9punkt - Die Debattenrundschau

Eine kleine Probe für die wirkliche Krise

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.12.2020. Der Brexit liegt in den letzten Zügen. Im Guardian fragen die PolitologInnen Anand Menon und Jill Rutter, warum sich am Ende die Brexit-Fundamentalisten fast ganz durchsetzten.  Heute vor fünfzig Jahren kniete Willy Brandt vor dem Mahnmal für das Warschauer Ghetto nieder. In der taz erzählt Gabriele Lesser, warum die Polen nichts davon erfuhren. Die Coronakrise wird vorübergehen, übrig bleiben wird ein digitaler Feudalismus, prophezeit Boris Groys in der SZ. Und der Klimawandel, sekundert Slavoj Zizek in der FR. Im Observer lernt Nick Cohen mit Blick auf Xinjiang: Sklaverei ist ein System, an das sich die Welt gewöhnt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2020 finden Sie hier

Europa

Erst war die Frage Brexit oder nicht, dann "harter Brexit" oder "weicher Brexit", dann "harter Brexit" oder überhaupt kein Deal. Nun scheint es am Ende auf die Minimalvereinbarungen des harten Brexit hinauszulaufen. Insgesamt aber haben die Brexit-Fundamentalisten in England gesiegt, so die Politologen Anand Menon und Jill Rutter im Guardian, die sich fragen, warum nicht wenigstens ein Kompromiss für einen weicheren Brexit zustandekam: "Der Zustand unserer Politik hat ganz klar nicht geholfen. Viele Konservative hätten eine enge Zusammenarbeit mit der parlamentarischen Labour-Partei in Erwägung gezogen, wenn ihr Vorsitzender nicht Jeremy Corbyn geheißen hätte. Ebenso hätten viele Labour-Abgeordnete, die Brexit unterstützten, aber einen Deal wollten, den Deal von Theresa May unterstützen können, wollten aber nicht den Eindruck erwecken, eine konservative Premierministerin zu unterstützen, die andernfalls vielleicht gefallen wäre."
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Stichwörter: Brexit, Labour

Geschichte

Heute vor  fünfzig Jahren kniete Willy Brandt vor dem Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto nieder. In Polen wurde diese Geste systematisch zensiert, schreibt Gabriele Lesser in der taz und zitiert den heute 94-jährigen Holocaust-Überlebenden Marian Turski: "Die meisten Polen haben nie davon erfahren. Die Zensur gab das Bilderverbot 'Kein kniender Kanzler!' heraus, in den Medien erschienen nur kurze Artikel, und dann begannen auch schon die Arbeiterunruhen an der Ostseeküste, die am Ende zum Sturz der Regierung führten. Der Besuch Brandts war kein Thema mehr."
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Ideen

Recht wirr äußert sich Slavoj Zizek im Gespräch mit Tomasz Kurianowicz von der FR über die Coronakrise. Im gleichen Atemzug sagt er: "Ich vermisse eine gesunde Panik" und "Ich denke, die Menschen sind verzweifelt", um noch Schlimmeres anzusagen: Die Menschen "registrieren, dass eine Epoche zu Ende geht. Die dritte Welle wird eine Welle psychischer Krankheiten sein. Das wird dramatisch zunehmen. Das kann man jetzt schon anhand des psychischen Zustands von Kindern und Jugendlichen beobachten. Die sind sozial isoliert und deprimiert. Niemand gibt ihnen eine klare Perspektive. Klar, der Impfstoff kommt. Aber wie schon der Soziologe Bruno Latour gesagt hat: Diese Pandemie ist nur eine kleine Probe für die wirkliche Krise, die später noch kommt: andere Viren, globale Katastrophen und vor allem - die Erderwärmung."

Die Pandemie ist keine Zäsur, sondern eher ein Beschleuniger gegenwärtiger Tendenzen, meint der Philosophen Boris Groys im Gespräch mit der SZ. Und die steuern auf ein neues Mittelalter zu, da ist er sich mit Slavoj Zizek einigt: "Mittelalter bedeutet Feudalismus, ein System großer ökonomischer Ungleichheit. Im vordigitalen Kapitalismus ging es der Mittelschicht gut, deshalb brauchte sie keine Verschwörungsmythen. Das System, auf das wir zusteuern, ist ein digitaler Feudalismus mit einem enormen wirtschaftlichen Gefälle. Milliarden Menschen erzeugen Daten, wenn sie viele Stunden am Tag auf Social Media aktiv sind. Sie bekommen für diese Arbeit kein Geld und haben keine Kontrolle darüber, wie die Algorithmen die Daten über ihr Verhalten verarbeiten. Die Macht der Digitalkonzerne, der Herrscher über die Algorithmen, hat Parallelen zum Geheimwissen der Priesterkaste im Mittelalter. Da muss man sich nicht über Verschwörungsmythen wundern, die überall geheime Mächte vermuten. Gleichzeitig hat auch das Verhalten auf Social Media etwas von einer pervertierten religiösen Praxis."

Biologie ist real, auch bei den Geschlechtern, versichert im Gespräch mit der NZZ der Anthropologe Carel van Schaik. Das Gerede von der Überlegenheit der Männer sei allerdings ein Mythos. Für die Stellung der Frauen in der Gesellschaft waren kulturelle Einflüsse mindestens so bedeutend wie biologische, sagt er. "In den Gruppen der Jäger und Sammler gab es keine Alphatiere. Dass gewalttätige Männer herrschen, gilt erst seit weniger als zehntausend Jahren, also seit die Menschen Landwirtschaft betreiben und Eigentum verteidigen mussten. Die Ironie ist aber, dass in genau dieser Zeit die Frauen ihren Partner meist nicht mehr selbst wählen konnten. ... Bei den Jägern und Sammlern benehmen sich die Männer nicht wie Paschas, denn es bringt ihnen nichts. Da sehen wir eine gegenseitige Abhängigkeit, das Überleben lässt sich nur mit Kooperation sichern. Wir können also beobachten, unter welchen Umständen Männer dominieren, und uns entscheiden, diese Umstände zu vermeiden. Das ist Kultur!"

Im Interview mit Zeit online erklärt die Philosophin Eva von Redecker den Coronaleugnern und Querdenkern, was an ihrer Vorstellung von Freiheit, ähm, verquer ist: "Man spürt offenbar seine Freiheit nur, wenn man sie wüst verwenden kann: Die Meinungsfreiheit ist erst zu spüren, indem man andere verletzen darf, die Konsumfreiheit, indem man in Benzinschleudern fahren kann, und die öffentliche Bewegungsfreiheit, indem man anderen ins Gesicht husten darf. Die liberale Freiheit der Wahl ist ja bereits ein recht enger Freiheitshorizont, aber hier verfinstert sich dieser noch autoritär. Solche Freiheit gebärdet sich als gefährliche Rücksichtslosigkeit, wenn wir die Schranke, die die anderen für uns sind, einfach durchbrechen wollen. In meinen Augen beruht diese Haltung darauf, dass wir den modernen Bürger nach dem Modell des Eigentümers konzipiert haben, der in seiner eigenen Domäne nach Belieben schalten und walten kann."
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Gesellschaft

Wer sich als Selbständiger oder freier Künstler auf die großzügigen Versprechen der Politiker verließ und Corona-Soforthilfen nicht ganz so ausgab, wie es im Kleingedruckten stand, kann jetzt mit dem Vorwurf des "Subventionsbetrugs" rechnen, berichtet Andreas Thamm in der taz: "Seit Oktober sammelt der Verband der Gründer und Selbstständigen (VGSD) solche Fälle. Bis Mitte Oktober hat der Zoll nach Recherchen des VGSD von den Banken insgesamt 8.200 Verdachtsmeldungen im Zusammenhang mit den Coronasoforthilfen erhalten." Insgesamt aber wurden immerhin 30 Milliarden Euro an Hilfen für Selbständige zur Verfügung gestellt. In unserer Angestelltenrepublik sind Selbständige immer noch Exoten. Nun wird erstmals ihr häufig prekärer Status bemerkt, so Barbara Dribbusch im taz-Kommentar: "Die wirtschaftliche Verwundbarkeit von Selbstständigen, viele davon in der privaten Dienstleistung, zeigt sich wie nie zuvor. Selbstständige in Dienstleistungbranchen, besonders im Kulturbereich, sind durch den Teillockdown bis in den Januar hinein mit einem faktischen Berufsverbot belegt oder leiden indirekt unter den Kontaktbeschränkungen."

In der SZ denkt Kurt Kister über den Kniefall Willy Brandts vor fünfzig Jahren nach und die Kniefälle der BLM-Bewegung. Dass sich da was verändert hat, ist klar: "Die Handlungen der Einzelnen, seien dies Brandt oder auch Helmut Kohl und François Mitterrand auf dem Friedhof von Verdun, verlangen Stellungnahme, negativ oder positiv, aber sie verbieten Mitmachen. Simpel gesagt: Bahr konnte nicht neben Brandt knien. Beim #takeaknee ist das anders: Hier bedeutet positive Stellungnahme nahezu zwingend Mitmachen. Wer nicht selbst auf die Knie geht, schließt sich aus, er oder sie gehört zu den 'anderen'. Brandts Kniefall war der Kniefall eines Einzelnen für alle; #takeaknee sind fünfzig Jahre später die Kniefälle (ein seltsamer Plural) der vielen gegen die anderen."

Jetzt ist auch noch Söder nach links abgedreht. Bald werden Konservative außer der AfD keine politische Alternative mehr haben, warnt in der NZZ Wolfgang Bok: "Noch geht die Strategie von Söder und Merkel auf, die Konkurrenz von rechts zu Feinden der Demokratie zu erklären. Das fällt auch deshalb leicht, weil die AfD mit jeder Häutung brauner und weithin als zerstrittener Haufen obskurer Sonderlinge erscheint. Für aufrechte Konservative ist eine solche Gruppierung allenfalls im Sinne einer Protestbekundung wählbar. Nun fühlen sie sich auch noch von der Söder-CSU verraten - und sind damit parteipolitische Waisen. Niemand weiß, wohin diese Heimatlosen tendieren."

Der Observer begrüßt in seinem Editorial ein Urteil des Londoner High Court, das es Kindern unter 16 künftig untersagt, im Hinblick auf eine Geschlechtsumwandlung pubertätsblockierende Medikamente einzunehmen. Die Redaktion zitiert Fälle wie den von Keira Bell, die eine Geschlechtsumwandlung rückgäng machte - nachdem ihr beide Brüste amputiert worden waren. Zweifellos, so die Autoren,  gibt es "transsexuelle Erwachsene, die als Kinder begannen, Pubertätsblocker einzunehmen, und die im Gegensatz zu Bell und anderen Jugendlichen, die ihre Behandlung in Frage gestellt haben, der Meinung sind, dass dies die richtige Entscheidung war. Aber dies war nicht die Frage vor dem Gericht: Es ging darum, ob Kinder in der Lage sind, in vollem Bewusstsein einzuwilligen."

Außerdem: In der NZZ versucht sich Reinhard Mohr an einer Typologie der Deutschen. In der SZ plädiert Constanze von Bullion für "eine große staatliche Geste, eine Gedenkstunde, irgendwas", um die Corona-Toten zu würdigen.
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Politik

Nick Cohen vergeicht in seiner Observer-Kolumne die Zwangsarbeit in Xinjiang mit der Sklaverei im 18. und 19. Jahrhundert und merkt vor allem an, wie sehr man sich an solches System gewöhnt: "Wie einst beim atlantischen Sklavenhandel scheint es zu bequem zu sein, die Zwangsarbeit in China in Frage zu stellen. Es ist etwas anderes, bei einer 'Black Lives Matter-'Demo mitzulaufen als seinen Telefonvertrag zu zerreißen. China ist wie einst die Sklaverei-Mächte Britannien oder Amerika so stark und so eingebettet in die globalen Strukturen des Konsums, dass es vergeblich scheint, sich dagegen aufzulehnen."
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Wissenschaft

In einem epischen Interview mit Zeit online betont der Infektiologe Jeremy Farrar, wie wichtig es ist, bei einer Pandemie die Zahl der Neuinfektionen drastisch zu minimieren. Und er wünscht sich eine bessere Forschung dazu, wie Menschen sich verhalten: "In den letzten zwanzig Jahren haben wir Disziplinen wie die Anthropologie und die Verhaltenswissenschaften nicht genügend wertgeschätzt und finanziert. Wir brauchen in dieser Pandemie ganz dringend ein besseres Verständnis davon, wie Menschen leben. Wir müssen ihr Verhalten besser verstehen. Nur wenn uns das gelingt, wird man mit Verhaltensinterventionen auch Erfolg haben. Und wir müssen die Trennwände zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen einreißen, zwischen den Sozialwissenschaften, den Kommunikationswissenschaften und der Biomedizin etwa. Ein besseres Verständnis von Kultur und Verhalten wird nicht jedes Problem lösen. Aber genauso wenig schwimmt die Lösung für alles in einem Glasfläschchen mit der Aufschrift 'Impfung'."
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