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9punkt - Die Debattenrundschau

Mit gelindem Schaudern

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2020. Die bittere Wahrheit ist: Amerika ist zwei Länder, konstatiert der Atlantic. Die Knappheit des Wahlausgangs ist allein schon ein Schock, denn sie zeigt, dass Trump in seiner Welt keineswegs allein ist, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ. Transrechte gefährden keine Frauenrechte, beteuern einige Genderforscherinnen in der taz, und wer das anders sieht, ist wie die Nazis. Hamed Abdel-Samad kritisiert in der Zeit die deutschen PolitikerInnen, die Emmanuel Macron keine Rückendeckung geben. Und auch an deutschen Schulen gibt es laut FAZ ein Problem mit dem Islamismus.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2020 finden Sie hier

Politik

Das Ergebnis der amerikanischen Wahlen ist immer noch offen, auch wenn es nun auf Joe Biden hinauszulaufen scheint. Dass es knapp wurde, ist so oder so schon ein Schock. "Face the Bitter Truth", schreibt George Packer im Atlantic: "Wir sind zwei Länder, und keines von beiden wird so schnell erobert werden oder verschwinden." Und Thomas L. Friedman kommentiert in der New York Times: "Einen Verlierer gab es letzte Nacht. Es war Amerika."

Trumps Wahl vor vier Jahren war eben kein "Betriebsunfall der US-Geschichte", kommentiert Thomas Schmid in der Welt (und in seinem Blog): Schon 2016 "entdeckten Soziologen, Populismusforscher und Kommentatoren, dass es neben dem aufgeklärten Amerika der Gründungsväter noch ein anderes Amerika gab: das ländliche, das Rostgürtel-Amerika, in dem man nicht viel auf Weltoffenheit, Multilateralismus und die balance of power gibt. In unzähligen Artikeln rückte dieses - zumindest in Europa - weithin unbekannte Amerika in den Fokus des Interesses. Wirklich tief reichte diese Erkenntnis freilich nicht. Wie Ethnologen einst den gänzlich weltabgewandten Stamm der Yanomami in Lateinamerika erforschten, so wurde nun mit gelindem Schaudern das Amerika erforscht, in dem man Emanzipation, Gleichberechtigung, Gender, Aufklärung und Kosmopolitismus geringschätzt. Ja, all diese Dinge als gegen das Volk gerichtet verachtet und hasst."

Dass Donald Trump jegliche Idee von Fakten oder Wahrheit ablehnt und in seiner eigenen Welt lebt, haben wir ja begriffen, konstatiert auch Jürgen Kaube in der FAZ. Viel unheimlicher ist allerdings, dass er - wie der knappe Ausgang der Wahlen zeigt - in dieser Welt nicht allein ist: "Das ist die eigentliche Zumutung für den Versuch, das amerikanische Wahlgeschehen zu begreifen: die Existenz einer Wählerschaft, für die offenkundige Verlogenheit und Niedertracht, Rücksichtslosigkeit und Selbstverliebtheit ihres höchsten Repräsentanten gleichgültig ist."

Der Antitrumpismus ist vielleicht auch nicht ganz so überzeugend, wendet Gabor Steingart mit Blick auf die Demokraten ein: "Die Partei von JFK, Bill Clinton und Obama, die als letztes Aufgebot diesmal einen 77-Jährigen ins Schaufenster stellte, der mechanisch die Worte 'change' und 'hope' ausstieß, wirkte nicht frisch, sondern surreal. Joe Biden hat die Reformbotschaft seiner Kampagne qua Anwesenheit dementiert."

Gestern stiegen die USA auch endgültig aus dem Pariser Klimaabkommen von 2015 aus, erinnert Claus Leggewie in der FR. Und der Präsidentschaftsbewerber der Green Party, Howie Hawkins, kam landesweit gerade mal auf 0,2 Prozent der Stimmen. Trump wurde indes "die personifizierte Verbindung eines autoritären Nationalismus mit der Leugnung planetarer Grenzen, in jeder Hinsicht ein Fossil, das für die rücksichtslose Vernutzung natürlicher Ressourcen steht, Klimawandel und Artensterben leugnet, jede wissenschaftliche Expertise ignoriert und einer altindustriellen Basis im Rust Belt ein Wirtschaftswunder verspricht, was nicht entfernt eintreten kann. Dabei hat er evangelikale Christen hinter sich, deren apokalyptischer Weltsicht die Erhaltung der Schöpfung komplett egal ist, eine verstockte Pickup- und Burger-Männlichkeit, die massenhaftes Bienensterben nicht rührt, und eine superreiche Parallelgesellschaft, deren Gier kein Morgen kennt."
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Gesellschaft

Transrechte gefährden nicht Frauenrechte, beteuern einige Genderforscherinnen und die Grünen-Abgeordnete Tessa Ganserer in der taz. Dan holen sie die Keule aber doch gleich wieder aus: "Es ist jedoch nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, trans* Frauen das Frausein abzusprechen, sie als geschlechtlich abartige Männer darzustellen, die sich unlauter Zugang zu Frauenräumen verschaffen wollen. Diese Entmenschlichung weist starke historische Parallelen auf. Mit ähnlicher Argumentation wurden in der Nazidiktatur homosexuelle, sexualitäts- und geschlechtsnonkonforme Menschen stigmatisiert und ermordet."

Beugen sich ÄrztInnen heute schneller in vorauseilendem Gehorsam den "politischen Forderungen" von Trans-Aktivisten, fragt sich Birgit Schmid in der NZZ. Sie diagnostiziert einen "Transgender-Trend": Die Anzahl der geschlechtsangleichenden Operationen hat sprunghaft zugenommen - vor allem bei jungen Mädchen, die sich als Jungen sehen, weiß Schmid: "In Schweden veröffentlichte die Gesundheitsbehörde Anfang Jahr einen Bericht, wonach Transgender-Diagnosen von 13- bis 17-jährigen Mädchen um 1.500 Prozent zugenommen haben zwischen 2008 und 2018. Ans Tavistock Centre in London, eine auf minderjährige Transgender spezialisierte Klinik, gelangen inzwischen über 1.700 Mädchen pro Jahr. Vor zehn Jahren waren es um die 30." Schmid kritisiert vor allem die Verkürzung des diagnostischen Prozesses.

"Wir müssen lernen anzuerkennen, dass wir frei sind. Das bedeutet, dass an unserer Freiheit, ob uns das gefällt oder nicht, einige Menschen sterben werden!", sagt der Philosoph Markus Gabriel im Corona-Interview mit Ronald Pohl (Standard). Er mahnt zu mehr Eigenverantwortung: "Der Gedanke, dass es uns gelingen könnte, in einem demokratischen Rechtsstaat Corona mit den Methoden einer kommunistischen Diktatur auszumerzen, ist illusorisch. Die einzige Art und Weise, eine Pandemie zu beenden, besteht in einer Kombination der Eigenverantwortung von Akteuren, die staatlich nicht zum Handeln gezwungen werden, mit dem medizinischen Fortschritt."
Archiv: Gesellschaft

Medien

Das Berliner Millionärs- und Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich greift bei der Berliner Zeitung wohl doch weit mehr in das redaktionelle Geschehen ein, als in der Branche üblich ist, berichtet Hannah Knuth in der Zeit. Zuweilen wirkt es dabei so, als seien Geschäftsinteressen der beiden berührt. Und Redakteurinnen werden schon mal in Sammelmails gemaßregelt. Die Struktur des Blattes ist für die Redaktion auch nicht gemütlich: "Zwei Chefredakteure sind seit der Übernahme durch die Friedrichs gegangen. Der Posten ist seit Monaten unbesetzt und soll es vorerst auch bleiben. Das Modell von Chefredakteuren und Ressortleitern passe 'nur bedingt zu unserer Zielsetzung einer ergebnisorientierten Redaktion', heißt es auf der Website. Bei der Berliner Zeitung führt es dazu, dass keine Instanz mehr zwischen dem Verlegerpaar und den Redakteuren steht. 'Es gibt keinen Puffer', sagt ein Redakteur. Was die Friedrichs denken und fühlen, lande oft direkt bei einzelnen Redakteuren."

Die Süddeutsche Zeitung gehört neben den Medien des Springer Verlags zu den ganz wenigen großen Zeitungen, die kein Geld von Google genommen haben, schreibt Philipp Bovermann auf der Medienseite der SZ über den Bericht "Medienmäzen Google", bei dem sich bekanntlich herausstellte, dass Google am liebsten die ganz großen fördert (unsere Resümees). Der Status dieses Geldes ist für Bovermann problematisch: "Google spricht nie von Spenden, wenn es um seine Förderprogramme geht. Der Konzern gründet auch keine gemeinnützige Stiftung für seine Förderungen. Hinweise darauf, dass er Einfluss auf die redaktionellen Inhalte nimmt, finden die Studienautoren bei Befragungen von Presseverlegern und Journalisten aber keine."
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Archiv: Medien

Europa

"Europa hat beim Kampf gegen den Terror versagt, und das ist nicht nur ein sicherheitspolitisches Fiasko, sondern auch ein Versagen bei der Verteidigung aufklärerischer Werte, beharrt Hamed Abdel-Samad in der Zeit. Im Karikaturenstreit macht er europäischen Politiken Vorwürfe: "Alle riefen zwar 'Je suis Charlie', als die Satiriker in Paris ermordet wurden. Alle beklagen die Enthauptung des Geschichtslehrers Samuel Paty. Doch der französische Präsident Emanuel Macron erhielt kaum Rückendeckung von deutschen Politikern oder Lob von den Redakteuren großer deutscher Zeitungen, als er sagte, die Karikaturen gehörten zur Meinungsfreiheit. Und kaum jemand kritisierte lautstark die Gefühlsexplosion von Muslimen in aller Welt, die ihren Hass auf Frankreich herausschrien. Ich lerne daraus: Nur ein toter Islamkritiker ist ein guter Islamkritiker." Bei 3sat-"Kulturzeit" spricht Abdel-Samad über sein neues buch.

Auch an deutschen Schulen gibt es sehr wohl ein Problem mit dem Islam und allgemeiner mit den patriarchalen Strukturen in muslimischen Familien. Thomas Thiel hat für die FAZ mit einigen LehrerInnen gesprochen, sie sich aber sämtlich anonym äußern. Das Problem ist sozusagen nicht erwünscht, scheint es. Außer einem Buch des ehemaligen ARD-Journalisten Joachim Wagner - "Die Macht der Moschee", von unseren Zeitungen kaum zur Kenntnis genommen -, gibt es kaum Informationen zum Thema: "Die Wissenschaft meidet das Thema, die Kultusministerien haben kein Interesse an Studien, die den Integrationserfolg schmälern, die Schulen selbst sorgen sich um ihren Ruf. Die Lehrer sind auf sich allein gestellt." Und wegen all der Probleme, so Thiel, werden die Ansprüche gesenkt, "was die Behörden akzeptieren, solange darüber nicht öffentlich gesprochen wird".

"Ich bin Muslim, mein Präsident heißt Macron", sagt der moderate Bordelaiser Imam Tareq Oubrou im Gespräch mit Ulrich Ladurner von der Zeit und erinnert daran, "dass weltweit mehr Muslime dem Terror zum Opfer gefallen sind als Nichtmuslime. Deswegen sollten wir nicht glauben, dass der Terror sich allein gegen den Westen oder gegen Frankreich richtet. Es handelt sich um eine Barbarei. Dieser Terror hat kein anderes Ziel, als Terror zu säen. Es geht darum, die Welt zur Hölle zu machen. Diese Menschen haben keinen Sinn im Leben gefunden, sie suchen Sinn im Tod."

Einer der erklärenden Faktoren für die islamistischen Morde in Frankreich ist für den in der taz schreibenden Frédéric Valin die verdrängte Geschichte des französischen Kolonialismus und seiner Verbrechen, die sich nicht einfach durch einen Menschenrechtsdiskurs verdrängen ließen: "Was wäre zu lernen aus einer solchen Geschichte? Frankreich - und mit Frankreich die ganze EU - hat, nachdem es unilateral die Geschichte der Kolonisation für beendet erklärt hat, eine Aufarbeitung erschwert bis verunmöglicht. Das hat es getan, um das System Françafrique zu etablieren, ein Geflecht aus Abhängigkeiten, das Frankreich - und damit auch der EU - Zugriff auf Ressourcen der ehemaligen Kolonien ermöglicht."

Auch in Wien gibt es "viele Hinterhofmoscheen, die von der Türkei oder anderen Ländern bezahlt werden", sagt die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann im Tagesspiegel-Gespräch mit Christiane Peitz auf die Frage, wie es um den "Schmelztiegel" Wien steht: "In der Geschichte Österreichs und der Monarchie gab es auch Sarajewo. Auch Wien war nie konfliktfrei und blickt auf eine komplexe Geschichte von Zuwanderung, Ablehnung und Integration zurück. Der jetzige Attentäter ist Österreicher und Mazedonier. Und ich denke, der Anschlag hat einen internationalen Hintergrund. Für die Islamisten ist es zweitrangig, ob sie in Paris, Berlin oder Wien zuschlagen, es geht ihnen um die Bedrohung einer freien Gesellschaft mit anderen Wertvorstellungen. Es findet ein Kulturkampf statt."

Vielleicht wollte man die Migranten in Österreich aus "sympathischer Schlamperei" keinem "übermäßigen Assimilationsdruck" aussetzen, aber die Probleme waren absehbar, meint Christoph Prantner in der NZZ: "Es gibt inzwischen Stadtbezirke in Wien, in denen Schulen zu bloßen Aufbewahrungsanstalten für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund geworden sind. Dort sind Lehrer mehr mit dem Schlichten ethnischer Spannungen beschäftigt als mit der Vermittlung von Bildung. Diese Zustände hat die Lehrerin und ehemalige sozialdemokratische Gewerkschafterin Susanne Wiesinger trotz Schweigegebot des Stadtschulrates in einem Buch ('Kulturkampf im Klassenzimmer') eindrücklich öffentlich gemacht."

Außerdem: In der Welt hat David Harris, CEO des American Jewish Committee, zehn Tipps für Europa zum Kampf gegen den Terror parat. Neben Verteidigung europäischer Werte, rät er unter anderem: "Beenden Sie die Auslandsfinanzierung religiöser Persönlichkeiten und Institutionen, die Extremismus und Gewalt lehren und predigen." Nicht mit mehr Überwachung oder mehr Abschreckung sollte man gegen den Terror vorgehen, sondern mit Demokratie und Liberalität, rät indes der Wiener Theaterautor Ferdinand Schmalz in der Berliner Zeitung. Der Terrorismus sei "unser gemeinsamer Feind", sagte Angela Merkel nach dem Anschlag in Wien - aber Mely Kiyak wirft auf Zeit Online ein: "Falls mit dem gemeinsamen Feind jene Staaten gemeint sind, die islamistischen Terror unterstützen, dulden oder gar rekrutieren, so möchte man festhalten, dass es die gleichen Staaten sind, die zu den Stammkunden der deutschen Waffenindustrie zählen. (…) Kurz: Der gemeinsame Feind ist je nach deutscher politischer Befindlichkeit mal ein Feind und dann wieder ein Kunde."
Archiv: Europa