9punkt - Die Debattenrundschau

Wer dazu gehören soll

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2020. Zu Weihnachten wird selbst Slavoj Zizek in der NZZ christlich, allerdings mit eigenwilliger Botschaft. Josef Joffe findet in der Zeit sehr wohl, dass in BDS Antizionismus und Antisemitismus verschmelzen. Hegel-Biograf Klaus Vieweg verteidigt in der Welt den Aufklärer Hegel und verteidigt ihn vehement gegen den Vorwurf des Rassismus.In der FR skizziert der Historiker Andreas Kossert eine Weltgeschichte der Heimatlosigkeit. In der SZ verteidigt Gottfried Knapp die Paulskirche gegen Herfried Münkler und Co.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.12.2020 finden Sie hier

Ideen

Die Betreiber der ″Weltoffenheit 5.3″ tun zwar einerseits so, als sei BDS eine Harmlosigkeit, machen aber zugleich viel Lärm, um die Organisation fördern zu dürfen. Josef Joffe findet BDS in der Zeit keineswegs harmlos: "Hier verschmelzen Antizionismus und Antisemitismus. Welcher andere Staat außer dem jüdischen muss um sein Existenzrecht kämpfen? Es geht wohlgemerkt nicht darum, Benjamin Netanjahu schönzutun, israelische Grausamkeiten hinzunehmen oder einen Palästinenser-Staat zu verhindern. Moralisch verwerflich ist indes die 'Alleinstellung' Israels als Sünder unter den Nationen, wenn so viele Schurkenstaaten unbehelligt bleiben. Moral muss universell sein, oder sie ist keine. Antizionismus wird übrigens nicht dadurch überzeugender, dass ihm in Deutschland und Amerika auch linke Juden frönen."

Slavoj Zizek macht sich in der NZZ Gedanken über die großen Fragen des Christentums, und auch wenn er es nicht unbedingt mit der herkömmlichen Theologie halten möchte, findet er interessantes Anstöße etwa bei G.K. Chesterton ("Nur das Christentum hat begriffen, dass Gott, um ganz und gar Gott zu sein, nicht nur König, sondern auch Rebell sein muss.") Oder im Bombast-Rock: "Die wahre Weihnachtsbotschaft lautet also nicht: 'Wir sind sicher, dort oben wacht jemand über uns, er hat uns seinen eigenen Sohn als Botschafter geschickt!', sondern: 'Wir sind allein und verantwortlich für unser Schicksal.' Dieses Fehlen einer transzendentalen Unterstützung ist ein anderes Wort für Freiheit - Christus verkörpert das göttliche Geschenk der Freiheit. Oder, wie Rammstein es in 'Ohne dich' darstellen: 'Ohne dich kann ich nicht sein, mit dir bin ich auch allein'  - nur mit Christus sind wir wirklich allein."

Hegel-Biograf Klaus Vieweg führt in der Welt seine Verteidigung Hegels als Aufklärers fort und verteidigt ihn vehement gegen den aus einigen Zitaten abgeleiteten Vorwurf des Rassismus. Ein Beispiel sind für ihn Hegels spöttische Ausführungen über die "Schädellehre" in der Phänomenologie: "Die Protagonisten der letzteren fassen vorschnelle, unzulässige Urteile über den Zusammenhang  des Natürlichen und des Charakters des Menschen. Der Versuch diese natürliche Physiognomik zum Wissen zu erheben, bleibt  unhaltbar und  'bodenlos'.  Der Kausalzusammenhang von Schädel und Geist - so Hegel diametral gegen die genante  NSDAP-Propaganda-These  -  muss  zwingend wegfallen, ähnlich wie aus der Form der Weinbeere nicht auf den Geschmack des Weines geschlossen werden kann. Hegel vergleicht das Urteilen dieser Schädel- und Gesichts-Beobachterei  spöttisch  mit  der  Feststellung: 'Es  regnet  allemal, wenn wir Jahrmarkt haben.'"
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Politik

Auch in der deutschen Botschaft in Indonesien sucht man den "Dialog der Kulturen", allerdings mit zweifelhaftem Erfolg, berichtet Marco Stahlhut in der FAZ: "Es gab auch einen deutschen Diplomaten, der an der führenden Hochschule des Landes, Universitas Indonesia, für die Einführung von Scharia-Elementen in die deutsche Gesetzgebung plädierte - natürlich 'nur' für Muslime - und damit beim moderaten Teil der Studierenden helles Entsetzen auslöste. Ihm war offenbar entgangen, dass das Thema Scharia hoch umstritten in Indonesien ist."
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Stichwörter: Indonesien

Geschichte

Im FR-Interview mit Bascha Mika spricht der Historiker Andreas Kossert über Flucht und Vertreibung und die Weltgeschichte der Heimatlosigkeit: "In den Überlieferungen der Menschheit spielt dieses Thema stets eine Rolle.  Viele Fluchterfahrungen sind jedoch in der Geschichte versunken, die kennen wir nicht mehr. Aber erzwungene Wanderschaft hat es immer gegeben. In der Vormoderne betraf es vor allem religiöse Minderheiten, in der Moderne taucht dann die Idee der ethnischen Homogenität auf. Wer dazu gehören soll und wer ausgeschlossen wird, folgt bis heute ethno-religiösen Mustern, die auf erschreckende Art zeitlos geblieben sind. Denken Sie nur an die Kurden und Jesiden. Oder an Berg-Karabach; dort sehen wir unter den Augen der Weltöffentlichkeit, wie eine ethnisch motivierte Vertreibung im 21. Jahrhundert stattfindet."
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Kulturpolitik

Plenarsaal der Paulskirche. Foto: BlueKnow, Wikimedia/CC BY 3.0

Vehement widerspricht Gottfried Knapp in der SZ den Herren Herfried Münkler, Hans Walter Hütter und Peter Cachola Schmal, die der Paulskirche in einem Gutachten "Aura" und "ästhetische Evidenz" abgesprochen haben: "Die Paulskirche mag nach der jahrzehntelangen Vernachlässigung durch Bund und Stadt Frankfurt heute schäbig, ja peinlich veraltet aussehen. Aber der Raum gehört zum Besten, was nach dem Krieg gestaltet worden ist. Natürlich muss die verstaubte Ausstellung im Erdgeschoss ersetzt werden. Und natürlich kann man oben im Saal die knarzenden Sitzreihen herausreißen und auch mal die muffigen Fahnen der Bundesländer abhängen. Das von Rudolf Schwarz geschaffene, kunstvoll leere Raumkunstwerk fordert seine Betreiber ja zu besonderen Veranstaltungen physisch heraus."

Das Ende der Shopping Malls und der Einkaufszentren möchte Gerhard Matzig in der SZ unbedingt auch als eine Chance im Elend begreifen: "Die Stadt ist wiederzugewinnen nicht als Konsumschleuse, sondern als Lebensraum: Was frei wird an Ladenfläche in der Stadt, kann auch Wohnraum oder die Fläche für Produktion und Handwerk sein, die einst aus der Stadt getrieben wurden. Aus Warenlagern können Kulturräume werden. Und aus dem global herumgereichten Plunder können wieder Produkte des Besonderen werden."

Außerdem ist Peter Richter in der SZ die Verkehrswende nicht geheuer, mit der Berlins rot-rot-grüner Senat die Innenstädter beglücken möchte und hinter der er eine verordnete Gemütlichkeit befürchtet: "Berlin wird voller, der Platz enger: Vielleicht kein Wunder, dass es überall knirscht in der Stadt - und im Stadtbild. Die sogenannte Verkehrswende, die der rot-rot-grüne Senat beschlossen hat, schlägt sich inzwischen auch optisch in einer Weise nieder, die an hektisches Ausparken erinnert: Blick nach vorn, eingelenkt wird ungern, aber mit Karacho zurückgesetzt."

Gesellschaft

Was hat Corona verändert? Überall Reflexionen über einen Umbruch. Sascha Lobo zitiert in seiner Spiegel-online-Kolumne den amerikanischen Zukunftsforscher Roy Amara: "Wir überschätzen die kurzfristigen Folgen von Technologien, aber wir unterschätzen die langfristigen." Aber die kurzfristigen sind auch nicht ohne: "Die Steuereinnahmen der Stadt New York bestehen zu einem sagenhaften Drittel aus Immobiliensteuern, die letztlich wiederum von den Mieten abhängen. Wenn Homeoffice normal wird, droht New York die Pleite."

Und der christlich inspirierte Soziologe Stefan Böschen diagnostiziert im Gespräch mit Katja Kullmann in der taz auf Sinnkrise: "Insgeheim sind wir daran gewöhnt, dass moderne Technik all unsere Probleme schon lösen wird. Jetzt sind wir auf einmal wieder selbst gefordert. In der Pandemie ist Kooperation gefragt - eine uralte Menschheitstechnik. Mit Störungen im Alltag umzugehen, sich selbst umzustellen, und das nicht nur zum eigenen Wohl, sondern im Namen des Kollektivs: Das fällt vielen, mich eingeschlossen, durchaus schwer. Das sind sicher auch die Auswirkungen eines forcierten Individualismus."

Hans-Ulrich Gumbrecht gibt jedoch in der Welt mit Hannah Arendt zu bedenken: "Was dabei an die existenzielle Substanz geht, ist ein spezifisches, vom allgegenwärtigen Corona-Gebot  der  'sozialen   Distanz' ausgehöhltes 'Zwischen' der menschlichen  Beziehungen."

Etwas handfester ist die Krise auf Lesbos, wo dies Jahr das Flüchtlingsslager Moria abbrannte. taz-Autorin Franziska Grillmeier hat in diesem Jahr viel Zeit dort verbracht: "Eine junge Frau aus Afghanistan steht drei Tage hintereinander auf einem Abrisshaus neben der Straße und hält ein Schild in die Luft: 'Es ist besser, für die Freiheit zu sterben, als das ganze Leben im Gefängnis zu sein.' Ein neues temporäres Lager wird innerhalb weniger Stunden auf einem Militärübungsplatz errichtet, direkt neben dem Ort, an dem die Menschen neun Tage lang nach dem Brand von der Polizei eingekesselt wurden. Die Menschen berichten von der Panik, abermals in eine isolierte 'Struktur' zu kommen. Polizist:innen verteilen Zettel, auf denen steht, 'im neuen Camp wird es genug Essen, Wasser, Elektrizität und Wi-Fi geben'."
Archiv: Gesellschaft