9punkt - Die Debattenrundschau

Die Frage "Was kannst du tun?"

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2022. In der Welt staunt Henryk Broder über "die Gelassenheit, mit der ein relevanter Teil der deutschen Öffentlichkeit einem Massenmord unweit der eigenen Haustür zuschaut und sich dabei um das eigene Wohlergehen" sorgt. In der Zeit streiten Carlo Masala und Wolfgang Merkel über Waffenlieferungen an die Ukraine. Die FAZ erzählt aus Anlass von Ken Aulettas Weinstein-Biografie, dass auch amerikanische Medien zwanzig Jahre lang über Weinsteins Praktiken schwiegen. Die Palästinenser sind keine unschuldigen Opfer der Geschichte, antwortet Ulrike Klausmann auf Charlotte Wiedemann in der taz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2022 finden Sie hier

Europa

In einem dpa-Interview hatte Otto Schily gesagt, in Deutschland "habe sich ein Bellizismus ausgebreitet, der riskant ist". In der Welt widerspricht Henryk M. Broder seinem "hochgeschätzten Freund" vehement - in Deutschland stehen sich eher Realisten und Idealisten gegenüber, meint er, aber: "Die Gelassenheit, mit der ein relevanter Teil der deutschen Öffentlichkeit einem Massenmord unweit der eigenen Haustür zuschaut und sich dabei um das eigene Wohlergehen beziehungsweise den drohenden Wohlstandsverlust angesichts explodierender Energiepreise Sorgen macht, will freilich irgendwie politisch begründet werden. Und sei es nur mit der Binse, es müsse klar sein, 'dass man mit seinen Nachbarn leben muss, auch mit Russland', weswegen 'wir einen Weg finden (müssen), mit den Russen klarzukommen'." Ebenfalls in der Welt gratuliert Thomas Schmid Otto Schily zum Neunzigsten.

Auf ZeitOnline klopft Thomas Assheuer die Rede, die Putin am siebten Juli hielt, noch einmal auf Parallelen zum jüngsten Buch des rechtsextremen Denkers Alexander Dugin ab - und siehe da: "Es riecht schwer nach Copy-and-paste." Aber: "Es ist nicht so, dass Figuren wie Dugin in Putins Ohr sitzen oder ihm die Feder führen. Sie schaffen vielmehr, wie Claus Leggewie in seinem Buch Anti-Europäer schreibt, 'ein ideologisches Feld, aus dem sich eine stets machtopportunistisch agierende Staatsführung Argumente herauspicken kann, die ihre Handlungen rechtfertigen'. Diesmal besteht ihr Kalkül darin, die Strippen für eine internationale Querfront zu ziehen und die Globalisierungskritiker von rechts und links ins Boot zu holen. Dafür muss der Überfall auf die Ukraine geohistorisch umgedeutet werden: Er ist kein imperialer Akt, sondern stellvertretend für alle bedrohten Völker bekämpft Russland die Pest des globalen Liberalismus, der dort Fuß zu fassen drohte. In diesem Kampf existieren für Dugin nur zwei Parteien, die Globalisten und ihre Gegner."

Die Zeit lässt den Politologen Carlo Masala und seinen Kollegen Wolfgang Merkel über die Frage der Waffenlieferungen an die Ukraine streiten. Merkel, Mitunterzeichner der Emma-Briefe, empfiehlt nach wie vor Verhandlungen zwischen den USA und Russland, um Schlimmereres zu verhüten (die Ukraine müsste das Ergebnis schlucken), Masala ist für eine weitere Stärkung der Ukraine. "Die entscheidende Frage ist doch: Wie bringt man einen Putin an den Verhandlungstisch, der an Gesprächen kein Interesse hat, der die Ukraine 'entnazifizieren' will und der sich in die imperiale Tradition von Peter dem Großen stellt? Letztlich geht es ihm um die Zerstörung demokratischer Systeme, einschließlich der EU." Merkel suggeriert allerdings auch, dass er angesichts eines nicht zu allem entschlossenen Westens gar nichts anderes als Kapitualtion empfehlen kann: "Der Westen schickt nur Waffen bis zu einer gewissen Schwelle, und er richtet auch keine Flugverbotszone ein. Aber dadurch 'verheizen' wir leider auch in einem gewissen Sinne die Ukraine, ihre Menschen und ihre Städte. Wir rüsten sie auf, aber nicht so, dass sie diesen Krieg gewinnen können. Dennoch rufen wir den Ukrainern zu: Ihr verteidigt auch unsere Freiheit. Das ist moralisch nicht sauber und politisch fatal."

Die Russen trauen sich kaum noch miteinander zu reden, schreibt Moskau-Korrespondentin Inna Hartwich in der taz. Die meisten sind für den Krieg, andere dagegen. Alle haben Angst vor den schwammigen Gesetzen, die eine falsche Äußerung mit 15 Jahren Gefängnis belegen. Ohnmächtiger Protest äußert sich in winzigen Zeichen: "Auf manchen Bäumen oder Bauzäunen in der ganzen Stadt hängen grüne Bändchen. Als Zeichen gegen den Krieg. Im Setun-Park im Westen Moskaus, einer naturbelassenen Gegend, in der die vielen Biber die Bäume anfressen, hat jemand Friedenszeichen auf den Weg gemalt und in vielen Sprachen das Wort Frieden geschrieben: mir, peace, pace, paix, schalom. Auf einer Bank in einer Grünanlage, nicht weit von der Prachtmeile Neuer Arbat entfernt, liegt ein postkartengroßer Zettel in Blau-Gelb, den Farben der Ukraine. 'Ich habe Verwandte dort', steht darauf."

Die SZ dokumentiert die Rede, die Staatssekretärin Anja Hajduk in der Gedenkstätte Plötzensee in Vertretung des an Corona erkrankten Robert Habeck zum Gedenktag für den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft gehalten hat. Mit dem Erstarken autoritärer Regimes sei aus der Frage "Was hättest du getan?" die Frage "Was kannst du tun?" geworden, sagt sie und erinnert an "das Verdienst von Timothy Snyder und seinem Buch 'Bloodlands', uns Deutschen einen blinden Fleck vor Augen geführt zu haben: nämlich das ungenügende Erinnern daran, dass es vor allem die Menschen in Polen, Belarus, der Ukraine, der baltischen Staaten und der westlichen Gebiete Russlands waren, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Vernichtungspolitik gelitten haben. Auch des immer noch viel zu wenig bekannten Widerstands in diesen geschundenen Ländern gedenken wir heute." Auch Swetlana Tichanowskaja hat in Plötzensee eine Rede gehalten, Friedrich Conradi resümiert sie in der Berliner Zeitung.
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Medien

Für die FAZ bespricht Nina Rehfeld "Hollywood Ending", Ken Aulettas Biografie über Harvey Weinstein. Pikant an der Veröffentlichung: Auletta hat den Filmproduzenten, an dessen gewalttätigem Sexismus sich die MeToo-Debatte einst entflammte, schon in den frühen Nullerjahren für den New Yorker porträtiert und ist dabei auf erhebliche Hinweise auf Weinsteins Verhalten gegenüber Frauen gestoßen. "Doch es blieb Auletta verwehrt, dies an die Öffentlichkeit zu bringen, weil niemand wagte, ihm die Geschichten offiziell zu bestätigen. David Remnick, Chefredakteur des New Yorker, sagte damals zu Auletta: 'Wir können keine anonymen Anschuldigungen veröffentlichen.' ... Aulettas Weinstein-Biografie ist also auch eine späte Abrechnung. Und so stellt er in 'Hollywood Ending' die Frage ins Zentrum, wie dem Mann seine Untaten über Jahrzehnte in Hollywood ermöglicht wurden."
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Geschichte

Der Architekurtheoretiker Philipp Oswalt ist einer der entschiedensten Gegner des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonkirche. In der Zeit schildert er, wie die Initiative des Bundeswehroffiziers Max Klaar nach und nach immer komplettere Gestalt annahm - obwohl über den rechtsextremen Hintergrund der Initiatoren kein Zweifel besteht: "Die Zeit unmittelbar nach 1945 nannte er eine 'Segerdiktatur'und raunte von einem 'Umschreiben deutscher Archive und Geschichte' durch die Alliierten; ein rechtsradikaler Verlag warb mit einer Sonderpublikation für den Wiederaufbau der Garnisonkirche." Und natürlich: "Mittlerweile wird das Projekt überwiegend aus Steuergeldern finanziert."

Vor einer Woche hatte Charlotte Wiedemann in der taz das Leid der Palästinenser beklagt, die durch die Staatsgründung Israels sozusagen zu unschuldigen Zweitopfern des Holocaust geworden seien (unser Resümee). Diesem Geschichtsbild widerpricht heute Ulrike Klausmann: "Immer wieder begegnet mir im privaten, aber leider auch im beruflichen Umfeld die Erzählung: Den Konflikt zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten gibt es erst seit der Staatsgründung Israels. Doch wenn man den Blick auf die arabischen Nachbarländer erweitert, fällt auf, dass es dort schon in den 1930er und den frühen 1940er Jahren Hass, Hetze und Pogrome gegen Jüdinnen und Juden gab. Beim Farhud, einem blutigen Pogrom in Bagdad im Jahr 1941, ermordeten arabische Nationalisten über hundert Juden; es gab Hunderte Verletzte. 1947 starben über siebzig Juden in Aleppo, auch im Libanon und anderen arabischen Ländern kam es zu Verfolgungen und Übergriffen. Zu den Ursachen gehörte der wachsende arabische Nationalismus, aber auch die judenfeindliche Propaganda der Nationalsozialisten."
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Stichwörter: Garnisonkirche, Nakba, Libanon

Politik

Aus dem Taiwan-Konflikt könnte ein neuer Weltkrieg entstehen, denn Chinas Ambitionen gehen über Taiwan hinaus, warnt der Publizist und Theologe Alexander Görlach im FR-Gespräch mit Sven Hauberg: "Alles, was China derzeit tut, führt zu einer Situation, wie wir sie im Europa des 19. Jahrhunderts bereits so ähnlich gesehen haben: Am Ende finden sich gekränkte Großmächte auf einem Schlachtfeld wieder - in diesem Fall ist das der Westpazifik - und haben gar keine andere Wahl, als sich zu bekämpfen. Xi folgt zudem dem Regelbuch jeder Diktatur: Man braucht äußere Feinde, gegen die man das Innere zusammenhält; gleichzeitig muss man darauf achten, dass es im Inneren keine Absetzungsbewegungen gibt. Deswegen werden diktatorische Gesellschaften oft paranoid sowie kontroll- und bestrafungswütig."
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Gesellschaft

Scharf antwortet Thomas E. Schmidt in der Zeit auf Omri Boehm (Unser Resümee), der vergangene Woche ebenda, so Schmidt, "bestimmte, wer in Sachen Antisemitismus und Documenta mitreden darf, welches Argument das richtige, welcher Universalismus universal, welcher nur partikulär sei. Er möchte der deutschen Gesellschaft weiterhin die BDS-Position verordnen, mithilfe strenger Debattenregie." Aber die deutsche Gesellschaft ließ sich auch von den Documenta-Machern nicht infiltrieren, fährt Schmidt fort und hält fest: "Der Antisemitismus, ob biodeutsch-rechts oder postkolonial-links, also israelbezogen, bleibt anstößig. Die deutsche Gesellschaft stellte klar, dass er auch nicht durch Kunst und durch feine oder unfeine Theorieoperationen zu differenzieren sei. Niemand hat das Recht auf ein bisschen Judenhass: Es bleibt immer Hass, Wille zur Vernichtung. Dies festzuhalten ist eine Frage des Humanen inmitten einer Welt zorniger Geschichtserzählungen - und das gilt in Kassel genauso wie in Jakarta. Den Willen zur Vernichtung von Völkern und ihren Staaten nicht hinzunehmen muss Sache einer wachen Gesellschaft sein: Sie muss den Revisionismus von BDS genauso ächten wie denjenigen Putins in der Ukraine. Darauf beruht das Universelle von Moralität."

So woke sei sie ja gar nicht, versichert die neue Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman im Zeit-Interview mit Paul Middelhoff und Nina Monecke, in dem sie auch erklärt, weshalb sie im Vorfeld all ihre Tweets löschte: "Ich finde, das private Twitter-Profil einer Publizistin passt nicht zu einer designierten Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes, deshalb habe ich einfach alle Tweets gelöscht. Ich wundere mich auch ein bisschen, dass das so eine Empörung hervorgerufen hat, denn erstens ist das alles noch in Internet-Archiven zu finden. Und zweitens bin ich nicht die Einzige, die ihre Tweets gelöscht hat. Der Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt zum Beispiel hat das auch getan, aber ihn hat dafür niemand kritisiert."

Außerdem: In der Zeit erkennt der Literaturwissenschaftler Toni Tholen bei der Lektüre von Karl Ove Knausgards Essay über Hitler, dass der Typus des "Fascho-Patriarchen" in Wladimir Putin bis in die Gegenwart überdauert. Ebenfalls in der Zeit probiert Michael Thumann russische Imitate, die in Russland nach dem Rückzug westlicher Firmen auf den Markt kam. Bei so manchem Burger und Cola-Imitat bekommt er das "Würgen".
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