Außer Atem: Das Berlinale Blog

Aktualität: 01.02.2012 bis 02.03.2012 - 42 Artikel - Seite 2 von 3

Ein eingelöstes Versprechen: Ly Bun Yims '12 Sisters' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2012 Es war von Anfang an ein großes Versprechen: Drei Filme aus der klassischen Phase des kambodschanischen Kinos hat das Forum dieses Jahr in seinem Programm. Drei Filme aus einem Kino, das kaum überliefert ist, weil die Roten Khmer nach der Machtübernahme in den Siebzigern mit dem filmischen Erbe so gründlich aufgeräumt hatten, dass die Archivlage dort heute noch verheerender ist als in anderen südostasiatischen Ländern. Die Kopien (in einem Fall leider nur eine DVD-Kopie) gelangten unter abenteuerlichen Bedingungen nach Berlin, vorgeführt werden können sie nur ein einziges Mal, da eine Restaurierung und Sicherung der kostbaren Rollen noch aussteht. Von Lukas Foerster

Fraktionen des Bösen im Nazihauptquartier: Volker Schlöndorffs 'La mer à l'aube' (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2012 "La mer a l'aube", eine Fernsehproduktion von Volker Schlöndorff, die, was Ausstattung und filmische Mittel angeht, auch so aussieht, erzählt von der Hinrichtung 150 französischer Kriegsgefangener, die im Zweiten Weltkrieg auf Anordnung Hitlers als "Vergeltungsmaßnahme" für den Anschlag auf einen deutschen Offizier im Oktober 1941 von den deutschen Besatzern in Zusammenarbeit mit französischen Hilfstruppen geplant und durchgeführt wurde. Von Lukas Foerster

Flirrendes Gespensterhaus: Guy Maddins 'Keyhole' (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2012 Jeder, der es ernst meint mit der Berlinale, wird diesen Zustand kennen: Nach einigen Tagen blenden die Filme ineinander über, eine leicht fiebrige Müdigkeit überfällt einen im Kino, das Gefühl für Zeit, die Fähigkeit, einem Plot zu folgen, wird fragil: Stattdessen Lichtreflexe, denen man mit den Augen folgt. Wenn man so will hat Guy Maddin mit "Keyhole" den Film zu diesem Zustand gedreht: Doppelbeleuchtungen, schummriges Licht, oft totes Schwarzweiß, ein Soundtrack, der so wabert wie es im Innern eines betrunkenen Seemanns nachts auf Deck klingt, eine assoziative Montage, die die Geschehnisse nicht so sehr in Zeit anordnet, sondern die Dinge aufeinander schichtet. Von Thomas Groh

Porträtiert die Skaterszene in Ostberlin: Marten Persiels 'This Ain't California' (Perspektive Deutsches Kino)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2012 Es sieht so aus, als sei 2012 die Berlinale, die die DDR, zumindest filmisch gesehen, in ein neues Licht rückt. Zuerst präsentierte Christian Petzold seinen neuen Film "Barbara" im Wettbewerb - "Ich wollte, dass die DDR Farbe hat", so Petzold in der taz - und jetzt läuft in der Perspektive Deutsches Kino "This Ain't California" über die Skaterszene im Ostberlin der 80er Jahre. Von Elena Meilicke

Kein Entrinnen aus der Eskalationsmaschine: Radu Judes 'Everybody in Our Family' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2012 Marius Vizereanu ist ein netter Kerl, Ende dreißig, etwas depressiv und heillos unerwachsen. Solche Männer haben jahrelang Berlin bevölkert, jetzt sind sie offenbar in Bukarest. In seiner Wohnung hängt noch ein Poster von Che Guevara, aber für sein Handy braucht er schon die Lesebrille. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die kleine Tochter darf er fünfzehn Tage im Jahr sehen. Jetzt will er mit ihr ein Wochenende zum Zelten nach Constanta ans Schwarze Meer. Mehr Urlaub bekommt er nicht, mehr Geld hat er nicht. Der Mann hat alle Sympathie, aber man weiß auch: Er hat keine Chance. Von Thekla Dannenberg

Am Meer ein Gefängnis: Christian Petzolds 'Barbara' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012 "At last, I am free - I can hardly see in front of me!", singen Chic über die präzise gesetzte Schwarzblende, mit der Christian Petzold seinen neuen Film "Barbara" enden lässt. Ein Auftakt übertönt das Schwarz, ein Knoten, auf den "Barbara" kontinuierlich hingearbeitet hat, ist mit einem Mal gelöst - der Film, der zwar unweit der Meeresküste spielt, doch eigentlich ein Gefängnis beschreibt, öffnet sich schlagartig zu der weltumarmenden Weite, die nur der Soul der 70er Jahre auf diese Weise in Klang gegossen hat. Von Thomas Groh

Beim Barte des Führers: Nazi-Ufos in Timo Vuorensolas 'Iron Sky' (Panorama Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012 Kommen zwei Nazis nach 72 Jahren nach New York und finden ein Pornoheft. Sagt der eine: "Die entwickeln sich ja wie unsere Weiber. Aber da unten haben sie keine Haare, wie die Mädchen seh'n die aus." Sagt der andere: "Und wenn sie da Haare haben, seh'n die aus wie der Bart unseres geliebten Führers!" Oder aber: Greifen Nazis vom Mond völlig krass die Erde an. Die Leute in der UNO so voll am Abstreiten, keiner ist's gewesen. Meldet sich Nordkorea: "Wir sind's, wir sind's gewesen!" Alle anderen voll so am Ablachen: "Als ob!!" Von Thomas Groh

Untersucht den ungeklärten Tod zweier Roma: Philip Scheffners Dokumentarfilm 'Revision' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012 Ein Weizenfeld nahe der polnischen Grenze. Im Sommer 1992 war das Feld Tatort eines im juristischen Sinne bis heute unaufgeklärten Verbrechens. Gut 19 Jahre später, im Herbst 2011, filmt Philip Scheffner denselben Ort für seinen Film "Revision". Der gelbe Weizen rauscht sanft im Wind, die Schatten der Rotorblätter einer Windkraftanlage ziehen über das Feld. Die Windräder und ihr Schattenwurf tauchen immer wieder auf im Film, sie wirken in ihrer gleichmäßigen Bewegung leitmotivisch rhythmisierend, aber in ihnen steckt noch mehr: In den Windkraftanlagen materialisiert sich die zeitliche Differenz, die 19 Jahre zwischen dem inzwischen historischen Kriminalfall um zwei erschossene Roma und ihrer filmischen Revision. Tatsächlich stellt der (insbesondere im Osten Deutschlands evidente) Siegeszug der Windparks den größten Einschnitt in das Landschaftsbild Deutschlands in den letzten zwei Jahrzehnten dar (vermutlich ist das sogar noch untertrieben). Dass sie aufmerksam sind für solche scheinbar nebensächlichen Details, für auf den ersten Blick völlig kontingente Verbindungen, ist kennzeichnend für die Filme des außergewöhnlichen Dokumentaristen Philip Scheffner. Von Lukas Foerster

Filmt von der Eisscholle: Wladimir Schnejderows 'Zwei Ozeane' (Retrospektive)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012 Die Retrospektive machte in den letzten Jahren abwechselnd einen allzu routinierten und einen allzu beliebigen Eindruck. Präsentiert wurden entweder altbekannte Meisterregisseure (Bunuel, Bergman) oder eher willkürlich zusammengestellte Programme ("City-Girls im Stummfilm", "Traumfrauen der Fünfziger"). Dieses Jahr zeichnet sich die Retro ganz im Gegenteil gleichzeitig durch Wagemut und den Willen zur Konkretion aus: Gezeigt werden sowjetische (und ein paar deutsche) Filme aus den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, die allesamt von einem einzelnen Studiokomplex produziert wurden: Der "Meschrabpom-Film" und ihrem deutschen Ableger, der Prometheus. Eine Sonderstellung im sowjetischen Kino nahm Meschrabpom nicht nur aufgrund seines Bezugs zu Deutschland ein: Die Verbindung der Studioverantwortlichen zur Staatsmacht waren - zumindest zunächst - verhältnismäßig locker, produziert wurden neben Kultur- und Dokumentarfilmen vor allem Spielfilme mit einer Nähe zum schon damals von Hollywood dominierten Genrekino - eine "rote Traumfabrik" (so der Titel der Retro) eben. Von Lukas Foerster

Pollesch in Polen: Przemyslaw Wojcieszeks 'Secret'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012 Zwei Themen trüben das polnische Gewissen: Die miserable Behandlung der Schwulen und Lesben, deren Märsche für Toleranz immer wieder von nationalkatholischen Schlägertrupps gesprengt werden. Und die beunruhigende Frage, wie die Polen vom Holocaust profitiert haben. Sie haben die Geschäfte der ermorderten oder geflohenen Juden übernommen, sind in ihre Häuser gezogen und haben ihren Besitz in Beschlag genommen. Und was passierte, wenn Juden aus den Lagern heimkehrten? In Kielce wurden 1946 vierzig Holocaust-Überlebende erschlagen, unter anderem auch deshalb, weil die Polen die okkupierten Häuser nicht wieder hergeben wollten. Von Thekla Dannenberg

Tierbeobachtungen: 'Bestiaire' von Denis Côté (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012 Anfangs schaut man Kunststudenten über die Schulter: Wie sie mit mal schnellen, mal vorsichtigen Strichen ein ausgestopftes Tier abzeichnen, das in ihrer Mitte steht. Dasselbe Tier, unterschiedliche Bilder. Wo das Tier herstammt, sieht man im späteren Verlauf in "Bestiaire", wenn Denis Côté bei einem Erkundungszug durch den Parc Safari in Quebec auch die taxidermische Abteilung in den Blick nimmt. Dieser ist zugewandt, aber gerade insoweit interesselos, dass sich eine Sphäre zwischen Emphase und kritisch-analytischer Distanz aufbaut. Ganz ohne Kommentar oder ersichtlichen Eingriff in das Geschehen zeigt Côté, was in dem Safari-Erlebnispark geschieht: Tierfütterung, Tierbehandlung, gesunde Tiere, kranke Tiere, verkrüppelte Tiere. Mittendrin dann bald, selbst ein bisschen wie possierliche Tiere: mal jauchzende, mal interessiert um sich schauende, fotografierende Parkbesucher, die irgendwann wieder im Auto sitzen, womit der Film dann schließt. Ein etwas rigoroseres Strukturkonzept - man wäre bei James Benning. Ein etwas genauerer Blick auf die Arbeitsabläufe im Park - man wäre bei Frederick Wiseman. Zwischen diesen beiden Protagonisten des vorsichtig beobachtenden Dokumentarfilms - überdies keine Unbekannten im Internationalen Forum - richtet sich Denis Côté gut und für den Zuschauer mit Gewinn ein. Von Thomas Groh