9punkt - Die Debattenrundschau

Aus einer privilegierten Perspektive

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2020. "Cancel Culture" überall: Mit Bewunderung guckt sich Claus Leggewie für die FAZ eine 55 Jahre alte Debatte zwischen James Baldwin und William Buckley an, die heute so nicht mehr geführt werden könnte. Die Fotoagentur Magnum sperrt wegen einer Fotoserie aus den achtziger Jahren ihr ganzes Online-Archiv, berichtet die FAZ. Wie werden die Russen auf die Unruhen in Weißrussland reagieren, fragen die SZ und Richard Herzinger in seinem Blog. Nein, nicht der Islam, der Kolonialismus ist schuld am Islamismus, schreibt  der  Entwicklungshelfer Pascal Gemperli in der NZZ gegen Ruud Koopmans' Buch  "Das verfallene Haus des Islam".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2020 finden Sie hier

Ideen

Claus Leggewie erinnert in der FAZ an eine legendäre Debatte im Debattierclub der Cambridge Universität zwischen James Baldwin und dem erzreaktionären Publizisten William Buckley, die Baldwin eindeutig gewann. Es ist sogar ein ganzes Buch über diese Debatte vor 55 Jahren publiziert worden. Leggewie lernt aus der Offenheit des Formats einiges im Blick auf die heutige "Cancel Culture": "Was 'man' in einer Rede oder einem Text womöglich unausstehlich findet, gefährdet, anders als es selbsternannte Beschützer sogenannter 'Mikroaggressionen' unterstellen, niemandes Integrität. Und eine Identitätsperspektive dürfen nicht nur Stammesangehörige oder Betroffene einnehmen, ihre Übernahme und Relativierung ist eine Voraussetzung jeder echten Deliberation."

Hier kann man Auszüge der Debatte sehen:



"Cancel Culture" überall. Die Geschlechterforscherin und Soziologin Franziska Schutzbach fordert in republik.ch zwar eine Zivilisierung der Debatte im Ton, aber sie beharrt auch: "Unverkennbar dient die Behauptung, die emanzipatorischen Kämpfe der Gegenwart hätten allgemein eine antitolerante Tendenz, auch als konservatives oder rechtes Instrument, um bestehende Machtstrukturen zu erhalten und notwendige Gerechtigkeitsdiskussionen zu torpedieren."

In der NZZ erklärt der Entwicklungshelfer Pascal Gemperli, dass Ruud Koopmans' Buch "Das verfallene Haus des Islam", das den Islam für den Niedergang und Autokratismus islamischer Länder verantwortlich macht, "selektiv ... verkürzt ... oder falsifizierbar" sei. Seiner Ansicht nach ist vor allem der Kolonialismus Schuld: "Einen weiteren wichtigen Einfluss auf die Unfreiheit hatte die Kolonialisierung durch die Verknöcherung der islamischen Rechtslehre, dies bleibt bei Koopmans außen vor. Die Kolonisatoren überführten die Dynamik und Ambiguitätstoleranz des islamischen Gewohnheitsrechts - bei dem Gelehrte sich nicht scheuten, rivalisierende islamische Rechtstraditionen zu Rate zu ziehen - in eines starres, kodifiziertes, koloniales Rechtssystem überführten."
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Europa

Wie wird sich Russland verhalten, wenn die Belorussen Präsident Lukaschenko verjagen? Der insgesamt recht optimistisch gestimmte belorussische Schriftsteller Viktor Martinowitsch meint im Interview mit dem SZ-Feuilleton: "In den vergangenen sieben Monaten ist Lukaschenko Putin sehr auf die Nerven gegangen", weil er Vertreter der Belgasprom-Bank ins Gefängnis gesteckt habe. "Russland betrachtet alles, was das Wort 'Gasprom' enthält, als unantastbar. Belarus aber hat die Belgasprombank der Zentralbank unterstellt, es gab Durchsuchungen beim belarussischen Yandex, der russischen Google-Variante. Und Lukaschenko hat Öl in den USA gekauft - der Gipfel der Provokation! Putin kocht. ... Russland wird auf Neuwahlen warten und dann einen eigenen Kandidaten ins Rennen bringen. Kein Land ist Russland so nah wie Belarus. Moskau hat sich in so vielen Ländern eingemischt, da ist es für Putin eine Frage der Ehre, Belarus zu kontrollieren. Aber er ist vorsichtig. Die Stimmung auf den Straßen ist sehr Russland-kritisch."

Richard Herzinger fragt in seinem Blog, warum das Thema Rassismus in den USA hierzulande riesige Demonstrationen auslöst, man aber nichts hört von Solidarität mit Weißrussland, einem Land in ein paar hundert Kilometern Entfernung, wo die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Dabei könnte die Situation eminente Auswirkungen auf ganz Europa haben: "Eine russische Invasion würde nicht nur die, einstweilen endgültige, vollständige Einverleibung von Belarus in Putins neosowjetisches Imperium bedeuten, sondern auch eine eminente Bedrohung für die Sicherheit der Ukraine darstellen, die sich mit der Präsenz russischer Truppen in Belarus von Moskau fast rundum militärisch umzingelt sähe. Würde die EU in diesem Fall endlich mit konsequenter Härte reagieren oder sich wieder nur mit eher halbherzigen Sanktionen begnügen wie im Fall der Krim-Annexion und der Invasion im Donbass?"

Karolina Wigura and Jaroslaw Kuisz von der Zeitschrift Kultura Liberalna entwickeln im Guardian einen neuen Begriff, um die polnische Art der Politik zu beschreiben: "Populistainment". Die Unterhaltung der Bevölkerung durchs Vorführen immer neuer Sündenböcke, im Fall Polens also der Medien, der Gerichte, der Frauen und der Schwulen. Dabei habe die Strategie der PiS-Partei zwei Seiten: "Erst einen Schritt vorwärts, indem man jemanden attackiert, dann einen Schritt zurück mit einem Aufruf zu Verantwortlichkeit und Gemeinschaft. Präsident Duda tat genau dies: Nach einem Angriff auf LGBT-Leute rief er ein paar Tage später zu Toleranz auf. Die grundsätzlichste Konsequenz von 'populistainment' ist die Marginalisierung der Wahrheit im politischen Diskurs."

Ninve Ermagan verteidigt in der Welt die Berufung der religionskritischen Journalistin Güner Balci zur Diskriminierungsbauftragten in Neukölln, die von den Grünen und Linken im Bezirk wegen Balcis Kritik am Kopftuch heftig bekämpft wird: "Wer sich als fortschrittlich und als Partei der Feministinnen inszeniert, sollte radikal-islamische Strömungen nicht salonfähig machen und Feminismus nicht nur als Kampf gegen den alten weißen Mann verstehen. Kritische Stimmen wie Güner Balci sind richtig und wichtig für eine Reform im Islam."
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Medien

Bedeutet "Cancel Culture" auch eine Bereinigung der Vergangenheit nach den Kriterien heutiger moralischer Einsichten? In der FAZ berichtet Henner Flohr, dass die Fotoagentur Magnum sämtliche Bilder ihres berühmten Fotoarchivs offline gestellt hat, weil eine Serie des Fotografen David Alan Harvey über minderjährige Prostituierte in Bangkok aus den achtziger Jahren für problematisch befunden wurde (ein Bild von den Bildern kann man sich noch über die Google-Bildersuche machen): "Schon vor dem aktuellen Fall wurde der Agentur vorgeworfen, die Zusammensetzung ihrer Mitgliedschaft sei männlich und westlich dominiert. Das führe dazu, dass Minderheiten aus einer privilegierten Perspektive falsch oder zumindest ungenau dargestellt würden. Zum Thema minderjährige Prostituierte fänden sich in der Magnum-Datenbank aus den letzten siebzig Jahren keine Bilder, die aus Europa oder Nordamerika stammten. Bis jetzt hat Magnum, im Gegensatz zu beispielsweise National Geographic, sein umfangreiches Bildarchiv, in dem sich Ikonen des Fotojournalismus befinden, nie durch externe Experten systematisch auf problematische Inhalte untersuchen lassen." Aufgebracht hat die Geschichte laut Flohr das Foto-Onlinemagazin Fstoppers.
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Kulturpolitik

Nach Monika Grütters und Hermann Parzinger (beide zufrieden mit dem Bericht zur Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz), haben sich jetzt die Direktorinnen und Direktoren der einzelnen Museen zu Wort gemeldet. Und die sind eher unglücklich, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. "Die 'Wortmeldung' stellt einen einmaligen Vorgang in Deutschland dar, es ist der Aufstand des Mittelbaus gegen die oberste Leitung im größten Museumsverbund der Bundesrepublik, ein Aufmucken der Direktorenebene gegen die Zentralverwaltung. Genau diese Entzerrung aber ist laut Gutachten gewünscht, damit die Ausstellungshäuser ihren Aufgaben besser nachkommen können - ohne den Umweg über die nächst höhere Instanz, wo sie Projektgelder, Mittel für Erwerbungen und Personal erst einmal beantragen müssen." Was genau ihre Forderungen sind, wird dann im Text auch nicht klar.