9punkt - Die Debattenrundschau

Nur noch Gaia

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2021. Wer will, dass Identitätspolitik endet, muss sie betreiben, schreibt Alice Hasters in der SZ. Ahmad Mansour startet in der Welt eine Serie über den "politischen Islam". Ohne Trump ist das Leben der amerikanischen Medien weniger amüsant, konstatiert die Washington Post mit einem traurigen Blick auf die Quoten. Vice bringt eine lange Recherche die über Einflussnahme Aserbaidschans auf deutsche Abgeordnete, besonders von der CDU. Und die Benin-Bronzen gehen zurück an Nigeria, meldet die SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2021 finden Sie hier

Kulturpolitik

Die Benin-Bronzen, die zu den kostbarsten Exponaten des Humboldt-Forums gehören sollten, werden nun wohl an Nigeria zurückgegeben, berichtet Jörg Häntzschel auf sueddeutsche.de unter Bezug auf ein Pressegespräch mit Hartmut Dorgerloh, dem Chef des Forums: "Andreas Görgen, im Auswärtigen Amt für Kultur zuständig, war in den letzten Tagen in Nigeria, um dort über die Modalitäten der Rückgabe zu verhandeln. Geplant ist offenbar ein regierungsunabhängiger Trust, an den die Stücke zurückgegeben werden sollen."

Gesellschaft

Der Mord eines jungen weißen Evangelikalen an asiatischen Prostituierten in der letzten Woche war sehr wohl eine rassistische Tat, schreibt Vina Yun in der taz und erzählt die Geschichte westlicher orientalisierender Klischees über asiatische Frauen: "Der übersexualisierende Blick auf asiatische Frauen ist jedoch nicht nur das Resultat von europäischem Kolonialismus und Orientalismus. Zur Entmenschlichung und Legitimierung von Gewalt gegen Frauen asiatischer Herkunft haben auch der Imperialismus und Militarismus der USA seit dem späten 19. Jahrhundert wesentlich beigetragen, die die koloniale Denkweise weiterführten. Die heutigen Sexindustrien in vielen asiatischen Staaten - Thailand, Vietnam, Korea - sind im Zuge von Kriegen und der dauerhaften Präsenz von US-Soldaten entstanden."

Ahmad Mansour startet in der Welt unter dem Titel "Eine Geschichte der Unterwanderung" eine Serie über den "Politischen Islam" und beschreibt an den Muslimbrüdern, warum er so schwer greifbar ist - durch die informelle Struktur vieler dieser Bewegungen: "Strukturen und Vernetzungen wurden irgendwann eine Belastung für die Arbeit dieser Organisation. Sie erkannte, dass sie auf nachverfolgbare Netzwerke verzichten konnte, weil das Ziel klar war und die ideologische Verbundenheit zählte. Ob jemand dazugehört, merkt man also nicht durch ein Schild an der Bürotür, auf dem 'Muslimbrüder' steht, oder durch Mitgliedsausweise, sondern nur durch Gesinnungen und Handlungen. Und das macht den Kampf gegen sie so schwer."
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Ideen

Wer will, dass Identitätspolitik endet, muss sie betreiben, schreibt in der SZ Alice Hasters, Autorin des Bestsellers "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten", in einer Antwort auf diie Kritiker der Identitätspolitik. Betreibt man sie genug, braucht man sie nicht mehr: "Diskriminiert zu werden, macht wütend. Ich finde diese Wut berechtigt. Ich empfinde sie selbst. Weil viele so wütend sind, ist der Ton im Netz so rau, die Geduld am Ende, die Kraft erschöpft. Und manche können und wollen ihre Wut nicht mehr zurückhalten. Es ist die Diskriminierung, die den Diskurs gefährdet. Die gilt es anzuerkennen und zu beenden. Dann würde sich auch die Wut legen."

Ziemlich skeptisch betrachtet Isolde Charim in ihrer taz-Kolumne den Begriff "Klassismus", der die soziale Frage in den Diskurs der modischen Linken eingemeindet: Sie werde "in eine Frage der Diskriminierung verwandelt. Sie wird in einen Moraldiskurs eingeschrieben, der folgerichtig mit den entsprechenden Methoden exorziert werden soll: Anti-Klassismus-Trainings, um klassistische Einstellungen zu überwinden."

Wir Modernen verdrängen den Tod, das ist eine schlimme Sache, diagnostiziert Giorgio Agamben in der NZZ: "In der Tat geschah es in der Moderne, dass die Menschen ihre Beziehung zur chthonischen Sphäre vergessen und verdrängt haben, sie bewohnen nicht mehr Chthon, sondern nur noch Gaia."
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Politik

Karim el-Gawhary schreibt in der taz einen Nachruf auf die ägyptische Feministin Nawal El Saadawi, die im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Der Nachruf muss zwiespältig bleiben, weil sie sich am Ende für das Regime des heutigen Präsidenten Abdel Fatah al-Sisi stark gemacht hat. Zugleich bleiben die feministischen Anliegen im Land aktuell, so el-Gawhary. Genitalverstümmelung stehe heute zwar unter Strafe. "Gleichzeitig bezeichnete Präsident al-Sisi ein demnächst modifiziertes Familienrecht, das für einen Aufschrei gesorgt hat, als 'ausgewogen' und im 'Dienste der Öffentlichkeit'. Laut den bisher kursierenden Entwürfen soll ein Ehevertrag nicht von der Frau selbst, sondern für sie stellvertretend von einem männlichen Verwandten unterzeichnet werden, der auch das Recht hat, die Ehe wieder aufzulösen. Männliche Verwandte können der Frau verbieten, zu reisen. Eine Mutter kann nicht selbst die Geburt ihres Kindes registrieren und einen Personalausweis oder eine Pass für ihr Kind beantragen oder die Art der Schulbildung bestimmen."
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Medien

Ziemlich spekulativ hat Spiegel online gestern eine Geschichte aufgemacht und damit den Anschein erweckt, Gesundheitsminister Spahn oder sein Ehemann Daniel Funke seien in einen Deal mit Masken verwickelt ("Firma von Spahns Ehemann verkaufte Masken ans Gesundheitsministerium", lautete die Überschrift vor der Korrektur). In Wirklichkeit ging es um eine Vermittlung von Masken, an der der Burda-Konzern, für den Funke arbeitet, noch nicht mal etwas verdient hat und in den Funke nicht verwickelt war, berichtet stefan Winterbauer bei Meedia: "Der Spiegel konstruierte daraus nun ein möglichen Interessenskonflikt. Konkrete Anhaltspunkte dafür nennt das Magazin aber nicht. Der Text zog schnell weite Kreise und wurde unter anderem von AfD-Politikern für Hetzereien gegen Spahn im Netz genutzt. Die falsche Lesart des Artikels wurde auch dadurch befeuert, dass der komplette Text als Plus-Artikel nur Abonnenten vorbehalten war und sich viele Kommentierer im Netz nur auf die Überschrift stürzten. Allerdings stand auch schon im frei lesbaren Vorspann, dass es nicht wirklich um eine Firma von Daniel Funke ging, sondern um dessen Arbeitgeber."
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Stichwörter: Der Spiegel, AfD

Europa

Gibt es tatsächlich eine starke Einflussnahme Aserbaidschans auf deutsche Abgeordnete, besonders von der CDU? Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Frage, unter anderem gegen die CDU-Abgeordnete Karin Strenz, die gestern im Alter von 53 Jahren auf der Rückreise aus Kuba gestorben ist. Sie soll Geld aus Aserbaidschan erhalten haben. Bei Vice legen Felix Dachsel und Robert Hofmann eine lange Recherche zur aserbaidschanischen Einflussnahme vor, die häufig über den kleinen Berliner Fernsehsender TV.Berlin zu laufen scheint. Hier lassen sich CDU-Politiker sehr gern und freundlich zu Aserbaidschan interviewen. Statements vieler CDU-Politiker zum jüngsten Krieg um Bergkarabach, den die Aserbaidschaner begonnen haben, klangen auffällig regimefreundlich, schreiben die Autoren: "Ihre Statements klingen nicht nach Einerseits-Andererseits, sondern ziemlich entschieden. Oft thematisieren sie einseitig die Besetzung Bergkarabachs durch Armenien und das Leid aserbaidschanischer Flüchtlinge. Meistens vergessen sie zu erwähnen, wie miserabel es um Demokratie und Menschenrechte in Aserbaidschan steht. 'Human Rights Watch' bezeichnet diese Schlagseite im politischen Berlin als 'auffällig'."
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