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9punkt - Die Debattenrundschau

Narrativ einer Befreiung

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2021. Der Tagesspiegel nennt bestürzende Zahlen aus dem Kulturbetrieb: Am stärksten wirkt sich die Coronakrise auf den Markt für die Darstellenden Künste aus, mit einem Umsatzverlust von 85 Prozent. Die katholische Kirche hat nur noch eine Wahl: Entweder sie wird evangelisch oder zur Sekte, meint Alan Posener in Zeit online. Auch die Linke hat eine schmerzhafte Geschichte sexuellen Missbrauchs aufzuarbeiten - die FAZ stellt eine Vorstudie zu pädokriminellen Netzwerken vor.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2021 finden Sie hier

Kulturpolitik

Bereits vor der Pandemie verdiente mehr als ein Drittel aller Bildenden KünstlerInnen in Deutschland weniger als 1.100 Euro netto im Monat, entnimmt Christiane Peitz im Tagesspiegel den Zahlen von 2019, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden nun vorgelegt hat. Die Pandemie hat nun die gesamte Kulturszene mit Wucht getroffen, fährt Peitz fort: "Laut einer aktuellen Prognos-Studie im Auftrag des 'Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft' des Bundes belaufen sich die Umsatzverluste 2020 auf 22,4 Milliarden Euro - ein Minus von 13 Prozent im Vergleich zu 2019. Zwar ist der Einbruch nicht ganz so gravierend, wie in Worst-Case-Szenarien vor knapp einem Jahr prognostiziert wurde. Aber dem Deutschen Kulturrat zufolge handelt es sich um den größten Rückgang seit 2009. Am stärksten wirkt sich die Coronakrise auf den Markt für die Darstellenden Künste aus, mit einem Umsatzverlust von 85 Prozent. Bei der Musikbranche schlägt das Virus mit 54 Prozent Minus zu Buche, bei der Kunst mit 51 Prozent. In ihrer Umsatzentwicklung würden diese Teilmärkte sogar 'um mindestens 14 Jahre zurückgeworfen', so Prognos."

Religion

Zunehmend verliert der Kölner Erzbischof Woelki, der ein Gutachten über sexuellen Missbrauch von Kirchenoberen zurückgehalten hat (Unser Resümee), auch den Rückhalt seines Umfeldes, schreibt Alan Posener auf Zeit Online: "Was aber auch immer mit Woelki passiert, die katholische Kirche steht in Deutschland vor einem Dilemma, das der Kardinal geradezu verkörpert. Entweder sie reformiert und modernisiert sich - Stichworte: Frauenordination, Priesterheirat, Laienmitsprache, dogmatische Öffnung, Ökumene - und riskiert dabei, das Eigene zu verlieren und zu einem bloßen Abklatsch der evangelischen Kirche zu werden. Oder sie zieht sich, wie Benedikt XVI. es wohl wollte, in eine Art inneres Exil zurück, pflegt das Eigene und riskiert, zur Sekte zu werden, in der, wie in jeder Sekte, sexuelle Gewalt und geistiger Terror unvermeidlich sind."

Durch die Affäre Woelki steht die katholische Kirche bereits einen Schritt hinter dem Abgrund, schreibt in der Welt auch Lucas Wiegelmann, der der Katholischen Kirche in Deutschland unter anderem rät, erfolglose Debatten zu vermeiden: Es gebe nun mal "Themen, bei denen ist und bleibt eine Veränderung der derzeitigen Regeln für die Kirche unrealistisch, weil der Vatikan als höchste Instanz unmissverständlich Nein gesagt hat: Eine Priesterweihe für Frauen etwa wird es demnach ebenso wenig geben wie einen deutschen Alleingang beim Pflichtzölibat. Den Bischöfen steht es frei, das zu bedauern. Aber sie sollten es zumindest klar benennen. Alles andere ist nicht aufrichtig gegenüber denen, die mit Herzblut den 'Synodalen Weg' zum Erfolg führen wollen, und wird früher oder später zu neuen Enttäuschungen und Abwanderungsbewegungen führen, dann gerade auch unter den Aktiven und Engagierten."
Archiv: Religion

Gesellschaft

Sexuellen Missbrauch gab es keineswegs nur in der katholischen Kirche - auch die Linke hat hier eine schmerzhafte Geschichte aufzuarbeiten. Heike Schmoll stellt in der FAZ (politischer Teil) eine Vorstudie des Kieler Kulturwissenschaftlers Sven Reiß und der Historikerin Iris Hax zu "Programmatik und Wirken pädosexueller Netzwerke in Berlin" vor (hier als PDF-Dokument). Der Kampf gegen den Paragrafen 175 mobilisierte auch einige Trittbrettfahrer, so Schmoll, denen es um Pädophilie ging. Sie nennt "Organisationsformen wie der 'Deutsche Arbeitskreis Pädophilie' in den siebziger Jahren, verschiedene Regionalgruppen, die Humanistische Union' (HU) und die sogenannte 'Indianerkommune' in Nürnberg". Aber "Täter fanden sich auch in der Jugend- und Hausaufgabenhilfe, in der Hausbesetzerszene sowie im linksautonomen Milieu. Ihr Ziel, den Kindesmissbrauch salonfähig zu machen und ihr Narrativ einer 'Befreiung' von Kindern aus kleinbürgerlichen Unterdrückungsverhältnissen wurde von der Frauenbewegung und Vereinen wie Wildwasser e.V. bekämpft und von den Protagonisten als Missbrauchshysterie verunglimpft."

Der "Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten" startet eine Petition an den Bundestag, um den Einzug der Kirchensteuern durch den Staat zu beenden. Veröffentlicht ist sie bei hpd.de: "Durch ihren Status als 'Körperschaft öffentlichen Rechts' sind die Kirchen befugt, ihre Mitgliedsbeiträge unter der Bezeichnung 'Steuern' zu erheben. Tatsächlich sind die Kirchensteuern nichts Anderes als Mitgliedsbeiträge nichtstaatlicher Organisationen. Gleichwohl betätigt sich der Staat als Inkassounternehmen für die Kirchen und setzt die Kirchensteuern als Zwangsabgaben durch."

Der Großteil der KlimaaktivistInnen ist jung, akademisch, weiß und weit entfernt von den Lebensrealitäten der Mehrheit der Gesellschaft aus "Geringverdienern, Systemträgern, Alleinerziehenden und Menschen, die keine Zeit für ein allgegenwärtiges Klimabewusstsein haben" , ärgert sich die freie Journalistin Yasmine M'Barek in der Welt. Statt jenen ein realpolitische Perspektive zu bilden, gehe den AktivistInnen "Ideologie über Inhalt. Es geht nämlich nicht um Solidarität und das Überleben der Menschheit, sondern um den Erhalt des eigenen privilegierten Daseins, Eurozentrismus pur. In diesem Eurozentrismus sind natürlich nur weiße Menschen mitgedacht, die denselben Lifestyle haben.... Man wiegt sich in der Sicherheit, moralisch im Recht zu sein. Dazu würde aber die Erkenntnis gehören, als neokolonialisierender Kontinent erst zu diesen miserablen Zuständen überwiegend beigetragen zu haben."
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Medien

Die Zeit wird 75 Jahre alt. Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo gratuliert ihr selbst auf Seite 1 und bekennt seine Sorge vor identitätspolitischen Exzessen, wie sie die New York Times jüngst mehrfach erlebte,etwa im Fall des Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil (unsere Resümees). McNeil hatte in einer Diskussion das Wort "Negro" ausgeprochen, die Chefreaktion entließ ihn, nachdem 150 KollegInnen seinen Rauswurf forderten: "Bei diesem Kulturkampf geht es um Fragen, die das Selbstverständnis aller freien Medien berühren: ob im Prinzip schützenswerte Minderheiten auch Mehrheiten majorisieren dürfen, ob Haltung zur Gesinnung erstarren kann, wann die Tugend der journalistischen Einordnung in Belehrung und Missionierung umschlägt. Und nicht zuletzt geht es darum, ob man Menschen nicht auch einen Fehler verzeihen kann."

"Der Kampf, der sich gerade in Australien abspielt, könnte zu einem weltweiten Wendepunkt in der angespannten Beziehung zwischen Internetplattformen und Verlagen werden", schreiben Hannah Knuth und Ann-Kathrin Nezik in der Zeit zur Auseinandersetzung zwischen Facebook und Rupert Murdoch und zur australischen Linksteuer, die die Verleger gern auch in Europa hätten. Das australische Gesetz beschreiben sie eindeutig als eine "Lex Murdoch", aber auch in Europa verbinden sich Medien- und Internetkonzerne immer mehr zu einem undurchdringlichen Gestrüpp, das die Öffentlichkeiten beherrschen wird - ob das Internet dabei untergeht, wird noch abzuwarten sein. Die Zeitungsverleger sind wegen ihres direkteren Einflusses auf Politiker im Moment oben auf: "Lange sah es so aus, als bestimmten die Digitalen nun die Regeln, nach denen sich die alten Medienfürsten richten müssen. Doch seit einer Weile geraten die Manager der Plattformen selbst unter Druck: In den USA ermitteln gleich mehrere Behörden gegen die Konzerne... Auf den zunehmenden Druck reagieren die beiden Konzerne sehr unterschiedlich."
Archiv: Medien

Ideen

Der Begriff "Klassismus" kommt in Mode. Martin Eimermacher ist in der Zeit skeptisch und fürchtet, dass nun auch soziale Unterschiede "im gleichen Atemzug identitätspolitisch sozusagen re-individualisiert werden. So besteht die Klassismus-Praxis überwiegend aus Sensibilisierungsworkshops, Coachings und offenen Briefen, also: in der moralischen Justierung persönlicher Einstellungsmuster."

Außerdem: Benjamin Loy erinnert in der FAZ an den Urreaktionär Joseph de Maistre, der vor 200 Jahren gestorben ist.
Archiv: Ideen
Stichwörter: Klassismus

Europa

Gestern wurde der IS-Terrorist mit dem Kampfnamen "Abu Walaa" verurteilt. Die Bedrohung durch islamistische Terroristen hat nachgelassen, sagt der Experte Peter Neumann im Gespräch mit Sabine am Orde in der taz, aber viele von ihnen halten sich im Moment noch in der Reserve: "In der aktuellen Situation, in der viele enttäuscht über das Scheitern des Kalifats sind und der Strafverfolgungsdruck zudem ziemlich intensiv ist, warten viele ab, was passiert. Ein Teil von ihnen ist meiner Ansicht nach ansprechbar für Deradikalisierungsprogramme, weil sie selbst desillusioniert sind. Das sollte man nutzen."

Das Urteil ist ein wichtiges Signal, sagt auch die Islamexpertin Lamya Kaddor im Dlf-Gespräch mit Barbara Schmidt-Mattern. Verstärkt würden durch die Coronakrise nun allerdings junge Menschen über das Internet rekrutiert, man müsse deshalb Personalmittel aufstocken und Menschen einstellen, "die verstehen, wie man das auswertet, was ist justiziabel und was nicht".
Archiv: Europa

Internet

Johann Schloemann hält deutschen Datenschutz für übertrieben, wie er in der SZ mitteilt. Die Corona-Warn-App sei allerdings nicht am Datenschutz gescheitert, räumt er ein: "In keinem Land der Welt lässt sich zweifelsfrei nachweisen, dass eine Tracing-App - anstelle der aufwendigen Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsbehörden - das Infektionsgeschehen wesentlich beeinflusst hätte." Es stelle sich nun "trotzdem die Frage, warum wir das Argument 'Datenschutz verhindert Corona-Eindämmung' so gerne hören. Der Grund liegt in der unglaublichen Diskrepanz zwischen dem hiesigen Staatsmisstrauen und dem freigebigen Umgang mit Daten, wenn wir es mit Privatunternehmen zu tun haben. Dasselbe Volk, das hundertmal am Tag auf 'Cookies akzeptieren' drückt, soll gleichzeitig höchstsensibel gegenüber dem Staat bleiben, weil dies ja das Land von Gestapo und Stasi ist. Im Netz hat die Privatsphäre einen ständigen Tag der offenen Tür, und man kann sich ganz geschmeidig 'mit Facebook anmelden', während man bei den meisten Behörden noch als Antragsteller Unterlagen einreichen muss wie im 19. Jahrhundert."
Archiv: Internet

Wissenschaft

Hannah Bethke kam gestern auf der Wissenschaftsseite der FAZ auf die Diskussion um die Genderprofessorin Maureen Maisha Auma zurück, die von dem AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider heftig attackiert wurde (unser Resümee). Der Islamwissenschaftler ist Abgeordneter und Vizechef der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt und dort Sprecher für Wissenschaft, Bildung und Kultur. An der Uni Bayreuth ist er Privatdozent. Nach seinen Attacken hatte es mehrere Solidaritätserklärungen von Kollegen für sie gegeben. Bethke will allerdings den Studien und Erklärungen der Antirassisten an den Unis nicht ganz trauen und verteidigt sogar einen Antrag der AfD-Fraktion im Bundestag, das Antirassismusprogramm der Bundesregierung aufzugeben. Die AfD argumentiere hier zwar ideologisch verblendet, "das zeigt sich etwa in Fehlschlüssen, welche die Behauptung einer 'unregulierten Zuwanderung' und einer deutschen 'Basisidentität' mit der Theorie-Analyse vermischen. Das enthebt die Gegenseite aber nicht der Pflicht einer sachorientierten Auseinandersetzung."
Archiv: Wissenschaft