Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Natur, Aktualität: 01.02.2013 bis 03.03.2013 - 3 Artikel

Beängstigender Wald: Andreas Bolms 'Die Wiedergänge' (Perspektive Deutsches Kino)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2013 Wohin man auch blickt, überall Bäume auf dieser Berlinale: Besonders im Wettbewerb jagt ein Waldfilm den nächsten. Nina Hoss schlägt sich bei Thomas Arslan als Teil einer exildeutschen Reisetruppe durchs unwirtliche, grenzmystische Nadelholz. Tendenziell mindestens ebenso aggressiv (genauer gesagt: mindestens eine Bärenfalle aggressiver) gebärt sich der - gleichfalls kanadische - Wald, in dem Vic und Flo bei Denis Côté abhängen. Von der freundlichen Seite zeigt sich die Pflanzenwelt bei David Gordon Green: Obwohl er gleich zu Filmanfang abbrennt, bietet ein (wieder aufgeforsteter und dezent verzauberter) Wald Paul Rudd und Emile Hirsch Unterschlupf, hilft ihnen beim bonding und beim Verarbeiten von Liebesproblemen. Den Waldfilm to end all Waldfilme hat, wen wundert’s, James Benning gedreht: Gut zwei Stunden lang steht im Forumsfilm "Stemple Pass" eine Hütte im Wald herum; die Jahreszeiten wechseln, die Lichtverhältnisse aus, manchmal werden Texte des Unabombers Theodore Kaczynski verlesen, der sich jahrelang in einer ähnlichen Hütte verkrochen hatte, dann herrscht wieder minutenlang, viertelstundenlang Stille, gelegentlich tritt Rauch aus dem Schornstein der Hütte - aber der Wald, der bleibt. Von Lukas Foerster

Eine Mockumentary: 'Interior. Leather Bar' (Panorama) von Travis Mathews und James Franco

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2013 Interior. Leather Bar: Eine Ortsbeschreibung, im Kontext eines Filmdrehbuchs eine Anweisung für den Bühnenbildner. Im Skript von William Friedkins "Cruising", einem verspäteten New-Hollywood-Thriller, der in der New Yorker Schwulenszene spielt, kam diese Ortsbeschreibung häufig vor. Im fertigen Film, der trotz aller Kompromisse, die im Laufe der Postproduktion eingegangen wurden, noch für jede Menge Ärger sorgte, vor allem, weil ihm Homosexuellenverbände Homophobie und implizite Anstiftung zu hate crimes vorwarfen, taucht das entsprechende Set zwar noch immer recht prominent, aber lange nicht mehr so häufig auf. Insgesamt gut 40 Minuten Material möglicherweise hardcorepornografischer Natur wurde aus dem Film herausgeschnitten, bevor er zur Aufführung kam. Diese 40 Minuten sind seit den frühen Achtzigern wie vom Erdboden verschwunden, das entsprechende Material wurde möglicherweise wohl vernichtet. Von Lukas Foerster

Hat theatrale Dimensionen: Reha Erdems 'Jin' (Generation 14plus)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2013 Eine 15-jährige, alleine in den Bergen, alleine mit der Natur. Felsen, Wiesen, Bäume, der Himmel mal strahlend blau, mal nebelverhangen, mal wolkenverzogen, oft stürmt und regnet es. Viele Naturtotalen, begleitet von flächiger, sinfonischer Musik. Die 15-jährige heißt Jin, also Geist; man kann das auf ihren legalen Status beziehen: Ein Mädchen ohne Papiere, eine junge Kurdin, die einmal Teil einer militanten Gruppierung war, jetzt aber allein, zwar bewaffnet, aber ohne Auftrag, ohne Ziel die Natur durchstreift. In die Welt, in den Film hineingeworfen, bleibt Jin eine ganze Weile lang einsame Überlebenskünsterin. Ein bloßer Zufall gibt ihrer Bewegung schließlich eine Richtung, ein Ziel (und einen möglichen Ausweg aus der geisterhaften Existenzform), dem Film eine Geschichte: Sie beschließt, nach Izmir, in die Großstadt, in den Westen der Türkei zu reisen. Und dafür muss sie zunächst einmal Geld auftreiben. Von Lukas Foerster