9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2020 - Wissenschaft

Susanne Lenz unterhält sich für die Berliner Zeitung mit der Soziologin Michaela Pfadenhauer über die Kultur in Zeiten von Corona und die Sehnsucht nach Experten, die es nicht nur bei Corona, sondern auch bei Fridays for Future gibt: "Vorweg möchte ich sagen: Die 'Fridays for Future'-Bewegung hat ein enges Verständnis von Wissenschaft. Das Feld der Kultur- und Sozialwissenschaften taucht in diesem Kosmos kaum auf. Hier geht es um Science im engen naturwissenschaftlichen, sogar positivistischen Sinn. Einen Glauben an Objektivität, ohne den Konstruktionscharakter von Objektivität in Betracht zu ziehen. Um auf Ihre Frage zu antworten: Meine Vermutung ist, dass es mit dem Thema zu tun hat. Mit Krankheit sind wir alle vertraut, der Klimawandel ist abstrakt. Aber am Ende sind auch die Corona-Statistiken abstrakt, und deshalb hat es diesen Umschwung gegeben. Anfangs hatte man ja wirklich das Gefühl, man dürfe nicht zur Tür hinausgehen, weil da draußen das Virus lauert. Und erst allmählich hat man begriffen, dass die Maßnahmen ergriffen wurden, damit nicht zu viele Menschen auf einmal erkranken und unser Gesundheitssystem nicht unter Druck gerät."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2020 - Wissenschaft

Im Interview mit Zeit online erklärt der Forscher Reinhard Busse von der Berliner Charité, warum es ein Irrtum ist zu glauben, wir in Deutschland seien durch mit Corona, warum es für die Gesundheitsämter so schwierig ist, große Personengruppen bei einer Infektion nachzuverfolgen und was es mit den Risikogruppen auf sich hat: "Natürlich war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Ältere besonderen Risiken ausgesetzt sind, etwa um die Pflegeheime zu schützen. Aber längst sehen wir: Es gibt 40-Jährige, die schwer erkranken, und 80-Jährige, die überhaupt nichts merken. Und trotzdem betrachten sich die Jüngeren als immun! Was natürlich nicht stimmt. Das liegt auch an den epidemiologischen Begriffen, insbesondere dem Wort 'Risiko'. Das bedeutet in der Fachsprache zunächst nur eine 'überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit'. So haben die Älteren ein 'überdurchschnittliches Risiko', ja, aber es ist nicht so, dass die anderen kein Risiko haben! Vor allem unter Lehrern wird das aktuell total überinterpretiert. Viele von ihnen scheinen zu denken, jeder Mensch über 60 könne nicht mehr arbeiten, weil er Risikopatient sei. Das ist falsch."
Stichwörter: Corona, Busse, Reinhard

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2020 - Wissenschaft

Die wegen Pagiatsvorwürfen diskreditierte Soziologin Cornelia Koppetsch wird wohl "nie wieder an einer Uni oder einer anderen wissenschaftlichen Einrichtung wie gehabt arbeiten", vermutet Simone Schmollack in der taz. Aber sie hat Bauchschmerzen, auch weil Medien und Institute Koppetsch kritiklos gefeiert hatten. Und "trotz aller unsauberer Arbeit und unlauteren Verhaltens bleibt ein Restbestand ihrer eigenen Forschung. Als Soziologin, die vor allem mit dem Milieuvergleich arbeitet, weiß sie, wovon sie spricht. Ihr Vater war Briefträger, ihre Mutter Hausfrau. Sie und ihre Schwester haben studiert, sie haben sich also 'aus den Verhältnissen herausgearbeitet'. Das ist mitnichten eine wissenschaftliche Grundlage, mehr noch, es darf nicht mal eine sein. Aber mitunter kann es hilfreich sein, aus eigener Erfahrung zu wissen, worüber man spricht."

"So weit, so hart", kommentiert auch Gustav Seibt in der SZ. Koppetschs vielgefeiertes Buch "Die Gesellschaft des Zorns" sei nun allerdings "keine Qualifikationsschrift, es diente nicht dem Erwerb von Titel oder Lehrerlaubnis. Sein Anspruch war ein zusammenhängender Gedankengang, die Entwicklung einer übergreifenden These. Zu dieser These lässt der Prüfungsbericht nichts verlauten. Ist auch sie abgekupfert? Oder wird sie wertlos, weil Koppetsch sich bei einzelnen Argumenten fremder Erkenntnisse und Formulierungen bedient hat, ohne dies gebührend zu kennzeichnen?" Seibt leugnet nicht, dass Koppetschs eine Menge Zitate allzu wörtlich und allzu wenig belegt übernommen hat - aber er verlangt auch eine "Binnendifferenzierung dessen, was 'wissenschaftliche Praxis' ist".

In der FAZ berichtet Philip Plickert über eine Studie des liberal-konservativen Londoner Thinktanks "Policy Exchange" zur "cancel culture" in der Wissenschaft: Es gibt sie durchaus, stellt die Studie fest. Danach "gibt es zwar in beiden Lagern die Tendenz, die andere Seite zu diskriminieren. Doch die Gewichte an den Universitäten sind ungleich verteilt: Eine überwältigende Mehrheit verortet sich links. 75 Prozent der Hochschullehrer haben laut der Befragung bei den letzten Wahlen für Parteien links der Mitte, vor allem für Corbyns Labour-Party gestimmt, weniger als zwanzig Prozent wählten Tory-Kandidaten. Unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern bezeichneten sich nur sieben Prozent als rechts der Mitte. Zugleich ist die Bereitschaft gewachsen, Andersdenkende auszugrenzen. ... 'Für politische Minderheiten wie Konservative oder genderkritische Feministinnen ist die akademische Freiheit ernsthaft gefährdet', schlussfolgern [die Autoren] Kaufmann und Adekoya."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2020 - Wissenschaft

Die FAZ hatte nachgewiesen, dass die renommierte Soziologin Cornelia Koppetsch in einigen ihrer Bücher Zitate nicht ausgewiesen und als eigene Erkenntnisse dargestelt hat (unsere Resümees). Die TU Darmstadt hat daraufhin ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, dem ein sehr strenges Urteil folgte - sehr zur Feude von Jochen Zenthöfer in der FAZ: "Noch nie konnte man in Deutschland eine solch deutliche Distanzierung einer Hochschulkommission von den Forschungsmethoden einer aktiven Geisteswissenschaftlerin lesen. Nichts bleibt übrig vom viel kritisierten Korpsgeist, der innerhalb von Hochschulen zu Schweigen verpflichtet. Dass Koppetsch gegen 'die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen' hat, ist noch eine milde Feststellung, verglichen mit der Attestierung einer 'durchgehend verfehlten Arbeitsweise'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2020 - Wissenschaft

Es ist ja auch schön, wenn Debatten mal definitiv beendet werden - wie die über die "Conway-Knoten", ein mathematisches Problem über die Frage, ob man den besagten Knoten in der vierten Dimension so legen kann, dass er einen Teller umrandet. Seit fünfzig Jahren zerbrechen sich Mathematiker darüber den Kopf. Lisa Piccirillo, die eigentlich über andere Themen forscht, notierte dann die Lösung sozusagen en passant (die Antwort ist nein), und war sich zunächst gar nicht bewusst, was sie damit angestellt hatte, erzählt sie Elena Erdmann in Zeit online: "Zum ersten Mal hat sich das angedeutet, als ich mich mit meinem Professor Cameron Gordon getroffen habe. Eigentlich wollten wir über etwas anderes sprechen, aber ich habe ihm erzählt, dass ich in der letzten Woche über das Conway-Problem nachgedacht hatte und es gelöst hatte. Er sagte: 'Ach, wirklich? Wie denn?' Ich habe die Lösung an die Tafel geschrieben und er wurde plötzlich ganz aufgeregt und hat gerufen: 'Warum freust du dich nicht mehr?' Erst als ich für das Paper die Geschichte des Conway-Knotens aufgeschrieben habe, habe ich gemerkt, dass andere Mathematiker seit fünfzig Jahren daran geforscht haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2020 - Wissenschaft

Wissenschaftlich neutral war der Begriff der "Rasse" in Deutschland nie, schreibt der Philologe Horst Dieter Schlosser in der FR mit Blick in die Wissenschaftsgeschichte: "Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an zeichnet sich zunächst durch das Bemühen vornehmlich von Medizinern und Völkerkundlern aus, ihre Befunde so objektiv wie möglich zu analysieren und zu systematisieren. Dabei zeigt sich aber auch schon früh, dass die Sichtweise zumindest immanent europazentriert und selten ohne Werturteile ist, etwa wenn die europäischen Populationen einer 'kaukasischen' = 'weißen' Rasse - im übrigen unter Einbeziehung der Semiten - zugeordnet und ihnen Vorzüge vor allen anderen zugeschrieben werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2020 - Wissenschaft

Das Schöne, ja Dysfunktionale, spielt eine entscheidende Rolle in der Evolution - in der Tierwelt und auch bei den Menschen, schließt Arno Widmann in der FR aus der Lektüre von Richard Owen Prums Buch "The Evolution of Beauty - How Darwin's Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World - and Us": "Das war übrigens einer der Einwände gegen Darwins Theorie von der 'geschlechtlichen Zuchtwahl'. Unmöglich könne sich die Evolution auf etwas so Labiles wie weibliche 'Capricen' stützen. Prum hält dagegen: dass Frauen die freie Wahl haben, hat erst den ganzen Reichtum, die Vielfalt der lebendigen Welt hervorgebracht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2020 - Wissenschaft

Wie sinnvoll ist der Begriff des "Anthropozäns"? Und wann genau setzt es ein? Mit der Atombombe in Hiroshima oder eventuell sehr viel früher? Diese Frage stellt Josef H. Reichholf in einem faszinierenden Essay in der NZZ. Er hält eine sehr viel frühere Datierung für plausibel: "Mit dem frühen Eindringen von Menschen in Australien vor mindestens 40.000 Jahren fand dort während der letzten Eiszeit ein großes Artensterben statt. Überhaupt dürfte die gegenwärtig so trockene und feueranfällige Natur Australiens das Werk der Aborigines und nicht allein naturbedingt sein. Offenbar setzten diese gezielt Feuer ein und glichen damit den Mangel an Werkzeugen aus, insbesondere an Distanzwaffen zum Jagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 - Wissenschaft

In der NZZ warnt der Statistiker Björn Lomborg vor dem Hype um die Elektroautos: Hybridautos seien sehr viel günstiger zu produzieren und auch energiesparsamer: "Laut der IEA ist ein Hybridfahrzeug wie der Prius für das Klima genauso gut wie ein Elektroauto, wenn man die Treibhausgasemissionen für die Gesamtlebensdauer zugrunde legt. Ein Benziner stößt nur neun Tonnen mehr im Verlauf seiner Lebensdauer aus. Mit dem EU-Emissionshandelssystem hätten wir eine ähnliche Menge für nur 240 Franken reduzieren können. Und dennoch unterstützen Regierungen großzügig Elektroautos: Die IEA schätzt, dass jeder Wagen auf der Straße 25 500 Franken an Subventionen, Forschung und Entwicklung sowie zusätzliche Infrastrukturinvestitionen gekostet hat. Wenn wir diese Summen für die Senkung der CO2-Emissionen durch den Emissionshandel ausgegeben hätten, wäre rund hundert Mal so viel an CO2 eingespart worden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Wissenschaft

Überfällig findet der Literaturwissenschaftler Matthias Buschmeier die Diskussion um Präsenzlehre an den deutschen Universitäten und führt in der FAZ unter anderem an, dass in Bielefeld auch vor Corona die erforderliche Anwesenheitsquote bei Null Prozent lag: "Die Diskussion um digitale Lehre versus Präsenzlehre ist also deswegen so begrüßenswert, weil sie nach allen Exzellenzdebatten der Forschung eine Diskussion um den Stellenwert des Studiums zurück in das Zentrum der Wissenschaft holt. Sichtbar wird nicht das Engagement oder die Faulheit von Studenten und ebenso wenig die technische Avanciertheit oder Antiquiertheit von Dozenten, sondern es zeigt sich, dass Studenten schlicht zu viele Veranstaltungen belegen müssen, um die Regelstudienzeit einzuhalten und ihren Bafög-Anspruch nicht einzubüßen. Es zeigt sich zudem: Die verlangten Lehrdeputate in Deutschland verhindern systematisch, dass Dozenten Seminare und Vorlesungen angemessen vorbereiten und durchführen können."
Stichwörter: Präsenzlehre, Corona