9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1592 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 160

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2021 - Gesellschaft

Rechte lehnen die Demokratie ab, musste der linke Aktivist Torsten Galke erfahren, der in der taz sein Leben in einer linken Initiative in Greifswald beschreibt, wo die rechte Gesinnung in der Bevölkerung vorherrsche. Das führe zu einer paradoxen Konsequenz: "Als radikaler Linker freue ich mich, mittlerweile seit 2015, dass Merkel an der Macht ist, und verteidige die bundesdeutsche FDGO, die ich eigentlich als eine heuchlerische, rassistische, Menschen mordende, imperialistische Scheindemokratie verurteile, gegen faschistische Strukturen, die ebendiese Demokratie angreifen und durch eine Diskursverschiebung noch weiter nach rechts ein Klima des Terrors geschaffen haben. Und das Irre ist, dass die Polizei, die uns Linke seit Jahrzehnten mit allen Arten von Repression überzieht, mittlerweile zum überlebenswichtigen Partner geworden ist." Ja, wirklich, das klingt ja irre.

Hierzulande werden zunächst die Alten geimpft, in Indonesien beispielsweise kommen zuerst die Jüngsten dran - so oder so wird die Frage nach der Gerechtigkeit der Verteilung immer lauter gestellt, schreibt der Archäologe Martin Flashar in der NZZ. Warum besinnen wir uns nicht auf das "urdemokratische Prinzip des Losverfahrens", fragt er: "Im alten Griechenland wurde das Losverfahren für die Wahlen in politische Ämter eingesetzt. Heute geht es um die Reihenfolge, in der die Bevölkerung zur Corona-Impfung zugelassen wird. Das ist ein großer Unterschied. Doch in beiden Fällen geht es darum, Menschen Vorteile zukommen zu lassen, und dies auf eine Weise, die möglichst gerecht ist. Bezogen auf die Impfung heißt das: Abgesehen von den Fällen, in denen sich eine Ungleichbehandlung rechtfertigen lässt - aufgrund von Kriterien wie Alter, Gesundheitszustand oder Systemrelevanz der betreffenden Personen -, sollen alle Menschen gleich behandelt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2021 - Gesellschaft

Es liegen nun Gesetze zur Liberalisierung der Sterbehilfe vor, die nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts fällig ist und den Einfluss der Kirchen weiter vermindert. Beide findet Barbara Dribbusch in der taz gangbar und stellt sich gegen die Theorien der Gegner: "Die KritikerInnen der liberalisierten Sterbehilfe verweisen auf deren gesellschaftliche Nebenwirkungen und das Risiko, dass die Schwelle zum Suizid abgesenkt und die Akzeptanz von Pflegebedürftigkeit schwinden könnte. Aber wenn der wichtigste Maßstab für ethisches Handeln das konkrete Leid und dessen Linderung sein sollte, dann muss die - empirisch nicht belegbare - Sorge vor irgendeinem Wertewandel zum Schlechten durch Suizidhilfe hintenanstehen."

Der Rechtsprofessor Uwe Kischel erklärt in der FAZ, warum es falsch sei, den Begriff der "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen. Das Argument, dass der Begriff selbst in der Ablehnung den Rassismus perpetuiere, will er nicht gelten lassen. Denn: Das Recht sei darauf angewiesen, "das, was es bekämpfen will, stets klar zu benennen, gerade auch dann, wenn das Benannte für besonders abstoßend gehalten wird. Und auch im Hinblick auf die zahlreichen internationalen Menschenrechtsdokumente, die sich gegen Rassendiskriminierung wenden und dabei den Begriff der Rasse verwenden, ist die juristische Leerstelle, die durch eine Streichung in Deutschland entstünde, kaum nachzuvollziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2021 - Gesellschaft

Wer BDS unterstützt oder Israel das Existenzrecht abspricht, muss mit Widerspruch leben, meint kühl im Interview mit der SZ Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. In die rechte Ecke lässt er sich deshalb nicht schieben, auch wenn die AfD die Resolution gegen die BDS-Kampagne noch verschärfen wollte: "Dieses durchsichtige Kalkül hat die AfD schon in der sogenannten Flüchtlingskrise verfolgt. Da hat sie darauf spekuliert, sie könnte an die Vorbehalte gegen arabische Menschen aus dem Nahen Osten appellieren, die bei einigen jüdischen Menschen vorhanden waren oder sind. Sie hat gehofft, sie könnte in uns einen Verbündeten finden, und sich dann besonders proisraelisch gezeigt. Das ist nicht nur billig. Das ist verachtenswert. Das Interesse der AfD an Juden reicht nicht weiter, als uns als Feigenblatt zu nutzen für die eigene Demagogie."
Anzeige

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2021 - Gesellschaft

Obwohl er nicht viel anderes erwartet hat, ist Ulf Poschardt in der Welt dann doch erstaunt, mit welcher Unterwürfigkeit und "eitlen Gebücktheit" Politik und Medien die Gewaltfantasien einer - zumeist akademischen - Linken in den Jugendorganisationen von SPD, Grünen und der Linken abnicken. Anlass ist ein "führender Juso", der in sozialen Netzwerken von Erschießungen junger Liberaler und "Vermieterschweinen" oder ein Attentat auf Jeff Bezos phantasiert hatte. Obwohl er sich entschuldigte, gab es eine Vielzahl von Solidaritätsadressen, "die deutlich machen, dass die politische Linke ein Extremismusproblem hat. Und dass es bagatellisiert wird und dies Fragen nach der Verfassungstreue auch bei den Jusos aufwirft. Und weit über die Jusos hinaus. Kandidaten für den Landtag in Baden-Württemberg solidarisieren sich mit dem Erschießungsfantasten, und während bei kleinsten rhetorischen Schlenkern von jungen Liberalen oder konservativen CDU-Spitzenpolitikern sofort die Nazi-Keule ausgepackt wird, bleibt das mediale Echo in diesem Fall leise. Ähnlich leise wie nach der Holocaust-Relativierung der von den Neuen Deutschen Medienmachern als 'Lieblingskünstlerin' gehätschelten Idil Baydar (mehr dazu hier)."

Camille Kouchner hat mit "La Familia Grande" das Buch der Saison in Frankreich geschrieben (unsere Resümees), schreibt Jürg Altwegg in der FAZ. Es spielt in Saint-Germain-des-Prés in den besten Kreisen der linken Bourgeoisie - Kouchner ist die Tochter von Bernard Kouchner und erzählt eine Geschichte der Kindesmissbrauchs um ihren Stiefvater Olivier Duhamel. Das Motiv der Knabenliebe und der Liebe zu Teenager-Mädchen durchzieht die ganze französische Literatur seit Kriegende, so Altwegg: "Wegen Verführung Minderjähriger waren 1938 und 1949 die homosexuellen Schriftsteller Henry de Montherlant und Roger Peyrefitte verhaftet worden. Im Mai 1968 wurde die Polizei der Republik mit der Gestapo gleichgesetzt. Für die damals tatsächlich diskriminierten Homosexuellen galten noch immer die unter Vichy erlassenen Gesetze. Sie identifizierten sich mit den Juden. Auch Bernard Kouchner hatte das Manifest unterzeichnet. Pädophilie und Inzest waren die Themen, über die um 1968 das Tabu Vichy in der Literatur angegangen wurde."

Während in Deutschland einige für das "Recht" von Grundschülerinnen eintreten, auch in der Schule das Kopftuch tragen zu dürfen, sieht der iranische Gesetzgeber die Verschleierung von Frauen zwingend vor. Selbst wenn sie im Ausland leben, erzählt die Exiliranerin Monireh Kazemi in der NZZ. "Seit über vierzig Jahren werden die iranischen Frauen gegen ihren Willen gezwungen, in Berlin, Hamburg, Frankfurt und München mit Kopftuch und Schleier in die Botschaften und Konsulate zu gehen. Und der eigentliche Skandal: Seit Jahren ist es gängige Praxis in deutschen Standesämtern und Familiengerichten, Frauen mit iranischem Pass vor der Eheschließung eine Erlaubnis des Vaters abzuverlangen, vordergründig als 'Empfehlung zur Anerkennung im Heimatland'. Faktisch aber ist das die Voraussetzung zur Eheschließung in Deutschland. So geht Kollaboration und Islamisierung."

Deniz Yücel erzählt im Welt-Feuilleton nochmal die Geschichte der Gamestop-Aktie, die von Kleinanlegern in dem Reddit-Forum Wallstreetbets in die Höhe spekuliert wurde, um selber Geld zu machen und Hedgefonds-Manager, die gegen die Akte gewettet hatten, auszutricksen. Es ist eine Art soziale Revolte, in einer Zeit, wo viele wegen Corona ihren Job verloren und zugleich die Aktien wegen des vielen billigen Geldes boomen, meint Yücel: "Die grundsätzlichen Konflikte um Gerechtigkeit und Fairness, die hier aufblitzten, weisen über das Geschehen an den Börsen hinaus. Vielleicht war der kurze und natürlich auch bizarre Konflikt um die Gamestop-Aktie nur der Vorbote für Konflikte, die die zwanziger Jahre prägen werden." FAZ-Autor Claudius Seidl sieht die Aktienzocker-Szene in Internetforen als eine neuen Jugendkultur.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2021 - Gesellschaft

Das wäre überfällig: Denkmäler für die Heldinnen der Frauenbewegung, fordert die Historikerin Dorothee Linnemann in der FR. Und warum wurde keine einzige ihrer Kämpferin in der Rede des Bundespräsidenten zur Reichsgründung erwähnt? "Anderes wurde hervorgehoben: 'Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber wie den Denkmalen und Statuen von Königen, Kaisern und Feldherren aus dieser Epoche' ... 2018/19 wurde das hundertste Jubiläum der Einführung des Frauenwahlrechts gefeiert. Die Erinnerungskultur sollte den befragenden Blick von Königen, Kaisern und Feldherren sowie ihren Statuen abwenden. Wenn es am Kaiserreich etwas zu erinnern und auch zu feiern gilt, dann die Frauenbewegung. Denkmäler sollten für ihre Protagonistinnen aufgestellt werden."

Der Islamismusforscher Lorenzo Vidino von der George-Washington-Universität in Washington warnt im FAS-Gespräch mit Christian Meier vor einem politischen Islam, der sich urban verkleidet und gefährlicher sei als äußere Zeichen: "Die Subversion, die sie betreiben, ist erst in mittel- und langfristiger Perspektive greifbar. Es ist dagegen sehr leicht, auf einen Salafisten oder eine Frau mit Niqab zu zeigen und zu sagen: 'Das ist das Problem!' Wir sprechen von Leuten, die sehr clever sind. Sie beherrschen die Sprache der Islamophobie und der postkolonialen Theorie und werfen einem bei Kritik schnell vor, man sei rassistisch oder islamophob. Die sind als Gegner viel herausfordernder."

Im Interview mit der SZ bezweifelt der Soziologe Armin Nassehi, dass wir als Gesellschaft fähig sind, das Coronavirus oder andere Krisen zu meistern: "Im Übrigen haben wir ein ganzes Jahr verloren, weil wir viele Dinge noch immer nicht wissen: Wir wissen nicht genug darüber, wo die Leute sich anstecken, wie sie sich anstecken, und deshalb sind viele differenzierte, präzise Maßnahmen und Eingriffe bis heute nicht möglich. Zeit ging verloren, um mittelfristige Planung zu machen. Das formuliere ich tatsächlich als Vorwurf. Es bestätigt mein systemtheoretisches Gesellschaftsmodell, wonach so etwas wie kollektives Handeln für eine komplexe moderne Gesellschaft fast unmöglich ist, wenn man es nicht politisch autoritär durchsetzen will. Wir müssen resilienter werden."

Als "Jana aus Kassel" sich im Herbst mit der Widerständlerin Sophie Scholl verglich, gab es viel Empörung. Als jetzt die Komikerin Idil Baydar auf der App Clubhouse den Umgang mit Clan-Kriminellen mit dem Umgang mit Juden im Zweiten Weltkrieg gleichsetzte ("Das ist die gleiche Story!"), regte sich kein Mensch auf, wundert sich Johannes Boie in der Welt, obwohl Baydar keine unbekannte Jana sei, sondern "oft Gast im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ... Es kommt offenbar immer darauf an, wer sich im Ton vergreift. Man darf gespannt sein, wann Baydars nächster Auftritt in der ARD folgt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2021 - Gesellschaft

In der Bundesrepublik wurden Kinder zuweilen in "Kurheime" geschickt. Es handelte sich meist um Kinder aus sozial schwachen Familien, die Verschickung galt als Wohltat. Allein die Kinder, meist zwischen zwei und zehn Jahren alt, haben sie oft als absolutes Trauma erlebt, erzählt die  Autorin Anja Röhl, die zum Thema aus eigener Betroffenheit recherchiert, im Gespräch mit Caroline Fetscher im Tagesspiegel. Eine Wohltat waren die Kurheime eben vor allem für die damit befassten Branchen: "Es war ein Milliardengeschäft, bei dem sich unter anderem freie Träger auf Kosten der Krankenkassen bereichern konnten." und die Traumatisierung erklärt sich keineswegs nur aus der Abwesenheit der Eltern: "Viele Betroffene berichten vom Zwang zu essen, Erbrochenes zu essen, aber auch das Verweigern von Essen und Trinken als Strafe. Schläge waren gängig, Herabwürdigungen, Strafen bei Einnässen, Weinen, bei lautem Reden. Die Kinder erlebten Postkontrolle, Postzensur, Toilettenverbote, Schweigegebote. Nach unserem Kenntnisstand besaßen Hunderte Heime ein ungeheuerliches Repertoire an schwarzer Pädagogik und Methoden der Misshandlung."
Stichwörter: Kurheime

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2021 - Gesellschaft

Im Welt-Gespräch mit Deniz Yücel erklärt der Aktivist, Dentalhygieniker und Rom Gianni Jovanovic noch einmal, weshalb er das Wort "Zigeuner" ein für alle mal nicht mehr hören möchte: "Das Z-Wort bezeichnet einen devianten und delinquenten Untermenschen, der nicht in der Lage ist, an der Zivilgesellschaft zu partizipieren. Der weißen Mehrheitsgesellschaft dient dieses Wort dazu, eine Projektionsfläche zu schaffen. Das ist eine Stigmatisierung, eine Machtkonstruktion, die im Holocaust dann dazu geführt hat, dass Menschen vernichtet wurden. Menschen wurde das 'Z' in die Haut mit eintätowiert, zusammen mit einer Nummer, auch Menschen aus meiner Familie. 500.000 Sinti und Roma wurden im Holocaust ermordet. Dieses Wort ist voller Blut, voller Leid und voller Misstrauen. Darum zucke ich immer zusammen, wenn es irgendwo fällt. Das bedeutet Re-Traumatisierung."

Keine Privilegien für Geimpfte, meint der Ethikrat. Richtig, findet Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Studien sagen: Könnte sein, dass Geimpfte noch ein bisschen ansteckend sind. Aber es wäre absurd, wenn die Höhe der Wahrscheinlichkeit eine Rolle spielte. Vielleicht werde ich vor meiner Nachbarin geimpft, und bloß weil ich dann etwas weniger gefährlich bin als sie, darf ich ins Konzert, sie aber nicht? Sie kann ja nichts dafür, dass sie warten muss. Oder was, wenn Biontech-Geimpfte (95 Prozent Schutz) ins Flugzeug steigen dürfen, nicht aber Astrazeneca-Geimpfte (70 Prozent) - obwohl es keine Wahlfreiheit bei den Impfstoffen gibt? Noch absurder."

"Falls es denn Verzögerungen gab, spielten da mehrere Faktoren eine Rolle", räumt Ursula von der Leyen im SZ-Gespräch mit Björn Finke über die Versäumnisse bei der Impfstoff-Beschaffung ein: "Großbritannien hat das erste Vakzin innerhalb von 24 Stunden mit einer Notfallzulassung auf den Markt gebracht. Damit geht aber auch die Haftung vom Konzern auf die Regierung über. Wir dagegen haben entschieden, keine Abkürzungen zu nehmen beim Testen oder Belegen der Sicherheit und Wirksamkeit. Ich denke, das war richtig so, denn bei einem Vakzin spritzt man einer gesunden Person eine biologisch aktive Substanz. Das ist eine enorme Verantwortung. Oft wird auch Israel als Vorbild genannt, und ich finde das Tempo dort beeindruckend. Doch Israel gibt dafür den Unternehmen die persönlichen Gesundheitsdaten der Geimpften, und so etwas würden wir in der EU niemals machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2021 - Gesellschaft

Die Burka lässt sich nicht mit dem Argument der Freiheit verteidigen, schreibt der Essayist Kacem El Ghazzali in der NZZ, denn es handelt sich beim Tragen der Burka nicht um die individuelle Entscheidung einer Frau: Und "auch im Kontext eines liberalen Staats, der die individuelle Entscheidungsfreiheit garantiert, sollten der moralische Druck und die Indoktrinierung, die Familie und religiöse Autoritäten auf die Entscheidungen des Einzelnen ausüben können, nicht übersehen werden."

Anthroposophen haben einen seltsamen Status in der deutschen Gesellschaft. Es ist nicht so, dass jeder Bio-Käufer an den Zinnober glaubt, den sie ums Gemüse treiben, aber sie kaufen es halt doch - und der Bewegung sind ganze Supermarktketten (Alnatura) und Banken (GLS-Bank) und natürlich viele Schulen zuzuordnen. Bei Corona sind viele Anthroposophen eher unter den "Querdenkern" wiederzufinden. Ronald Düker zitiert in der Zeit etwa Äußerungen des Biologen Christoph Hueck, der bei "Querdenken"-Demos redet und zugleich Redakteur der anthroposophischen Zeitschrift Die Drei ist. "Der Glaube, durch das Tragen einer Maske den Tod anderer Menschen verhindern zu können, dieser Glaube an die Beherrschbarkeit des Lebens ist Überheblichkeit gegenüber den Schicksalsmächten", schreibt Hueck dort (PDF-Dokument). Und Düker kommentiert: "ist es Schicksalsvergessenheit, sich vor dem Virus schützen zu wollen? In anthroposophischer Perspektive jedenfalls beweist der hygienebewusste Maskenträger nur, dass er keine spirituelle, sondern lediglich eine materialistische Einstellung zum Leben hat."

Erben ist ungerecht und verschärft in einer alternden Gesellschaft wie der unseren die Ungleichheit zwischen Arm und Reich immer mehr, sagt der Soziologe Jens Beckert, Autor des Buchs "Unverdientes Vermögen" im Gespräch Uwe Jean Heuser und Roman Pletter von der Zeit. Zur Ungerechtigkeit trage auch ein nicht ausreichender Sozialstaat bei: "In einer Gesellschaft, die immer stärker auf individuelle Verantwortung setzt, steigt auch die Angst vor dem Abstieg. Das Vermögen der Familie wird dann zur Versicherung und unbedingt verteidigt. Die Bereitschaft der Vermögenden zu einem solidarischen Ausgleich sinkt. Das lässt sich auch empirisch zeigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2021 - Gesellschaft

In der FR fürchtet Arno Widmann eine weitere, wohl kaum behandelbare Folge der Pandemie: Sie macht reaktionär: "Das ist die zweite Lektion des Coronavirus. Er hat uns den Mut genommen, den Glauben, wir könnten die Welt zum Besseren verändern. Wir sehnen uns zurück in die Welt der Kriege und Bürgerkriege, des Fanatismus und Terrorismus. Um reisen, um zusammen ausgehen, um einander umarmen zu können. 'Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt', sagten unsere Großeltern zu uns. Jetzt haben wir gelernt, was sie meinten. Jetzt sagen wir selbst: Wir wussten nicht, wie gut wir es hatten. Heute gibt es keine Utopie mehr. Die Debatten um sie sind eingestellt. Wir haben uns auf ein einziges Prinzip Hoffnung geeinigt und rufen unisono: Eine Welt ohne Corona. Punkt."

Zwischen Spott und Entsetzten schwankt Jürgen Kaube in der FAZ angesichts des prophylaktischen Antirassismus-Trainings, zu dem die Universität Cambridge alle Mitglieder der Fakultät "Arts and Humanities" verpflichtet: "Vor einiger Zeit schon hatte Cambridge den Versuch einer 'umgekehrten Mentorenschaft' unternommen, bei dem weiße Lehrkräfte durch solche aus der BAME-Gruppe (Black, Asian and minority ethnic) in puncto Rassismus unterrichtet werden sollten. Auch diese Maßnahme war von der Überzeugung getragen, man müsse nicht auf entsprechende Taten oder Äußerungen warten. Das Weißsein allein erzeugt hier schon einen Umerziehungsbedarf. Weiße sähen die Probleme der Nichtweißen nicht. Das kann sein, aber das gilt für die Probleme der Schüchternen oder der Süchtigen bei denen, die es nicht sind, auch." Und natürlich: "Es soll auch Noten für die Kurse geben, die aber, heißt es, nur zu statistischen Zwecken ausgewertet werden." 

Weiteres: Die Landschaft deutscher Stiftungen wird immer unübersichtlicher, schimpft Heribert Prantl in der SZ, ein Dickicht, in dem Idealismus, Wohltätigkeit und Philantropie gedeihen, aber auch Etikettenschwindel und politische Einflussnahme: "Es bräuchte ein kreatives legislatives Konzept für Wohltätigkeit." Die taz bringt einen Auszug aus dem Buch "Hure oder Heilige - Frau sein in Italien" von Barbara Bachmann und Franziska Gilli, in dem die beiden Autorinnen jene Januarwoche des Jahres 2020 rekonstruieren, in der sieben Frauen ermordet wurden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2021 - Gesellschaft

In der FR antwortet Katja Thorwarth auf Fatina Keilani, die kürzlich im Tagesspiegel kritisiert hatte, dass der Rassismusvorwurf zu einer Art Geschäftsmodell verkommen sei (unser Resümee). Ergänzen wir, "dass die Bedrohung der Pressefreiheit seit Jahren aus einer völlig anderen Ecke kommt. Nämlich aus der extrem rechten Ecke, die bei gefühlt jedem Kommafehler in einer Bildunterschrift eine Klage raushaut."

Im Zeit-Online-Interview mit Nils Erich verteidigt die Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum den Vorstoß des Online-Dudens, künftig Personen- und Berufsbezeichnungen zu gendern. "Wir streiten damit nicht ab (…), dass die maskulinen Formen auch geschlechterübergreifend verwendet werden können". Aber: "Was bedeuten überhaupt 'Normen zur deutschen Sprache'? Der einzige Sprachbereich, wo richtige Normen festgeschrieben sind, ist die Orthografie, also die Rechtschreibung. Diese Normen legt auch nicht der Duden fest, sondern eine staatlich übergreifende Institution, nämlich der Rat für deutsche Rechtschreibung. Selbst da gibt es Spielraum für Interpretationen, wie bei Gesetzen, weil nicht alles ganz hundertprozentig klar geregelt werden kann."