9punkt - Die Debattenrundschau

Die Triade des Wehs

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.10.2020. Das Buch "Cynical Theories" fragt unter anderem, warum es Trans-Gender, aber nicht "Trans-Rasse" gibt. Die NZZ rezensiert es und spricht mit der Co-Autorin Helen Pluckrose. Politico.eu berichtet über die "giardini degli angeli" in Italien - Friedhöfe für abgetriebene Föten, markiert mit dem Namen der Mütter, betrieben von Ultrakatholiken. Die Berliner Zeitung zerbricht sich den Kopf über die Zeitungen: Sie sollen digitale Konzepte entwickeln. Dabei wollten sie doch nur Subventionen für ihre Austräger. Die FAZ sucht Moscheen in Xinjiang und findet Shopping Malls. Und die Uploadfilter kommen doch, konstatieren Netzpolitik und SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2020 finden Sie hier

Ideen

In ihrem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch "Cynical Theories" werfen die AutorInnen James Lindsay und Helen Pluckrose den Theorien der Postmoderne Unwissenschaftlichkeit und Antiobjektivität vor, zudem legen sie den Zynismus akademischer Disziplinen wie den "Gender-" "Queer-", "Postcolonial-", "Critical Race-" oder "Fat Studies" offen, resümiert Marc Neumann in der NZZ und greift das Beispiel der Spannung zwischen Trans-Gender und Trans-Rasse auf: "Die Idee einer fluiden Geschlechteridentität durch soziale Konstruktion ist grundlegend für die Idee von Trans-Gender. Von einer fluiden ethnischen Identität, die exakt mit demselben Argument postuliert werden kann, wollen PoMo-Theoretiker dagegen nichts wissen. Denn starre Rassenkategorien sind elementar, wenn es darum geht, 'Weißen' die postkoloniale und suprematistische Verantwortung an der Unterdrückung von 'Schwarzen' anzuhängen."

Trotz interessanter Thesen gerät Neumann der Angriff auf postmoderne Theorien zu schwammig, weshalb er nach der Lektüre noch einmal bei Pluckrose nachhakt: "Wir sagen ja nicht, dass PoMo das einzige gegenaufklärerische Übel ist. Ich beziehe mich oft auf die Triade des Wehs - Theologie, Metaphysik und Postmodernismus. Sie funktionieren alle ähnlich. Wir konzentrieren uns einfach auf Postmodernismus, weil die andern zwei eher harmlos sind. Theologie untersteht säkularen Regeln, und niemand versteht die Metaphysiker gut genug, um ihre Ideen zu bastardisieren und ein simplifizierendes Metanarrativ daraus zu machen."

Weiteres: Ebenfalls in der NZZ porträtiert Urs Hafner den diesjährigen Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, den indischen Philosophen und Ökonom Amartya Sen. Der Kultur- und Medienwissenschaftler Roberto Simanowski denkt in der NZZ außerdem über den Zusammenhang von Künstlicher Intelligenz und Ethik nach.
Archiv: Ideen