9punkt - Die Debattenrundschau

Sie waren wir

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2021. Knochenfunde. Traumata. Die Feuilletons beugen sich über die Abgründe unserer Geschichte: Stammen die Knochenfunde auf dem Gelände der FU Berlin aus Auschwitz? Die von Götz Aly vorgebrachte These ist höchst umstritten, notiert die taz. In Dresden befasst sich eine ganze Ausstellung mit historischen Traumata, die FAZ hat sie besucht. Das Rijksmusum organisiert erstmals eine Ausstellung über Sklaverei, die der Standard bespricht. Und Ian Dunt ist traumatisiert vom Brexit.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2021 finden Sie hier

Geschichte

Fotounterschrift des Rijksmuseums: "Messinghalsband. Dieses Halsband war ursprünglich als Hundehalsband katalogisiert, wurde aber möglicher Weise von einem Menschen getragen." Foto: Rijksmuseum


Zum ersten Mal in seiner Geschichte veranstaltet das Rijksmusum eine Ausstellung über Sklaverei, ein Wirtschaftssystem, das die Niederlande reich machte. Lange Zeit konnten die Museumleute das Halsband oben nicht zuordnen, notiert Alexandra Wach im Standard: "Dabei hätte nur ein Blick in die eigene Sammlung gereicht, um das Halsband auf Gemälden der Zeit zu finden. Die Träger waren stets junge Diener afrikanischer Herkunft. Offiziell galten sie nicht als Sklaven, denn Menschenhandel betrieben die Niederländer nur außerhalb ihrer Grenzen. Rechtlich waren sie frei, im Gegensatz zu über 600.000 Leibeigenen, die auf Zuckerrohrplantagen der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) schufteten, von Brasilien über Surinam bis nach Südafrika. Erst 1863 rangen sich die Niederlande zur Abschaffung der Sklaverei durch."

Was hat es mit den Knochenfunden auf dem Gelände des "Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Genetik (KWIA)", das heute zur FU Berlin gehört, auf sich? Götz Aly hatte in der Berliner Zeitung vermutet, dass es sich um Überreste von Auschwitzgefangenen handelte, die von Josef Mengele gequält worden waren (unser Resümee). Ulrike Baureithel zeichnet in der taz die Diskussion nach. Die FU Berlin hat in der Berliner Zeitung inzwischen eine Gegendarstellung veröffentlicht. Die Archäologen Susan Pollock und Reinhard Bernbeck wandten sich im Tagesspiegel gegen die Aly-Vermutung. "Der ihnen zuarbeitende Historiker Axel Hüntelmann konnte in seiner minuziösen Archivrecherche, deren Ergebnisse der taz vorliegen, weder unmittelbare Beweise für Auschwitz als Herkunftsort eruieren, noch scheint ihm diese Theorie plausibel im Hinblick auf die veränderte wissenschaftliche Ausrichtung des Instituts seit Ende der zwanziger Jahre und seine chaotische Auflösung kurz vor Kriegsende. Wahrscheinlicher sei eine 'Entsorgungsaktion' von Teilen der anthropologischen Sammlung, der sich das Institut habe entledigen wollen. Handfeste Beweise gibt es dafür ebenfalls nicht." Aly hatte am 15. Juni in der Berliner Zeitung nachgesetzt.

Wenn dieses Jahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" gefeiert werden, fühlt sich das für den Soziologen Y. Michal Bodemann in der SZ einfach falsch an. Denn das deutsche Judentum ging 1945 "unwiederbringlich zu Ende", schreibt er: "Tatsächlich waren, was von den Vorkriegsstrukturen übrig geblieben war, 'Liquidationsgemeinden', die aufgelöst werden sollten. Auch ein Großteil der Überlebenden, einschließlich ihrer Führung, verließ Deutschland Richtung Palästina oder den USA. Noch 1950 war im Zentralrat keine Rede von einem neuen deutschen Judentum. Es ging um die Abwicklung der Reste des Vorkriegsjudentums, und Neujahrsgrüße des Zentralrats gingen an die 'verantwortlichen Männer unserer Regierung', Präsident Weizmann und Ben-Gurion, den Ministerpräsidenten Israels. Bis in die 1960er-Jahre verließen selbst viele Kinder der in Deutschland gestrandeten Juden unter Vorwürfen an die Eltern die Bundesrepublik."

Die Schau "Sprachlosigkeit" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) befasst sich mit historischen Traumata und ihrer künstlerischen Darstellung, ein hoch aktuelles Thema also. Das Verdienst, das Léontine Meijer-van Mensch (die die ethnografische Sammlung der SKD leitet) am Zustandekommen der Schau hat, wird in den Begleitpublikationen, die man zur Schau lesen sollte, zum Glück sehr häufig benannt, notiert der Rezensent Andreas Platthaus in der FAZ. Für ihn das interessanteste Exponat war der "höfliche Brief von Repräsentanten der Kaurna an die SKD, in der sie um Rückgabe von vier Artefakten bitten, die im 19. Jahrhundert von Missionaren nach Sachsen mitgenommen worden waren. Die Missionare hatten aber auch ein Lexikon des Wortschatzes der Kaurna erstellt, das es jüngst ermöglichte, deren schon ausgestorbene Sprache wiederzubeleben. Die vier Objekte und noch ein weiteres werden bald den Rückweg nach Australien antreten und sind somit hier zum letzten Mal in Dresden zu sehen."
Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

Letztes Jahr hatte der Wissenschaftsrat eine Bombe gelegt, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hätte sprengen können - er empfahl die Auflösung der Stiftung (unsere Resümees). Aber so gehen die Dinge in Deutschland nicht. Nun hat eine eilends ins Werk gesetzte Reformkommission ihre Papier vorgelegt, berichtet Andreas Kilb in der FAZ: "In dem Papier, das der Stiftungsrat am Dienstag beraten will, ist von einer Zerschlagung der SPK keine Rede mehr. Stattdessen soll sie 'mit der Maßgabe' erhalten bleiben, dass sie künftig 'einen echten Mehrwert' als 'Kultur- und Wissenschaftsverbund' bietet. Als Leitungsgremium soll ein 'Kollegialorgan' dienen, in dem der Stiftungspräsident von mehreren Stellvertretern aus den einzelnen Einrichtungen flankiert wird. Um die Autonomie der Museen, Archive, Bibliothek und Institute in Budget- und Personalfragen zu stärken, soll es keine weitere Hierarchie-Ebene zwischen ihnen und dem Führungsteam mehr geben."

Die Generaldirektoren der Museen hält Monika Grütters im Tagesspiegel-Gespräch mit Christiane Peitz ebenfalls "für verzichtbar" - und auch ansonsten findet sie die "Reformen" gelungen: "Die Auflösung der Dachorganisation war für den Wissenschaftsrat kein Selbstzweck, sondern dient dem Ziel, die einzelnen Einrichtungen in ihrer Eigenständigkeit und Selbstverantwortung zu stärken. Das genau ist auch das zentrale Anliegen der Reformkommission. Wir halten dafür die Auflösung des Stiftungsverbundes nicht für nötig oder sinnvoll, sondern fordern die Häuser zu viel mehr Zusammenarbeit unter einem Stiftungsdach auf. Neil MacGregor hat als einer der Gründungsintendanten des Humboldt Forums einmal gesagt, es gebe weltweit vier Orte, die allein mit ihren Museumssammlungen die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit erzählen können: London, Paris, New York und Berlin. Nur Berlin mache daraus zu wenig, obwohl die 15 Museen sogar unter einem Dach sind. Deshalb habe ich die Reform angestoßen - und es wird unter diesem Dach nun sehr viel geändert."

Europa

Mit den Regenbogenflaggen in München hat man Orban einen Gefallen getan, denn konservative ungarische Medien schrieben sofort vom "Kulturimperialismus der Deutschen" - und viele Ungarn stimmen dem zu, ohne homophob zu sein, meint Iris Spiegelberger in der SZ: "Die Ungarn sind ein homogenes Volk. 2020 lag der Ausländeranteil bei zwei Prozent. Die Mehrheit ist christlich erzogen. Die Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kind wurde unter Orbán 2013 im Grundgesetz verankert. Im Sozialismus galten Homosexuelle als Systemfeinde, pluralistische Lebensmodelle als Provokation des Westens. Zwar wurde bereits 1961 der sexuelle Kontakt zwischen Männern entkriminalisiert, die Staatssicherheit ÁVO schikanierte Homosexuelle aber noch lange danach. Über sexuelle Orientierung wie über alles Private wurde nur im engsten Kreis der Vertrauten gesprochen. Das nun verabschiedete Gesetz, das die mediale Darstellung von Homo- und Transsexuellen in Schulbüchern und Werbung einschränkt, empfinden deshalb nicht alle als obszön. Viele finden, dass die Aufklärung ins Elternhaus gehört, nicht in den Kindergarten."

Ebenfalls in der SZ kommentiert Detlef Esslinger: "Es wäre eine gute Idee gewesen, mit Regenbogen-Aktionen schon zum Frankreich- und zum Portugal-Spiel aufzuwarten. Dann wären sie das gewesen, was sie sein sollten: ein Bekenntnis zu Grundwerten. So indes gerieten sie zu einem Spektakel, das halb Grundwerte-Demo, halb Anti-Orbán-Demo war - und das man als Ungarin auch als Anti-Ungarn-Veranstaltung empfinden konnte."

Fünf Jahre nach dem Brexit-Votum ist der große Journalist Ian Dunt immer noch fassungslos. In seinem Blog schreibt er: "Die schlimmsten Folgen bekamen jene zu spüren, die ein gemeinsames europäisches Leben führten und eine gemeinsame europäische Identität empfanden. Den Europäern im Vereinigten Königreich war gesagt worden, sie könnten dieses Land wie ihr eigenes behandeln, weil wir im Grunde genommen an einem gemeinsamen Projekt beteiligt waren. Sie waren wir. Und dann wurde eine Mauer hochgezogen. Sie waren nicht mehr wir. Sie waren anders. Sie mussten ihr Recht beweisen, an dem Ort zu leben, den sie ihr Zuhause nannten." Der Brexit, so Dunt, ist ein Sieg der Identitätspolitik von rechts.

Außerdem: Alex Rühle ist auf seiner Europa-Reise in der SZ in Barcelona angekommen, wo die Katalonienflaggen inzwischen verblasst sind, aber noch immer Prozesse gegen die Separatisten geführt werden: "Die Unabhängigkeitsverfechter sprechen von 3000, was übertrieben sein dürfte, aber es ist doch beeindruckend, mit welcher Härte die spanischen Gerichte immer weitere Abschreckungsexempel statuieren."
Anzeige
Archiv: Europa

Ideen

In der NZZ läutet der Kultur- und Medientheoretiker Roberto Simanowski das Ende der Coronakrise ein, um dann festzustellen: Am Ende gibt es nur Verlierer. Der Staat ist geschwächt, die Gesellschaft gespalten - es droht ein "kalter Bürgerkrieg", schreibt er: "Wo die einen eine unzumutbare Beschränkung individueller Freiheiten sehen, begrüßen die anderen die Zurückdrängung des Hyperindividualismus zugunsten kollektiver Interessen. Dieser Konflikt lässt sich nicht wegimpfen! Er ist die Vorschau auf künftige Kämpfe gegen etwas, das ebenfalls größer ist als der Mensch: der Klimawandel. Auch diese Anstrengung verlangt einen kosmopolitischen Blick und hat das Potenzial, die Nation zu spalten."

Im großen FR-Gespräch mit Michael Hesse über Demokratie, Normen und Vernunft bezweifelt der Philosoph Rainer Forst, "dass in Europa insgesamt die Normen der Aufklärung der gelebte Maßstab des Denkens und Handelns sind": "Allzu sehr sind Nationalismen, Xenophobien, ökonomische Rücksichtslosigkeit gepaart mit politischem Fatalismus an der Tagesordnung (trotz der tiefgreifenden Maßnahmen während der Pandemie). Wer sich aufgeklärt wähnt, sollte, bevor andere beurteilt werden, selbstkritisch sein. Und bevor wir 'der Aufklärung', die historisch in der Tat mit der Abwertung angeblich unaufgeklärter und 'unzivilisierter' Kulturen oder gar 'Rassen', auch bei Kant, einherging, sollten wir genauer schauen, was da alles noch im Spiel war, etwa der politische Imperialismus und der um sich greifende Handelskapitalismus. Das sind keine Hervorbringungen der Aufklärung, sondern wurden von ihr kritisiert; sie gingen aber mit ihr einher, und oft vermischten sich die Rechtfertigungsnarrative."
Archiv: Ideen

Gesellschaft

Neulich schockierte in Kanada eine Meldung, dass bei einem ehemaligen katholischen Internat die Überreste von über 200 Kinderleichen gefunden wurden (unser Resümee). Sie stammten von Native-Kindern, die an diese Internate gezwungen worden waren, um ihnen ihre Kultur auszutreiben - für die katholische Kirche, aber auch andere Träger war das in Kanada lange ein Geschäftsmodell. Nun wurden wieder Überreste von über 700 Kindern gefunden, berichten Ian Austen und Dan Bilefsky in der New York Times: "Die Entdeckungen haben eine Nation aufgerüttelt, die sich seit Generationen mit dem systematischen Missbrauch von Ureinwohnern auseinandersetzt, von denen viele Überlebende der Internatsschulen sind. Jahrzehntelang behaupteten sie in ihrer Oral History, dass Tausende von Kindern aus den Schulen verschwanden, aber ihnen wurde oft mit Skepsis begegnet."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Kanada, Ureinwohner

Wissenschaft

Die Philosophen Tobias Rosefeldt, Thomas Grundmann und Geert Keil nehmen in der FAZ Stellung zum Streit um #IchBinHanna, also den Protest des akademischen Mittelbaus gegen die vielen befristeten Stellen. Die müssten gar nicht sein, meinen sie, wenn man die Leute nicht ins Rattenrennen zur Habilitation schicken würde, das nur ein Viertel der Anwärter überlebt: "So wird es in fast allen anderen Ländern mit starken Wissenschaftssystemen gemacht. Die Vereinigten Staaten, England, Frankreich, die skandinavischen Länder: sie alle kommen ohne die Schnapsidee einer zehnjährigen zweiten Qualifikationsphase ohne Möglichkeit der Entfristung aus. Das Beispiel der amerikanischen und englischen Spitzenuniversitäten zeigt, dass dies ohne Qualitätsverluste möglich ist."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: #ichbinhanna