9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2020 - Wissenschaft

Unser tägliches Interview mit Christian Drosten gibt uns heute der Guardian: "In Deutschland sehen die Menschen, dass die Krankenhäuser nicht überfordert sind, und sie verstehen nicht, warum ihre Geschäfte schließen müssen. Sie schauen nur auf das, was hier passiert, nicht auf die Situation etwa in New York oder Spanien. Das ist das Präventionsparadox, und für viele Deutsche bin ich der Bösewicht, der die Wirtschaft lähmt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2020 - Wissenschaft

Der Virologe Christian Drosten polemisiert in der SZ doch nochmal gegen die "Heinsberg-Studie" seines Kollegen Hendrik Streeck, die bekanntlich von Kai Diekmanns PR-Firma "Story Machine" medienwirksam inszeniert wurde - und dem Kanzlerkandidaten Armin Laschet Gelegenheit zur Profilierung qua Plädoyer für Lockerung bot. Drosten kritisiert im Gespräch mit Kathrin Zinkant, "dass diese PR-Firma Geld bei Industriepartnern eingesammelt hat, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen". Und weiter: "Da geht es auch um ein internes Dokument, demzufolge Tweets und Aussagen des Studienleiters Hendrik Streeck in Talkshows schon wörtlich vorgefasst waren. Da weiß ich einfach nicht mehr, was ich noch denken soll. Das hat mit guter wissenschaftlicher Praxis nichts mehr zu tun." Drosten bezieht sich auf einen Artikel in Capital, der die Geschichte ausführlich erzählt.

Ausgerechnet Deutschland mit seiner relativ mäßigen Corona-Sterberate beteiligt sich nicht an Euromomo, dem "European Mortality Monitoring Project", das es erlaubt, Sterblichkeitstatistiken über Jahre zu vergleichen und das für Europa einen extrem hohen Ausschlag für die letzten Wochen zeigt. Sibylle Anderl berichtet in der FAZ: "So wurden allein in der 13. Kalenderwoche in den teilnehmenden Ländern insgesamt mehr als 18.000 Verstorbene zusätzlich gezählt als in Zeiten ohne besondere zusätzlich wirkende Todesursachen. Die Zahlen in den beiden darauf folgenden Wochen scheinen sogar noch höher zu liegen... Die Relevanz dieser Daten erklärt sich insbesondere durch ihre hohe Aussagekraft. Das wird im Vergleich mit den gemeldeten Infizierten-Fallzahlen deutlich: Diese hängen stets stark davon ab, wer und wie viel in einem Land überhaupt getestet wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2020 - Wissenschaft

Erst in einigen Wochen sollten die Einschränkungen schrittweise aufgehoben werden, sagt im Gespräch mit Gunnar Göpel (Tagesspiegel) der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum: "Wenn wir das Virus nicht austrocknen, kann es nur durch Herdenimmunität oder einen Impfstoff beseitigt werden. Den Impfstoff haben wir hoffentlich nächstes Jahr. Die Herdenimmunität wird man unter Einhaltung der Kapazitäten des Gesundheitssystems erst in vielen Jahren erreichen. Eine einfache Rechnung dazu: Gestern gab es 2.500 neue Fälle, das sind eine Million im Jahr, mit Dunkelziffer vielleicht zwei Millionen. Herdenimmunität ist bei 50 Millionen Infizierten erreicht. Also grob in 25 Jahren."

Die Idee der Herdenimmunität ist nicht zu Ende gedacht, meint auch der Infektiologe Gerd Fätkenheuer im SZ-Gespräch mit Kathrin Zinkant. Er schlägt vor, Masken zu tragen, "bis ein Medikament oder besser noch ein Impfstoff verfügbar ist. Oder bis alle sich angesteckt haben. Je länger wir das hinauszögern können, desto weniger Menschen sterben, bevor ein Impfstoff verfügbar ist."
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Stichwörter: Herdenimmunität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2020 - Wissenschaft

Andreas Stiller analysiert bei heise.de die neuesten Studien des Robert-Koch-Instituts zu den Corona-Fallzahlen (und zählt nebenbei alle Unwägbarkeiten, die diese Zahlen bieten, auf). Das Ergebnis aber ist überraschend: "Man sieht den starken Einfluss der Schulschließung am 16. März, jedoch so gut wie keinen Einfluss durch die Kontaktsperre am 23. März. Das vielleicht noch mal als Hinweis an die Experten der Leopoldina-Akademie, die als ersten Lockerungsschritt eingeschränkte Schulöffnungen vorschlagen."

Inzwischen haben sich außerdem vier Professoren der Helmholtz-Gemeinschaft in einem Gutachten gegen eine Lockerung der Kontaktsperren ausgesprochen - jedenfalls für die nächsten drei Wochen, berichtet Fabian Löhe im Tagesspiegel: "Die Maßnahmen hätten 'eine hohe Aufmerksamkeit für das Problem und ein hohes Maß an Solidarität erzeugt.' Sie empfehlen, die Infektionsrate soweit abzusenken, dass 'die Epidemie dauerhaft kontrollierbar wird.' Eine Unterbrechung der Maßnahmen berge ein großes Risiko. 'Eine spätere Wiederaufnahme der Maßnahmen wäre der Bevölkerung wahrscheinlich schwerer zu vermitteln als eine Fortführung heute', mahnen die vier Hauptautoren im Verbund mit 15 weiteren Forschenden."

Nach dem Virus ist vor dem Virus, warnen Christoph Rosol, Jürgen Renn und Robert Schlögl, Co-Autoren der Leopoldina-Stellungnahme, in der SZ. Denn die Corona-Krise ist nur eine Folge des Klimawandels und des immer mehr schrumpfenden Lebensraums für Wildtiere: "Tatsächlich schlummern noch Tausende weiterer, bisher unbekannter Viren in der Tierwelt und warten nur auf das Überschreiten der Artengrenze. Nach Sars-CoV-2 folgt möglicherweise Sars-CoV-3 und droht erneut Gesundheitssysteme zu überfordern und die Welt in ein wirtschaftliches Wachkoma zu versetzen. Biologen sehen daher die wirksamste Prophylaxe gegen Epidemien und Pandemien der Art, wie wir sie mit Corona gerade global durchleben, in einem konsequenten Schutz der natürlichen Vielfalt und dem Aufrechthalten räumlicher Barrieren zwischen Wirtstier und Mensch." Und genau dafür, sowie für den Aufbau einer "klimafreundlichen Wirtschaft", sollte jetzt Geld ausgegeben werden, fordern die Autoren.

Außerdem: In der Welt erklärt Tilman Krause, was die Leopoldina, die "nationale Akademie der Wissenschaften" in Halle, eigentlich genau macht. Libération präsentiert heute eine etwas andere, ziemlich beeindruckende Statistik: Sie vergleicht die Zahl der Toten pro 100.000 Einwohnern in den verschiedenen Ländern: In Belgien sind es 34,2, in Deutschland 3,4.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2020 - Wissenschaft

Wir brauchen dringend belastbare Daten über die Mortalitätsrate durch Corona, die Durchseuchung der Gesellschaft und die Wirksamkeit der Maßnahmen, sagt Ulrich Dirnagl, Experte für die Qualität medizinischer Forschung und Direktor der Abteilung Experimentelle Neurologie an der Charité im Gespräch mit Anne Brüning (Berliner Zeitung). Wenn die Maßnahmen mehr Opfer fordern als das Virus selbst, geraten wir in eine "gesamtgesellschaftliche Triage-Situation", fährt er fort und verweist auf die "stummen Opfer": "Das sind zum Beispiel diejenigen Menschen, die Symptome eines Schlaganfalls haben, aber weil sie aus Angst vor Covid-19 darauf verzichten, die 112 zu wählen und sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. In Berlin ist seit Corona die Zahl der Patienten in den Stroke-Units um ein Viertel zurückgegangen. Wir können die Folgen im Moment nicht beziffern. Wir haben aber vor, das jetzt systematisch zu modellieren. Das Gleiche müsste für viele weitere Erkrankungen geschehen, etwa Herzinfarkte, Tumorbehandlung und Depressionen. Denn dann könnte man genauer sagen, wie groß die Zahl der stummen Opfer ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2020 - Wissenschaft

Mit Bewunderung blickt die New York Times auf die deutsche Bekämpfung der Corona-Krise. Dass die Zahl der Gestorbenen relativ niedrig sei, habe zwar auch mit statistischen Verzerrungen und dem relativ jungen Alter der meisten Infizierten zu tun, es gebe aber auch ganz klar medizinische Gründe, schreibt Katrin Bennhold: "Schon Mitte Januar, lange bevor die meisten Deutschen auch nur einen Gedanken an das Virus verschwendet hatten, entwickelte die Charité in Berlin einen Test und stellte die Formel online. Als Deutschland Mitte Februar seinen ersten Covid-19-Fall verzeichnete, hatten Laboratorien im Land bereits einen Vorrat an Test Kits."
Stichwörter: Coronakrise, Corona, Covid-19

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2020 - Wissenschaft

Der Zürcher Psychoanalytiker Peter Schneider räumt in einem sehr erfrischen taz-Interview mit Tania Martini eine ganze Reihe von Weisheiten vom Tisch, die gerade gern verbreitet werden: Das Bemühen der "Urängste" sei "ahistorischer Quark", das Boccaccio-Landhaus-Seuchen-Story-Telling geht ihm auch gegen den Strich. Überhaupt könne man gar nicht sagen, wie der Mensch auf Krisen reagiere: "Ich kann nichts über den Menschen sagen. Manche lernen etwas, manche nicht. Es ist außerdem sehr unterschiedlich, was man lernt, sogar widersprüchlich. Krisen richten Gesellschaften nicht in eine Richtung aus wie ein Magnetfeld. Es ist nicht hilfreich, die Zeiten 'danach' in der Fantasie mit zu viel Optimismus oder Pessimismus aufzuladen."

In der FR zieht der Medizinhistoriker Harald Salfellner im Interview mit Joachim Frank den Vergleich mit der Spanischen Grippe, die es 1918 auf kaum mehr als kurze Zeitungsmeldungen brachte: "Die Spanische Grippe fiel in eine Zeit der politischen Auflösung und Anarchie. Noch während der ersten Hauptwelle endete der Erste Weltkrieg, in Deutschland und in Österreich-Ungarn kam es zu einem Umsturz der politischen Verhältnisse. So bildete die Spanische Grippe eine Art Puffer zwischen den Zeiten. Eine irgendwie nennenswerte Regierungsgewalt gab es nicht mehr, die sich als Bändiger der Katastrophe hätte betätigen können. Die Menschen mussten sehen, dass sie irgendwie allein klarkommen. Man hat die Grippe - hart gesagt - einfach wüten lassen. Im Wissen, irgendwann ist es vorbei."

Weiteres: Der Strafrechtler und Rechtsethiker Reinhard Merkel antwortet in der FAZ auf einen Artikel der Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert zum ethischen Dilemma der Triage, also der Frage, wann ein Mediziner einen Patienten sterben lassen kann oder muss, um einen anderen zu behandeln: "Die behandelnden Ärzte in ihrer Gewissensnot alleinzulassen ist jedoch nicht akzeptabel. Und ihre Entscheidungen undeutlichen oder zweifelhaften Richtlinien anheimzugeben ist, um das Mindeste zu sagen, ein Problem. Auch deshalb mag sich der Gesetzgeber des Notstands demnächst mit der Forderung nach rechtlichen Regeln konfrontiert sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2020 - Wissenschaft

Heute ist der Tag, an dem die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen auf über eine Million gestiegen ist (hier die berühmte Weltkarte der Johns-Hopkins-Universität). Für Deutschland werden 84.000 Fälle gemeldet. Die Maßnahmen gegen die Krise nähern sich noch keineswegs dem Ende, mahnt Gereon Asmuth in der taz: "Es stimmt, das große Ziel, die Kurve flachzuhalten, wurde erreicht. Doch weil sie anfangs extrem steil war, ist sie trotz aller Fortschritte bei Weitem noch nicht flach genug. Es stimmt auch, dass niemand genau sagen kann, wie viele Infizierte es tatsächlich gibt. Das Problem ist nur: Experten gehen davon aus, dass die reale Fallzahl sogar drei- bis zehnmal höher ist."

(Via turi2) Einen interessanten Blick auf die Statistiken zu Corona wirft der Daten-Analytiker und Medienjournalist Jens Schröder in seinem Blog. Die bestätigten Infektionszahlen in den einzelnen Ländern lassen sich kaum vergleichen, so Schröder, weil in den Ländern unterschiedlich intensiv getestet wird (so liegen in Portugal 8,8 Prozent der Getesteten im Krankenhaus, in Spanien fast 50 Prozent, was heißt, dass in Portugal wesentlich mehr getestet wird). Schröder schlägt vor, für ein objektiveres Bild der Lage die Patienten auf Intensivstationen zu zählen: "hier gibt es keine Dunkelziffer. Wenn jemand so krank ist, dass er auf eine Intensivstation muss, dann wird er auch dort landen. Zumindest so lang, wie die Stationen nicht überlastet sind. Die Dunkelziffer von schwer Erkrankten wird also klein oder sehr klein sein." In Deutschland werden diese Zahlen hier gepflegt - und geben laut Schröder immer noch ein sehr beruhigendes Bild.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2020 - Wissenschaft

Sowohl in Frankreich, als auch in Italien sind die Statistiken über Corona-Todesfälle wohl eher noch untertrieben, zeigt Pauline Moullot  in einem sehr gut recherchierten Artikel für ein Factchecking-Blog bei Libération auf. In Frankreich werden zur Zeit nur Todefälle in Krankenhäusern gezählt, nicht aber in Pflegeheimen, die zum Teil stark betroffen sind. Und in Italien leben ältere Menschen häufig zu Hause: "Das Problem der Zählung stellt sich also vor allem bei Menschen, die zu Hause sterben. Allerdings, so Alessandro Solipaca, wissenschaftlicher Direktor des Gesundheitsobservatoriums der Katholischen Universität Rom, werden Todesfälle zu Hause nur selten gezählt, da die Menschen im Allgemeinen nicht getestet wurden."
Stichwörter: Coronakrise, Corona

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2020 - Wissenschaft

Die Zahlen, mit denen allüberall in der Corona-Krise operiert wird, sind total unzuverlässig, sagt der Medizinstatistiker Gerd Antes im Interview mit Julia Merlot von Spiegel online. Darum wird man erst im nächsten Jahr in der jährlichen Todesstatistik sehen, wieviele Menschen tatsächlich durch das Virus gestorben seien: "Derzeit gilt im Prinzip jeder Tote, der mit dem Virus in Verbindung steht, als Corona-Todesfall. Die Wahrheit ist deutlich komplexer, denn viele von denen, die jetzt am Coronavirus sterben, wären möglicherweise auch ohne das Virus gestorben, aber später. Nehmen wir etwa eine Person, die schwer herzkrank ist. Wenn sie sich nun mit dem Coronavirus infiziert und stirbt, war dann das Herzleiden entscheidend oder das Virus? Stirbt jemand am oder mit dem Virus?"

Das Virus ist offenbar ursprünglich von Fledermäusen auf andere Arten und schließlich den Menschen übergesprungen. Auf die Frage des taz-Interviewers Andrew Müller, ob auch Tierzucht eine Rolle bei solchen Epidemien spielt, sagt die Biologin Simone Sommer: "Es gibt im Zusammenhang mit der Massentierhaltung immer wieder Probleme mit Schweine- und Vogelgrippe. Bei Covid-19 aber ist es anders - selbst Pangoline, die als mögliche Zwischenwirte diskutiert werden, lassen sich meines Wissens kaum züchten, das sind alles Wildfänge. Die meisten zoonotischen, also zwischen Mensch und Tier übertragbaren Viruserkrankungen wie Ebola, Sars und Mers kommen von Wildtieren. Aber Menschen können auch Wildtiere infizieren, zum Beispiel mit Masern, die bei Menschenaffen meist tödlich verlaufen." Dass das Pangolin eine Rolle bei der Ausbreitung des Virus spielte, werde inzwischen allerdings eher bezweifelt, berichtet James Gorman in der New York Times.

Martin Holland stellt bei heise.de ein "smartes" Fieberthermometer der Firma Kinsa vor, das der Hersteller, an die amerikanische Bevölkerung verteilt: "Nehmen die Anwender mit dem Thermometer ihre Temperatur, werden die Daten 'aggregiert und anonymisiert' an den Hersteller übertragen, der damit wohl am frühesten erfährt, wo beispielsweise Grippewellen auftreten. Diese Information wurde bislang an Hersteller von Haushaltswaren für gezielte Werbung lizenziert, könnte nun aber der öffentlichen Gesundheit zugutekommen." Die Daten besagen übrigens, dass sich die Lage in den USA zu entspannen scheint.