in der FAZ, der seine Tocher seit mehreren Tagen vermisst: "In Belarus findet eine Revolution statt. Unerwartet für alle. In Minsk wird buchstäblich rund um die Uhr gehupt." Die Gewalt des Staatsapparate habe die Proteste sogar noch bestärkt: "Das Kalkül war klar, die Grausamkeit sollte den Wunsch der Leute, auf die Straße zu gehen, neutralisieren. Aber erreicht wurde das genaue Gegenteil. Funktioniert hätte es, wenn hinter den Protesten wie früher eine Minderheit gestanden hätte und nicht wie jetzt das ganze Volk."

Sehr anschaulich auch die Schilderungen des Journalisten Claudio Locatelli, der zu den Festgenommenen gehörte, im Gespräch mit Alice Bota von Zeit online: "Dann schickten sie uns wieder in den Korridor, in dem wir in der Nacht zuvor gestanden hatten. Nun sahen wir das getrocknete Blut. Auf dem Boden, an den Wänden, an der Decke, das Blut war überall. Ich sah menschliche Zähne herumliegen, herausgerissene Ohrringe, Münzen. Es war schrecklich. Und alles lag voll mit den Rucksäcken und Taschen der Festgenommenen. Ihre Handys läuteten unaufhörlich, weil Angehörige und Familien nach den Verschwundenen suchten und anriefen."

Heute ist in Italien Ferragosto. Popularisiert wurde der Feiertag von den Faschisten, schreibt Thomas Schmid in der Welt: "Wenn heute die Italiener in Scharen ans Meer und in die Berge stürmen, dann sind sie damit auch Erben der faschistischen Jahre. Doch das scheint niemanden sonderlich zu stören. Der antifaschistische Mythos und Ferragosto leben in friedlicher Koexistenz. Das Eine soll so wahr sein wie das Andere angenehm ist. Man mag darin die Fähigkeit erkennen, Widersprüchliches unter einen Hut zu bringen. Man kann darin aber auch einen stabil instabilen Unernst am Werk sehen."
Archiv: Europa

Gesellschaft

"Dieser Beschluss ist Irrsinn!", ruft Daniel Cohn-Bendit in der FR zur Entscheidung des Bundestags die Israelboykottkampagne BDS als antisemitisch einzustufen. Und führt im Gespräch mit Bascha Mika fort: "Der Bundestag soll Gesetze verabschieden, die antisemitische Straftaten ahnden. Aber Meinungen zu sanktionieren ist immer sehr, sehr gefährlich. Politik zu machen, nur um sein Gewissen zu reinigen, ist politischer Unsinn. Ich fordere eine radikale Auseinandersetzung mit BDS - aber nicht unsinnige Beschlüsse."

"Cancel Culture" kann auch schwarze Denker treffen, die von anderen schwarzen Denkern beschuldigt werden, ihrer Theorie des Rassismus nicht ausreichend zu huldigen, wie jetzt den marxistischen Autor Adolph Reed, der bei den "Democratic Socialists of America" (DSA) in New York, einem linken Club, der Politikerinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez hervorbrachte, einen Zoom-Vortrag halten wollte. Darin sollte es um die Bekämpfung von Corona gehen, bei der der Aspekt der Hautfarbe nach Reeds Meinung gegenüber anderen sozialen Faktoren überbetont werde, berichtet Michael Powell in der New York Times: "Mails wurde hin- und hergeschickt, Ärger staute sich auf. Wie konnte wir einen Mann einladen, fragten Mitglieder, der in einer Zeit der Seuche und des Protests den Rassismus herunterspielt? Ihn sprechen zu lassen, sagte der 'Afrosocialists and Socialists of Color Caucus' des Clubs, war 'reaktionär, klasse-reduktionistisch und milde gesagt unsensibel. Wir dürfen keine Angst haben von 'Rasse' und Rassismus zu reden, nur weil das von Rassisten missbraucht werden könnte' so der Caucus weiter. 'Das ist feige und gibt rassistischen Unternehmen Macht.'"

Selbst in Corona-Zeiten steigt die Zahl der MeToo-Hilferufe aus der Kultur, lernt Welt-Autorin Cosima Lutz von der Juristin Maren Lansink und der Psychologin Marina Fischer von der Beratungsstelle Themis. "'Wir haben in der heißen Corona-Zeit, also März, April, Mai, Juni, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 25 Prozent mehr Beratungen durchgeführt', sagt Lansink. 'Obwohl die Theater geschlossen waren und die Filmproduktionen gestoppt.' Wie kann das sein? Dafür gebe es zwei Gründe. Gerade in dieser Branche, so die Psychologin Fischer, sei der Zeitdruck während der Probenprozesse und Dreharbeiten in der Regel so enorm, 'dass manche Vorfälle gar nicht so zeitnah reflektiert werden können'. Die quälende Gedankenspirale aus Selbstvorwurf, Scham,Wut und Hilflosigkeit kam in der Zeit des Innehaltens mit voller Wucht. ... Corona habe noch auf eine andere Weise die Zahlen hoch schnellen lassen, sagt Juristin Lansink. 'Wir haben gemerkt, dass in dieser Krisenzeit Betroffene noch vulnerabler geworden sind. Da ist dann einfach die Existenznot vieler ausgenutzt worden.'"
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Der eigentliche Patient ist nicht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sondern der Komplex der Staatlichen Museen zu Berlin, deren Besucherzahlen in den letzten Jahren von 4,3 auf 3,6 Millionen gesunken sind (im Louvre waren es 2019 9,6 Millionen, mehr hier), schreibt Andreas Kilb im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ. Er unterstützt den offenen Brief der Museumsdirektoren, die mehr Eigenständigkeit fordern (unser Resümee) - jenseits der Hierarchen Hermann Parzinger von der Stiftung und Michael Eissenhauer von den Museen: "Ein System, das nur im Idealzustand funktioniert, muss in Krisenzeiten angepasst werden. Die Corona-Pandemie hat tiefe Löcher in die Kassen der Museen gerissen, mit denen jedes Haus auf eigene Weise fertig werden muss. Mehr Selbstverantwortung würde kreative Kräfte freisetzen, die durch das Tauziehen zwischen Eissenhauer und Parzinger gelähmt wurden. Die Marke Preußenstiftung lebt von der Leistung der Museen, das muss auch der machtbewusste Präsident einsehen."
Anzeige

Geschichte

Sechzig Jahre Pille, die taz bringt ein Dossier zum Thema. Die Soziologin Susanne Schultz erzählt im Gespräch mit Patricia Hecht von die hässlichen eugenischen Ursprünge der Pille und von ihren frühen Jahren: "Im Expertendiskurs der fünfziger und sechziger Jahre von zumeist männlichen Ärzten und Politikern über die Pille ging es viel darum, globale Überbevölkerung zu bekämpfen, zum Teil auch Abtreibung zu verhindern - Letzteres auch ein Versuch, die katholische Kirche einzubinden. Das hat nicht geklappt: Der Papst gab in seiner Enzyklika 'Humanae Vitae' 1968 vor, dass Sexualität grundsätzlich auf Fortpflanzung ausgerichtet sein müsse."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Antibabypille, Abtreibung

Politik

Die iranische Feministin und Anwältin Nasrin Sotoudeh ist in den Hungerstreik getreten - es ist schon ihr zweiter Hungerstreik, und diesmal will sie sogar auf Wasser verzichten, berichtet Annika Ross in emma.de. Sotoudeh sitzt seit Frühjahr letzten Jahres im Teheraner Evin-Gefängnis weil sie Frauen verteidigt hatte, die sich ohne Kopftuch zeigten. Dafür war sie zu 33 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt worden (unsere Resümees): "Sotoudeh hat sich nach eigenen Angaben aus Protest für den Hungerstreik entschieden, nachdem ihre Forderungen nach Freilassung der politischen Gefangenen unbeantwortet geblieben waren. Die iranische Justiz hatte bereits im vergangenen März mitgeteilt, wegen der Corona-Pandemie mehr als 80.000 Gefangenen Hafturlaub gewährt zu haben. Politische Gefangene waren jedoch weitgehend von der Sonderregelung ausgenommen worden."

Der libanesische DJ Rabih Beaini beschreibt im Gespräch mit Julian Weber von der taz anschaulich, wie die nach Clans organisierte Macht in seinem Land funktioniert:  "Es ist vergleichbar mit der Funktionsweise der Cosa Nostra. Im Libanon gibt es den Dokumentsammler, der Briefverkehr vom Amt an die Bürger erledigt und Stempel besorgt. Wenn wir selbst unterschreiben würden, stünden wir tagelang an, der Sammler kassiert eine Summe und geht mit seinen Schreiben an der Schlange vorbei. Macht wird im Libanon vererbt. Nachdem ein Führer abtritt, übernimmt sein Sohn, dann kommt sein Enkel: Aoum, Hariri, Jumblatt, Gemayel sind politische Clans, die Nachkommen gar nicht fähig, ein Land zu führen. Ich bin nicht gegen Politiker und Parteien, ich bin gegen Führer, die nach ihrem Tod an der Macht bleiben..."
Archiv: Politik

Internet

Der Medientheoretiker Tilman Baumgärtel inspiziert für die taz das soziale Netz TikTok, das er in vielem besser gemacht findet als Facebook oder Youtube - wären da nicht die Intransparenz und die in diesem Fall damit verbundene Gefahr, die durch die Datendiktatur China ausgeht. Baumgärtel hat eine Lösung für das Problem: "Darum müsste man von dem Unternehmen verlangen, seine Software als Open-Source-Programme im Netz öffentlich zugänglich zu machen. Die Methoden der Datenerfassung und -verarbeitung müssten ebenso transparent sein wie die internen Richtlinien für die Moderation von Inhalten. Den Nutzern von Tiktok müsste wie bei einer Genossenschaft über gewählte Vertreter Einfluss auf Geschäftsentscheidungen und inhaltliche Entwicklung eingeräumt werden, denn von ihnen stammen sämtliche Videos, die bei Tiktok gezeigt werden. Und wenn man schon mal dabei ist, müsste man diese Regeln auch gleich auf Facebook, Youtube und Co anwenden."
Archiv: Internet