Diffuse Katastrophe

Die Retrospektive der diesjährigen Berlinale ist leider nicht gerade ein funkelnder Prachtbau. Im Kino mit Thomas Groh

Herrschaft über den Körper

Berlinale: Nastia Korkias "Dreams about Putin" und Guo Zhenmings "Tedious Days and Nights". Im Kino von Tilman Schumacher.

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Keine Schnörkel

21.02.2024. Auf der Berlinale spürt Zeit online mit Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" den Dämon in sich. Die NZZ setzt sich den bösen Blicken der DDR-Kunst aus, die im Schaulager in Beeskow lagert. Die FAZ swingt in Graz mit Anton Foersters slowenischer Nationaloper "Die Nachtigall von Gorenjska". Die taz lässt sich von Brittany Howard Klangschalen aus Quarz reichen. Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Omas wählen signifikant progressiver

21.02.2024. Das Bemerkenswerte an Alexej Nawalny war, dass er auch gegen die lange Tradition imperialer Machtausübung in Russland kämpfte, hält der Historiker Martin Schulze-Wessel auf Zeit Online fest. Auf geschichtedergegenwart glaubt die Politikwissenschaftlerin Hanna Perekhoda, dass die russischsprachigen Ukrainer die Russen lehren können, wie man ohne Imperium leben kann. In der FAZ legt Felix Klein dar, wie der Postkolonialismus auf die Relativierung des Holocausts setzt, um sein starres Täter-Opfer-Schema durchzusetzen. Und alle trauern um Jan Assmann. Mehr...

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Jagdschützen und Schürzenjäger

20.02.2024. Die FAZ verbarrikadiert sich mit Rüdiger Safranskis Kafka-Buch vor der Außenwelt. Außerdem ist sie fasziniert von Judith Koelemeijers Biografie der niederländischen Jüdin Etty Hillesum. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt Laura Lichtblaus Roman bei Dlf Kultur: eine junge Frau entdeckt die Verstrickungen ihrer Familie in das Euthanasie-Programm der Nazis. Dlf preist Sofi Oksanes Band "Putins Krieg gegen die Frauen", der die systematische Misogynie des russischen Regimes denunziert, als ein wichtiges und mutiges Buch. Mehr...

EICHENDORFF21

Taschenbücher des Monats

20.02.2024. Neue Taschenbücher im Februar: Euphorisch aufgenommen wurde Juri Andruchowytschs Roman "Radio Nacht". Prächtig amüsiert hat sich die FAZ mit Jennifer Egans Buch "Candy". Gar nicht genug bekommen konnte Dlf Kultur von Tomer Dotan-Dreyfuss' neuem Roman, der in "bildgewaltigen und mysteriösen Episoden" die Geschichte der autonomen jüdischen Oblast "Birobidschan" erzählt. Mit angehaltenem Atem las die FR Uwe Wittstocks "Februar 33" über die letzten Tage der Weimarer Republik.
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MAGAZINRUNDSCHAU

Der schwarze Rollkragen der ganzen Sache

20.02.2024. New Lines schildert das Schicksal der Mescheten, die im russischen Krieg gegen die Ukraine aufgerieben werden. Meduza recherchiert die Lebensbedingungen in Nawalnys letztem Gefängnis, dem Polarwolf IK-3. Der New Statesmen erzählt, wie effektiv britische Anwaltskanzleien Putin flüssig halten. Die London Review bewundert, wie überzeugend Automaten den Teufel geben. In La Regle du Jeu erklärt Giuliano da Empoli die Vorliebe der Italiener für den politischen Außenseiter. In der New York Times erklärt Marilynne Robinson, was man von einem Künstler immer erwarten kann. Mehr...

MEDIENTICKER

Ausgeweidet

20.02.2024.
Lothar Struck zu Daniel Kehlmanns anmaßendem Bio-Doku-Drama "Lichtspiel" über das Leben des G. W. Pabst - Hörtipp Jazz-Duos: So intim klingt's selten  - Das Uwe-Johnson-Puzzle: Von Mecklenburger Versuchen, eines Dichters habhaft zu werden -  Literaturfestival in Pakistan: Trubel um Ausladung von Ronya Othmann - Berlinale-Film "Sterben": Schonungslos ehrliches und direktes Familiendrama + Jan Böhmermann will Nazis keulen ...


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BÜCHERSCHAU DES TAGES

Rehbraten-Reminiszenz

19.02.2024. Die FAZ spitzt die Ohren, wenn Gert Westphal die Thomas-Mann-Novelle "Tristan" vorliest: von der Kaufmannsgattin Gabriele Klöterjahn bis zum kugelrunden Baby Anton verleiht er jeder Figur ihr eigenes Timbre. Mit dem zweiten Teil der "Jahrhundertstimmen" bekommt sie deutsche Geschichte in Originalaufnahmen zu hören: von Adorno bis Ulbricht ist alles dabei. Der Dlf lobt Aleksandar Hemons "Die Welt und alles, was sie enthält" als großen Roman über Liebe, Krieg und Emigration. Dénes Krusovszky wird seinem Ruf als "ungarischer Jonathan Franzen" gerecht, findet er außerdem. Mehr...

VORWORTE

Du sollst dir (k)ein Bildnis machen

19.02.2024. "Tremor" heißt Teju Coles neuer Roman, und er schüttelt auch Erwartungen durch, die man gemeinhin ans Genre stellt: Der schweifende Geist des Essayisten prägt die Form des Buches durchweg - und bis zum fast totalen Zerfall. Bei der Gestaltung der Hauptfigur treibt der Autor sein Vexierspiel mit autobiografischen Elementen noch einen Tick weiter. Von Angela Schader. Mehr...

IM KINO

Irgendeine diffuse Katastrophe

15.02.2024. Der Potsdamer Platz, noch vor gar nicht langer Zeit Zentrum nicht nur der Berlinale sondern des gesamten Berliner Filmgeschehens, gleicht dank Dauerbaustellen einem Trümmerfeld - und die Retrospektive der diesjährigen Festivalausgabe ist leider auch nicht gerade ein funkelnder Prachtbau. Deren Thema - vergessene Schätze der deutschen Filmgeschichte - ist zwar durchaus interessant; allein, weder die Filmauswahl noch die diskursive Rahmung werden ihrem facettenreichen Gegenstand gerecht. Von Thomas Groh. Mehr...

FOTOLOT

Landschaften aus Pinselstrichen

15.02.2024. Angesichts einer zur Zeit recht überschaubaren Fotoszene lohnt sich ein Ausflug in die Malerei, vielleicht auch um die Sprachen der Moderne neu buchstabieren zu lernen. Die Pariser Mark-Rothko-Ausstellung ist nur der Höhepunkt einer neuen Aneignung des Abstrakten Expressionismus und einiger der Maler - und  vor allem auch Malerinnen - die ihn inspirierten und formten von Chaim Soutine über Arshile Gorky, Robert Motherwell, Helen Frankenthaler bis zu Joan Mitchell. Von Peter Truschner. Mehr...

IM KINO

Alleinherrschaft über den eigenen Körper

14.02.2024. Die begleitend zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik präsentiert Programme oft als Double Feature. Eines davon steht dieses Jahr unter dem Titel "Hangover". Zu sehen ist der Animationsfilm "Dreams about Putin" von Nastia Korkia, in dem der russische Präsident unter anderem Kuchenform annimmt; und der von Guo Zhenming produzierte chinesische Film "Tedious Days and Nights", in dem dissidente Künstler mithilfe einer radikalen Verweigerungshaltung gegen die Parteilinie opponieren.  Von Tilman Schumacher. Mehr...

BÜCHERBRIEF

Aus Sicht eines Hundes

05.02.2024. Simon Shuster schreibt über Wolodymyr Selenskyj und den Krieg in der Ukraine. David Grossman ruft im Nahostkonflikt: Frieden ist die einzige Option. Sebastian Voigt erzählt die Geschichte des Judenhasses von der Antike bis zur documenta 15. László Kraznahorkai schreibt und trommelt von Sonderlingen und Todesnymphen. Iris Wolff steuert sanfte Moll-Töne aus Rumänien bei. Dies alles und mehr finden Sie in unseren besten Büchern des Monats Februar. Mehr...

INTERVENTION

Historische Berufung zur Willkürherrschaft

05.02.2024. Vor hundert Jahren ist Wladimir Iljitsch Lenin gestorben. Der Leninismus aber hat seinen vermeintlichen historischen Tod überlebt. Das Geheimnis seines Erfolgs ist seine Anschlussfähigkeit zum Rechtsextremismus, ohne dabei bei radikalen Linken an Attraktivität einzubüßen. Seine rücksichtslose Gewaltideologie ist als unheimlicher Wiedergänger auf die Weltbühne zurückgekehrt. Von Richard Herzinger. Mehr...

ESSAY

Das Klima, die Kühe und wir Journalisten

24.01.2024. In Berlin findet gerade die Grüne Woche statt. Das ist ein guter Anlass, sich in Florian Schwinns Buch "Die Klimakuh" zu vertiefen, das mit dem Vorwurf aufräumt, Kühe seien besonders schädlich fürs Klima. Allein wegen der falschen Narrative, die seit mindestens zehn Jahren in den Medien ihr Unwesen treiben, und darüber, wie sie zustande gekommen sind, lohnt es sich schon, dieses Buch zu lesen. Aber Schwinn geht es auch darum, Naturschutz und Landwirtschaft zusammenzudenken. Von Uta Ruge. Mehr...

INTERVENTION

Blauäugigkeitsvorfälle

22.01.2024. Letzte Woche druckte die SZ unter dem Rubrum "In eigener Sache" eine Rüge des Presserats ab, die zwei Falschbehauptungen dieser Zeitung kritisierten. In beiden Rügen ging es um wohlmeinende Verfälschungen der Migrationsstatistik. Wenn sich Linke fragen, warum die Rechte wächst - könnte es auch mit klammheimlicher Leugnung der Realität und zögerlicher Transparenz "in eigener Sache" zu tun haben? Von Wolfram Schütte. Mehr...

INTERVENTION

Dringend benötigt

19.01.2024. Der neue polnische Ministerpräsident Donald Tusk hat als seine Priorität die verstärkte Unterstützung der Ukraine genannt und greift damit nicht zu hoch. Dass es mit seinen Warnungen vor dem Ausmaß der russischen Aggression recht behalten hat und heute eine der Hauptbastionen gegen sie bildet, hat Polens Stellenwert in der EU erheblich erhöht. Um ihn auszubauen, bräuchte es aber die Unterstützung der inländischen Opposition statt deren Obstruktion. Von Richard Herzinger. Mehr...

ESSAY

Erosionsprozesse

19.01.2024. Sowohl der Diskurs über die Menschenrechte als auch der über den Klimawandel weigert sich, den Elefanten im Raum zu benennen: die Demografie. Gerade in islamischen Ländern wie Pakistan und Ägypten - aber auch etwa im Gazastreifen - hat sich die Bevölkerung in den letzten siebzig Jahren versechs- oder siebenfacht. Gerade wenn man betont, dass die Prekarisierung menschlicher Existenz heutzutage nicht erst durch politische Repression, Ausbeutung, Krieg und Bürgerkrieg, sondern schon elementar durch den Klimawandel beginnt, muss das Demografieproblem ins Zentrum einer europäischen Migrationspolitik rücken. Von Daniele Dell'Agli. Mehr...

FOTOLOT

Wiese mit Glühwürmchen

16.01.2024. Der Trend in Fotoausstellungen geht eindeutig in Richtung Klimawandel, da das postkoloniale Thema künftig mit spitzeren Fingern angefasst werden dürfte. Überall also Steine, Blumen, Bäume und Himmel und didaktische Absichten. Auch wenn man schon jetzt genug davon hat: In Wahrheit sind die Förder- und Austauschprogramme in Bezug auf diesen Themenkomplex gerade erst im Anrollen und werden in Zukunft wohl ebenso wenig verschwinden wie der Klimawandel selbst. An einen Pionier der Thematik wie Michael Flomen reichen die meisten Arbeiten nicht heran. Von Peter Truschner. Mehr...

EICHENDORFF21

24 Bücher um 2024 zu verstehen

13.12.2023. Die Welt ist viel zu durcheinander, als dass es nicht dringend nötig wäre, sich in eine Ecke zu setzen und ein Buch zu lesen. Wie sonst soll man das Tohuwabohu verstehen? Wir haben 24 Bücher zusammengestellt, die helfen werden, das Jahr 2024 zu verstehen. Wie in den letzten Jahren durchsuchen wir auch 2023 nach Büchern, die helfen, die Gegenwart zu verstehen. Manchmal liegt der Trost einzig darin, dass Bücher aufklären! Nötiger als 2023 waren sie nie. Mehr...

SPENDEN

Unterstützen Sie den Perlentaucher

24.11.2021. Der Perlentaucher bietet seinen Service für die Leser kostenlos und möchte dabei bleiben. Falls Sie uns unterstützen mögen - regelmäßig oder einmalig - freuen wir uns! Hier finden Sie verschiedene Möglichkeiten. Mehr...