Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Niederlande, Aktualität: 01.02.2013 bis 03.03.2013 - 4 Artikel

Bleibt ein Unvollendeter: George Sluizers 'Dark Blood' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2013 George Sluizers "Dark Blood" blickt auf eine bewegte Produktionsgeschichte zurück. Zehn Tage vor Drehschluss starb Hauptdarsteller River Phoenix an einem drogeninduzierten Herzinfarkt; das abgedrehte Material wurde von der Versicherungsgesellschaft in Verwahrung genommen. Das war im Oktober 1993. 2012 gelang es Sluizer, der vor einige Jahren ein Aneurysma erlitten hatte, die existenten Aufnahmen zu sichern und "Dark Blood" doch noch fertigzustellen – allerdings ohne den Film zu vollenden: Die Lücken, die Phoenix’ Tod ins Narrativ gerissen hat, sind nicht trickreich kaschiert, sondern mit einem voice-over markiert. Sluizer verliest mit unmerklichem Akzent (er ist gebürtiger Niederländer) und fast ohne Emphase die nicht realisierten Drehbuchpassagen, manchmal über eine ausklingende Spielfilmszene gelegt, manchmal über ein Still gesprochen. Ganz zu Beginn erläutert er dieses Konstruktionsprinzip. Das Bild dazu zeigt ihn Arm in Arm mit einem verkniffen dreinblickenden River Phoenix. "Dark Blood" ist – und bleibt – Sluizers Unvollendeter. Von Nikolaus Perneczky

Kasuistische Fingerübung: Pia Marais' 'Layla Fourie' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2013 Südafrika, eine nächtliche Landstraße: Layla, alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes, fährt seit Stunden Auto, es ist stockfinster, der Scheinwerfer rast über den Asphalt. Da steht plötzlich ein Auto quer auf der Fahrbahn, der kleine Sohn macht im Schlaf ein Geräusch, Layla ist eine Zehntelsekunde abgelenkt – und hat einen Mann angefahren, einen weißen, älteren, der kurz darauf stirbt. Von Elena Meilicke

Geld macht nicht glücklich in Asli Özges 'Lebenslang' (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013 Was es heißt, kein Geld, oder zumindest eindeutig zu wenig Geld zu haben, im Alltag, im Familienleben, in Beziehungen, für Versuche, Beziehungen aufzubauen, potentielle Partner kennenzulernen: Das war eines der zentralen Themen von "Men on the Bridge", einer bedrückenden, realistischen Milieustudie, dem außergewöhnlichen ersten Spielfilm der in Berlin lebenden Türkin Asl? Özge. Ein Leben auf der Brücke, im Freien und doch bedrängt von allen Seiten. Das Paar, das im Zentrum des Nachfolgefilms "Hayatboyu" steht, lebt dagegen im durchgentrifizierten Istanbuler Stadtteil Ni?anta??. Wer sich da eine Wohnung leisten kann, hat keine Geldsorgen, zumindest keine drängenden. Was noch lange nicht heißt, dass er (beziehungsweise in diesem Fall vor allem: sie) ein entspanntes Leben führen kann. Von Lukas Foerster

Schweigsame Bauern in Nanouk Leopolds 'It's All so Quiet' (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2013 Ein Mann, der einen anderen Mann, seinen Vater, pflegt. In einem sparsam eingerichteten, fast durchweg von natürlichem Licht beleuchteten Zimmer liegt der Vater und wenn er sich ein wenig aufrichtet, das Kissen an die Wand hinter dem Bett gelehnt, das Gesicht umrahmt von schütterem weißem Haar, dann hat das etwas Malerisches, als würde einer der alten holländischen Meister seinen eigenen Vater porträtieren. Der Vater selbst weiß, dass er aus einer anderen Zeit kommt, dass er in der Gegenwart nichts mehr zu erwarten hat. Die wenigen Worte, die er mit seinem Sohn wechselt, drehen sich entweder um seinen Todeswunsch, oder um die letzten um ihn herum wegsterbenden Bekannten. Von Lukas Foerster