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9punkt - Die Debattenrundschau

Ein ganz und gar politischer Konflikt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2020. Könnten wir nicht mal fünf Minuten vergessen, welche Hautfarbe oder Identität Kamala Harris hat und stattdessen nach ihren politischen Ideen fragen, ruft Kenan Malik im Observer. Überall wird über TikTok diskutiert: taz und Observer fürchten eine Balkanisierung des Internets, in der NZZ sieht Niall Ferguson TikTok wesentlich kritischer. In China (wie auch anderswo) führt die Coronakrise zu mehr Gewalt gegen Frauen und zementiert traditionelle Frauenfeindlichkeit, notiert Zeit online.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2020 finden Sie hier

Internet

TikTok ist das erste soziale Medium, das sich erfolgreich gegen amerikanische Plattformen behauptet hat. Wenn Trump TikTok verbietet, verstärkt das eine Tendenz, das Internet in nationale Blasen aufzuteilen, warnt Aline Blankertz, die in der Stiftung  Stiftung Neue Verantwortung zum Thema Plattformökonomie arbeitet, im Gespräch mit Svenja Bergt von der taz: "Wenn das Internet zunehmen regional aufgebaut ist, erschwert das dreierlei: erstens die Vernetzung von Menschen aus unterschiedlichen Regionen, was ja auch einer der Grundwerte des Internets ist. Zweitens und mit der Vernetzung verbunden: die Kommunikation. Wenn es in jedem Land einen anderen dominanten Messenger-Dienst gibt, bekommt grenzüberschreitende Kommunikation höhere Hürden. Und drittens die Information. Wer etwa Nachrichten aus einem anderen Land sucht, muss dann wissen, welche Suchmaschine oder welches Nachrichtenportal es dort gibt."

Auch James Ball fürchtet im Guardian eine Balkanisierung des Internets, wenn Trump TikTok verbietet oder einen Verkauf an Microsoft erzwingt: TikTok habe  keineswegs die strategische Dimension für China wie etwa Huawei. Und "eine Firma nur wegen ihrer Nationalität anzugreifen, wäre eine existenzielle Bedrohung für das Netz, wie wir es kennen". Und schließlich: "Wenn die USA es zum Grundsatz machen, dass jedes Land seine eigenen Online-Unternehmen haben und die internationale Interaktion einschränken sollte, sind es zweifellos auch die USA, die am meisten zu verlieren haben. Sie würden weltweit riesige Einnahmen (und damit Steuereinnahmen) verlieren, ihre Softpower im Online-Bereich erheblich schmälern und ihren immer noch riesigen Vorteil bei der Online-Überwachung schmälern."

In der NZZ sieht der Historiker Niall Ferguson dagegen einige gute Gründe, warum Trump mit seinem Verbot von Tiktok ausnahmsweise mal richtig liegt. Schließlich würden alle Daten der User an die chinesische Regierung weitergeleitet. Wer genauer wissen will, was das bedeutet (oder tatsächlich glaubt, das sei auch nicht schlimmer als wenn die Daten in den USA landen), sollte "The Panopticon Is Already Here" lesen, Ross Andersens Aufsatz im neuen Atlantic, empfiehlt er. "Andersen drückt es so aus: 'In nächster Zukunft könnte jede Person, die [in China] einen öffentlichen Bereich betritt, sofort von einer KI identifiziert werden, die sie mit einem Ozean persönlicher Daten abgleicht, darunter ihre gesamte Textkommunikation und das Schema der Proteinstruktur, die ihr Körper aufweist. Bald werden Algorithmen imstande sein, Datenpunkte aus einer Vielzahl von Quellen zu verknüpfen - Reiseberichte, Freunde und Geschäftspartner, Lesegewohnheiten, Einkaufsverhalten - und so politischen Widerstand vorherzusagen, ehe er sich manifestiert.'" Diese Technologie übernehmen wollen laut Andersen "Bolivien, Ecuador, Äthiopien, Kenya, Malaysia, Mauritius, die Mongolei, Serbien, Sambia, Simbabwe, Sri Lanka, Uganda und Venezuela".

Oder ärgert sich Trump tatsächlich nur über die Komikerin Sarah Cooper, die ihn auf TikTok so erfolgreich parodiert?

@whatchugotforme

How to tiktok

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Außerdem: Im Observer verweist Mark Townsend auf eine Studie, die behauptet, dass Facebook-Algorithmen Holocaust-Leugnung bestärken.
Archiv: Internet

Europa

Im Interview mit der SZ zeigt sich Maria Kolesnikowa, eine der drei belarussischen Oppositionsführerinnen optimistisch, dass die Proteste gegen Präsident Lukaschenko diesmal etwas verändern können. An eine Revolution denkt sie aber nicht: "So viele Leute waren noch nie auf der Straße. So viele Leute waren noch nie im Gefängnis. So viele Leute waren noch nie bei Streiks. Die Hauptbotschaft der Menschen auf der Straße ist: 'Bitte geh weg.' Sie akzeptieren Lukaschenko nicht mehr als legitimen Präsidenten. ... Wir versuchen jetzt, einen runden Tisch mit verschiedenen repräsentativen Gruppen zu organisieren, Wirtschaft, IT, Kultur und alle anderen. Wir überlegen, wie wir die Übergangsphase schnell und sicher gestalten können. In der Regierung arbeiten Menschen seit vielen Jahren und mit großer Erfahrung. Viele von denen könnten bleiben und effektiv sein. Das ist für uns ein wichtiger und ein sensibler Punkt. Wir müssen irgendwann diesen Dialog beginnen und es ist überhaupt nicht leicht."

Auf Osteuropa spekuliert der belarussische Schriftsteller Artur Klinau im Interview mit Volker Weichsel etwas wild über Moskaus Agieren im Hintergrund, obwohl er die übergroße Mehrheit der Bevölkerung durchaus auf Seiten der Opposition sieht: "In früheren Jahren protestierte eine aktive Minderheit, heute ist es das ganze Volk. Die Menschen kommen aus allen Schichten der Gesellschaft. 'Drei Prozent für Sascha' [Aljaksandr Lukaschenka] das war natürlich ein Wahlkampfspruch. Unabhängige Umfragen, die trotz der Schließung des letzten unabhängigen soziologischen Instituts im Jahr 2016 durchgeführt wurden, gaben ihm ungefähr 30 Prozent. Aber jetzt, nachdem er die friedlichen Demonstrationen mit Gewalt hat auflösen lassen, steht wirklich kaum noch jemand hinter ihm, vielleicht tatsächlich jene drei Prozent."

Es ist bisher nur eine Meldung in der taz: Viktor Orbans Regime schließt das Lukács-Archiv in Budapest. Schon 2012 begannen die Schikanen gegen die in György Lukács' ehemaliger Wohnung untergebrachte Einrichtung. "2017 dann, wurde die Lukács-Statue im Budapester Szent-István-Park entfernt und durch ein Denkmal für Bálint Hóman, unter dessen Verantwortung und Mithilfe 400.000 Juden nach Auschwitz deportiert wurden, ersetzt. Lukács, der einen Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus suchte, der 1919 und 1956 Kulturminister war, ist für Orbán und seine Leute ein 'kommunistischer Mörder'."
Archiv: Europa

Gesellschaft

In China (wie auch an vielen anderen Orten der Welt) ist während der Pandemie die Gewalt gegen Frauen deutlich angestiegen. Allerdings ist es schwierig in China, an genaue Zahlen zu kommen, schreibt Franka Lu auf Zeit online. Soviel aber könne man sehen: "Die wachsende Misogynie in der chinesischen Gesellschaft ist durch die Bemühungen der Regierung in den letzten Jahrzehnten massiv befördert worden: Sie fördert die konfuzianische Ethik, und die ist das perfekte Abbild einer patriarchalen Ordnung. Xi Jinping hat die Rückwärtsbewegung sogar noch beschleunigt", lernt Lu aus Leta Hong Finchers Buch "Betraying Big Brother: The Feminist Awakening in China". "Schulen und Universitäten, die offiziellen Medien und die der Zensur unterworfenen Unterhaltungsprogramme führen jungen Frauen vor, wie sie perfekte Erwachsene nach konfuzianischer Vorstellung werden. Eine wachsende Anzahl von Müttern schickt ihre Töchter in höchst misogyne Frauentugendkurse (女德班), in denen diese lernen, 'gute Mädchen' zu sein und Misshandlung durch Männer zu ertragen. Die Folge ist, dass die Generation der heute jungen Chinesen und Chinesinnen mit unglaublich rückwärtsgewandten moralischen Vorstellungen aufgewachsen sind."
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Archiv: Gesellschaft

Ideen

In der taz plädiert Cinzia Sciuto, Redakteurin der italienischen Zeitschrift MicroMega und Autorin des Buchs "Die Fallen des Multikulturalismus - Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft", gegen einen Multikulturalismus, der "Kulturen" über Menschenrechte stellt: "Seit rund 20 Jahren umgibt uns ein Narrativ, das uns in ein 'wir' und ein 'die anderen' aufteilen will und uns in einen fatalen 'Konflikt der Kulturen' zwingt. In Wahrheit gibt es aber keinen Kulturenkonflikt, was es allerdings tatsächlich gibt, ist ein ganz und gar politischer Konflikt, der jeder Kultur der Welt inhärent ist: ein Konflikt zwischen reaktionären und fundamentalistischen Kräften auf der einen Seite und progressiven Kräften und Verfechtern der Menschenrechte auf der anderen. Ganz oft, und oft ohne Absicht, rutschen die Multikulturalisten auf die Seite der Reaktionäre."

Außerdem: In der FAZ stimmt Frauke Steffens in die Loblieder auf Isabel Wilkersons Essay "Caste - The Origins of our Discontent" (unsere Resümees) ein, in dem die Autorin hofft, durch eine Transplantation des Begriffs "Kaste" auch das letzte Wort zum Rassismus in den USA gesprochen zu haben: "Klasse und 'Rasse' seien letztlich Funktionen des Kastensystems, das Menschen an ihrem Platz halte." In geschichtedergegenwart.ch erinnert Sandro Zanetti an Jacques Derridas Frankfurter Vortrag über die Zukunft der Universität vor zwanzig Jahren, der auch als Buch herausgegeben wurde und in dem ihm unter anderem Derridas Plädoyer für einen "Verzicht auf Denkherrschaft" aktuell zu bleiben scheint. Und bei den Salonkolumnisten erinnert Michael Miersch an Leo Trotzki, der vor achtzig Jahren ermordet wurde.
Archiv: Ideen

Politik

In den USA hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden die Juristin Kamala Harris für die Vizepräsidentschaft vorgeschlagen. Seitdem tobt eine Diskussion über die Frage, ob Harris - Tochter eines jamaikanischen Vaters und einer indischen Mutter - "schwarz" ist, schreibt Nisha Chittal im amerikanischen Magazin Vox. "Während einige Wählerinnen und Wähler Südasiens darüber verärgert sind, dass dieser Teil ihrer Identität lange Zeit heruntergespielt wurde, sind andere begeistert vom historischen Charakter ihrer Nominierung und darüber, was sie für die südasiatischen Frauen und die farbigen Frauen bedeutet. Unterdessen debattieren einige schwarze Wähler darüber, ob sie wirklich 'schwarz genug' ist, und rechtsextreme Kritiker haben bereits damit begonnen, Argumente im Birther-Stil vorzubringen, indem sie in Frage stellen, ob Harris US-Bürgerin ist und ob sie für das Amt des Vizepräsidenten in Frage kommt. Für Menschen mit einem gemischten ethnischen Hintergrund ist die Definition ihrer Identität in Amerika ein komplexes und heikles Thema. Die Energie, die für die Debatte über Harris' Identität aufgewendet wurde, zeigt uns, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben".

Könnten wir nicht mal fünf Minuten vergessen, welche Hautfarbe oder Identität Kamala Harris hat, fragt im Observer Kenan Malik. "Sie beschreibt sich selbst als 'schwarz'. Viele verwenden 'schwarz' und 'Afroamerikanerin' synonym, halten Harris aber nicht für eine 'Afroamerikanerin', weil sie keinen amerikanischen Sklavenhintergrund hat. Einige indische Kommentatoren haben behauptet, Rassismus habe dazu geführt, dass sie nicht als 'asiatisch-amerikanisch' wahrgenommen wird. Kamala Harris ist eine Fallstudie über die Banalität und Sinnlosigkeit von Identitätskennzeichnungen. Solche Etiketten können nicht nur die Unordnung der Realität nicht begreifen, sondern das Beharren darauf, dass jeder in einer Identitätsbox untergebracht werden muss, erleichtert den Weg für diejenigen, die mit reaktionären Behauptungen über die Zugehörigkeit hausieren gehen. Vielleicht können wir eines Tages anfangen, über ihre Überzeugungen und ihre Politik zu debattieren?"

Der jüngste Terroranschlag in Mogadischu, bei dem mindestens 15 Menschen starben, hat in den deutschen Nachrichten wenigstens Erwähnung gefunden. Nichts gehört hat man hierzulande allerdings von der Absicht der somalischen Regierung, Kinderehen wieder zu erlauben. "Bereits heute sind mehr als 45 Prozent der jungen Frauen in Somalia vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet oder 'in der Ehe', wie eine Analyse der Vereinten Nationen für 2014-15 ergab", berichtet der US-Nachrichtensender ABC. Laut einem Bericht der UN riskiere der Gesetzesentwurf "'neben anderen alarmierenden Praktiken die Legitimierung der Kinderheirat und muss von der Verabschiedung des Gesetzes abgehalten werden', sagte die UN-Menschenrechtschefin Michelle Bachelet diese Woche und warnte davor, dass seine Verabschiedung 'ein besorgniserregendes Signal an andere Staaten in der Region senden würde'. Tausende von Menschen in Somalia verbreiten eine Petition gegen das Gesetz, darunter Ilwad Elman mit dem in Mogadischu ansässigen Elman-Friedenszentrum."
Archiv: Politik