9punkt - Die Debattenrundschau

Ein machtvolles Destillat

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.06.2021. Le Monde und die taz erzählen die Geschichte der Internate für Indigene in Kanada - wo viele Kinder Gewalt erlitten haben und gestorben sind. Neulich hatte der Historiker A. Dirk Moses über den "Katechismus der Deutschen" gespottet, der darin bestehe, den Holocaust für ein singuläres Ereignis zu halten. Der Historiker Neil Gregor stimmt ihm heute in geschichtedergegenwart.ch zu. Die SZ beklagt, dass immer weniger Kinder mit Down-Syndrom geboren werden. Wer sich mit einem Davidstern um den Hals bei einer propalästinensischen Demo blicken lässt, muss ein ganz schöner Dummkopf sein, schreibt Tagesspiegel-Autor Malte Lehming.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2021 finden Sie hier

Überwachung

Die neuesten Enthüllungen darüber, dass der dänische Geheimdienst für die NSA deutsche Politiker abhört (unser Resümee), können Constanze Kurz bei Netzpolitik nicht mehr überraschen: "Geheimdienste demokratisch zu kontrollieren, ist und bleibt eine Chimäre. Das wissen wir spätestens seit dem BND-NSA-Untersuchungsausschuss, der sich ab 2014 intensiv mit den Geheimdiensten und deren Praktiken beschäftigt hat. Alles ist streng geheim, und dass die Öffentlichkeit überhaupt eine Ahnung hat, was abertausende Analysten technisch treiben, verdanken wir letztlich Whistleblowern und Journalisten."

Deutschland ist digital abgehängt, las man in der Coronakrise immer wieder, als klar wurde, dass nicht mal die einfachsten Dinge hierzulande digital funktionieren. Dass sich die großen Techkonzerne diese Schläfrigkeit zunutze machen würden, war klar. In der NZZ ist Adrian Lobe besorgt, denn jetzt saugen auch die Regierungen die Daten ab, die die Konzerne sammeln: "Im Schatten von Big Data könnten so etwas wie digitale Arkana entstehen. Der Soziologe Armin Nassehi notiert in seinem Buch 'Muster': 'Als 1872 das 'Statistische Amt des Deutschen Reiches' gegründet wurde, galten die Daten nicht umsonst als Staatsgeheimnis. Sie wurden nicht veröffentlicht, weil man genau wusste, dass sie das eigentliche Machtmittel zur Steuerung der Gesellschaft sind.' Die Frage ist: Müsste Google den Staat in Kenntnis setzen, wenn sich in den Suchtrends eine vierte oder fünfte Corona-Welle andeutete? Müssen die Konzerne dem Staat Personen melden, die sich ausweislich ihrer Standortdaten in der Nähe des Tatorts eines Verbrechens aufgehalten haben (was in den USA bereits praktiziert wird)? Was wäre, wenn sich in den Suchtrends Anzeichen eines 'bank run' oder gar eines Volksaufstands abzeichneten? Wäre Google auskunftspflichtig?"
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Gesellschaft

Dass in Indien die Corona-Pandemie ein solches Ausmaß erreicht hat, liegt nicht nur an der Inkompetenz der Regierung Modi, es hat auch mit einer Gesellschaft zu tun, die sich nicht gern isoliert, erzählt Indien-Korrespondent Martin Kämpchen in der NZZ: "Im Pandemie-freien Alltag ist dieser Drang zur Gruppenbildung in allen indischen Gesellschaftsschichten zu beobachten. Steigt jemand in einen Zug, sucht er sich instinktiv ein Abteil, in dem schon andere sitzen. Im mittleren Europa wäre man glücklich mit einem leeren Abteil, in dem man ungestört sitzt. Die Hemmschwelle, mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen, ist niedrig. Kaum hat man Platz genommen, gibt ein Wort das andere. In Kreisen etwa von Handwerkerfamilien wird ein Gast sogar nachts niemals allein gelassen. Ein Mann schläft neben einem männlichen Gast, eine Frau neben einem weiblichen, denn das gehört zur Wertschätzung eines Gastes."

Man kann das Down-Syndrom (oder Trisomie 21) in der Schwangerschaft auch mit einem einfachen, nicht invasivem Test  erkennen, den demnächst die Krankenkasse bezahlt. Das wird dazu führen, schreibt Alex Rühle in der SZ, dass kaum noch Menschen mit Down-Syndrom geboren werden - wie angeborene Behinderungen generell immer seltener werden, weil die Embryonen häufig abgetrieben werden. Rühle und die Menschen, die er befragt, kritisieren das als eine Selektion behinderter Menschen: "Niemand benennt, warum Menschen mit Trisomie nicht geboren werden sollen. Was genau ist es, was wir da nicht wollen? Sie machen halt seltener Abitur, so what. Die meisten Menschen mit Trisomie lernen lesen, rechnen, schreiben. Sie können auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Allein bei uns im Ensemble sind vier Menschen mit Trisomie 21", sagt Harald Wolff Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Rühle hat mit niemandem gesprochen, der sich von einer solchen Entscheidung überfordert sähe. Es wird auch nirgends erwähnt, dass die Entscheidung am Ende bei der schwangeren Frau liegen sollte.

Wenn Deutschland nicht alle zwei Jahre lang davon überrascht werden will, dass es auch unter muslimischen Jugendlichen Antisemitismus gibt, braucht es starke pädagogische Maßnahmen, schreibt Ahmad Mansour in der Jüdischen Allgemeinen: "Dazu gehört als Erstes eine Reform der Aus- und Weiterbildung im Bereich Schule. Lehrer, Sozialarbeiter und Pädagogen müssen pädagogische Werkzeuge an die Hand bekommen, um jegliche Art von Antisemitismus zu erkennen und im Unterricht zu thematisieren. Dazu gehört ausdrücklich die Behandlung des Nahostkonflikts, die Vermittlung von Fakten und historischen Informationen. Unsere Gesellschaft ist vielfältig geworden, und deshalb sollten unsere pädagogischen Konzepte und Lehrpläne in der Lage sein, nicht nur Thomas und Susanne zu erreichen, sondern auch Ali und Zeynep."

Wer sich mit einem Davidstern um den Hals bei einer propalästinensischen Demo blicken lässt, muss ein ganz schöner Dummkopf sein, schreibt Tagesspiegel-Autor Malte Lehming in einem Kommentar, der auf Twitter erregt diskutiert wird. "Wichtig hier: Das Opfer bleibt immer Opfer, ist niemals auch nur mitschuld an den Taten der Täter. Aber vielleicht wäre es keine gute Idee, im Antifa-T-Shirt auf eine Reichsbürger-Veranstaltung zu gehen. Oder einen AfD-Stand direkt vor dem besetzten Haus in der Rigaer Straße aufzubauen. Oder am 'Tag der Republik', dem türkischen Nationalfeiertag 'Cumhuriyet Bayrami', sich mit einem großen Konterfei des islamischen Predigers Fethullah Gülen unter Erdogan-Anhänger zu mischen."

Außerdem: In der NZZ schreibt Martin R. Dean eine kleine Hymne auf seine Mutter und die Frauen ihres Alters, die in den fünfziger und sechziger Jahren den feministischen Aufbruch wagten.
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Ideen

Neulich polemisierte der australische Historiker A. Dirk Moses, einer der führenden Autoren postkolonialer Holocausttheorien, bei geschichtedergegenwart.ch scharf gegen einen angeblichen "Katechismus der Deutschen", der darin bestehe, den Holocaust für singulär zu halten (unser Resümee). Das Argument, dass ein bestimmter Blick auf den Holocaust inzwischen eine deutsche Spezialmarotte sei, wurde ja schon im Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" vorgebracht, deren Autoren - höchste Kulturfunktionäre - Moses darum zu "Häretikern" adelt. Schuld ist für die postkoloniale Fraktion nicht Deutschland, sondern der "Westen", die Juden stehen somit in einer viel längeren Reihe von Opfern. Heute stimmt der britische Deutschland-Historiker Neil Gregor Moses mit wenigen Einschränkungen zu: "Die Idee, dass der Nationalsozialismus einen Moment des 'Bruchs' mit der europäischen 'Zivilisation' darstelle, schien mir immer auf einer Reihe von eher zweifelhaften Vorstellungen darüber zu beruhen, worin die europäische Geschichte vor 1933 bestand: Weit davon entfernt, einen Bruch mit dieser Geschichte darzustellen, schien er mir vielmehr immer ein machtvolles Destillat einiger ihrer unangenehmsten Traditionen zu sein."
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Politik

In einem ehemaligen Internat für Indigene in Kanada wurden die Überreste von über 200 Kindern gefunden. Indigene Kinder wurden bis in die siebziger Jahre von ihren Eltern getrennt und in oft katholischen Schulen mit viel Gewalt aufgezogen. Die Zustande, die Jörg Michel in der taz schildert, erinnern an die Geschichte der Kinderheime in Irland (mehr in der Magazinrundschau): "Laut Schätzungen starben in den Indigenen-Internaten insgesamt mehr als 6.000 Kinder, die meisten von ihnen an Krankheiten wie Tuberkulose. Manche starben auch an den Folgen der Gewalt, Fehlernährung oder Einsamkeit und wurden zum Teil anonym in Gräbern auf dem Schulgelände verscharrt. Nicht wenige Opfer, die überlebten, nahmen sie sich später aus Scham und Angst das Leben." Aus Australien berichtet Sven Hansen über ähnliche Geschichten.

Schon vor einigen Jahren war die Geschichte der Internate für Indigene in Kanada untersucht worden, schreibt Hélène Jouan in Le Monde: "Die Wahrheits- und Versöhnungskommission Kanadas hat in ihrem Bericht von 2015 festgestellt, dass es zwischen 1880 und 1996 im Land 139 Internatsschulen gab. Mehr als ein Jahrhundert lang riss der Staat mehr als 150.000 Kinder aus ihren Familien und vertraute sie diesen Schulen an, die meist von der katholischen Kirche betrieben wurden, um 'den Indianer in ihnen zu töten' und sie an die dominante weiße Kultur zu assimilieren."

Dass Hongkong gleichgeschaltet ist, zeigt sich auch daran, dass keine Veranstaltungen mehr möglich sind, die an den die Proteste in China im Jahr 1989 erinnern, berichtet Fabian Kretschmer in der taz: "Bereits 2020 hatten die Behörden die Veranstaltung verboten, offiziell wegen der Coronapandemie. Trotzdem hatten sich Tausende dem widersetzt. Mindestens 26 Politiker der Opposition wurden seitdem wegen der Organisation der Veranstaltung angeklagt. Doch 2021 greift der Sicherheitsapparat bereits im Vorfeld hart durch: Wer am Freitag an der Gedenkveranstaltung teilnimmt oder diese bloß bewirbt, muss mit bis zu fünf Jahren Haft rechnen."
Archiv: Politik
Stichwörter: Kanada, Hongkong

Europa

Silke Bigalke und Sonja Zekri haben sich für die SZ mit Belarussen unterhalten, die nach Haft und Folter ins Exil geflohen sind und Anzeige gegen Lukaschenko gestellt haben. "Noch sind die Verbrechen frisch, die Beweisaufnahme also leichter. Auch in deutschen Flüchtlingslagern berichten Belarussen Furchtbares. Einer von ihnen, er nennt sich Nikolaj, lebt in einem Lager in Nürnberg, auch er wurde verschleppt, geschlagen, bedroht, zwanzig Mann haben vor dem Gefängnis im Kreis gestanden und ihn niedergeknüppelt, Bart und Haare ausgerissen, auch er wurde auf die Knie gezwungen, vier Stunden lang. Bis heute sind ihm Gruppen unangenehm, bis heute schmerzt sein Rücken. Warum er überhaupt auf die Straße ging? 'Ich bin 26 Jahre alt, Lukaschenko regiert seit 27 Jahren. Ich will technischen Fortschritt, keine Kolchosen.'"

In der Welt erklärt der Politologe Jerzy Maćków, warum es nicht mehr korrekt ist, von Weißrussland zu sprechen: "Kaum jemand weiß, dass das heutige Belarus früher in Deutschland 'Weißreußen', 'Litauen' und 'Weißruthenien' genannt wurde. Das seinerzeit von der Ostsee hin zum Schwarzen Meer reichende Großfürstentum Litauen bestimmte seit dem 14. Jahrhundert - und seit 1385 in einer Föderation mit Polen - die Geschicke Osteuropas entscheidend mit. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gerieten die heute belarussischen Territorien unter die Herrschaft des russischen Zarenreiches. Da sich die Deutschen (Preußen und Österreich) zusammen mit Russland an der Zerstörung der sogenannten Republik Zweier Nationen (Polen-Litauen) beteiligt und bereichert hatten, hatten sie in den auf die Teilungen Polens folgenden Jahrhunderten kaum Motivation, ausgerechnet der ethnischen Eigenständigkeit des zunächst russländisch und dann sowjetisch vereinnahmten Belarus Respekt zu zollen."

Im Interview mit der FAZ spricht die russischen Verlegerin und Kulturförderin Irina Prochorowa über die politische Situation in Russland und Belarus. Sie setzt in beiden Ländern auf den langen Atem: "Die Situation in Belarus ist tragisch. Man darf aber nicht vergessen, dass die Belarussen ihr Ziel erreicht hätten, wenn Russland Lukaschenko nicht geholfen hätte. Friedliche Proteste führen nicht immer gleich zu einem Ergebnis. Nehmen wir etwa in Amerika den Kampf der Schwarzen um gleiche Rechte, der im neunzehnten Jahrhundert begann und noch nicht abgeschlossen ist. Angesichts der Erfahrungen mit Revolutionen in Russland befürworte ich den evolutionären Weg, der länger sein kann, aber auch fundamentaler ist. In Belarus ist trotz der Repressionen die belarussische Gesellschaft eine ganz andere geworden. Das wird Früchte tragen. Die abscheulichen Repressionen sprechen dafür, dass das Regime um die eigene Illegitimität weiß."
Archiv: Europa

Wissenschaft

In der FAZ kritisiert der Historiker Michael Sommer scharf die Pläne der Universität in Halle, aus Geldnot seine Orchideenfächer in den Geisteswissenschaften (Altertumskunde zum Beispiel) abzuschaffen: "Wem ist damit gedient, wenn alle Philosophischen Fakultäten gleich aussehen? Können wir es uns in Zeiten, da sich immer mehr Debattenräume in selbstreferentielle Filterblasen verwandeln, überhaupt leisten, auf Fächer zu verzichten, die Studenten die fundamentale Erfahrung vermitteln, in eine völlig fremde Wirklichkeit einzutauchen? Die Vielfalt der Fächer gerade auch in den Geisteswissenschaften gehört zum Markenkern der Universität."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Universität Halle