9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Art soziale Brückentechnologie

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.06.2021. In La règle du jeu erkennt Bernard-Henri Levy: Nur die Konservativen können die Rechten aufhalten. In der Welt warnt Manon Garcia Frauen davor, Wegweisern zu folgen: Zu oft wurden sie von Männern aufgestellt. Der Tagesspigel blickt nach Istanbul, wo der Schriftstellerin Asli Erdogan und anderen Autoren eine neue Runde Prozesse droht. In der SZ erinnert Dana von Suffrin an das Pogrom von Jassy vor achtzig Jahren.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2021 finden Sie hier

Europa

Morgen findet die zweite Runde der französischen Kommunalwahlen statt. Und auch wenn die erste Runde mit einer Beteiligung von 33 Prozent ein demokratisches Debakel war, konnte doch Marine Le Pen mit ihrem Rassemblement National nur im südfranzösischen Departement PACA punkten, schreibt Bernard-Henri Levy in seinem Blog La Regle de Jeu: "Was ist also geschehen? Zuallererst die Bestätigung eines Gesetzes, das so alt ist wie die moderne Politik. Jedes Mal wenn in der Geschichte Europas die Rechte nachgab, triumphierte der Faschismus. Jedes Mal wenn sie standhaft blieb und fest zu ihren Werten stand, wurde er besiegt. Die Linke ruft 'Keinen Fußbreit den Faschisten'. Aber die konservative Rechte sorgt meist dafür, dass der Damm hält. Und genau das haben Les Republicains geschafft, diese Partei, die so gestrig, so altmodisch ist, dieser große Kadaver."

SZ
-Autor Alex Rühle ist auf seiner Interrail-Reise in San Sebastian angelangt und folgt, da eh keine jungen Leute unterwegs sind, einigen Abschnitten des Jakobswegs: "Atmen, Gehen, Maske auf. Die Spanier halten sich bislang am diszipliniertesten von allen an die Regeln. Selbst hier, auf dem Jakobsweg, der sich durch leere Wiesen schlängelt und über den kubikliterweise keimfreie Atlantikluft streicht, trägt ein entgegenkommendes älteres Paar brav die blau-weißen Alltagsmasken."

Der Freispruch für die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan wurde von einem Berufungsgericht aufgehoben, meldet Susanne Güsten im Tagesspiegel, jetzt muss sie sich erneut für ihre Texte in der prokurdischen Zeitung den Vorwurf gefallen lassen, "Propaganda einer Terrororganisation" zu verbreiten: "Nicht nur bei Erdogan sind frühere Freisprüche im Zusammenhang mit Özgür Gündem kassiert worden. Auch Erol Önderoglu, Türkei-Vertreter der Pressefreiheitsorganisation Reporter ohne Grenzen, die Präsidentin der türkischen Ärztekammer, Sebnem Korur Financi, und der Journalist Ahmet Nesin waren 2019 freigesprochen worden. Seit Mai stehen sie wieder vor Gericht. Ihr Verfahren geht im September weiter."
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Geschichte

Die Schriftstellerin Dana von Suffrin fragt sich in der SZ, warum selbst sie, die in einer akademischen, polyglotten rumänisch-jüdischen Familie aufgwuchs, nie vom Pogrom in Jassy gehört hat. Nach der Bombardierung durch sowjetische Flieger wurden die Juden beschuldigt, mit den Kommunisten im Bunde zu stehen. Im Juni 1941, vor achtzig Jahren also, dreht die moldauische Stadt komplett durch: "Gendarmen nahmen Rabbiner fest, weil sie angeblich in den Himmel gestikulierten, obwohl sie sich nur den Schweiß aus dem Gesicht wischen. Es wurde auch eine Familie verhaftet, die eine rote Decke zum Trocknen in den Hof hing. Marschall Ion Antonescu forderte Vergeltung. Innerhalb weniger Tage brachten die rumänische Polizei, die Armee, befreite, bewaffnete Faschisten der Legionärsbewegung, ein paar Wehrmachtseinheiten und Teile der rumänischen Bevölkerung 13.000 Juden um. Zuerst erschoss man Tausende Juden in und vor der Stadt, die anderen stopfte man in Züge, um sie ersticken oder verdursten zu lassen.
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Stichwörter: Jassy, Pogrome, Rumänien

Ideen

Im Welt-Interview mit Ute Cohen spricht die französische Feministin Manon Garcia über die Unterwerfung der Frau, Liebesvorstellungen und falsche Freiheit: "Ich glaube nicht, dass die Freiheit an Wert verliert. Unfrei zu sein ist eine große Versuchung. Man macht lieber, was von einem erwartet wird, anstatt seine Freiheit zu erringen. Durch das Patriarchat ist diese Versuchung für Frauen viel größer als für Männer. Ich verwende gern die Metapher des Weges: Männer folgen der Abenteuerlust und machen sich den Weg frei, Frauen folgen Wegweisern, die sie direkt in die Unterwerfung führen. Das liegt daran, dass Männer Frauen objektivieren und Frauen sich dadurch von sich selbst entfremden."

In der NZZ klagt Claudia Mäder, dass die Sprachpolizei jetzt auch die Ornithologie heimsucht: 150 Vogelarten wurden identifiziert, deren Namen an "problematische" Persönlichkeiten - etwa Konföderiertengeneräle - erinnern und deswegen umbenannt werden sollen.
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Kulturpolitik

So richtig begeistern kann sich Julia Hubernagel in der taz nicht für das neue Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, aber richtig schlimm findet sie es auch nicht, wie die persönlichen Erfahrungen deutscher Vertriebenen in Beziehung gesetzt werden zu aktuellen Fluchtbewegungen, aber abgegrenzt von politischen und historischen Ursachen: "Bei den Besucher:innen kommt das gut an. Immer wieder lassen sich vor den Vitrinen Senioren belauschen, die in Erinnerungen an die eigene Kindheit schwelgen. Überhaupt scheint der Altersdurchschnitt hoch an diesem Eröffnungstag. Die meisten Besucher:innen sind deutlich über 60."

Politik

In der SZ sinniert Jens-Christian Rabe über Verbote und die deutsche Volksseele und kommt zu dem Schluss, dass Verbote von der richtigen Partei eigentlich eine sinnvolle Sache sind: "So betrachtet sind - klug konzipierte und mit Fingerspitzengefühl durchgesetzte - Verbote als politisches Instrument nun alles andere als überflüssige administrative Gängelei. Sie sind eine Art Abkürzung zu einem vernünftigen Freiheitsgebrauch und einer besseren Ordnung, eine Art soziale Brückentechnologie." Also beim Klimaschutz ja, beim Genderstern nein.
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Stichwörter: Klimaschutz, Genderstern

Medien

Der Wirtschaftswissenschaftler Torsten J. Gerpott klopft in der FAZ die Parteiprogramme auf ihre Position zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab und kommt zu wenig überraschenden Ergebnssen: "In einer Gesamtschau sind sich die Programme der Linken, SPD und Grünen medienpolitisch sehr ähnlich. Die drei Parteien stellen das öffentlich-rechtliche System nicht ernsthaft in Frage und wollen es im Internet ausbauen. Kritische Töne zur Systemeffizienz sind bei ihnen nicht zu vernehmen. Privaten Anbietern von Publikumsmedien begegnen sie mit großer Skepsis. Dazu setzen CDU/CSU, FDP und AfD Kontrapunkte. Bei der Union und den Liberalen sind sie durch Vertrauen in marktwirtschaftliche Prozesse und bei den Rechten durch den Wahn, von einem 'Meinungskartell' aus öffentlich-rechtlichem Rundfunk und 'privaten Mainstream-Medien' unfair behandelt zu werden, geprägt."
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