Das Wort "Geopolitik" hat in den letzten Jahren eine steile Konjunktur erlebt. In nahezu allen Beschreibungen der internationalen Politik, besonders mit Bezug auf die Außenpolitik Russlands und der USA, findet es sich. Auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht von einer "geopolitischen Kommission", die die Europäische Union nun bräuchte. Klaus Schlichte zeigt, dass eine Auffassung internationaler Politik entlang der Kategorien und Denkweisen der "Geopolitik" ein intellektuelles Elend ist. Es wird den Strukturen und Herausforderungen internationaler Politik der Gegenwart nicht gerecht. Außerdem führt die "Geopolitik" ins Elend: Denn hinter dem Begriff, wie er gegenwärtig genutzt wird, verbirgt sich bloßes Machtstaatsdenken.Der Vorwurf der Machtstaatspolitik wird zwar vor allem der russischen und US-amerikanischen Regierung gemacht, aber viele andere Regierungen folgen den Figuren eines neuen Souveränitätsdiskurses. So vermindern sie nicht nur die Chancen internationaler Zusammenarbeit, sondern gefährden den Frieden und die Möglichkeiten einer besseren Zukunft. Gibt es dazu Alternativen?
Geopolitik ist keine Wissenschaft, befindet der Politik-Professor Klaus Schlichte in seinem neuen Buch, das Rezensent Matthias Becker interessiert, aber nicht ohne Einwände liest. Schlichte zeigt dem Kritiker Geopolitik als national- und machtzentrierte Theorien, die davon ausgehen, dass sich Nationen in einem ewigen Wettstreit befänden, ihre eigenen Interessen in den Mittelpunkt stellten und das Völkerrecht vernachlässigten, resümiert Becker. Den Fokus dieser Denkrichtung auf staatliche Macht und Aufrüstung ordnet er dem Kritiker zufolge "treffsicher" ein und zieht Parallelen zu den Entwicklungen vor dem Ersten Weltkrieg. Für Becker ist es allerdings ein empfindlicher Makel, dass der Autor nicht klärt, woher überhaupt das gesteigerte Bedürfnis nach "geopolitischen Erklärungen" in der aktuellen Debatte kommt und ob er nicht zum aktuellen Zustand mehr beigetragen hat als "schlechte Theorien".
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