9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

935 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 94

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2019 - Internet

Facebook startet einen News-Dienst, wohl auch um kritische Medien ruhigzustellen. Allerdings gehört auch die rechtsextreme Postille Breitbart zu den Medien, die dort auftauchen. Daniél Kretschmar kommentiert in der taz: "Mark Zuckerberg hatte in einer kürzlich an der Georgetown University gehaltenen Rede das Recht auf irreführende Wahlwerbung zum unbedingten Teil der Meinungsfreiheit erklärt. Ob Facebook ohne äußeren regulatorischen Eingriff, ausschließlich der eigenen Expansion und Profitmaximierung verpflichtet, überhaupt eine Wahl im Umgang mit Falschnachrichten und Hassrede hat, wird zunehmend zweifelhaft."

Bei den Mitarbeitern von Facebook selbst gibt es spürbaren Unmut gegen politische Wahlwerbung mit Halbwahrheiten und Fake News. Die New York Times veröffentlicht einen aufsehenerregenden offenen Brief Hunderter Facebook-Mitarbeiter an die Leitung des Konzerns: "Freie Rede und bezahlte Rede sind nicht dasselbe. Desinformation betrifft uns alle. Unsere derzeitigen Richtlinien zur Überprüfung von Personen im politischen Amt oder von Personen, die sich um ein Amt bewerben, stellen eine Bedrohung für das dar, wofür FB steht. Wir lehnen diese Politik in ihrer jetzigen Form entschieden ab. Sie schützt nicht die Meinungsfreiheit, sondern ermöglicht es Politikern, unsere Plattform als Waffe einzusetzen, indem sie sich an Personen richten, die glauben, dass die von politischen Persönlichkeiten veröffentlichten Inhalte vertrauenswürdig sind."

Josh Constine kommentiert diesen offenen Brief in Techcrunch und fordert ganz allgemein eine Abschaffung politischer Werbung auf Facebook - Politiker könnten sich immer noch auf ihren unbezahlten Facebook-Seiten äußern. Wenn Facebook, "politische Werbung nicht abschaltet, dann sollte sie einem Fact Check unterzogen werden".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2019 - Internet

Die Digitalisierung hat die Welt verändert, das ist ein Fakt. Seltsam, dass das so selten hierzulande anerkannt wird, meint Sascha Lobo im Interview mit dem Tagesspiegel: "Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland lieber gut bekannte oder leicht einschätzbare Scheinprobleme lösen möchten als neue, wirklich existierende. Wieso hat die Bundesregierung über Jahre eine Quatschmaut einführen wollen, und zugleich wenig für eine klügere Regulierung großer Digitalkonzerne getan? Was gab es für einen Aufschrei, als Google 2009/2010 durch die Straßen gefahren ist und Häuserfassaden fotografiert hat. Dass Google bei den Suchmaschinen einen Marktanteil von 96 Prozent hat, interessierte nur wenige. Die falsche Scheinlösung für diese tatsächliche Problematik war dann das elende Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Aber wie konnte es geschehen, dass Digitalkonzerne kaum Steuern bezahlen? Weil man unterschätzt hat, dass das Digitale anders funktioniert, und vor allem: Wie radikal es ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2019 - Internet

Im Zeit-Online-Gespräch mit Lisa Hegemann klagt der deutsche Investor Klaus Hommels, der schon früh Geld in Firmen wie Skype, Spotify oder Facebook investierte, über die europäische Mutlosigkeit bei Investionen in Start-ups: "In den USA investieren universitäre Stiftungen, Pensionskassen und Versicherungen in junge Unternehmen. In Deutschland gibt es das nicht. Und es hängt auch mit der Mentalität zusammen: In Amerika investieren auch mehr unternehmerische Familien. In Asien sind es diejenigen, die gerade reich geworden sind. In Deutschland dagegen regiert oft noch das Familienoberhaupt, das 40 Jahre lang die Firma aufgebaut und nie fremdfinanziert hat. Und wer einst in der Dotcom-Krise 25.000 Euro verloren hat, investiert nicht mehr in Digitales."
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Stichwörter: Startup

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2019 - Internet

Hasskommentare im Netz sollen künftig schneller von Algorithmen erkannt und gemeldet werden, schreibt Adrian Lobe in der SZ, gibt aber zu bedenken: Algorithmen besitzen kein Kontextwissen. "Nach Recherchen der Investigativ-Plattform The Intercept hat Facebook 'geschützte Kategorien' wie Gender, Rasse und Religion sowie ungeschützte Kategorien gebildet, die den tausenden menschlichen Prüfern als Handlungsanleitung für die Identifizierung von Hasskommentaren an die Hand gegeben wurden. Der Satz 'Wir sollten alle Muslime ermorden' ist in dieser Logik ein Fall von Hassrede. Der Satz 'Wir sollten alle armen Leute ermorden' dagegen nicht. Weil 'arme Leute' keine geschützte Kategorie darstellt. Wenn nun KI-Systeme mit den - stereotypen und sprachphilosophisch schwierigen - Regeln trainiert werden, würden Hassparolen durchgehen und Werturteile zensiert."
Stichwörter: Lobe, Adrian, Gender

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2019 - Internet

Die  Kommunikationswissenschaftlerin Merja Mahrt weigert sich im Gespräch mit Lisa Hegemann von Zeit online, die "Filterblasen" des Internets zum Hauptfaktor heutiger Radikalisierung zu erklären: "Jede Sorge, die sich nur auf digitale Kommunikationsangebote oder deren Nutzung fokussiert, halte ich für übertrieben. Fragmentierung sieht man nicht nur im Internet, aber wir diskutieren sie seit der Entstehung des Netzes häufiger. Genauso ist Radikalisierung nicht erst durch das Internet entstanden und sie passiert auch nicht nur im Netz. Es gibt viele verschiedene Wege der Radikalisierung. Wir müssen die Prozesse dahinter stärker erforschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2019 - Internet

Fasziniert berichtet Christian Geyer in der FAZ von dem Forschungsprojekt der Frankfurter Sozialpsychologin Vera King, die untersucht, wie sich das Exaktheitsversprechen der Zahlen, das mit dem permanenten Messen und Zählen im Digitalen einhergeht, auf das Denken und Fühlen auswirkt: "Es geht dabei um seelische Verlustposten, beispielsweise einen Sinn für unlösbare Probleme, die Hemmung vor Klassifizierungen, das Rechnen mit Unvollkommenheiten, überhaupt ein Gefühl für das, was fehlt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2019 - Internet

Die Wahlen in Indien waren wie bereits die in Nigeria und Brasilien in Bezug auf die politische Kommunikation vor allem WhatsApp-Wahlen. Für die Columbia Journalism Review analysiert Priyanjana Bengani, ob und wie Fake-News oder Outrage Porn die Stimmung anheizten. Allerdings wird es schwieriger, Manipulationen nachzuweisen: "Nach dem Skandal um Cambridge Analytica ist es schwieriger geworden Einblick in das Geschehen bei Facebook und Twitter zu bekommen. Angeblich um die Privatsphäre der Nutzer zu schützen, verhindern die Sozialen Netzwerke die Auswertung von Daten über die öffentlich zugänglichen Interfaces und sichern ihre Tracking Tools so ab, dass sie nicht verfolgt werden können. Das macht es schwieriger als jemals zuvor, fragwürdige Praktiken - wie 'koordiniertes unauthentisches Verhalten', Gewalttätiges und Desinformation - zu identifizieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2019 - Internet

Auch in der Verwaltung des Sozialstaats breiten sich die Algorithmen aus. Wie der Guardian in seinem Leitartikel schreibt, führt die Automatisierung der Armutsverwaltung aber nicht nur zu einem fantastischen Kontrollsystem, sondern zugleich auch zu einer totalen Vernachlässigung der Menschen: "Es ist fraglich, ob eine Regierung das Recht hat, Angestellte durch Computer zu ersetzen, wenn es um Belange abhängiger Bürger geht. Einige, die wegen ihres Alters oder einer Behinderung auf Unterstützung durch den Staat angewiesen sind, sind oft marginalisiert oder ausgeschlossen. Was diese Menschen am meisten von der Regierung brauchen, ist nicht Geld, sondern menschliche Unterstützung von Personal, das ihnen helfen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2019 - Internet

In der NZZ möchte der Wissenschaftsphilosoph Claus Beisbart Maschinen Ethik beibringen, bevor sie Entscheidungen über unser Leben treffen. Aber damit gerät er sofort in einen neuen Zwiespalt: "Denn werden die Maschinen paradoxerweise nicht aufgewertet, wenn wir ihnen Moral beibringen? Bekommen sie nicht den Status von moralischen Akteuren? Und verdienen diese nicht sogar besonderen Respekt? Aus der Perspektive des Menschen sieht es umgekehrt so aus, als ob das wichtige Ideal der Autonomie kompromittiert würde. Denn die eigene, selbstbestimmte Entscheidung hat einen hohen moralischen Stellenwert. Das gilt auch deshalb, weil wir wissen, dass es zu wichtigen moralischen Fragen unterschiedliche Auffassungen gibt. Dann kann es aber nicht angehen, moralische Entscheidungen an Maschinen zu delegieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2019 - Internet

Nach dem Beschluss des Landgerichts Berlin, das entschied, Renate Künast müsse die Beleidigungen dulden (Unsere Resümees), stellt sich für Wolfgang Janisch in der SZ die Frage "Welche Verantwortung trägt eigentlich das Bundesverfassungsgericht für die Proliferation des Hasses?" Denn: "Das Verfassungsgericht fährt eine sehr meinungsfreiheitsfreundliche Linie, weil es einem Diskursparadigma folgt. Jedes Wort wird daraufhin gescannt, ob sich nicht tief drinnen doch ein Beitrag für unser großes demokratisches Gespräch verbergen könnte. (…) Scharfe Angriffe sind erlaubt, wenn sie ein Fünkchen Sinn enthalten. Der juristische Filter ist da sehr großporig eingestellt. Er enthält sogar noch eine Fehlertoleranz, ähnlich wie die Blitzer am Straßenrand. So wie man ein klein wenig zu schnell fahren darf, so darf man auch ein bisschen zu wüst formulieren. Weil zu rigide Sprechverbote dazu führten, dass die Leute lieber den Mund halten. 'Chilling effect', so nennen Juristen das."