Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Auto, Aktualität: 01.02.2013 bis 03.03.2013 - 3 Artikel

Autodestruktion im Wortsinn: Danis Tanovics 'An Episode in the Life of an Iron Picker' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013 "An Episode in the Life of an Iron Picker", der bosnisch-herzegowinische Wettbewerbsbeitrag von Danis Tanovic, ist ein wohlmeinender Film über eine Romafamilie aus dem Hinterland, erzählt aus der Perspektive des Vaters Nazif, der seinen Unterhalt und den seiner Familie als Eisensammler bestreitet. Fast ist mit dieser Berufsbezeichnung schon zu viel gesagt: Er schaut eben, wo in seinem völlig verarmten Umfeld noch Gegenwerte zu bergen sind. Und die finden sich nun einmal vornehmlich in der Gestalt von Altmetall, einer provisorischen Müllhalde oder – hierin verdichtet sich das sisyphos'sche Zentralmotiv – seinen eigenen Subsistenzmitteln abgerungen. Die stärkste Szene zeigt Nazif und seine Nachbarn bei der Demontage seines Autos mit rostigen Sägen und schweren Hämmern: Autodestruktion im Wortsinn. Von Nikolaus Perneczky

Dramatisch: Bruno Dumonts 'Claude Camille,1915' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013 Wenn in Bruno Dumonts "Camille Claudel, 1915" plötzlich ein Auto vorfährt, erschrickt man eine Sekunde über diesen Misston: Natürlich sind Autos im Jahr 1915 keine Neuheit mehr, doch bricht mit dem Auto jäh eine Ahnung der Außenwelt und der Moderne in diese bis dahin zugemauerte Welt, in der schon ein Salon im Stil des 19. Jahrhunderts wie ein Zugeständnis an den Zeitenlauf wirkt, dass man sich halb im Schock dazu zwingen muss, sich zu erinnern, dass dieser Film im frühen 20. Jahrhundert spielt. Von Thomas Groh

Schmutzige Scheiben: Gus van Sants 'Promised Land' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2013 Wo man hinschaut: schmutzige Scheiben. Oft dreht Gus van Sant durch Scheiben hindurch, so dass man die Schlieren auf dem Glas sieht. Oder das Licht auf der Frontscheibe eines Autos reflektiert so, dass Matt Damon dahinter nur schemenhaft erkennbar ist. Ein Kontrast zu den weiten Panoramen oder den aus einiger Höhe aufgenommenen Gottesperspektiven: Hier, wo die USA am amerikanischsten sind, im Hinterland, wo die meisten - wenn auch zunehmend unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten - noch auf Farmen leben, hier also, wo manche Einstellung so aussieht, als sei sie der Rahmenhandlung vom "Wizard of Oz" entnommen, wo man den Eindruck gewinnt, als habe sich die USA in den letzten Winkel und ihren eigene Ursprungsmythos zurückgezogen, hier liegt das Land in aller Klarheit vor einem. Nur die Leute, die in die Stadt kommen, bleiben undurchsichtig. Von Thomas Groh