9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

1452 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2020 - Gesellschaft

Der Geschlechterforscher und Trans-Mann Till Randolf Amelung, der schon mit einer klugen Verteidigung von Joanne K. Rowling auffiel (unser Resümee), spricht sich im taz-Interview gegen eine Pädagogisierung des Diskurses aus: Die geschlechtlichen Fluidität aller Menschen sei reine Ideologie, Menschen keine Knetmasse: "Der Psychologe Aaron Lahl drückte das in seinem Essay in meinem 'Irrwege'-Buch treffend so aus - ich zitiere: 'Ein fluider Mensch ohne Identität, der unnennbar mannigfaltig begehrt und identifiziert wäre, wäre vielleicht queer, aber auch ein leibloser Mensch ohne Lebensweg.'"

Jörg Häntzschel geht in der SZ betont unpolemisch der Frage nach, wie sinnvoll und praktikabel die neue Begrifflichkeit im Rassismus-Diskurs ist. Die berühmte Persons of Colour (PoC) oder Blacks and Persons of Colours (BPoC) etwa verdecken die Diskriminierung unter einzelnen Minderheiten selbst, als gäbe es keine Unterschiede zwischen arabischen und afrikanischen Erfahrungen: "Von außen gesehen erscheint der Begriff auch aus einem anderen Grund problematisch: Stoppt er nicht die allmähliche Erweiterung dessen, was in Deutschland als 'normal' und nicht mehr 'fremd' gesehen wird, indem er die Demarkationslinie wieder schärfer zieht? Antwortet man nicht auf das Othering durch die Mehrheitsgesellschaft, indem man sich selbst othert?"

Das Denken in rassissischen Kategorien, ja überhaupt in Rassen, war Ostasien bis zum Zeitalter des Imperialismus fremd, erklärt Ho Nam Seelmann in der NZZ, doch Japaner, Chinesen Koreaner erwiesen sich als gelehrige Schüler: "Indem Ostasien das Eigene zum Teil aufgab und den Westen nachahmte, hat es sich auf die Seite der Weißen geschlagen. Man übernahm und verinnerlichte ihr Rassenmuster, schaute auf die Schwarzen herab und bedachte sie mit Vorurteilen, ohne je selber einem begegnet zu sein. Die koreanischen Migranten in den USA suchten ebenso die kulturelle Nähe zu Weissen. Die eigene Erniedrigung verdrängte man und kämpfte verschämt mit Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Westen. Gekränkt reagierte man auf Zurückweisung und verbarg die tiefe innere Zerrissenheit zwischen eigener und westlicher Kultur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2020 - Gesellschaft

Es sind in erster Linie Frauen, die von den Drohmails des "NSU 2.0" (mit der bekannten Rolle, die Polizeicomputer dabei spielen) bedroht sind. Der Antifeminismus des Rechtsextremismus wird nicht genug benannt, sagt die Aktivistin Eike Sanders im Interview mit Simon Sales Prado in der taz, und hinzukommt, dass "die Mails vom NSU 2.0 vermutlich in der statistischen Kriminalerfassung als rechte Taten eingestuft (werden), nicht aber als Gewalt gegen Frauen. Das wäre eine andere Statistik. Diese Statistiken sind bisher nicht miteinander verbunden. So wie ein rechter Täter, der seine Partnerin bedroht, nicht in der Statistik über Rechte auftritt, sondern bei Gewalt gegen Frauen, werden die Mails des NSU 2.0 nicht in der Statistik über Gewalt gegen Frauen sichtbar sein."

Identitätspolitik ist nicht neu, schreibt Claudia Mäder in der NZZ. Nachdem Werbefachleute im amerikanischen Wahlkampf der 1920er zunächst Kampagnen auf den "Durchschnittsamerikaner" zuschnitten, konzentrierten sie sich seit den Fünfzigern auf einzelne Personengruppen: "Bereits 1959 spannten die Demokraten mit einer neugegründeten Firma zusammen: Die Simulmatics Corporation fütterte einen leistungsstarken Computer mit Daten aus alten Meinungsumfragen und eruierte so die Präferenzen verschiedener Wählergruppen. Nicht weniger als 480 verschiedene Typen hat Simulmatics entworfen. Ob östlich-protestantisch-männlich-ländlicher Arbeiter oder südlich-jüdisch-weiblich-städtische Angestellte: Die Maschine wusste alle erdenklichen Merkmale zu kombinieren, und schon im Wahlkampf von 1960 konnte Kennedy Empfehlungen der Firma nutzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2020 - Gesellschaft

Nach den Krawallen in Stuttgart erforschte die Polizei zwar den Migrationshintergrund der Tatverdächtigen, aber keine weiteren soziologischen "Marker" ärgert sich die Ethnologin Judith Beyer in der taz: "Es stellt sich die Frage, ob eine derartige Ermittlung verhältnismäßig ist. Wenn der Eindruck entsteht, dass dem Migrationshintergrund ein besonderes oder isoliertes Interesse entgegengebracht wird, so ist nachvollziehbar, warum in den Medien seither über 'Stammbaumforschung' debattiert und der Polizei struktureller Rassismus vorgeworfen wird, auch wenn die Ermittlung ja erst im Nachgang der Tat erfolgte. Das prinzipiell zulässige Abfragen der elterlichen Herkunft wird so in einen Zusammenhang mit straffälligem Verhalten gestellt und spielt in erster Linie populistischen Parteien in die Hände."

Wir haben ein Integrationsproblem, sagt hingegen der Psychologe Ahmad Mansour mit Blick auch auf die Krawalle in Frankfurt im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Es dürfe deshalb keine Scheu geben, in der Berichterstattung auch den Migrationshintergrund zu benennen, meint er: "Eine der großen Herausforderungen dieser Menschen besteht, wenn sie auf eine Gesellschaft treffen, wo patriarchalische Strukturen nicht gern gesehen sind, wo Gleichberechtigung herrscht, wo Frauen bestimmte Rechte haben, wo sexuelle Selbstentfaltung zum Grundgesetz gehört. Das macht manchen Menschen Angst und führt dazu, dass in ihrer Interaktion mit der Gesellschaft gewisse Konflikte entstehen. (...) Da entstehen Identitätsverluste. Es geht ihnen häufig darum ihre Identität behaupten und ihrer Community zeigen zu wollen: Ich lebe in Deutschland, aber ich bin immer noch Muslim, Syrer oder Afghane."

Der gegenwärtige Zeitgeist, der "aufklärerische Religionskritik als Islamophobie" ächtet und "Selbstzensur als Übung in Political Correctness" erzwingt, ist nichts anderes als Totalitarismus, schreibt Bassam Tibi in der NZZ, einmal mehr für eine "Leitkultur" werbend: "In der bisherigen Geschichte kamen Muslime zweimal als Jihad-Krieger nach Europa, heute kommen sie friedlich im Rahmen von 'hidjra / Migration'. Im Jahre 711 kamen sie als Eroberer nach Spanien und wieder, 1453, nach Konstantinopel (heute Istanbul) und anschließend auf den Balkan. Anders als damals erfolgt Eroberung heute ohne Gewalt unter Berufung auf Minderheitsrechte und 'Identity Politics' in übergeordneter Vereinnahmung von Demokratie und Völkerrecht, beide sind europäisch, nicht islamisch, aber instrumentalisierbar."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2020 - Gesellschaft

In Ägypten ist Rassismus kein Thema, bemerkt Andrea Nüsse im Tagesspiegel. Dabei gäbe es da einiges aufzuarbeiten, wie zumindest die Generation bemerkt habe, die für einen arabischen Frühling stand: "Ägypter waren in Schwarzafrika als Sklavenjäger bekannt. ... Und in Ägypten wie anderswo in der Region ist der alltägliche Rassismus gegen Schwarze bis heute ausgeprägt. Der ägyptische Schriftsteller Khaled al-Khamissi sieht in dem historisch tief verwurzelten Rassismus die Ursache für die allgemeine  Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, Anderslebenden, Andersaussehenden: 'Diese Art von Rassismus hat in der arabischen Welt den Nährboden bereitet für die Herausbildung einer aggressiv-ablehnenden Grundhaltung gegenüber allem, was von der herrschenden Norm oder dem als 'natürlich' Empfundenen abweicht.'

Sind die Grünen, die nicht so schlechte Chancen haben, das Land demnächst mitzuregieren, bereit, ihr Verhältnis zu wissenschaftlicher Erkenntnis zu verändern? Noch ist esoterisches Denken recht stark, und so hat die Parteiführung etwa das Thema Homöopathie, das ihr peinlich ist, begraben. Sie hätte auch anders agieren können, findet Ludger Wess bei den Salonkolumnisten: "Sie hätte die Gelegenheit nutzen können, der Frage nachzugehen, warum die Homöopathie, die nicht über den Plazeboeffekt hinaus wirkt (auch dies ein überwältigender Konsens in der Wissenschaft), dennoch so beliebt ist. Davon ausgehend hätte sie darüber debattieren können, was sich daraus für eine Reform von Medizin und Gesundheitswesen lernen lässt: mehr zuhörende und sprechende Medizin etwa und ein Gesundheitswesen, das die psychischen Komponenten von Krankheiten, zumal chronischen, ernster nimmt." Selbst beim Thema Atomausstieg hofft Wess auf ein Umdenken der Grünen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2020 - Gesellschaft

Laut einem Trendreport zu Rechtsterrorismus und rechter Gewalt des Center for Research on Extremism (C-REX) an der Universität Oslo steht Deutschland in Westeuropa an der Spitze, was schwere Fälle rechtsextremer Gewalt angeht, erklären Anders Ravik Jupskås, Stellvertretender Leiter des Center for Research on Extremism (C-REX) an der Universität Oslo, und Daniel Köhler, Leiter des unabhängigen German Institute on Radicalization and De-Radicalization Studies (Girds), auf Zeit online. Ihre Forderung: "Die Behörden müssen mehr tun, auch in Deutschland. Zwar wurden hier die personellen Kapazitäten im Staatsschutz erheblich aufgestockt und endlich ein Instrument zur Risikoabschätzung für rechtsextremistische Gefährder entwickelt, doch erhalten Neonazis immer noch zu leicht Zugang zu Waffen. Und während das Bundeskriminalamt in jüngster Zeit mit sogenannten 'virtuellen Agenten' versucht, potenzielle Attentäter zu identifizieren, ist das Aufspüren onlinebasierter Radikalisierungsprozesse noch deutlich unterentwickelt. Die Behörden wissen zu wenig über neue Milieus rechtsextremer Radikalisierung, etwa in Messenger-Apps wie Telegram oder TikTok."

Außerdem: Wir brauchen gar nicht in die USA zu gucken, Deutschland hat sein eigenes Rassismusproblem, meint in der Berliner Zeitung der Schriftsteller Christopher Kloeble, schreibt dann aber doch mehr über den Kolonialismus Großbritanniens.
Stichwörter: Rechtsextremismus, Tiktok

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2020 - Gesellschaft

Warum versagt die Polizei so häufig beim Thema Rechtsextremismus? Die Kabarettistin Idil Baydar gehört zu denn Persoenen, die von Polizeicomputern aus ausgespäht wurde und die Drohbriefe erhalten hat. Die Polizei hat ihr bisher wenig geholfen, sagt sie im Gespräch mit Pitt von Bebenburg in der FR. Die Polizei gehört auch zu ihren Themen: "NSU war ein ganz entscheidender Teil, warum ich angefangen habe, mich dafür zu interessieren: Was passiert denn da? Es gibt so viele Fälle, die nicht aufgeklärt werden. Was mich wirklich so fertig macht an der Geschichte ist, dass ich das Gefühl habe, dass die Polizei mehr damit beschäftigt ist, PR zu machen, abzustreiten, zu leugnen, hin- und herzuschieben, die Dinge unter den Tisch fallen zu lassen, als sich damit zu befassen. Jetzt frage ich mich: Liegt das an der Struktur? Ist sie vielleicht runtergewirtschaftet worden? Wie ist die Situation der Polizisten und Polizistinnen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2020 - Gesellschaft

Der Autor und Publizist Reinhard Mohr betreibt bei cicero.de "critical mohrness": "Immer wieder fragen mich Freunde und Kollegen halb im Ernst und halb spöttisch, wann ich denn nun meinen Namen ändere. Nelson Mandela kann ich mich schlecht nennen, denn das wäre mindestens eine 'cultural appropriation'."

Israelkritik und Antizionismus sind nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen, ärgern sich im Tagesspiegel Moshe Zimmermann und Shimon Stein, auch mit Blick auf den Verfassungsschutzbericht, der zwar antizionistisch motivierte Feindschaft gegen Juden im Rechtsextremismus als Antisemitismus definiert, Antisemitismus im Linksextremismus aber erst gar nicht erwähnt. Gegen eine Umbenennung des U-Bahnhofs "Mohrenstraße" in "Glinkastraße" hätten sie nichts einzuwenden gehabt: "Michael Glinka war ein Sohn seiner auch von Antisemitismus geprägten Zeit. Und kennt man die Geschichte des Antisemitismus in Berlin, so stellt sich die Frage, ob die Umbenennung des Richard-Wagner-Platzes, der Treitschkestraße oder des Jahn-Stadions nicht viel dringlicher wären. Genauso gut könnte man von der israelischen Regierung dann auch die Umbenennung der Frederic-Chopin-Straße in Jerusalem verlangen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2020 - Gesellschaft

Lasst die verbleibenden Atomkraftwerke in Deutschland weiter laufen, fordern Rainer Moormann und Anna Veronika Wendland in der Zeit. Sechs davon gibt es immerhin noch, die demnächst abgeschaltet werden sollen: "Eine Stilllegung wäre irreversibel. Dabei wären sie die eindeutig klimaschonendere Energieversorgung im Vergleich zur Kohle. Die sechs letzten deutschen Kernkraftwerke erzeugen mit ihren insgesamt rund 8.500 Megawatt Brutto-Nennleistung so viel Strom wie der gesamte Park an Braunkohlekraftwerken Nordrhein-Westfalens. Es ergibt keinen Sinn, die besonders klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke weiterlaufen zu lassen und Kernkraftwerke stillzulegen." Als vorläufiger Ersatz für Atomkraft sei übrigens Gas eingeplant - wovon vor allem einer profitiert: Wladimir Putin.

Im Tagesspiegel stimmt den Timothy Garton Ash, der bereits vor einigen Jahren ein Buch über Redefreiheit geschrieben hat, den Unterzeichnern des offenen Briefs für eine freie Debattenkultur in jedem Punkt zu. Dennoch wirbt er vorsichtig um Verständnis für deren Kritiker, darunter einige seiner Studenten: "Die Anklageschrift meiner Studierenden lautete in etwa wie folgt: Die Welt, die ihr ältere Liberale uns hinterlasst, ist auf der Rückseite verrottet. Wie konntet ihr so viel amerikanische Polizeigewalt gegen Schwarze tolerieren? Wie konntet ihr den verklärenden Blick Großbritanniens auf seine eigene Kolonialvergangenheit zulassen? Wie konntet ihr Harvey Weinstein und all die anderen Missbrauchstäter ignorieren? Ihr alten Liberalen predigt' gleichen Respekt und gleiche Aufmerksamkeit' (in den Worten des Philosophen Ronald Dworkin), aber die sozialen Medien, die im öffentlichen Raum unserer Generation eine größere Rolle spielen als die New York Times und die BBC, verstärken massiv die Intoleranz gegenüber LGBT+ und anderen Gruppen." Zeitschriften sollten öfter Artikel von unterdrückten und benachteiligten Gruppen abdrucken, fordert er.

Der Autor und Performer Robin Detje wendet sich im Feuilleton der Zeit gegen den wie er meint "herzlosen" Aufruf von 150 amerikanischen und britischen Intellektuellen gegen das hysterisierte Debattenklima: "Was ist das für ein Liberalismus, der sich von Forderungen anderer nach Freiheit, Anstand und Selbstbestimmung bedroht fühlt? Offensichtlich einer von oben, der sich als Hüter der freiheitlichen Gesellschaft geriert, aber für die Freiheit der anderen nicht kämpfen will."

Wir sind Rassisten, ohne es zu wissen. Sozialpsychologen wie Jonathan Haidt haben Tests entwickelt, die das beweisen, schreibt Bastian Berbner in Zeit online. Unser Unbewusstes sei mit einem Elefanten zu vergleichen: "Der Elefant ist das unbewusste Fühlen. Auf ihm sitzt ein Reiter, das ist das bewusste Denken. Der Reiter kann durchaus etwas ausrichten gegen das mächtige Tier, kann es mal bremsen und ihm mal eine bestimmte Richtung vorgeben. Aber meist setzt sich, Haidt zufolge, der Elefant durch."

Der Rassismus der Weißen ist quasi unauslöschlich sagt die weiße Soziologin Robin DiAngelo, die mit "White Fragility" den Bestseller der Saison gelandet hat, im Gespräch mit Paloma Soria Brown von Libération: "Rassismus ist der Status quo. Wenn ich weiß bin und ich mich unwohl fühle, wenn ich über Rassismus spreche, bedeutet das, dass ich mich in einer rassistischen Gesellschaft wohl fühle. Im übrigen können Sie, wenn Sie sich in einer Machtposition befinden, Ihre Gefühle dazu nutzen, die Aufmerksamkeit vom wirklichen Problem abzulenken und diese Macht zu behalten." Wir verweisen nochmal auf Kenan Maliks Warnung vor einer Psychologisierung des Rassismusproblems, die wir gestern zitierten.

Der Reichtum ist in Deutschland ganz besonders ungleich verteilt, berichtet Ulrike Herrmann in der taz unter Bezug auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das übrigens sehr große Probleme hatte, überhaupt an valide Zahlen zu kommen - denn reiche Leute schweigen gern über ihr Vermögen: "Den DIW-Forschern blieb daher nur, das Manager-Magazin zu konsultieren, das jährlich eine Hitliste der deutschen Vermögen veröffentlicht. Für das Jahr 2017 waren dort rund 700 MillionärInnen aufgeführt, die mehr als 250 Millionen Euro besaßen. Auch sie wurden in die DIW-Auswertung integriert. Im Gesamtergebnis zeigte sich, dass das reichste Prozent der Bevölkerung rund 35 Prozent des individuellen Nettovermögens besitzt. Bisher war man von 'nur' 22 Prozent ausgegangen. Das reichste Zehntel kommt nun auf 67,3 Prozent, nachdem man zuvor 58,9 Prozent angenommen hatte."

Antisemitismus war in Deutschland nie weg und wird nun, oft "verkleidet als Israelkitik", in fast allen Milieus "lauter und aggressiver", schreibt der arabisch-israelische Psychologe Ahmed Mansour in der NZZ: "Woher diese deutsche Besessenheit von der 'Israelkritik'? Warum ist man so fixiert auf die kleine Demokratie im Nahen Osten, die sich gegen sämtlich feindselige Nichtdemokratien in ihrer Nachbarschaft behaupten muss?" Er ergänzt: "Migrantinnen und Migranten sind erst dann sozialverträglich integriert, wenn sie Judenhass als illegitim und irrational begriffen haben und ablehnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2020 - Gesellschaft

Cancel culture? Ist doch prima! Da sagen die Jungen den Alten endlich mal, wo's langgeht, freut sich im Guardian der 62-jährige Musiker Billy Bragg. "Wir blicken auf autoritäre Gesellschaften herab, weil ihre Führer ohne Hemmungen handeln, doch in Trump sehen wir einen Präsidenten, der in seinem Privatleben oder in seiner beruflichen Laufbahn nie zur Rechenschaft gezogen wurde, und seine Wähler lieben ihn dafür. Die Anhänger von Boris Johnson zucken angesichts der Beispiele für seine Verantwortungslosigkeit mit den Achseln und sagen, Boris sei eben Boris. Straflosigkeit ist zu einem Zeichen der Stärke geworden. Man konnte es im Gesicht des ehemaligen Polizeibeamten Derek Chauvin sehen, als er sein Knie acht Minuten und 46 Sekunden lang auf Floyds Hals hielt. Als Reaktion auf diesen Trend ist eine neue Generation herangewachsen, die der Verantwortlichkeit Vorrang vor der Redefreiheit einräumt. Für diejenigen, deren liberale Ideale keine Verteidigung gegen die steigende Flut des doppelzüngigen Autoritarismus darstellen, ist dies ein Schock."

Auf Zeit online (leider hinter einer Bezahlschranke) fragt die ehemalige Piraten-Politikerin Marina Weisband mit Blick auf die cancel culture dagegen, warum die Linke derzeit nichts lieber tut als sich in den sozialen Medien selbst zu zerfleischen: "Während Rechte mit ihren Shitstorms den politischen Gegner angehen, branden linke Shitstorms oft gegen Gleichgesinnte. Warum sind wir so streng - vor allem mit unseresgleichen? Zeit für ein ernstes Wort an die eigene Peergroup.  ... Es ist paradox. Die sozialen Medien waren doch das Versprechen eines neuen Diskurs-Gleichgewichts. Eine Art Mikrofon für die Ungehörten. Jenseits der gesellschaftlichen Position. Jenseits der Gatekeeper und der Massenmedien. Jetzt habe ich beim Twittern regelmäßig mehr Angst, Prügel aus meinen eigenen, eher linken Kreisen zu beziehen als von meinen politischen Gegnern. Inhaltlich oft berechtigte Kritik, jedoch selten so formuliert, dass man daraus wirklich etwas lernen kann. Als gäbe es gar nicht die Erwartung, dass ich das wollte."

Weiteres: Dass man trotz ganz unterschiedlicher Ansichten sogar befreundet sein kann, lernt man in der taz, wo Fabian Grieger die Geschichte der Freundschaft zwischen dem ehemaligen RAF-Terroristen Christof Wackernagel und dem Polizisten Herman van Hoogen erzählt. Und die beiden haben sogar aufeinander geschossen! Meredith Haaf mäandert in der SZ um den neuen Streitbegriff "Frau", der mit der Ächtung von J.K. Rowling seinen vorläufigen Höhepunkt fand (unsere Resümees), ohne so recht zu einer Meinung zu kommen (oder wenigstens mal zu fragen, warum dieser Streit ausschließlich um Frauen kreist, nie um Personen mit Prostata).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2020 - Gesellschaft

Der Verein Berlin Postkolonial, der nur noch von der "M-Straße" spricht, schlägt vor, die Mohrenstraße in "Anton-Wilhelm-Amo-Straße" umzubenennen, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Der aus dem heutigen Ghana stammende Anton Wilhelm Amo (1703-1759) war im Kindesalter als Sklave über Amsterdam an den Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel gekommen, war dort 'Kammermohr', durfte Philosophie unter anderem in Halle studieren, unterrichtete an mehreren Universitäten. Ein Professor dichtete Spottgedichte auf ihn, es wird nicht die einzige Form von Rassismus gewesen sein, der er ausgesetzt war. 1747 ging Amo zurück nach Afrika." Von "hastigen Umbenennungen" hält Andrea Nüsse im Tagesspiegel nichts, aber "Maurenplatz" wäre doch in Ordnung, meint sie: "Das ist wahrscheinlich die ursprüngliche Herkunft des 'Mohren'- die Mauren waren die Berber Nordafrikas, der ehemals römischen Provinz Mauretanien, die von arabischen Stämmen islamisiert wurden und ab 711 die iberische Halbinsel eroberten."

Wie es mit der Berliner Mohrenstraße weitergehen wird, entscheidet ohnehin nur das Bezirksamt Mitte gemeinsam mit den 55 Ehrenamtlichen der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), weiß Boris Pofalla in der Welt. Und denen liegt bisher nicht mal ein Antrag vor. Die Zwischenzeit sollte für wissenschaftliche Gutachten und Parlamentsanhörungen zum Thema genutzt werden, meint Pofalla, der den Kolonialhistoriker Ulrich van der Heyden befragt hat: "Diese Hofmohren wurden nicht schlechter behandelt als irgendein Kammerdiener oder eine Magd, sagt Ulrich van der Heyden, im Gegenteil. Sie waren Exoten und als solche etwas wert. Ist Mohr also okay? 'Ich kenne keinen einzigen Afrikaner, der sich aufregt oder meint, er wäre negativ berührt von diesem Begriff', sagt der Kolonialhistoriker." Pofalla wendet ein: "Nun wirkt es humaner, wenn Menschen am Hof in einer Fantasieuniform repräsentieren anstatt sich auf einer karibischen Zuckerplantage zu Tode zu schuften, aber das macht die Berliner Herrscher nicht zu Befreiern der Schwarzen. Eine Mohrenstraße als Ausweis der Toleranz und Anerkennung, so einfach kann man es sich nicht machen."
Stichwörter: Mohrenstraße, Rassismus