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Efeu - Die Kulturrundschau

Mosaikhaftes Universum

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2017. Die Zeit erinnert das Forträumen von Bürgerkriegs-Statuen, das in den USA nach den Ereignissen in Charlottesville eingesetzt hat, an den Bildersturm der Taliban. Die Kritiker rufen der Documenta beschämt zu: Kunstfreiheit hat ihre Grenzen! Im Standard spricht Mahmoud Sabbagh, Regisseur der ersten romantischen Komödie aus Saudi-Arabien, über Dreharbeiten unter vorindustriellen Bedingungen. Die SZ sorgt sich um zu viel Sprachhygiene in Museen. Und die Feuilletons trauern um John Abercrombie.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2017 finden Sie hier

Kunst

Die für die Documenta geplante, umstrittene Performance "Auschwitz on the Beach" der beiden italienischen Künstler Franco Bifo Berardi und Sim Sampaio ist abgesagt worden. Angekündigt wurde sie mit dem Text: "Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile Zyklon B ersetzt hat." In der Berliner Zeitung meint Ingeborg Ruthe: "Die aktuelle europäische Flüchtlingspolitik - verglichen mit dem Holocaust der Nazis! Das wurde, wie auch anders bei gewissen historischen Empfindsamkeiten, sehr wörtlich genommen. Die Empörung schwoll an zum Sturm der Entrüstung. Solch geschmacklos-arrogante Relativierung des Holocaust geht in der Öffentlichkeit nicht durch mit dem Argument der ansonsten doch heiligen Kunstfreiheit." In der Zeit schreibt Jens Jessen: "Man schämt sich auch, die Grün­de für die Scham­ver­let­zung zu nen­nen - die un­zu­tref­fen­de Par­al­le­li­sie­rung (die Ju­den sind ja nicht auf der Su­che nach ei­nem besseren Le­ben, so­zu­sa­gen aus Pech, in die La­ger ge­ra­ten), vor al­lem aber die markt­schreierische Ver­wen­dung des Schockwortes Auschwitz."

Und noch mehr Aufruhr bei der Documenta: Die Aktivistengruppe "LGBTQI+ Refugees in Greece" hat Roger Bernats Fiberglaskopie eines antiken Schwursteins von der Agora in Athen - der in Kassel auf einem Platz mit NS-Geschichte begraben werden sollte, gekidnappt. Im art-magazin meint Ute Thon, die Aktion ist "beispielhaft für eine neue Protesthaltung gegenüber gut gemeinter Politkunst, die aus dem falschen Lager kommt. Politisierte Minderheiten, seien es nun schwul/lesbisch/queere Flüchtlinge oder nordamerikanische Prärie-Indianer, fühlen sich zunehmend unwohl, wenn ihre (Leidens-)Geschichten in Werken weißer heterosexueller Akademiekünstler auftauchen. Und sie machen diesem Unmut Luft. Dabei geht es nicht um Fragen künstlerischer Qualität, sondern um das Recht auf Deutungshoheit von Geschichte."

Nach den Ereignissen in Charlottesville werden in den USA zahlreiche Statuen fortgeräumt, die an die Soldaten der Südstaatenarmee erinnern. In der Zeit findet Hanno Rauterberg den Bildersturm wenig zielführend: "Wer den Ras­sis­mus be­kämp­fen will, der kann ge­wiss al­le Eh­ren­ma­le ab­räu­men las­sen; die Städ­te sind kein Mu­se­um, nichts ist auf ewig fest­ge­schrie­ben. Ge­won­nen aber ist da­mit so gut wie gar nichts. Im Ge­gen­teil, es könn­te leicht der Ein­druck ent­ste­hen, dass die west­li­che Öf­fent­lich­keit auf ver­dreh­te Wei­se man­che Ge­pflo­gen­hei­ten der Taliban oder des 'Is­la­mi­schen Staats' über­nimmt. Die­se nei­gen ja eben­falls da­zu, al­les zu un­ter­drü­cken und zu zer­stö­ren, was ih­nen Un­wohl­sein be­rei­tet und ih­rem Men­schen­bild zu­wi­der­läuft."


Bild: Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Äpfeln und Bananen, 1905. Tempera auf Leinwand, 67 x 84 cm, Kunsthalle Bremen. Karen Blindow

Vorbildlich findet Till Briegleb in der SZ, dass sich die Bremer Kunsthalle in der Ausstellung "Der blinde Fleck" mit ihrer Kolonialgeschichte auseinandersetzt, nur leider verkürze der missionarische Eifer die Perspektive: "mit der Umschreibung der Bildtitel durch Auslassungspünktchen aus Rücksicht auf angeblich durch Rassismus traumatisierte Besucher, denen bestimmte Worte nicht zugemutet werden dürfen, wird in geschichtsklitternder Manier kontextlose retrospektive Zensur eingeführt. Die Malerin Anita Rée hat dann um 1910 wohl ein 'N****mädchen' gemalt, und Emil Nolde 1913 den 'Kopf eines E********** mit hoher Frisur'? Wenn Museen in dieser Manier damit beginnen, politisch korrekte Sprachhygiene einzuführen, auf die dann auch jede andere Besucherfraktion mit Recht pochen kann, wird es in Zukunft unmöglich werden, die geschichtlich verortete Schmerzhaftigkeit von Diskriminierungsvokabeln überhaupt noch wahrzunehmen."

Die Fotografie ist nicht tot, antwortet Daniel Sigge seiner NZZ-Kollegin Daniele Muscionico mit Blick auf das "mosaikhafte Universum" von Bildern in seinem Smartphone: "Sie sind Resultate der politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und technologischen Bedingungen, unter denen entstanden sind. Smartphone-Bilder formen engmaschige Miniatur-Chroniken des digitalen Alltags. In ihnen schmiegen sich das Erlebte und das menschliche Selbst in einer Umarmung aneinander. Wenn wir es wagen, das Augenmerk von dem Motiv auf die Geste zu richten, und das Bild nicht länger als Ausdruck fotografischer Annäherung an eine fixe Realität sehen, können wir Phänomene wie Memes, Fehlversuche, Remixes und Fälschungen als elementare Bestandteile dieser neuen Bilderkultur wahrnehmen."

Besprochen wird die fünfte Skulpturen-Biennale in Weiertal (NZZ) und die Stuttgarter Ausstellung "The Great Graphic Boom", die sich der Geschichte der grafischen Reproduktion widmet: Geist- und lehrreich, meint FAZ-Kritikerin Rose-Marie Gropp.
Archiv: Kunst

Musik

Mit John Abercrombie ist einer der "einflussreichsten Jazzgitarristen seit den siebziger Jahren" gestorben, schreibt Wolfgang Sandner in der FAZ. "Mit ausgeschlafenem Understatement und einem offenen Ohr für das Spiel seiner Partner setzte er ein Ausrufezeichen für die kammermusikalische Idee einer Musik der Stille und Konzentration", würdigt Stefan Hentz den Verstorbenen in der NZZ. Abercrombie hielt sich "in harmonisch weniger jazzklassischen Sphären auf", erklärt Ljubiša Tošic im Standard. "Er bevorzugte malerische Räume der tonalen Vieldeutigkeit, die Abercrombie die Möglichkeit gaben, sich bei Improvisationen melodisch komplex Richtung Impulsivität zu steigern." Hier nochmal ein Auftritt:



Für beherzten Krach viel übrig hat Christian Schachinger, wie seiner Besprechung im Standard von "Lack", dem Debütalbum der Noise-Künstlerin Pan Daijing, zu entnehmen ist. Der Klangkrach werde durchaus "als vordergründig unangenehme Erfahrung gedeutet. Es ist eine dunkle Kunst, die den Hörer erst einmal in ein schwarzes Loch zieht. Tief dort unten tun sich schließlich im besten Fall weite musikalische Räume auf, in denen unerwartet das Licht angeht und man sich selbst erkennt."

Weiteres: Beat Großrieder erinnert in der NZZ an den Summer of Love '67. Philipp Heiligenthal hat für die FR das Metalfestival Summer Breeze besucht. Gerhard R. Koch schreibt in der FAZ zum Tod des Pianisten Aloys Kontarsky. Jan Paersch porträtiert die Hamburger Indie-Rockerin Ilgen-Nur. Hier deren aktuelles Video:



Besprochen werden ein Konzert des Rappers Vince Staples (Tagesspiegel) und Brand News "Science Fiction" (Pitchfork).
Archiv: Musik

Film

Mahmoud Sabbaghs "Barakah Meets Barakah" gilt als erste romantische Komödie aus Saudi-Arabien - es geht um den Konflikt zwischen Paarbildung und rigorosen gesellschaftlichen Normen. Dominik Kamalzadeh hat sich für den Standard mit dem Regisseur unterhalten und dabei auch herausgefunden, welchen Schwierigkeiten man in Saudi-Arabien nicht nur dann gegenübersteht, wenn man ein Paar werden will, sondern wenn man über damit verbundene Probleme einen Film drehen will. Sein Heimatland sei "vorindustriell, was Film betrifft. Daraus resultieren eine ganze Reihe von Ängsten. Es gibt keine Filmschulen, keine Filmförderungen und keine rechtliche Infrastruktur. Es gibt keinen Plan, um sicher sagen zu können, was man tun und was man nicht tun darf. Wir haben nur die Erlaubnis bekommen, eine TV-Serie zu drehen. ...Wir mussten sehr vorsichtig vorgehen, vor allem, wenn wir auf Straßen drehten und dabei die Hauptdarstellerin zum Einsatz kam."



Für die taz unterhält sich Toby Ashraf mit Valeska Grisebach über deren neuen Film "Western", den im Perlentaucher Katrin Doerksen (wie gestern auch schon das weitere Feuilleton) sehr begeistert bespricht. Was genau reizte die Regisseurin an diesem männlichen Stoff über deutsche Arbeiter in der Einöde Bulgariens? "Ich hatte eine große Sehnsucht nach dem Western-Genre, da es das Genre meiner Kindheit ist. Gerade diese eigentlich einsamen Heldenfiguren und deren Arten, Männlichkeit zu konstituieren, interessieren mich. Auf der einen Seite gibt es da das ungerührte Gesicht, das man nicht verlieren darf, auf der anderen Seite steckt auch immer ganz viel Gefühl dahinter. ... Mich als Frau hat dieser relativ geschlossene Männerkosmos interessiert, in dem Frauen physisch abwesend, aber andererseits unglaublich anwesend sind. Es wird ständig über sie gesprochen, oder sie werden fantasiert." In der Welt spricht Hanns-Georg Rodek mit Grisebach über die Dreharbeiten und ihre Faszination für Männer, die keine Gefühle zeigen.

Besprochen werden eine arte-Doku über Jean Rouch (FR), Lucas Belvauxs Dokumentarfilm "Das ist unser Land" über die politischen Strategien des Front National (taz, dazu auch ein Interview mit dem Regisseur auf ZeitOnline), Justin Chadwicks "Tulip Fever" über niederländische Tulpenkrise im 17. Jahrhundert (NZZ), Cãlin Peter Netzers "Ana, Mon Amour" (taz), Cédric Klapischs "Der Wein und der Wind" (NZZ), Rahul Dholaklas auf DVD veröffentlichter Bollywood-Film "Raees" (taz), die Serie "I'm Dying Up Here" über Comedy in den 70ern (Welt), die Wrestlerinnen-Serie "Glow" (Freitag), die Kalte-Kriegs-Agentinnen-Sause "Atomic Blonde" mit Charlize Theron (Tagesspiegel, NZZ, FAZ) und die Netflix-Serie "The Mist" auf Grundlage einer Novelle von Stephen King (FAZ).
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Archiv: Film

Literatur

Für den Freitag unterhält sich Katharina Schmitz mit dem in den USA lebenden, tschechischen Newcomer Jaroslav Kalfař. Hannes Hintermeier von der FAZ fragt nach, warum der engagierte Münchner Kleinverleger A1 die Toren schließen musste: Schuld sei demnach die mangelnde "Affinität zu den digitalen Medien", der Verzicht auf Krimis, aber auch die verschlossenen Türen des Literaturhauses München. Tijan Sila berichtet im Freitext-Blog auf ZeitOnline von seiner Reise nach Sarajevo.

Besprochen werden Hans Schefczyks "Das Ding drehn" (Tagesspiegel), John Boynes "Der Junge auf dem Berg" (Berliner Zeitung), Olivier Adams "Die Summe aller Möglichkeiten" (FR), Michael Köhlmeiers Novelle "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" (FR), Jules Vernes "Geheimnisvolle Insel" (Welt) und Leila Slimanis "Dann schlaf auch du" (FAZ).
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Bühne

"Die Zeiten, da Künstler neben gepackten Koffern schliefen, auf jedes verdächtige Geräusch im Hausflur hörten, scheinen wieder da zu sein", meint Manuel Brug in der Welt angesichts der Verhaftung von Kirill Serebrennikow, an dem der russische Staatsapparat ein Exempel statuieren wolle: "Seine Kunst? Nein, die sei doch ganz wunderbar, man sei stolz auf Kirill Serebrennikow! Nur die orthodoxe Kirche, auch hier wieder vermutlich Drahtzieherin, hat sich offen gegen diese schillernde, aus ihrer Homosexualität keinen Hehl machende Persönlichkeit ausgesprochen. Gegen den buddhistischen Juden Serebrennikow, der als gelernter Physiker ja noch nicht mal eine akademische Ausbildung für seinen Beruf habe! Andere schweigen fein still."

Für die SZ hat sich Eva-Elisabeth Fischer mit dem Tänzer und Choreografen Tino Sehgal getroffen, der im November die Volksbühne bespielen wird und dessen "Konstruierte Situationen" aktuell in der Baseler Fondation Beyeler zu sehen sind. Zitiert werden will Sehgal lieber nicht, um ja keine Spuren zu hinterlassen, erklärt Fischer. So viel erfährt sie aber doch: "Sehgal will in der Volksbühne eine Mischung beider Erfahrungswelten versuchen, des Theaters und des Museums, auf der Basis unbekannter Einakter von Samuel Beckett: ein Theater, in dem es das demokratische, liberale Element gebe, dass jeder kommen und gehen könne, wann er will, mit seinem Nachbarn reden könne oder nicht und dabei möglicherweise die gleiche Intensität wie bei Theateraufführungen oder Konzerten empfinde."

Besprochen werden Jean Philippe Rameaus Ballettoper "Pigmalion" und Reinhard Keisers "Die römische Unruhe" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (FAZ)
Archiv: Bühne