9punkt - Die Debattenrundschau

Erklärende Tafeln bislang unbekannten Inhalts

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.06.2021. Überall wird über Erinnerung diskutiert. Selbst im Programm der Grünen wird eine Erweiterung des Gedenkens gefordert: Das Wort "kolonial" kommt sechsmal vor, das Wort "Holocaust" überhaupt nicht, notiert Simon Strauß in der FAZ. Im Tagesspiegel fordert eine Autorengruppe eine "plurale Erinnerung". Perlentaucher Thierry Chervel antwortet auf A. Dirk Moses' Polemik über den "Katechismus der Deutschen". Götz Aly erklärt unterdessen in der Berliner Zeitung, warum auf dem Gelände der FU nach Knochen gesucht werden sollte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2021 finden Sie hier

Geschichte

Auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts sind schon vor einigen Jahren Knochen gefunden worden. Laut Götz Aly in der Berliner Zeitung spricht einiges dafür, das es sich um Überreste von Auschwitzgefangenen handelte, die von Josef Mengele gequält worden waren - denn Mengele schickte seine "Präparate" an dieses Institut. Dem damaligen FU-Präsidenten Peter-André Alt wirft Aly vor, die Funde heruntergespielt zu haben. Die Konchen wurden eingeäschert. Seit einiger Zeit gibt es weitere Funde, analysiert von den FU-Archäologen Reinhard Bernbeck und Susan Pollock: "Allerdings setzt der heutige Präsident der FU, der Mathematiker Günter M. Ziegler, viel daran, über die ihm sichtlich unangenehme Angelegenheit schnell Gras wachsen zu lassen. Er unterbindet bis heute die von den Archäologen seiner Universität vorgeschlagenen weiteren Grabungen. Statt Aufklärung versprach er im Februar ein kleines Gedenkritual und einige erklärende Tafeln bislang unbekannten Inhalts." Aly fordert weitere Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts.

Im Tagesspiegel fordern Johanna Korneli, Max Czollek und Jo Frank eine "plurale Erinnerungskultur", keine nationale mehr. Es geht nicht darum, "die in den vergangenen Jahrzehnten entwickelte deutsche Erinnerungskultur in Gänze zu dekonstruieren", versichern sie. "Ziel ist eine Weitung des Blicks. So könnte der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus auch weitere Gruppen von im Nationalsozialismus Ermordeter in unser Gedenken miteinschließen - Sinti*zze und Roma*nja, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung." Zugleich will man auch Erinnerungsmomente pflegen, "die zum pluralen Deutschland und seinen Einwohner:innen gehören, die noch gar keinen Raum im deutschen Erinnerungsnarrativ haben: der Krieg in Afghanistan, in Syrien, im Irak, die Revolution im Iran, die Migration als Ergebnis der Implosion der Sowjetunion, das Leben als Nachfahren kolonialer Unterdrückung".

Perlentaucher Thierry Chervel antwortet auf A. Dirk Moses' Polemik über den angeblichen "Katechismus der Deutschen", der darin bestehe, quasi religiös an die "Singularität" des Holocaust zu glauben (unsere Resümees): "Jedes Ereignis ist singulär, nur beim Holocaust wird die Singularität in Frage gestellt. Bei jedem Ereignis dienen Vergleiche dazu, die Singularität herauszuarbeiten, aber auch Verbindungen zu anderen Ereignissen offenzulegen. Am Ende bleiben einige Besonderheiten, sonst wäre das Ereignis keins. Die Infragestellung der Singularität ist die eigentliche Besonderheit in der Debatte um den Holocaust." Das religiöse Denken verortet Chervel bei Moses und Co. : "Der Postkolonialismus ist der Kampf des Narrativs gegen die Erzählung."

Äußerst gründlich und ziemlich skeptisch liest Simon Strauß in der FAZ das 137-seitige Programm der Grünen, die er trotz ihres mageren Abschneidens in Sachsen-Anhalt bundesweit auf der Siegerstraße sieht. Er stellt einige Widersprüche fest, einige recht liberale Äußerungen zu Wirtschaft, aber viel Doktrinäres und Identitätspolitisches zum Thema "Zusammen leben". Außerdem notiert er, dass die jüngsten Geschichtsdebatten schon Eingang ins Programm gefunden haben. Beim Stichwort Erinnerungskultur toppt der Kolonialismus den Holocaust. "Der Absatz endet mit einem zweifelhaften Plädoyer für die Erweiterung des kollektiven Gedächtnisses: 'Gleichzeitig muss sich die deutsche Erinnerungskultur für die Erfahrungen und Geschichten der Menschen öffnen, die nach Deutschland eingewandert sind, und das Gedenkstättenkonzept entsprechend weiterentwickelt werden.' Was genau soll das heißen - 'weiterentwickeln'? (…) Sechs Mal fällt im Programm das Wort 'kolonial', kein einziges Mal die Begriffe 'Holocaust' oder 'Shoa' - das sind die Grünen im Jahr 2021 eben auch."

Außerdem: In seinem Blog republiziert Richard Herzinger einen älteren Text, in dem er an den Historikerstreit vor 35 Jahren erinnert.
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Urheberrecht

Heute tritt die EU-Urheberrechtsreform in Deutschland in Kraft. "Der Suchmaschinenkonzern Google ignoriert vorerst die Vorgaben des neuen Leistungsschutzrechts für Presseverlage", berichtet Friedhelm Greis bei golem.de. Noch sind keine Lizenzverträge mit den Zeitungen geschlossen, so Greis: "Anders als bei Inkrafttreten des ersten Leistungsschutzrechts im Sommer 2013 hat Google nicht vorab die Verlage um ihr Einverständnis gebeten, in den allgemeinen Suchergebnissen mehr als nur 'kleinste Ausschnitte' anzeigen zu dürfen. Damit läuft Google Gefahr, sich Schadenersatzklagen auszusetzen, wenn die Inhalte ohne Lizenz genutzt werden. Zu solchen Klagen könnte es kommen, wenn nicht bald eine Einigung mit den Verlagen gefunden wird." Google sei allerdings verhandlungsbereit, notiert Greis mit Hinweis auf einen älteren Beitrag des Google-Blogs.
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Gesellschaft

"Verhetzende Beleidigung" von bestimmten Gruppen soll künftig unter Strafe gestellt werden. Nur eine Gruppe wird in dem Gesetzentwurf nicht benannt, die Frauen, stellt Emma in einem nicht gezeichneten Artikel fest: "Das ist schwer verständlich, denn die Fakten sind wohlbekannt. Erst gerade berichtete die FAS über das epidemische Ausmaß der Hassbotschaften gegen Politikerinnen. 'Der Hass und die Gewaltbereitschaft gegenüber Politikerinnen haben sich über die Jahre potenziert', klagt Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU). Und nicht nur Politikerinnen sind zunehmend Ziel von Hassbotschaften, sondern alle Frauen. Die Initiative 'HateAid', die Opfer von Hass in Internet unterstützt, stellt fest: 'Ein Drittel aller Beschimpfungen richtet sich bei Frauen gegen ihr Geschlecht. Bei den Männern war dieser Anteil verschwindend gering.'"

Wie halten wir es mit dem Home-Office nach der Pandemie? In der NZZ plädiert der Philosoph Reinhard K. Sprenger wieder für die Rückkehr ins reale Büro: "Denn Kreativität entsteht durch heterogene Kooperation. Es sind Begegnungen unterschiedlichster Menschen, die Einzelteile neu zusammenfügen und so ein kreatives Mehr entstehen lassen - etwa durch Gespräche im Türrahmen oder am Kaffeeautomaten. ... Ein Unternehmen ist vorrangig eine Kooperationsarena. Keine Koordinationsarena. Ihr logisches Zentrum ist das Zusammenarbeiten, nicht die Addition von Einzelleistungen. Um den Kooperationsvorrang durchzusetzen, bedarf es keiner Appelle an den Teamgeist, sondern institutioneller Entscheidungen. Es braucht verräumlichte Kooperationssysteme - eben das Büro. Denn es ist ein Unterschied, ob man in einer Mannschaft spielt oder als Mannschaft."
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Kulturpolitik

Immerzu in der Welt rumfliegen ist nicht mehr, versichert in der SZ Hortensia Völckers, Leiterin der Bundeskulturstiftung, die die Klimabilanz deutscher Kulturinstitutionen hat erstellen lassen. Ums Verbieten geht es dabei nicht, behauptet sie, aber wird künftig nur noch Fördergelder bekommen, wer klimafreundlich ist? "Ein ganz wichtiges, ein ganz heikles Thema in Deutschland! Müssen geförderte Einrichtungen nun ihre Klimabilanzen vorlegen, wenn sie vom Staat Geld wollen? Oder müssen sie ihre Klimabilanzen nachweislich verbessert haben im Laufe einer Frist? Werden Subventionen also an Klima-Bedingungen geknüpft? Das ist juristisch nicht ganz einfach zu beantworten. Und wer soll das auch kontrollieren? Wir als Kulturstiftung haben damit nichts zu tun, wir sind ja nicht Träger der Institutionen, das sind Städte und Länder. Wer würde also solche Auflagen machen und durchsetzen? Wären sie mit der Kunstfreiheit zu vereinbaren? Kann der Bund sie generell anordnen? Hier sind definitiv Antworten aus der freiheitlichen Gesellschaft gefordert."

Ideen

Ist das Wort "Globalisten", das von Hans-Georg Maaßen benutzt wurde, stets als antisemitisch zu lesen, wie Luisa Neubauer von Fridays for Future kürzlich im Fernsehen behauptete? Im Interview mit der Welt findet das der kanadische Historiker Quinn Slobodian, dessen Buch "Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt  des  Neoliberalismus" 2019 erschien, diese Argumentation etwas kurz gesprungen: "Wenn Neubauers Vorwurf auf den Versuch hinausläuft, Maaßen wegen seiner Verwendung eines Wortes allein zu diskreditieren, ist das keine starke Form der Kritik. Eher total schwach." Sein Buch, sagt er, kam "in einem interessanten Moment heraus, in dem sich Leute auf der  (markt-)liberalen  Rechten wieder der Nation  zuwandten. Ein gutes Beispiel ist die deutsche Hayek-Gesellschaft, wo die Entscheidung "AfD oder FDP" zuerst zum Austritt der Vorsitzenden Karen Horn und später von vielen FDP-Mitgliedern   wie Christian Lindner geführt hat. Anscheinend gibt es mittlerweile Hayek-Adepten, die sich auf eigentümliche Art und Weise als Antiglobalisten sehen. Und Maaßen ist ganz offensichtlich einer von ihnen."
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