Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Deutscher Film - 40 Artikel - Seite 1 von 3

Eine Seele von Mann: Franz Biberkopf in Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Lautes Keuchen, dann läuft der Vorspann, in schwarz und rot, dazwischen ein Kampf im Wasser, die Farben ändern sich nicht, die Szene steht auf dem Kopf. Mehr braucht es nicht, diesen kleinen Trick - die Köpfe unten, das Wasser oben - und man hat ein Bild vom Ertrinken, das man so schnell nicht mehr von seiner Festplatte löschen kann. Ida geht unter, Francis kriecht an Land, "triefend von den Sünden einer vergangenen Zeit", wie uns eine kindliche Frauenstimme aus dem Off mitteilt. Von Anja Seeliger

Mit Menschenliebe gemacht: Sabine Herpichs Doku "Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Werkgruppe Hahn: Da bleibt keine*r verschont, die Mona Lisa nicht, auch Maurizio Cattelans kniender Hitler nicht, alle blicken sie nun mit Hahnenkopf in die Welt, wie Suzy von Zehlendorf (rechts im Bild) sie sieht, die vom Jesuskind und seiner Mutter von der Henne und ihrem Küken spricht. Werkgruppe Hass: Auf das Berliner Bode-Museum fokussiert, das die Künstlerin von ganzem Herzen verabscheut, das Gebäude und alles darin, traurig, nur traurig, das Ganze. Aus dem Bode-Katalog ist der Bode-Titel geschnitten, die Bode-Skulpturen sind mit Tüchern und Stoffen verhängt, sie kann gar nicht mit ansehen, was sie da baut. Von Ekkehard Knörer

Wahrheit oder Wahrnehmung: Visar Morinas "Exil" (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Als Xhafer von der Arbeit nach Hause kommt, hängt eine tote Ratte an seinem Gartenzaun. Der aus dem Kosovo stammende Pharmaingenieur lebt schon seit Jahren mit seiner Frau Nora und zwei gemeinsamen Kindern in einem Einfamilienhaus, als ihn das Gefühl beschleicht, auf der Arbeit ausgegrenzt zu werden. Vergeblich sucht er den Raum für das Team-Meeting, nach verlorenen Informationen aus seinen Akten, nach Ansprechpartnern, seinem Vorgesetzten. Und ebenso vergeblich versucht er klarzustellen, dass ihm Steine in den Weg gelegt wurden, dass er aus dem E-Mail-Verteiler absichtlich entfernt wurde. Immer zur falschen Zeit am falschen Ort, findet er kein Gehör. Die Kollegen haben keine Zeit oder nehmen ihn nicht ernst. Wird Xhafer systematisch schikaniert? Weil er aus dem Kosovo kommt? Von Nina Sabo

Schweigen bei den Krokodilen: Thomas Heises "Heimat ist ein Raum aus Zeit" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Thomas Heise war schon immer der verstörendste Dokumentarfilmer unter den Chronisten der untergegangenen DDR: In "Stau" erkundete er das Elend junger Neonazis in Halle, in "Imbiss Spezial" den Horror vacui der Wende, in "Material" spürte er dem verlorenen utopische Moment von 1989 nach. Für seinen neuen Film "Heimat ist ein Zeit aus Raum" kompiliert er über drei Generationen die Hinterlassenschaften seiner Familie - Fotos und Filmaufzeichnungen, Briefe und Tagebücher - zu einer Collage, die nicht unbedingt eine Familienbiografie ergibt, sondern eher eine Reflexion über Familie und Biografie. Von Thekla Dannenberg

Früchtchen des Zorns: Nora Fingscheidts "Systemsprenger" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2019 Auf einmal ist nur noch wilde Wut auf der Leinwand. Eben noch zogen sich lustig bunte Kinderkleckse über den Vorspann, da rastet das Mädchen aus, schreit und tobt und schmeißt mit allem um sich, was ihm in die Finger kommt. Vor allem die bescheuerten Bobbycars. Lehrer, Erzieher, Betreuer flüchten hinters Panzerglas, doch das hält die Attacken ebenso wenig aus wie die Nerven aller Beteiligter. Benni ist neun Jahre, das aggressivste und brutalste Kind, das jemals auf der Leinwand zu sehen war, und man schließt dieses Früchtchen des Zorns sofort in sein Herz. Von Thekla Dannenberg

Man ist schließlich Mensch: Thomas Stubers "In den Gängen" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.02.2018 Das erste Bild ist eine Landstraße, Morgendämmerung, die Laternen sind noch an, ein paar kahle Bäume zeichnen sich am Rand gegen den Himmel ab, hier und da mal ein Auto. Dann setzt die Musik ein und während die Kamera in den Großmarkt fährt und durch die Gänge schwebt, spielt das Orchester den Donauwalzer. Es ist ein wunderbarer Anfang. Die Lichter gehen an, Gabelstapler fahren hin und her. Und das Publikum schwebt mit. Von Anja Seeliger

Entweder rüstig oder gefördert

Außer Atem: Das Berlinale Blog 05.02.2014 Nach einer kurzen Aufbruchsphase ist die Berlinale künstlerisch schon wieder in der Defensive. Die Sektionen sind homogenisiert und taugen nicht mehr zur Orientierung des Zuschauers. Für Überraschungen ist die Berlinale dennoch immer gut. Selbst knallharte Traditionalisten - wie unser Autor - werden fündig. Wer sich ab morgen unter gut 400 Filmen nicht entscheiden kann, dem bleibt immer noch die wunderbare Retrospektive. Ein Blick ins Programm von Lukas Foerster Von Lukas Foerster