9punkt - Die Debattenrundschau

Alle stehen drumherum

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2020. Es ist sozusagen Buchmesse. Die Büchertische biegen sich unter Identitätspolitik. Die tazlerin Tania Martini ist nicht einverstanden. Neben Putin macht Bernard-Henri Lévy in La Règle du Jeu Tayyip Erdogan als Public Enemy Nr. 1 der Demokratien aus und mit ihm das Emirat Qatar. In der FR schildert der Historiker Adam Tooze das komplett polarisierte Klima in Amerika. In der NZZ erklärt der konservative Publizist Michael Anton, warum er Trump für absolut alternativlos hält. Für seine Branche ist Corona längst eine Katastrophe, erzählt der Konzertagent Berthold Seliger bei Telepolis. In der Welt fordert Alice Schwarzer eine Ächtung von Prostitution.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2020 finden Sie hier

Internet

Facebook meldet in seinem Blog, dass es künftig Holocaustleugnung auf seiner Plattform nicht mehr dulden wird. "Die heutige Ankündigung ist ein weiterer Schritt in unseren Bemühungen, den Hass zu bekämpfen. Unsere Entscheidung wird durch die gut dokumentierte Zunahme des Antisemitismus weltweit und den alarmierenden Grad der Unwissenheit über den Holocaust, insbesondere unter jungen Menschen, bestärkt." In Ländern wiie Deutschland, wo Holocaust-Leugnung illegal ist, sind solche Inhalte bereits blockiert (mehr hier). Bisher aber war Facebook hier wesentlich liberaler als etwa beim Anblick nackter Brüste. Der New Yorker bringt heute eine große Geschichte zur Frage, "warum Facebook sich nicht selbst auf die Reihe kriegt", auf die wir heute in der Magazinrundschau eingehen werden.
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Ideen

Es ist sozusagen Buchmesse. Die Büchertische biegen sich unter Identitätspolitik und modischer Selbstbehauptung. Das ist einer der großen Trends auf dem Buchmarkt und in den Lifestyle-Magazinen. Tania Martini nimmt ihn in der heutigen Messebeilage der taz auseinander. Irgendwie wird der ursprünglich ironische und skeptische Impuls der Postmoderne in diesen Bewegungen, die sich auf sie beziehen, ad absurdum geführt, findet sie: "Schließlich fand man den Gedanken, dass Identitäten nur konstruiert sind, um uns an das zu fesseln, was wir sein sollen, aber vielleicht gar nicht sein wollen, ziemlich gut. Die Freiheit, die in der Dekonstruktion aufschien, war das Gegenteil von Safe Spaces, man begehrte nicht Verbote und forcierte schon gar keine Geständniskultur, sondern suchte lieber das Spiel mit den Masken, wie es bei Michel Foucault hieß, der das wunderbar lapidar auf den Punkt brachte: 'Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: Das ist eine Moral des Personenstands; sie beherrscht unsere Papiere.' Gegenwärtig ist das anders."

Ebenfalls in der taz-Beilage würdigt Ulrike Herrmann den diesjährigen Friedenspreisträger Amartya Sen (die FAZ bringt zugleich als Vorabdruck einen Sen-Essay über "wechselseitige Abhängigkeit und globale Gerechtigkeit"). Und Tom Wohlfarth unterhält sich mit der Philosophin Eva von Redecker über ihr Buch "Revolution für das Leben", in dem sie über neue Protestbewegungen nachdenkt.

Homeoffice hat sich in Coronazeiten zur neuen Normalität entwickelt. Das hat nicht nur Vorteile, warnt der französische Intellektuelle Eric Sadin in einem Artikel, den die Welt aus Liberation übernommen hat: "Für sehr viele Menschen bedeutet das Homeoffice sehr viel schlechtere Arbeitsbedingungen aufgrund von Platzmangel, der Anwesenheit anderer Familienmitglieder im Haushalt und der Pflicht, zwischen verschiedenen Aktivitäten zu jonglieren, vor allem aber der Unterstützung der Kinder bei ihren Schulaufgaben. Diese desorientierende Vermischung von Privat- und Berufsleben verhindert eine eindeutige und ausgewogene Aufteilung der Aktivitäten, was oftmals als neue Form des Burn-outs erlebt wurde. Der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz ist ins Innere der Privaträume verlagert worden. Damit sind automatisch auch arbeitsrechtliche Fragen bezüglich des Arbeitsmaterials verbunden, seiner Nutzung wie des Energieverbrauchs. Auch den ökologischen Aspekt, der durch die allgemeine und ununterbrochene Vernetzung entsteht, darf man nicht außer Acht lassen." Vor allem aber sorgt ihn die drohende Auflösung des "sozialen Körpers" der Gesellschaften.

Droht uns die Rückkehr der religiösen Zensur, fragt Pascal Bruckner in der NZZ nach der jüngsten Attacke auf Charlie Hebdo: "Es ist eine hervorragende Sache, dass wir uns heute in Frankreich über Jesus, den Papst und die Evangelien lustig machen können, ohne uns der geringsten Gefahr auszusetzen. Doch es ist bedenklich, dass Vertreter einer einzigen Religion, jener von Mohammed, den Status der Unberührbarkeit reklamieren und Leute mit dem Tod bedrohen, wenn sie sich ihrer Ordnung widersetzen. Eine Demokratie darf das nicht hinnehmen. Vielmehr muss sie sich dauernd der schwierigen Aufgabe stellen, die Religionsfreiheit genauso zu schützen wie die Freiheit, Religionen zu kritisieren. Einzig Gläubige zu unterdrücken oder sie an der Ausübung ihres Glaubens zu hindern, ist verboten."
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Gesellschaft

Die taz veranstaltet ein Streitgespräch zwischen NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), dem Kriminologen Thomas Feltes und Kriminalhauptkommissar Sebastian Fiedler über die Frage, ob eine Studie zur Untersuchung des Rechtsextremismus in der Polizei notwendig sei. Den Geist in der Truppe beschreibt am einleuchtendsten Feltes: "Es gibt viele Berufsgruppen, die unter extremem Druck arbeiten und sich aufeinander verlassen müssen, von der Sozialarbeit bis zur Intensivmedizin. Dort weiß man, dass man Unterstützung braucht. Die Polizei hat das über Jahrzehnte vernachlässigt. Und sie hat ein festes Muster entwickelt, auch beim Thema Polizeigewalt: Alle stehen drumherum und tun nichts. Das lässt sich nur mit einer falschen Fehlerkultur erklären: Es dürfen keine Fehler gemacht werden, und passiert es doch, werden sie vertuscht."

Ute Cohen unterhält sich in der Welt mit Alice Schwarzer, die gerade den zweiten Teil ihrer Memoiren veröffentlicht hat, über Feminismus, Islamismus und Prostitution, die sie strikt ablehnt: "Wie kann es sein, dass Hunderttausende von Frauen mitten unter uns - auf der Straße, in der Wohnung nebenan oder im Bordell gegenüber - wie Untermenschen und Sklavinnen behandelt werden? Und wir weggucken! Das ist ein Skandal. Und wie kann es sein, dass Millionen Männer in Deutschland, darunter unsere eigenen Väter und Söhne, Freunde und Ehemänner, Frauen kaufen, ihren Körper und ihre Seele für einen Schein betatschen? Das prägt doch zutiefst ihr Frauenbild - und unser Männerbild. Ohne eine Ächtung der Prostitution ... kann es keine wahre Emanzipation geben."
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Politik

Neben Putin macht Bernard-Henri Lévy in La Règle du Jeu Tayyip Erdogan als den großen Feind der Demokratien aus. Aber Erdogan ist eng liiert mit dem Emirat Qatar, dem Trumps Regierung den Status des "major non-Nato ally" geben will, um Waffen zu verkaufen: "Hat das Emirat, das verschwenderisch in Verbindung mit Ankara Geld ausgibt, um Ägypten zu destabilisieren, das das Friedensabkommen zwischen Abu Dhabi und Jerusalem torpediert und die Kriegsanstrengungen von Hamas und Hisbollah unterstützt, einen Platz in diesem Club? Ist es angesichts der Rolle, die es trotz der Tatsache, dass es einen der wichtigsten amerikanischen Stützpunkte in der Region beherbergt, bei der Umgehung der Sanktionen gegen den Iran gespielt hat, nicht leichtsinnig, ein Bündnis mit ihm zu schließen, von dem wir uns vorstellen können, wie es genutzt wird, wenn die Beziehungen zur Türkei sich wirklich verschlechtern?" In der NZZ bringt Rasim Marz Hintergründe über die tiefe Verstimmung zwischen Frankreich und der Türkei, die unter anderem durch die Unterstützung kurdischer Kräfte durch Frankreich begründet ist.

Im Gespräch mit Michael Hesse von der FR schildert der amerikanische Historiker J. Adam Tooze das komplett polarisierte Klima in Amerika: "Die Bedingungen für einen kalten Bürgerkrieg existieren bereits seit Jahrzehnten. Sie gehen auf die Ära der Bürgerrechtsbewegung zurück. Parteipolitisch ist die Polarisierung seit der Ära Clinton extrem. Die Gräben sind derart tief, dass heute die Chancen, dass ein Weißer und eine Schwarze heiraten, höher sind, als dass ein Wähler der Republikaner einen demokratischen Wähler heiraten würde. Das ist ein Indiz für die Tiefe der Krise. Es gibt keinen gesellschaftlichen Umgang mehr untereinander bei den beiden Teilen Amerikas."

Im Interview mit der NZZ erklärt der "Trump-Philosoph" Michael Anton, warum er Trump für alternativlos hält, auch wenn der ihm längst noch nicht forsch genug ist: "Trump soll die Republikanische Partei erneuern. Gerne sähe ich die noch verbliebene Anti-Trump-Fraktion der Grand Old Party, die noch nicht zu den Demokraten oder Unabhängigen übergelaufen ist, aussortiert. Damit meine ich die Kräfte für offene Grenzen, Freihandel, unendliche Kriege. Stattdessen habe ich eine Vision der Partei, die auf wirtschaftlichen Populismus, auf den Produktionssektor und eine Schließung der Einkommens- und der Wohlstandsschere fokussiert. ... Die alte Republikanische Partei mit ihren Dogmen von freien Märkten, Freihandel und niedrigen Steuern ist tot."
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Kulturmarkt

Berthold Seliger, selbst Veranstalter und Agent, schildert bei Telepolis die Schwierigkeiten der Kulturbranche mit Covid 19, die sich für einige schon zur Katastrophe ausgewachsen haben. Nicht für die ganz großen wie Eventim und nicht für die subventionierten, denen vom Staat unter den Arm gegriffen wird. Sehr wohl aber für die privaten und mittelständischen. Nur ein Aspekt: "Die etwa 700.000 soloselbständigen Kulturarbeiter*innen - also zum Beispiel Bühnenarbeiter*innen, Stagehands, Securities, Roadies, Catering-Kräfte, Tourmanager*innen, Busfahrer*innen oder Ton-, Licht- und Backline-Techniker*innen - erfahren praktisch keine Unterstützung und müssen sich mit Hartz-IV durchschlagen. Je länger der Konzert-Shutdown im Bereich der Zeitkultur andauert, desto mehr dieser Kulturarbeiter*innen werden sich andere Jobs suchen müssen und in Zukunft der Konzertszene nicht mehr zur Verfügung stehen und somit das Veranstalten von Konzerten erschweren, wenn nicht unmöglich machen."

Etwas ängstlich blickt Lothar Müller (SZ) auf die Frankfurter Buchmesse, die in diesem Jahr nur digital stattfinden wird: "In der diesjährigen Special Edition können die internationalen und heimischen Verlage testen, wie gut der Rechtehandel, der ohnehin nicht auf die Tage in Frankfurt beschränkt ist, auf den von der Messe entwickelten digitalen Plattformen oder in unmittelbarer Fernkommunikation funktioniert. Nicht unwahrscheinlich, dass sie, wenn im kommenden Jahr wieder Präsenzmesse sein kann, geschrumpft sein wird. Für die Verlage ist die Buchmesse als Präsenzmesse nicht zuletzt ein Kostenfaktor, nicht nur wegen der Stand-, sondern auch wegen der Hotelkosten."
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Europa

Immerhin haben die Außenminister der EU jetzt einige Sanktionen gegen Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin beschlossen (mehr hier). Aber Daniel Brössler schildert in der SZ, wie schwer sich die EU mit Sanktionen tut, obwohl sie durchaus wirksam sein können. Sie könnten aber auch "kontraproduktiv wirken, wenn Putin sie als das wertet, was sie sind: halbherzig. Dabei gäbe es ein geeignetes Mittel. Die Profiteure des Systems Putin sind in aller Regel keine Ideologen. Sie lieben es, die Früchte ihres Reichtums zu genießen." Schon am Tag zuvor hat Richard Herzinger in seinem Blog das Zögern der EU kritisiert: "Schöne symbolische Gesten der Solidarität, wie sie Swetlana Tichanowskaja, die wahrscheinliche tatsächliche Siegerin der belarusischen Präsidentenwahl, bei ihrem kürzlichen Besuch in Berlin vonseiten der Bundesregierung zuteil wurden, können entschlossenes, zielgerichtetes politisches Handeln jedenfalls nicht ersetzen."

Wenig reflektiert wurde in den Medien zum Jahrestag der Wiedervereinigung, dass mit der Wiedervereinigung die Zahl ausländerfeindlicher Anschläge - mit grässlichen Höhepunkten wie Rostock und Mölln - sprunghaft anstieg. Der Historiker Janosch Steuwer erinnert bei geschichtedergegenwart.ch an diese Phase. Schon vor 89 hatte es solche Straftaten gegeben, so Steuwer: "Doch im Herbst 1991 sprangen die Zahlen auf ein völlig neues Niveau: Allein im September 1991, in den die tagelangen und medial intensiv verfolgten Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda fielen, waren es 314, im Oktober dann 961 fremdenfeindliche Straftaten. Am Ende des Jahres hatte sich die Zahl aus dem Vorjahr 1990 auf 2.427 Fälle im Jahre 1991 fast verzehnfacht. Die begonnene Entwicklung setzte sich fort: 1993 wies die Statistik 6.336 fremdenfeindliche Straftaten aus, 1994 dann 6.721. Erst danach sanken die Zahlen wieder, ohne dabei jemals auf das Niveau von 1990 zurückzugehen."

Im Interview mit der FR ist die Vizepräsidentin des Europarats Katarina Barley absolut dafür, EU-Mitgliedsstaaten, die in ihren Ländern die Demokratie abbauen, die EU-Gelder zu streichen: "Viele Regierungen sehen, dass Orbán seit zehn Jahren machen kann, was er will. Er bekommt keine Grenzen gesetzt. Diesen Vorwurf mache ich ausdrücklich den europäischen Konservativen, die Orbán aus reinem Machtkalkül in ihrer Parteienfamilie behalten. Alle anderen europäischen Parteien kritisieren es, falls so etwas in ihrer Parteienfamilie passiert. Nur die Konservativen verteidigen das offensichtlich Falsche. Die sind nicht willens, ihren eigenen Leuten einmal zu sagen: So geht das nicht. Das ist eine Verlogenheit, die ich kaum noch ertragen kann."
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