9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Art Lyrik des öffentlichen Diskurses

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.02.2021. Im New Yorker nimmt Masha Gessen die Vorwürfe gegen Alexei Nawalny unter die Lupe und verteidigt ihn am Ende. In der FAZ malt Anja Zimmer, Chef einer Landesmedienanstalt, ein Horrorszenario aus: Man stelle sich vor, Rezo wäre ein Relotius. Die NZZ bezweifelt mit Blick auf die Gender-Reformen des Duden den direkten Einfluss von Sprache auf die Wirklichkeit. Und geschichtedergegenwart.ch fragt: War Kleopatra weiß oder schwarz?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2021 finden Sie hier

Europa

Alexei Nawalnys frühe nationalistische Äußerungen hängen wie ein Mühlstein an ihm und veranlassen Gegner wie die linksradikale Zeitschrift Jacobin, vor ihm zu warnen. Andere nominieren ihn unterdessen für den Friedensnobelpreis. Masha Gessen geht den Vorwürfen im New Yorker auf den Grund, lässt nichts aus, erklärt aber vieles mit seiner damaligen Unerfahrenheit und mit politischen Umständen. Nawalny, der keine vornehmen Schulen besucht hat und sich alles selbst beibringen musste, habe sich längst distanziert, versichert sie, auch nach Gesprächen mit seinem Berater Leonid Wolkow: "Laut Wolkow bedauert er das Video von 2007, in dem er die Abschiebung von zentralasiatischen Migranten befürwortet, jetzt, aber er hat es auf YouTube nicht gelöscht, 'weil es eine historische Tatsache ist'. Nawalny steht zu seiner Unterstützung für Waffenbesitz, ein Thema, bei dem er und Wolkow unterschiedlicher Meinung sind. Beim Thema Einwanderung hat Nawalny seine Position differenziert und neu formuliert: Wenn er jetzt für eine Visaregelung mit zentralasiatischen Ländern eintritt, betont er die Notwendigkeit, die Rechte von Arbeitsmigranten zu schützen. 'Russland braucht definitiv Einwanderer', sagte Wolkow, 'aber solche, die eine Arbeitserlaubnis erhalten und Steuern zahlen.'"
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Urheberrecht

An einem Beispiel erklärt Julia Reda bei heise.de, wie Uploadfilter nach der Umsetzung der EU-Urheberrechtsreform in Deutschland missbraucht werden können: "Der türkischsprachige YouTube-Kanal Bold Medya erreicht gut 200.000 Abonnent:innen. Die teilweise in Deutschland lebenden Betreiber:innen setzen sich regelmäßig kritisch mit der Politik des türkischen Präsidenten Erdogan auseinander. Dass die Videos von Bold Medya wiederholt wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen gesperrt wurden, sei kein Zufall, sondern ein gezielter Versuch des Staatssenders TRT, durch falsche Copyright Claims über YouTubes Filtersystem ContentID unabhängige Berichterstattung zu unterdrücken, sagt die 'International Journalists Association', ein deutscher Verein, der sich für die Belange türkischer Exiljournalist:innen einsetzt."
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Religion

In der Schweiz hat ein Gericht die Äußerungen einer Sektenexpertin über die Zeugen Jehovas als richtig anerkannt. Sie hatte Praktiken wie die "Ächtung", Todesfälle aufgrund der Verweigerungen von Bluttransfusionen und die sogenannte "Zwei-Zeugen-Regel" bei Vorwürfen sexuellen Missbrauchs angeprangert, erläutert Julius Rupprecht bei hpd.de: "Ächtung bezeichnet eine religiöse Vorschrift, nach der getaufte Mitglieder der Zeugen Jehovas, die sich vom Glauben abwenden oder gegen Vorschriften verstoßen, aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden. Andere Zeugen Jehovas dürfen mit ihnen keinen Kontakt mehr pflegen, sie nicht einmal mehr grüßen. Das gilt auch für engste Angehörige wie Eltern, Kinder, Geschwister, Partner:innen und Großeltern." Für Rupprecht stellt sich die Frage, ob die Zeugen Jehovas in Deutschland weiterhin als "Körperschaft des öffentlichen Rechts" anerkannt werden sollten.
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Gesellschaft

Dass Wissenschaftler immer öfter genervt sind vom aktuellen Diskurs oder sich gar missbraucht fühlen, hat auch mit einem schlicht falschen Verständnis von Wissenschaft zu tun, meint Johannes Schneider auf Zeit online: "Wissenschaftlerinnen treten an die Öffentlichkeit und werden Teil eines Aushandlungsprozesses um mögliche Lösungen eines Problems. In diesem Prozess ist ihre Expertise erstens (und berechtigterweise) nur ein Faktor unter vielen und unterliegt zweitens oft dem Missverständnis, die Expertise müsse selbst Teil dieses Prozesses werden. Die wissenschaftlich belegte Erkenntnis müsse sich wandeln, müsse nachgeben, einräumen, Kompromisse anstreben, die sogenannten gesellschaftlichen Realitäten anerkennen und überhaupt: sich nicht nur wissenschaftlich, sondern auch nicht wissenschaftlich be- und hinterfragen lassen. ... Die Wissenschaft sinkt so herab zu einem Medium unter vielen und erfolglose pandemische (oder auch Klima-)Politik ist richtiggehend darauf angewiesen, die begleitenden Fachdisziplinen zu einer Art Lyrik des öffentlichen Diskurses zu entwürdigen: manchmal ganz augenöffnend für den Privatgebrauch, aber doch erschütternd weltfremd mit Blick auf das große Ganze."
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Ideen

Aus irgendwelchen Gründen soll es mal wieder einen Kleopatra-Film geben. Die Schauspielerin Gal Gadot wurde für die Hauptrolle gecastet. Sofort ging das Gemurre in den sozialen Medien los, denn Gadot ist als Israelin ja eine "Weiße". Kleopatra symbolisiert den Einfluss der ägyptischen Hochkultur aus den antiken "Westen", erläutert die Historikerin Gesine Krüger bei geschichtedergegenwart.ch und zeigt, wie unmöglich es ist, antike Geschichte an aktuellen Marotten zu messen: "Höchst strittig bleibt die Frage, welchem Ägypten diese Leistung zuzusprechen ist: einer afrikanischen Hochkultur oder einem 'Außenposten' Europas auf dem afrikanischen Kontinent? Und hier spielt auch Kleopatras Herkunft eine Rolle. Ist sie (immerhin 300 Jahre nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander) immer noch makedonische Griechin - oder gehört sie mit einer afrikanischen Mutter und als ägyptische Herrscherin zur afrikanischen Zivilisation? Aus zwei Gründen ist die Antwort auf diese Frage so schwierig: Erstens spielten 'Hautfarbe' und 'Rasse' in der Antike keine Rolle, und zweitens ist es heute fast unmöglich, von diesen Kategorien abzusehen." Über das Schillern der Farbe Schwarz im heutigen Antirassismus schreibt auch sehr instruktiv Rahila Gupta im New Internationalist - siehe die aktuelle Magazinrundschau.

In der NZZ hat Urs Bühler wenig Geduld mit den neuen gendergerechten Sprachregelungen des Online-Dudens. Man muss nicht alles zu Tode regeln, meint er, schon gar nicht der Duden: "Die Sprache ist keine Notdurftanstalt, in der es jede Tür einem Geschlecht zuzuordnen gilt. Sie kann die Verhältnisse dieser Welt weder passgenau abbilden noch verbessern, doch dient sie im Alltag in erster Linie der Kommunikation. Diese soll ohne unnötige Komplikationen und Verunstaltungen stattfinden, und der Duden hat dabei Orientierung zu bieten, auch im Gender-Dschungel. Die neuste Ausgabe hält zwar im Kapitel zu 'geschlechtergerechtem Sprachgebrauch' fest, dieser sei auch 'ein relevanter Faktor, um Gleichstellung zu realisieren'. Ja, der Kampf gegen die reale Benachteiligung von Frauen ist eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft. Doch der direkte Einfluss von Sprache auf die Wirklichkeit ist in der Wissenschaft erstens höchst umstritten. Und zweitens ist ein Wörterbuch kein Gleichstellungsorgan."
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Medien

Die Landesmedienanstalten möchten ihr Wirkungsfeld erweitern und nun auch verstärkt Internetmedien überwachen. Anja Zimmer, Direktorin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, begründet das zu Beginn ihres Artikels in der FAZ so: "Man stelle sich einmal vor, Rezo wäre nicht Rezo, sondern der ehemalige Spiegel-Reporter Claas Relotius. Der größte Fake der jüngeren Geschichte aus der Feder eines Journalisten hätte über seinen Kanal ein Millionenpublikum erreicht, sich im Netz explosiv weiterverbreitet. Was würde passieren? Wenig. Weil die bei den traditionellen Medien jahrzehntelang gewachsenen Strukturen aus Sorgfaltspflichten, Selbstregulierung und Regulierung im Netz fehlen." Ähm, ist Relotius nicht trotz alledem passiert?

Marc Felix Serrao unterhält sich für die NZZ mit Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, der ein politisches "Linksbias" in deutschen Redaktionen verortet hat. Liegt es daran, dass Journalisten sich für die "Kritik an den Mächtigen" zuständig fühlen und dies eine eher linke Haltung erfordert? "Ich glaube, die Differenzierung zwischen ökonomischer, politischer und kultureller Macht ist hier sehr wichtig", meint Hoffmann. "Wenn die klassische Linke an Macht denkt, handelt es sich in der Regel um ökonomische und politische Macht. In dieser Perspektive ist man kritisch, wenn man große Unternehmen und politische Entscheidungsträger kritisiert. Den Faktor kulturelle Macht blendet man dabei gerne aus. Wenn man das nicht tut und Kultureinrichtungen, Universitäten und eben auch Medien in den Blick nimmt, dann kann man mit Fug und Recht von Machtzentren sprechen, die politisch links der Mitte verortet sind. Und wenn man kritisch gegenüber kultureller Macht sein wollte, dann würde man dies sicher nicht aus einer primär linken Perspektive sein."
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Kulturpolitik

Im Interview mit dem Tagesspiegel sind die Berliner Museumsleiter Friederike Seyfried und Matthias Wemhoff hoffnungsfroh, dass die Neuordnung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz tatsächlich zustande kommt und ihnen mehr Freiheit gibt: "Die bisherige Organisation mit einer Generaldirektion und darüber angesiedelten Verwaltung funktioniert nicht mehr. Wir brauchen größere Effizienz, es gibt zu viel Hierarchie. Bisher hat ein Kurator der Alten Nationalgalerie den dortigen Sammlungsleiter über sich, der wiederum den Direktor der Nationalgalerie, der den Generaldirektor, und über ihm steht der Präsident. Solche Befehlsketten sind nicht mehr zeitgemäß. Verantwortung muss dort wahrgenommen werden, wo gehandelt wird", sagt Wemhoff.

Geschichte

In der Welt amüsiert sich Dirk Schümer über den chinesischen Kunsthistoriker Huang Heqing, der in seinen Vorlesungen laut Taiwan English News behaupte, dass alle bedeutenden Hinterlassenschaften der großen Kulturen im 19. Jahrhundert von Europäern gefälscht worden seien: die Pyramiden von Gizeh, das Parthenon, das Forum Romanum und so weiter. Nur die chinesischen seien echt. "Ein anderer chinesischer Forscher gesteht 'dem Westen' immerhin eine Art antiker Historie zu, doch sei diese komplett von chinesischen Auswanderern geprägt worden. Um ihren großen Sprung nach rückwärts glaubwürdiger zu machen, sollten die nationalistischen Professoren aus dem Reich der Mitte freilich einige Widersprüche glätten. Warum zum Beispiel hätten europäische Architekten die Pyramiden ausgerechnet im Wüstensand vor den Toren Kairos aufgeschichtet? Wollten sie wirklich China demütigen und Europa glorifizieren, hätten die Pyramiden nach London gehört oder Paris (wo heute immerhin vor dem Louvre eine kleine Glaskopie steht), aber gewiss nicht nach Afrika."
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