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9punkt - Die Debattenrundschau

In einer ohnehin schon angstvollen Zeit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.12.2020. Wieso schaffen wir es in Deutschland nicht, der Corona-Toten angemessen zu gedenken fragt die taz. Dass die Deutschen ein Problem mit Opfern haben, stellen auch neun ehemalige Geiseln der "Landshut" fest, die in der Welt ein Museum des Deutschen Herbstes fordern. Zeit online stellt Prabhat Agarwal vor, der den Widerstand des gallischen Dorfs EU gegen die  Macht von Google, Amazon, Facebook und Apple organisiert. In der FAZ spricht Johannes Willms über den Gaullismus als Gefängnis Emmanuel Macrons. New York Times und Heise.de thematisieren die neue Macht der Musikindustrie.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

Es gibt vereinzelte Initiativen wie die der Künstlerin Veronika Radulovic und des Autors Christian Y. Schmidt, die die Bürger aufrufen, Kerzen aufzustellen (mehr hier). Aber insgesamt gedenken die Deutschen ihrer Corona-Toten kaum. Schon gar nicht gibt es eine Individualisierung wie auf der bewegenden Seite "The Loss" von NBC News, wo Corona-Tote porträtiert werden - viele davon sind ziemlich jung gestorben. Carolina Schwarz fragt in der taz, wieso wir es in Deutschland nicht schaffen, der Toten zu gedenken: "Ist es die deutsche Arroganz, aufgrund derer wir noch immer denken, wir seien nicht so schlimm betroffen wie andere und hätten die Pandemie besser im Griff? Ist es der Appell, in einer ohnehin schon angstvollen Zeit nicht noch mehr Panik schüren zu wollen? Ein Großteil der Deutschen hat das Glück, bisher noch keine Verstorbenen persönlich zu kennen. Doch sind wir wirklich so unsolidarisch, dass wir nicht nach links und rechts gucken können und sehen, dass in diesem Land schon knapp 20.000 Menschen der Pandemie zum Opfer gefallen sind? Vermutlich ist es eine Mischung aus alldem. Doch wichtiger als Gesellschaftsanalysen ist jetzt die Frage, wie ein Gedenken in unserem Land aussehen könnte."

Dass die Deutschen ein Problem mit Opfern haben, stellen auch neun ehemalige Geiseln der "Landshut" fest, die in der Welt ein Museum des Deutschen Herbstes fordern. Und das Flugzeug gehört auch dorthin, meinen die neun, darunter der Copilot Jürgen Vietor, der die entführte Boeing 737 nach der Ermordung des Kapitäns Jürgen Schumann von Aden nach Mogadischu fliegen musste.  Ein Museum in Friedrichshafen, für das der Bundestag bereits 15 Millionen Euro bereit gestellt hat, wäre eine Möglichkeit. Weil Kulturstaatsministerin Monika Grütters das jedoch "bizarr" fände, schlagen die neun Berlin vor: "Die Entführung der "Landshut" ist natürlich Teil der Geschichte der alten Bundesrepublik, aber da man heute weiß, dass auch die Geheimdienste der Sowjetunion und der DDR indirekt involviert waren, handelte es sich doch um ein gesamtdeutsches Ereignis. Der Flughafen Tegel ist zwar seit Kurzem außer Betrieb, aber wohl schon für künftige Nutzungen verplant. Im alten Flughafen Tempelhof jedoch stehen sieben gewaltige Hangars leer. Nur für drei davon gibt es bisher konkrete Nutzungspläne - so soll dort das Alliiertenmuseum einziehen." Ein solches Museum wäre auch wichtig, um "den namenlosen Opfern ein Gesicht zu geben und ihrer zu gedenken. Die Prominenten haben ihre Lobby - natürlich auch zu Recht. Opfer wie Alfred Herrhausen, Hanns Martin Schleyer oder Siegfried Buback. Aber wo ist die Erinnerung an die 'Kollateralschäden'? An Fahrer, Personenschützer, Polizisten? An zufällig vorbeikommende Menschen? Auch sie brauchen einen Ort des Gedenkens."

Endlich, Corona hat es erzwungen, Stadtflucht überall (oder jedenfalls wird drüber nachgedacht), freut sich Dankwart Guratzsch in der Welt. Das hat seiner Meinung nach für Stadt wie Land nur Gutes, denn: "Den überfüllten Städten steht eine ausgezehrte, brachfallende Landeskultur gegenüber. Die Agrarindustrie mit ihrer Massentierhaltung, ihrer Riesenfelderwirtschaft, ihrer herbeigespritzten Artenarmut und ihren Heeren von Saisonarbeitern hat nicht nur natur-, sondern auch menschenfeindliche Züge angenommen. Ganze Infrastrukturnetze brechen in sich zusammen. In den Städten wird über Wohnungsnot geklagt - auf dem Land fallen die Mieten und Grundstückspreise ins Bodenlose."

Wann man sich berühren darf, ist in jeder Gesellschaft anders codiert. In Korea berühren sich die Menschen mehr, doch ist das weniger sexuell aufgeladen als im Westen, erzählt Hoo Nam Seelmann in der NZZ. "Man schläft gern zusammen unter einer Decke. Geschwister tun dies, ebenso Freunde. Die Tochter verbringt beispielsweise die Nacht vor ihrer Hochzeit mit der Mutter, um Danke schön zu sagen und sich von ihr zu verabschieden. Diese physische Nähe unter den Familienmitgliedern wird zusätzlich verstärkt, indem man sich auch im Alltag gern gegenseitig massiert."
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Ideen

Warum fehlen wesentliche Schriften Martin Heideggers in der von Günther Neumann herausgegebenen Gesamtausgabe des Klostermann Verlags, fragt ein verärgerter Thomas Meyer in der SZ, darunter auch die Rektoratsrede vom 27. Mai 1933 in Freiburg: "Wer je die Rektoratsrede in Heideggers handschriftlicher Fassung las, dazu die zahlreichen Anmerkungen und Korrekturen, kennt sein Ringen, Nationalsozialismus und das eigene Denken in eine Form zu bringen. Man hätte vergleichen können, wie sich Heidegger beim Abfassen radikalisiert ... Wäre es also nicht angebracht gewesen, schon um die von Wohlwollenden seit Jahrzehnten angemahnte Transparenz wenigstens anzustreben, angesichts des zu Recht völlig desaströsen Rufs Heideggers endlich Einsicht zu zeigen, dass man nicht beides seriös haben kann: Öffentlichkeit und Verehrungsforderung?"
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Stichwörter: Heidegger, Martin

Religion

Immer mal wieder kommt irgendwo irgendjemand auf die "Staatsleistungen" zu sprechen, die die deutschen Bürger, egal ob Kirchenmitglieder oder nicht, an die Kirchen zahlen, eine seit 200 Jahren andauernde Entschädigung für Kirchengüter, die von Napoleon konfisziert worden waren - aus den Staatsleistungen - gut eine halbe Milliarde Euro pro Jahr - werden etwa die Gehälter vieler Kirchenleute bezahlt. Heute thematisiert Helmut Ortner den andauernden Skandal bei den Salonkolumnisten: "Sowohl die Weimarer Reichsverfassung (1919) als auch das Grundgesetz (1949) verlangen, dass diese Staatsleistungen beendet, das heißt abgelöst werden. Ein frommer Wunsch. Keine Regierung der vergangenen Jahrzehnte, gleich ob christ- oder sozialdemokratisch, sah hier Handlungsbedarf. Die eherne Komplizenschaft von Staat und Kirche überdauerte selbst eine rot-grüne Ära. Ein andauernder Verfassungsbruch. Hinzu kommt: Über die Jahre sind diese "Staatsleistungen" kontinuierlich gestiegen." Nun liegt ein neuer Gesetzentwurf vor: Trotz der jahrhundertelangen Zahlungen, sollen die Kirchen nun mit nochmals 10,23 Milliarden Euro ruhiggestellt werden.
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Europa

Die Jusos, eine gemeinhin nicht mehr so häufig wahrgenommene Jugendorganisation der SPD, hat sich jüngst zur Jugend der Fatah bekannt, in deren Logo das Land Israel komplett in den palästinensischen Farben eingefärbt ist (mehr hier). Dieser Beschluss sorgt auch für Ärger unter den Erwachsenen in der Partei, berichtet  Michael Thaidigsmann  in der Jüdischen Allgemeinen. Vorerst hat sich der Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten kritisch geäußert: "Rhetorisch wirft der Arbeitskreis die Frage auf: 'Ist es verletzend für die Fatah-Jugend, wenn die Jusos klare Beschlüsse zum Thema Antisemitismus fällen?' Um sie klar zu beantworten: 'Wenn ja, sollten wir doch alle sagen: so what!' Der jüngste Juso-Antrag nehme, so die Gruppe, auch keinen Bezug zur SPD-Beschlusslage. 2017 hatte der Parteitag auf Antrag des AJS beschlossen: 'Von der palästinensischen Seite fordern wir die Ächtung des Terrors.'"

Emmanuel Macron ist als Reformer angetreten und landet jetzt als Gaullist auf den Brokatteppichen der Republik, sagt De-Gaulle-Biograf Johannes Willms (ehemals Feuilletonchef der SZ) im Interview mit Michaela Wiegel von der FAZ. Damit führt er die fatalste der französischen Traditionen weiter, so Willms, nicht den Republikanismus oder Monarchismus, sondern den Bonapartismus: "Jeder Präsident sitzt in der V. Republik im Gefängnis seiner eigenen Bedeutung. Er ist der Erwählte der Millionen. Auf ihn richten sich alle Erwartungen. De Gaulle wollte das so, er wollte die Exekutive stark machen auf Kosten der Legislative. Das bedeutete die Umkehrung der bisherigen republikanischen Tradition in Frankreich. Zuvor war immer das Parlament stark und die Regierung schwach gewesen. Dafür gab es gute Gründe, man erinnere sich nur an Napoleon III."

Eine Frankfurter Pizzeria hat sich humoriger Weise als "Falcone&Borsellino" tituliert und ihren Online-Auftritt mit Einschusslöchern verziert. Die Witwe des brutal ermordeten Mafia-Ermittlers Giovanni Falcone hat dagegen geklagt und wurde von Frankfurter Richtern abschlägig beschieden. Der heroische Kampf von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino sei 28 Jahre nach deren Tod praktisch verwirkt, und die Namen von Falcone und Borsellino seien in Deutschland nur "Strafverfolgern und Kriminologen" bekannt. Petra Reski protestiert im Aufmacher des FAZ-Feuilletons gegen das Urteil. Es ist nicht der einzige Fall frivoler Mafia-Folklore in Europa: Der Spiegel habe etwa einen Mafiamusik-Produzenten als freien Mitarbeiter engagiert "und rühmte in einem Editorial, dass er das 'Vertrauen mancher Mafiosi' genieße. Derart legitimiert gelang es ihm, seine Mafiamusik in Berlin im Haus der Kulturen vorzustellen, das vom deutschen Außenministerium verwaltet und finanziert wird."

Der Historiker Christian Booß bilanziert in der FAZ das Wirken der Stasi-Unterlagenbehörde, die jetzt ins Bundesarchiv überführt wird: "Nirgendwo auf der Welt wurde so akribisch über einzelne Befunde einer Diktaturhinterlassenschaft diskutiert und auch gestritten wie in Deutschland. Jeder konnte sich seine Meinung bilden. Dass alle immer einer Meinung sind, ist in einer Demokratie ja keineswegs das Ideal. Es gibt messbare, wenn auch stille Erfolge. Die rund 185.000 Rehabilitierungsverfahren für politisch Verfolgte wären ohne die Stasiakten kaum möglich gewesen."
Archiv: Europa

Kulturmarkt

Die durch das Streaming wieder erstarkte Musikindustrie geht wieder auf Einkaufstour. UMP, die Verlagssparte des Mediengiganten Universal, hat sich die Rechte an Bob Dylans Kompositionen und Texten gesichert, berichtet Volker Briegleb bei heise.de: "UMP macht keine Angaben dazu, wie viel Geld das Unternehmen für diese in Streaming-Zeiten besonders attraktiven Rechte bezahlt. Laut einem Bericht der New York Times wird das Paket auf über 300 Millionen US-Dollar (rund 250 Millionen Euro) geschätzt. Der 79-jährige Folk-Rock-Pionier Dylan zählte bisher zu den wenigen Künstlern, die den Großteil der Rechte an ihrem Werk selbst kontrollieren."

"Der Deal ist der jüngste und auffälligste im brummenden Markt der Musikkataloge", schreibt Ben Sisario im angesprochen New-York-Times-Artikel. "Jüger und ältere Künstler haben ihre Songs verkauft, während Verleger und Investoren Milliarden Dollar von Unternehmen und Privatpersonen eingesammelt haben, um Autoren zu überzeugen, sich von ihren Werken zu trennen."
Archiv: Kulturmarkt

Internet

Online nachgereicht: Georg Blumes und Ann-Kathrin Neziks Porträt des EU-Beamten und studierten Physikers Prabhat Agarwal in der Zeit. Agarwals Job ist es, die Macht von Google, Amazon, Facebook und Apple zu beschränken: "Laut einem Entwurf aus dem September könnten die so aussehen: Gatekeepern - also den großen Plattformen - wollen sie demnach verbieten, eigene Angebote zu bevorzugen oder sich an Daten von Wettbewerbern zu bereichern. Das wäre ein Frontalangriff auf die großen vier, ein tiefer Eingriff in ihre Geschäftsmodelle. Google dürfte seine Nutzer dann vielleicht nicht mehr so einfach von der Suchmaschine auf YouTube oder Google Maps lenken, die auch zum Konzern gehören. Apple müsste zulassen, dass der Streamingdienst Spotify und andere Rivalen sein Bezahlsystem umgehen."
Archiv: Internet
Stichwörter: Streamingdienste, Spotify

Medien

In der FAZ findet es der ehemalige Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner zwar ok, dass die Regierung für die Presse 220 Millionen Euro locker machen will (unsere Resümees), schimpft aber gleichzeitig über die geplante deutsche Umsetzung der EU-Urheberrechtsreform, die Bagatellgrenzen für Zitate vorsieht. Wir zitieren lieber nichts!
Archiv: Medien