9punkt - Die Debattenrundschau

Demokratie macht mich nicht schön

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.05.2022. In der Schlacht um Charkiw kann die Ukraine Analysten zufolge den Sieg für sich verbuchen. In der taz fragt Herfried Münkler, welche Kriegsziele die Ukraine und der Westen verfolgen. In der NZZ wirft Ulrike Ackermann den Linken vor, immer noch nicht den Stalinismus aufgearbeitet zu haben. In der SZ opponiert Roberto Saviano gegen Italiens Neidkultur. In der FAZ erkennt DHM-Direktor Raphael Gross, wie mörderisch  ideologische Geschichtsbilder sein können. In Atlantic fragt Margaret Atwood, ob der Supreme Court demnächst auch das Frauenwahlrecht abschaffen wird.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.05.2022 finden Sie hier

Europa

Die Ukraine scheint einen weiteren wichtig Erfolg verbuchen zu können. Amerikanischen Militärexperten zufolge soll sie die Schlacht um Charkiw gewonnen haben, wie etwa der Guardian meldet.

Wer an die Ukraine Waffen liefert, kann auch Einfluss auf ihre Verwendung nehmen, glaubt Herfried Münkler im taz-Interview mit Stefan Reinecke. Allerdings ahnt er auch, dass die Kriegziele der westlichen Länder leicht differieren: "Der Westen ist in dieser Frage kein geschlossener Akteur. Die Bundesregierung neigt am ehesten dem Ziel zu, die Vorkriegsgrenzen von Anfang Februar wiederherzustellen. Die Briten, mit einer anderen militärischen Tradition, neigen eher dazu, dass Putin für diesen Angriffskrieg einen Preis zahlen muss: Rückzug von der Krim und aus dem Donbass. In den USA gibt es ein anderes Kalkül: Putins Krieg stört die Konzentration auf China. Nach wie vor ist China für die USA die zentrale Herausforderung. Was die Ukraine angeht, so haben die USA offenbar Interesse an einem lang währenden Abnutzungskrieg. Ein Abnutzungskrieg wird die russischen Schwächen, etwa die überschaubare Kampfmoral der russischen Soldaten, bloßlegen."

In der NZZ geißelt die Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann die "Putin-Versteher und Putin-Knechte" unter Linken und Sozialdemokraten, denen sie vor allem eine mangelnde Aufarbeitung des Stalinismus vorwirft: "Eine Melange aus Antifaschismus, Antikapitalismus, Antikolonialismus und Antiamerikanismus - infolge des Vietnamkrieges - verdichtete sich zu einem ausgeprägt antiwestlichen Ressentiment, das in sozialdemokratischen Kreisen ebenso anzutreffen war wie in intellektuellen Zirkeln. Zugleich galt es als chic, einen generalisierten Faschismusverdacht gegenüber der Bundesrepublik zu propagieren. Eine läuternde intellektuelle Selbstreflexion steht bis heute aus. Offensichtlich berührt Putin mit seiner Antifaschismus-Rhetorik noch heute diesen blinden Fleck bei Linken, Sozialdemokraten, Intellektuellen sowie Kulturschaffenden und verfängt damit."

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Im Interview mit Oliver Meiler spricht der italienische Autor und Mafia-Gegner Roberto Saviano in der SZ über Italiens Neidkultur, mit der er sich nicht nur die Gehässigkeiten gegen seine Person erklärt, sondern auch den Hang zu Populisten: "Italien ist total versunken in Neid... Ich lebe in diesem Land, ich spüre die Kinetik, die zu dieser Art von Kommentaren führt. Viele Italiener sagen sich: Die Demokratie hat mir keinen Job gegeben. Die Demokratie gibt mir keine Hypothek. Die Demokratie behandelt mich schlecht. Die Demokratie macht mich nicht schön. Ich weiß, das hört sich dumm an, aber viele denken, die Demokratie setzt mich in Konkurrenz mit schöneren, ausgebuffteren, reicheren Rivalen. Darum: Vaffanculo, wir stoßen den Tisch um, alles, was dem System schadet, gefällt uns. Früher war das anders, da träumte man von einer freien, libertären Welt. Jetzt ist die Hoffnung auf eine neue Welt dahin. Alles ist egal, sogar Putin ist okay. Oder Baschar al-Assad."
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