9punkt - Die Debattenrundschau

Negative Selbstherrlichkeit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.09.2020. Europa muss "sehr schnell akzeptieren, dass es eine geopolitische Macht ist", meint Geert Mak in Zeit online. Das Verbot von Tiktok ist eine Zäsur, findet Marcel Weiß in seinem Neunetz: Indien und Trump haben den Chinesen die globalen Limits der Expansion aufgezeigt. Belarus ist ein höchst modernes Land mit höchst altmodischem Regime, schreibt Stephan Wackwitz in der Zeit.  Die taz verteidigt Lehrerinnen mit Kopftuch, die Welt nicht. Und Nasrin Sotoudeh, die wegen ihres Kampfs gegen den Kopftuchzwang im Gefängnis ist, schwebt laut Tagesspiegel in Lebensgefahr.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2020 finden Sie hier

Europa

Belarus ist viel moderner, als wir grenzenlos arroganten Wessis es uns vorstellen können, meint Stephan Wackwitz, der dort gelebt hat, in der Zeit: "Das Geheimnis dieses unbekannten und unterschätzten Landes liegt darin, dass dort eine junge, bestens ausgebildete, skandalös unterbezahlte und politisch mundtot gemachte Mittelschicht von einem Staatsapparat regiert wird, der die Mentalitäten der Breschnew-Ära in die globalisierte Moderne verlängert hat."

Seit die Frauen an die Spitze der Proteste in Weißrussland getreten sind, sind diese "unpathetisch, ruhig, ausgewogen und undemagogisch", schreibt die russische Schriftstellerin Olga Martynova in der SZ: "Die weißrussische 'Opposition' (aber das ist tatsächlich die Mehrheit, fast die ganze Bevölkerung) bleibt in ihrer Weigerung, auf Provokationen mit gewalttätigen Ausschreitungen zu antworten, standhaft. Die Menschen benehmen sich rücksichtsvoll, räumen nach den Demonstrationen auf und hinterlassen keinen Müll. Sie ziehen sogar ihre Schuhe aus, bevor sie auf eine Gartenbank steigen, um ihre Plakate hochzuheben. Sie helfen sich gegenseitig, verteilen Essen und binden Erste-Hilfe-Kästen für die von Sicherheitskräften Verwundeten an Bäume."

Alexej Nawalny wurde mit Nowitschok vergiftet, wie jetzt offiziell feststeht. Salonkolumnist Jan C. Behrends traut den ungewöhnlich deutlichen Missfallensbekundungen der deutschen Regierung nicht. nach einer Weile wird die übliche Beschwichtigung wieder einsetzen, vermutet er, die auch schon ihr Monument hat: "Die Gaspipeline NordStream2 steht wie kein anderes deutsch-russisches Projekt für die verfehlte Ostpolitik der Merkel-Jahre. Der Gasdeal hat das Vertrauen in Deutschland im östlichen Europa zerstört und den russischen Feldzug gegen die Ukraine, die vorher als Transitland diente, erst ermöglicht. NordStream ist eben nicht - wie die Bundesregierung wider besseres Wissen bis heute behauptet - ein rein wirtschaftliches Unternehmen. (Geo-)Politischer kann Wirtschaft nicht sein. Für den Kreml sind Rohstoffe eine politische Waffe."

Im großen Zeit-Online-Interview mit Fabian Busch hat der niederländische Publizist Geert Mak, der in seinem aktuellen Buch "Große Erwartungen" auf die Geschichte Europas der letzten zwanzig Jahre zurückblickt, die Hoffnung in die EU noch nicht aufgegeben. Aber Europa müsse "sehr schnell akzeptieren, dass es eine geopolitische Macht ist", meint er - am besten mit Deutschland "in der Rolle Amerikas". Deutschland müsse Angst und Schuldgefühle überwinden: "Ich beobachte, dass die Gefühle gegenüber Deutschland sich sehr verändert haben. Das gilt für die Niederlande, aber sicher auch für den Rest von Europa. Auch jetzt in der Corona-Krise ist von Deutschland eine große Ruhe ausgegangen. Ich würde Deutschland fast wie einen Flügel beschreiben, unter dem man sich auch als kleines Land sehr sicher fühlt."

Ähnlich argumentiert auch der britische Publizist John Kampfner, der im FR-Gespräch mit Sebastian Borger über sein Buch "Why the Germans Do it Better" den Briten "Infantilismus" vorwirft und die Deutschen vor allem für ihre Vergangenheitsbewältigung lobt. Angesichts der Bedrohung der liberalen Demokratie und der Menschenrechte wäre es aber an der Zeit, die "German Angst" zu überwinden, meint auch er: "Deutschland muss bei schwierigen globalen Problemen gemeinsam mit anderen mehr Führungsstärke zeigen, deutlich konfrontativer auftreten gegenüber autoritären Regimen wie Russland und China. Wir können entweder die weiße Fahne hissen oder klarer und klüger unsere Position verdeutlichen. Gelegentlich mag dazu Militär nötig sein. Oder es sind Wirtschaftssanktionen, Ausgrenzungen, Visa-Beschränkungen - es gibt ja unterschiedliche Methoden, unsere westlichen liberalen Werte zu verteidigen."
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Gesellschaft

Daniel Cohn-Bendit hat (zusammen mit seinem Bruder Gaby) einen autobiografischen Film gemacht: "Nous sommes tous juifs allemands". In der Zeit unterhält er sich mit Giovanni di Lorenzo über sein Leben und über sein anfänglich schwieriges Verhältnis zu Deutschland, das er als Kind anfangs nur selten besuchte. Er spricht auch darüber, wie sich sein Verhältnis  gewandelt hat: "Ich bin zum Glück auf die Odenwaldschule gekommen. Ich weiß, dass an dieser Schule Ungeheuerliches passiert ist und sie deshalb vor einiger Zeit schließen musste. Dennoch war sie meine Rettung. Denn damals war der pädagogische Leiter Ernest Jouhy, ein ehemaliger jüdischer Widerstandskämpfer. Seine Ehefrau Lydia und er waren Freunde meiner Eltern. Und deshalb konnte ich mir auch vorstellen, diese Schule zu besuchen, obwohl sie in Deutschland lag."

Das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das Berliner Verbot von religiösen Symbolen in öffentlichen Schulen zu kippen (unsere Resümees), ist ein "Triumph für reaktionäre islamische Kräfte", ärgert sich Ninve Ermagan in der Welt. Wo bleibt der Protest der Parteien, die sich angeblich für Frauenrechte einsetzen, fragt sie: "Uns Frauen aus patriarchalischen Kulturkreisen wird von klein auf eine rigide Sexualmoral abverlangt und eine untergeordnete Rolle auferlegt. Unser Kampf gegen den Keuschheitswahn, Geschlechterapartheid und Misogynie ist noch ein weiter Weg. Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, dem wird nicht entgangen sein, dass immer mehr Frauen ein Kopftuch tragen - mitten im liberalen Europa. Das ist umso bedauerlicher vor dem Hintergrund, dass immer mehr Frauen in islamischen Ländern versuchen, sich von der muslimischen Verschleierung und einer rigiden Sexualmoral zu lösen. Kopftuchträgerinnen werten all die anderen Frauen ab, die sich dem Kopftuch widersetzen."

Ja, das Kopftuch spricht für eine höchst konservatives Frauenbild, konzediert Susanne Memarnia in der taz, aber Lehrerinnen sollen es trotzdem tragen dürfen. "Was man tun kann: Die Vorgabe machen, dass sich alle LehrerInnen auf den Boden des Grundgesetzes stellen - und dies im Einzelfall prüfen. Andersherum gesagt: Die Unschuldsvermutung gilt für alle, auch für Musliminnen mit Kopftuch. Das ist auch die Maßgabe, die inzwischen in allen Bundesländern (außer Berlin) gilt, in denen es Regelungen dazu gibt."

Die Demonstranten auf den Corona-Demos eint der "Hass auf die Eliten", sagt der Sozialpsychologe Ernst Lantermann im Zeit-Online-Gespräch mit Maria Mast. Stärker gespalten als früher sei die Gesellschaft aber nicht, die Spaltung sei nur sichtbarer, meint er: "Auch in früheren Jahren war die Gesellschaft gespalten, vor allem in die Arbeiterklasse und das Kapital. Seitdem aber werden die Gruppen, die sich gegenseitig ausschließen, immer zahlreicher. Und ich beobachte eine starke Tendenz zur Identitätspolitik, also ein starkes Verlangen, die Unterschiede zur anderen Gruppe maximal zu betonen."

Ebenfalls auf Zeit Online kann Mely Kiyak die Betroffenheitstexte über die Corona-Demos nicht mehr sehen. Nazis? Gab es immer, auch unter Vegetariern und Hippies. Höchste Zeit zu handeln, schreibt sie: "Dieser Staat und seine Politiker sollten aufhören, ihre Trauerarien in Mikrofone zu sprechen, sondern endlich Gesetze mit Polizeigewalt durchsetzen, also politisch handeln. Man ist diesem Demokratieprekariat derart weit entgegen gekommen, aber jetzt wird das ein unappetitlicher Kampf. Denn die Rechtsextremen sind vorbereitet, haben Geld, Unterstützung, Allianzen." Nun ja, vorerst haben wir ja den Bundestag kaum verkleinert und die AfD damit schön gepäppelt.
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Politik

Die iranische Anwältin und Frauenrechtlerin Nasrin Sotoudeh, die seit 2018 in Teheran inhaftiert ist, ist mit dem Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbunds (DRB) geehrt worden, meldet der Tagesspiegel. Seit drei Wochen befindet sich Sotoudeh im Hungerstreik und schwebt offenbar in Lebensgefahr, heißt es außerdem: "Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte vom Dienstag ist Sotoudehs Gesundheitszustand höchst besorgniserregend. Ihr Körper sei so stark geschwächt, dass 'wir das Schlimmste befürchten', sagte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Die Organisation berief sich auf das Umfeld der prominentesten politischen Gefangenen im Iran, die unter anderem wegen angeblicher 'Störung der öffentlichen Ordnung' und 'sündhaftem Auftreten in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch' verurteilt worden war."
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Stichwörter: Sotoudeh, Nasrin, Iran

Ideen

Die Zeit bringt lose in einem Essay zusammengefasste Erkenntnissplitter von Botho Strauß über die Clouds, die Linke und die Rechte und die Klimaforscher, die ihm auf die Nerven zu fallen scheinen: "An die Stelle der Macherhybris ist die Schuld- und Verschuldenshybris getreten, oft sogar ein pseudoreligiöses Sündenbekenntnis. Und das eingedenk eines Vorgangs in erdgeschichtlichen Intervallen, die über große Zeiträume ohne jede menschliche Einwirkung den Planeten durch Vernichtungen gestalteten. Wäre es nicht eine Frage der erkenntniskritischen Bescheidung und Aufrichtigkeit, die Selbstbezichtigung von der menschlichen Allmachtsgebärde zu reinigen? Und das hieße: alles Regelbare in Angriff zu nehmen, um die schädliche Beeinflussung durch Pollutionen so gering wie möglich zu halten, und gleichzeitig auf die Argumentation der negativen Selbstherrlichkeit zu verzichten."

Außerdem: Patrick Bahners verweist in der FAZ auf einen Essay Jürgen Habermas' in den Blättern, der nochmal auf die Thüringer Ereignisse im Februar und Merkels Machtwort in der Sache zurückkommt. Und "das Ergebnis von Merkels Machtwort zum Coup von Erfurt war laut Habermas die 'faktisch vollzogene politische Anerkennung einer Partei rechts von der Union'", so Bahners, dies allerdings im dialektischen Sinne einer endgültigen Grenzziehung.
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Geschichte

Besprochen wird die Ausstellung "Jewish Resistance to the Holocaust" in der Wiener Library for the Study of the Holocaust" in London, die sich neben dem bewaffneten Aufstand auch dem jüdischen kulturellen Widerstand widmet (SZ).
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Internet

Man kann gegen Trump sagen, was man will, sein Schritt gegen TikTok war richtig, findet Marcel Weiß in seinem Blog Neunetz. Aber er wurde nur möglich, weil zuvor schon Indien die Expansion eines intransparenten Netzwerks unter dem möglichen Einfluss der Neomaoisten unter Xi Jinping gestoppt hatte: "Was mit TikTok passiert, zeigt der chinesischen Regierung und den chinesischen Unternehmen, dass die Verquickung aus expandierenden Unternehmen und Diktatur mit geopolitischen weltweiten Ambitionen einen hohen Preis haben wird: Eine Obergrenze für die internationale Expansion. Für China steht deshalb mehr auf dem Spiel als der Verlust des ersten aus China kommenden international erfolgreichen Social Networks. Es geht um nichts weniger als die Weichenstellung für die globalen Limits der expandierenden chinesischen Wirtschaft."
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Stichwörter: Tiktok, China