9punkt - Die Debattenrundschau

Die äußersten Ränder der Sprache

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.05.2022. Das Asow-Stahlwerk in Mariupol scheint nach neuesten Meldungen geräumt zu werden - damit ist die zerstörte Stadt vorerst russisch besetzt, berichtet unter anderem der Guardian. BBC begleitet Ermittlungen in Butscha: Mindestens 650 Menschen wurden ermordet. Im Standard geißelt Maria Aljochina von Pussy Riot, die aus Russland geflohen ist, westliche Mitverantwortung. Golem warnt vor dem chinesischen Projekt der "Digitalen Seidenstraße". Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard fragt in der SZ, was Wokeismus von heute mit K-Gruppen von einst verbindet.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.05.2022 finden Sie hier

Europa

Hunderte Kämpfer, die sich noch im Asow-Stahlwerk in Mariupol veschanzt hatten, wurden offenbar evakuiert und ins russisch besetzte Hinterland gebracht, darunter viele Verwundete, berichtet etwa Helen Livingstone im Guardian. Die Evakuierung scheint im Rahmen eines Gefangenenaustauschs stattzufinden, vollständig scheint sie noch nicht zu sein. "Die Evakuierung dürfte das Ende der längsten und blutigsten Schlacht des Ukraine-Krieges und eine bedeutende Niederlage für die Ukraine bedeuten. Mariupol liegt nach einer russischen Belagerung, bei der nach ukrainischen Angaben Zehntausende von Menschen in der Stadt getötet wurden, in Trümmern." Der Guardian bringt sogar einige Fotos von der Evakuierung, auch der Tagesspiegel bringt ein update.

BBC-Reporterin Sarah Rainsford begleitet den Chef der Kiewer Regionalpolizei, Andrii Niebytov, bei Ermittlungen in Butscha. Man weiß inzwischen, dass in dem Kiewer Vorort über tausend Menschen umgekommen sind, aber nur 350 von ihnen waren Kriegsopfer, die anderen wurden ermordet. Ein Hauptort der Taten war ein Sommerlager für Kinder, wo die russischen Soldaten wohl ein Quartier aufgeschlagen hatten. Zurückgelassene Pakete, die an die russischen Soldaten geschickt worden waren, Namenslisten und andere Dokumente geben Aufschluss über die Täter und beteiligten Einheiten."'Wir kennen Putins Pläne nicht, also arbeiten wir so schnell wie möglich, für den Fall, dass er eine Bombe abwirft und alle Beweise vernichtet', sagt Niebytov. Zu diesen Beweisen gehört ein mit zivilen Autos vollgestelltes Feld, die zahlreiche Einschusslöcher aufweisen. Es handelt sich um Fahrzeuge, die beschossen wurden, als die Familien versuchten zu fliehen. Am Fenster eines Autos hängt noch immer ein Stück weißes Tuch, mit dem signalisiert wurde, dass die Insassen keine Gefahr darstellen. Tritt man zu nahe heran, nimmt man den üblen Geruch des Todes wahr."

Ivona Jelčić hat sich für den Standard nach einem Konzert in Österreich mit der in den Westen geflohenen russischen Aktivistin Maria Aljochina von Pussy Riot unterhalten. Sie kritisiert scharf die "lahmen Reaktionen des Westens" auf Putins immer härter durchgreifendes Regime seit 2014: "Ich wurde nach meiner Entlassung zu großen Konferenzen und Veranstaltungen eingeladen, überall hat man mir die Hand geschüttelt, es wurde viel gelächelt, aber es ist nichts passiert. Du sprichst darüber, was vorgeht, dass tausende Menschen inhaftiert sind, dass Menschen vergiftet werden, dass sie ermordet werden, und die Leute reagieren betroffen und sagen: 'Wir sind zutiefst besorgt.' Für diesen Ausdruck haben wir in Russland inzwischen sogar ein eigenes Meme. Aber: Deutschland hat zehn Jahre lang Waffen an Putin verkauft, diese Waffen werden jetzt im Krieg gegen die Ukraine verwendet. Der Westen kauft weiterhin russisches Öl und Gas."

Der russische Journalist Wladimir Kara-Mursa sitzt im Untersuchungsgefängnis, weil er gegen Paragraf 207.3 des Strafgesetzbuches verstoßen hat, das heißt, er hat das Wort "Krieg" ausgesprochen. In einem Brief aus dem Gefängnis, der bei Deskrussie veröffentlicht ist, beschreibt er sein Leben im Gefängnis und ist stolz, nicht als einziger nicht geschwiegen zu haben: "Vor ein paar Tagen saß ich mit Alexej Gorinow, dem Abgeordneten des Krasnosselskij-Bezirks, in einem Gefangenentransporter - er wurde nach demselben Artikel (und Absatz) wie ich belastet. Derselbe Artikel auch für den ehemaligen Moskauer Polizeibeamten Sergej Klokow, den Petersburger Künstler Sascha Skotschilenko, die Lehrerin aus der Stadt Pensa Irina Guen, den Verleger und ehemaligen Abgeordneten aus dem Altai Sergej Michailow und Dutzende weitere Personen in ganz Russland (und das betrifft nur strafrechtliche Verurteilungen, keine verwaltungsrechtlichen). Vergessen Sie sie nicht. Sie sind es, die heute die Ehre unseres Landes retten."

Wladimir Putins  Reaktion auf die Nachricht, dass Finnland und Schweden der Nato beitreten wollen, klang erstaunlich zahm, schreibt Max Seddon in der Financial Times. Putin sagte, dass die Nato-Erweiterung kein Problem für ihn darstelle, solange dort keine Einheiten oder neuen Waffen stationiert würden. Vor dem Krieg hatte er die Nato noch zum Rückzug aufgefordert. "Russland versuche, das Beste aus einer Situation zu machen, die sich seiner Kontrolle entziehe und definiere eine rote Linie, die mit den Beschränkungen für Norwegens Nato-Mitgliedschaft während des Kalten Krieges vergleichbar sei, sagt Samuel Charap, ein führender Politikwissenschaftler bei der Rand Corporation. 'Sie sind nicht in der Lage, einen zweiten Krieg zu führen', so Charap. 'Finnland zu besetzen und einzumarschieren wäre abwegig. Sie signalisieren, dass sie nicht mehr tun werden, als Bedingungen zu stellen.'"

Im Tagesspiegel fühlt sich Ariane Bemmer ziemlich ungemütlich angesichts der Wahlbeteiligung in NRW, die bei gerade mal 55,5 Prozent lag: In der Ukraine riskieren die Menschen ihr Leben, um eine Demokratie bleiben zu können - "und dann findet im größten deutschen Bundesland eine Wahl statt, und es wird die niedrigste Wahlbeteiligung verzeichnet, die es dort je gab".
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Gesellschaft

Wie so häufig ging dem Attentat von Buffalo, wo der 18-jährige Täter Payton Gendron zehn Menschen umbrachte, ein öffentliches Versagen voraus. Der Täter hatte seine Absicht auf dem Messaging-Dienst Discord schon vor Monaten in mehreren Posts kundgetan, ohne dass irgendjemand diese Hinweise aufgriff, berichten Cecilia D'Anastasio und Davey Alba bei Bloomberg: "Der mutmaßliche Schütze teilte diese Einträge mit mehreren öffentlichen Discord-Gruppen, um die Aufmerksamkeit auf seinen Twitch-Stream zu lenken, in dem er den Angriff live übertragen wollte. Allein im Dezember verwies er laut den Protokollen mindestens 17 Mal auf seine Anschlagspläne. Zwischen November und dem 14. Mai erwähnte der Schütze den Namen des Christchurch-Terroristen 31 Mal, das Wort 'Waffe' 200 Mal, das Wort 'schießen' 119 Mal und das Wort 'Angriff' über 200 Mal."
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Ideen

Dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung den Krieg gegen die Ukraine unterstützt, wundert den Kulturwissenschaftler Alexander Mishnev in der NZZ nicht, werden die Russen doch mit Propaganda förmlich zugeschüttet. Bei den Intellektuellen gibt es Ausnahmen, aber sie finden kaum Gehör: "Bis heute sind die Traumata der neueren Geschichte in Russland nicht aufgearbeitet worden. In den neunziger Jahren konnten die sowjetischen Verbrechen und der stalinistische Terror benannt werden. In der Ära Putin verblassten solche Versuche allerdings hinter der Glorifizierung des Großen Vaterländischen Krieges. Es gibt keine russische Vergangenheitsaufarbeitung, sie wird aber von vielen Intellektuellen eingefordert. Deshalb hat Nikolai Epples Buch 'Unbequeme Vergangenheit. Die Erinnerung an staatliche Verbrechen in Russland und anderen Ländern' an Aufmerksamkeit gewonnen und muss nachgedruckt werden."

Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard beugt sich für die SZ über die neue Ausgabe der Zeitschrift für Medienwissenschaft: "X | Kein Lagebericht" ist der Titel dieses Sonderheftes über Rassismus und Medienwissenschaften. Wert legen Herausgeber und Autoren dabei vor allem auf die "identitätsstiftenden Fundamente" eines Sprechers, so Bernard, den das stark an die K-Gruppen der Siebziger erinnert, die sich erst einmal als revolutionäres Subjekt beweisen mussten, bevor sie ihre politischen Utopien vortragen durften. "An der heutigen Universität ist die politisch-ökonomische Utopie durch die Utopie der 'Vielstimmigkeit' und 'kulturellen Enthierarchisierung' ersetzt worden, aber das Bemühen um ein neues Bewusstsein und insbesondere die verwendete Sprache verbindet die beiden Bewegungen in auffälliger Weise. Die Einleitung des Heftes macht schon typografisch klar, dass die Kritik an den bestehenden Verhältnissen bis auf die Ebene des verfügbaren Buchstaben- und Zeichensatzes reichen muss; es wimmelt von Klammern, Bindestrichen, Unterstrichen, Kursivsetzungen, Anführungszeichen, unorthodoxen Klein- und Großschreibungen, die auch die äußersten Ränder der Sprache mit Bedeutung versehen."
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Politik

Die Taliban schränken die Freiräume für Frauen immer weiter ein. Burka ist inzwischen wieder vorgeschrieben, Bildung weitgehend verboten. Allerdings gibt es viel Chaos bei der Durchsetzung, manche halten sich nicht an die Verbote, schreibt Thomas Ruttig, der an vielen UN-Missionen in Afghanistan teilnahm und die Taliban aus Verhandlungen kennt, in der taz: "Niemand in Afghanistan kann sich sicher sein, wann und wo die jeweiligen örtlichen Taliban welches Dekret umsetzen. Da die Ordnungshüter bewaffnet sind, sorgt das für ein Klima der Unsicherheit und Angst. Verschärft wird es durch andauernde Übergriffe und Festnahmen früherer Polizei-, Armee- und Regierungsangehöriger, 'verschwundene' Aktivist:innen und unerklärte Leichenfunde, die den Taliban zugeschrieben werden. Medienvertreter wurden festgenommen (und wieder freigelassen), nachdem sie über das Taliban-Sendeverbot für türkische Seifenopern berichteten. Irgendwie scheinen die Taliban doch zu verstehen, wie unpopulär viele ihrer Maßnahmen sind."
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Stichwörter: Afghanistan, Taliban