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Efeu - Die Kulturrundschau

Dreht Brecht sich gerade im Grabe um?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2017. Die NZZ spricht mit Theatermachern aus dem Iran, aus Kuba und dem Kongo über ihr Leben im Untergrund. Zeit und taz streiten über das neue Album von LCD Soundsystem. Die Kritiker bewundern Charly Hübner in Arne Feldhusens "Magic Mystery". Die taz erlebt im Berliner Museum für Fotografie die chinesische Kulturrevolution als gigantisches Rockkonzert. Und die SZ stellt fest: Die britischen Follies sind zurück.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2017 finden Sie hier

Bühne

Im NZZ-Gespräch mit Daniele Muscionico berichten der kongolesische Choreograf Dorine Mokha, der iranische Choreograf Mohammed Abasi und die kubanische Dramaturgin Yohayna Gonzales, alle diesjährige Mitglieder der Festival-Jury des Zürcher Theaterspektakels, wie in ihrer Heimat unabhängiges Theater nur im Untergrund möglich ist. "Ich will nicht sterben für mein Land", erzählt Mokha. Und auf der Straße könne man jeder Zeit verhaftet werden: "'Wir haben keine Redefreiheit. Und wir haben keine physischen und mentalen Räume, um uns auszudrücken.' Mokha und die meisten Kongolesen sind gegen den Präsidenten Kabila, und sie äußern dies auch. Sie gingen damit täglich ein Risiko ein. Dorine Mokha muss sein Land verlassen, muss Einladungen erhalten und sich in provisorischen Unterkünften aufhalten. Nur so kann er sich als Künstler finanzieren. Dabei erlebt er im Ausland oft Paradoxes. 'Zu unterschiedlichen Anlässen höre ich manchmal bei Empfängen vom kongolesischen Botschafter, wie stolz er auf uns Künstler sei und dass wir unser Land repräsentieren würden. Doch die Wahrheit ist: Zu Hause haben wir vom Staat nicht die geringste Unterstützung.'"

Als Brecht'sches Lehrtheater geplant und in Gleichgültigkeit und "säuerlicher, halblustiger Wurstigkeit" geendet, meint Nachtkritikerin Gabi Hift über das vom ongoing project beim Kunstfest Weimar inszenierte Stück "Die Revolution und ihre Enkel", bei dem Eltern und Großeltern Kindern die DDR erklären: "Eine Bibliothekarin macht eine Führung durch die Bibliothek und triumphiert, weil die Kinder nicht genau wissen, wer Lenin war. Eine Arbeiterin aus einer LPG zeigt, wie sie melken gelernt hat, eine Frau bringt den Mädchen zwei Lieder von den Thälmannpionieren bei…das wirklich Schlimme ist, wie hier ein enorm brisantes Thema ins Lächerliche gezogen wird."

Bild: Anne Van Aerschot/Ruhrtriennale 2017

Das kann Anne de Keersmaeker sonst besser, meint FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster nach der bei der Ruhrtriennale uraufgeführten Choreografie der sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach: "All dieses pseudo-technische Bewegungsmaterial, diese reduzierte, mit angestrengter Unangestrengtheit vorgeführte, ach so alltagsgestische Interessant-Mach-Getue, all das brauchen Bachs Cellosuiten nun am allerwenigsten. Sie sind so streng, so pur, so sängerisch und reich an Stimmungen, harmonischen Schönheiten und unerbittlichen Wahrheiten über die Einsamkeit alles Lebendigen, Vergänglichkeit alles Sinnlichen, über Endlichkeit und Sterblichkeit, dass es schon viel fordert, sie alle durchzuhören."

Weiteres: In der Berliner Zeitung berichtet Susanne Lenz kopfschüttelnd, dass Oliver Reese einen Wünschelrutengänger beauftragt hat, um das Berliner Ensemble zu "entstören": "Steht nun ein Esoteriker an der Spitze des Hauses, in dem einst der V-Effekt praktiziert wurde? Dreht Brecht sich gerade im Grabe herum? Was ist mit der Volksbühne, die einen Entstörer viel dringender nötig hätte?"

Archiv: Bühne

Musik

Beim Lucerne Festival wurde Friedrich Cerhas sinfonischer "Spiegel"-Zyklus aus den 60ern als Schweizer Erstaufführung gespielt - für Thomas Schacher "ein Schlüsselwerk der Moderne des 20. Jahrhunderts", wie er in der NZZ schreibt: Das Werk atme "den Geist der sechziger Jahre und ist dem ästhetischen Ideal der Klangflächenkomposition verpflichtet. Vereinfacht gesagt, verzichtet der Komponist weitgehend auf Melodik und motivisch-thematische Arbeit und ersetzt diese Elemente durch Klangbänder, die sich in ihrer Gestalt ständig verändern. ... In der Interpretation der jungen Musiker der Festivalakademie, von Pintscher zur Höchstleistung motiviert, bringt der letzte Satz eine gewaltige Entfesselung der Klangmassen. Wahrlich eine endzeitliche Schlacht mit apokalyptischen Dimensionen." Hier eine ältere Aufnahme:



James Murphy und sein Dancepunk-Projekt LCD Soundsystem sind wieder da. Daniel Gerhardt versetzt das auf ZeitOnline in Partylaune: "Murphy gibt noch einmal den besten Plattensammler der Welt, seine Songs entfalten sich langsam, ein schlauer Klau nach dem anderen. Dazu unternimmt er komplizierte Neuverkabelungen seiner analogen Synthesizer und kitzelt quietschige Geräusche aus ihnen heraus." Julian Weber von der taz indessen findet manches auf dem Album "zu schwülstig" und "manchmal kratzen die neuen LCD-Soundsystem-Songs knapp vor dem rockistischen Nirwana die Dancepunk-Kurve." Dazu ein aktuelles Video:



Weiteres: Frederik Hanssen führt im Tagesspiegel durch das Programm des Musikfests Berlin. Malte Hemmerich besucht für die FAZ das Molyvos Festival auf Lesbos. Für die Welt unterhält sich Felix Zwinzscher mit Techno-Komponist Jeff Mills. Besprochen wird das Konzert der Nationalen Jugendphilharmonie der Türkei unter Cem Mansur beim Young Euro Classic in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Kunst

Bild: Cao Kai, Sommer 1969, 2001-2002 HD Edition 2010, DVD (Videostill)

taz
-Kritikerin Brigitte Werneburg vermisst bei der Berliner Ausstellung "Arbeiten in Geschichte", die sich der Auseinandersetzung der zeitgenössischen chinesischen Fotografie mit der Kulturrevolution widmet, Substanz, etwa in Cao Kais Video "Summer of 1969": "Der 1969 geborene Künstler schneidet darin alte Aufnahmen jubelnder Chinesen und feiernder Hippies gegeneinander, weil seiner Meinung nach die Welt damals ein einziges, gigantisches Rockkonzert war, mit Superstars wie Mao Zedong, John Lennon, Pol Pot, Bob Dylan oder Che Guevara. Vielleicht muss man ja in China zu derlei, sagen wir mal, extravaganten Ideen greifen, um überhaupt mit Bildern des zivilen Ungehorsams wie Sit-Ins, Happenings, den Protestmärschen der Antikriegsbewegung und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung arbeiten zu können?"

Angeregt hat sich taz-Kritiker Helmut Höge die zwölf "Glaspaläste" auf Rädern in Wittenberg angeschaut, die sich zwischen Wissenschaft und Kunst mit der Reformation auseinandersetzen: "Die Soziologin Marina Klimchuk stellt in ihrem 'Tel-Aviv-Palast' viel Text aus, der von einem 'Hinterhof der Globalisierung' handelt: dem isolierten Migrantenviertel 'Neve Shaanan Street' in Tel Aviv, in dem unter anderem Eritreer wohnen. Klimchuk bearbeitete ihre sozialarbeiterischen Erfahrungen mit dortigen Flüchtlingskindern zusammen mit in Wittenberg lebenden Eritreern, wobei es - in Form eines Straßenfestes - um die Frage ging: 'Was ist die Grenze zwischen dir und den Nachbarn/Zwischen Neve Shaanan und der Welt?'"

Fasziniert hat sich SZ-Kritiker Harald Eggebrecht Gold, Silber und andere Kunstschätze aus Grabfunden der Inkas in der Völklinger Hütte angesehen: Es "leuchten zwischen den saurierhaft großen Schwungrädern und anderen Eisenungeheuern des Maschinenzeitalters rund dreitausend Jahre alte Raubtierköpfe als Goldperlen aus der Cupinisque-Kultur auf. Oder Goldperlenketten mit Menschengesichtern, von den viel späteren Chimú gefertigt. Es verzaubert das ins Bläuliche changierende Grün uralter Türkisketten, oder es glänzt eine Chimú-Silberschale, über und über bedeckt mit wandernden großäugigen Seevögeln."

Besprochen wird die Ausstellung "Jerusalem lives" im Palästinensischen Museum in Birseit: "lässt wenig Raum für lästige Interpretationen", meint Jochen Stahnke in der FAZ.
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Archiv: Kunst

Literatur

Zum (morgigen) 150. Todestag von Charles Baudelaire ergründet Juana Christina von Stein in der Welt dessen literarisches Projekt. Die "ästhetische Moderne" fasst sie dabei "als eine nie abschließbare Suchbewegung" auf, die das Neue stets sucht, wobei das Neue in dem Moment, in dem es gefunden wird, schon wieder im Begriff ist, zu veralten - wie sich bei Baudelaire nachvollziehen lasse: "Kapitel um Kapitel, ja Gedicht um Gedicht versucht der lyrische Sprecher sich einem Idéal anzunähern, das strukturell unerreichbar ist. So ungreifbar-abstrakt dieses Idéal ist, so quälend-konkret sind seine Gegenspieler, Spleen und Ennui, epochenspezifische Ausformungen der Melancholie. ... So gipfeln die 'Fleurs du Mal' in den letzten Worten des letzten Gedichts im expliziten Programm: 'Zum Grund des Unbekannten, wenn er uns nur Neues schenkt!'"

Besprochen werden Virginie Despentes' "Das Leben des Vernon Subutex" (Freitag), Thomas Lehrs "Schlafende Sonne" (NZZ), Zadie Smiths "Swing Time" (Freitag, Tagesspiegel), Édouard Louis' "Im Herzen der Gewalt" (Freitag), Roland Schimmelpfennigs "Die Sprache des Regens" (Standard), Richard Fords "Zwischen ihnen" (NZZ), Viktor Schklowskijs "Sentimentale Reise" (FR), Jonas Hassen Khemiris "Alles, was ich nicht erinnere" (taz), Mariana Lekys "Was man von hier aus sehen kann" (Zeit), Pawel Salzmans "Die Welpen" (NZZ), Emmanuel Carrères "Ein Russischer Roman" (SZ) und Ulla Hahns "Wir werden erwartet" (Welt, FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.

Archiv: Literatur

Film


Slapstick-Künstler im Moment innerer Ruhe: Charly Hübner ist Karl Schmidt in "Magical Mystery"

In Sven Regeners Berliner Wendezeitroman "Herr Lehmann" spielte er eine zentrale Nebenrolle,in "Magical Mystery" die Hauptrolle: Karl Schmidt, der darin nach einem Nervenzusammenbruch (am Ende des ersten Romans) im hedonistischen Techno-Deutschland der mittleren 90er wieder zu sich kommt. Jetzt kommt Arne Feldhusens Verfilmung in die Kinos und die Kritiker danken es dem Regisseur, die Hauptfigur mit dem aus dem Rostocker Tatort bekannten Schauspieler Charly Hübner besetzt zu haben: Der spielt Schmidt "mit einer inneren Ruhe, hinter der flackernde Panik gefangen sitzt", freut sich Bert Rebhandl in der FAZ: Der Film habe "einen Groove, der ganz allein von seinem Helden ausgeht." Hübner spiele die Figur "mit vollem Bierbaucheinsatz", schreibt David Steinitz in der SZ. Und endlich dürfe sich der Schauspieler als der "große Slapstick-Künstler " beweisen, der er ist. "Er schafft es aber auch, die plötzlichen Abstürze des Karl Schmidt in die schwärzeste Depression, die im Roman viele Seiten einnehmen, zwischen zwei Zigarettenzügen aufscheinen zu lassen - und das können wirklich nur sehr große Schauspieler."

Weiteres: Tim Caspar Boehme (taz), Michael Pekler (Standard) und Susanne Ostwald (NZZ) freuen sich auf die Filmfestspiele in Venedig, die heute beginnen. Gerrit Bartels porträtiert im Tagesspiegel den Nachwuchsschauspieler Jannis Niewöhner, der sich gerade von seinem Teenieschwarm-Image emanzipiert.

Besprochen werden ein Volker Pantenburg und Katrin Richter herausgegebener Band über die cinephile Materialsammlung des mainfränkischen Sparkassenangestellten Heimo Bachstein (Freitag), Jacques Doillons Biopic über Auguste Rodin (Welt) und Jakob Preuss' Dokumentarfilm "Als Paul über das Meer kam" (ZeitOnline).
Archiv: Film

Design

Für den Freitag bespricht Christine Käppeler die Mode-Webserie "Kinshasa Collection".
Archiv: Design
Stichwörter: Kinshasa

Architektur

In der SZ  beobachtet Alexander Menden eine Renaissance der britischen "Follies" - jener exzentrisch-kitschigen, eklektizistischen Bauten, die einst als Staffage für Parks galten, bald aber immer aufwendiger und teurer wurden. In seiner Zeit als Londoner Bürgermeister hatte Boris Johnson einige solcher Follies zu verantworten, etwa die von Thomas Heatherwick gestaltete und nach einer Verschwendung von 37 Millionen Pfund Steuergeldern durch Sadiq Khan in letzter Sekunde verhinderte Gartenbrücke, berichtet Menden: "Rowan Moore, Architekturkritiker des Observer, hat die Gartenbrücke treffend 'ein Wahrzeichen des postfaktischen Zeitalters' genannt. Tatsächlich wies das Projekt auffallende Parallelen mit der 'Leave'-Kampagne vor dem EU-Referendum auf. Eine von den Unterstützern des Projekts veröffentlichte Umfrage, der zufolge die weit überwiegende Mehrheit der Befragten eine solche Brücke wollte, basierte auf ausgedachten Zahlen und Wunschdenken. Die Brücke wurde als 'Geschenk an die Bewohner Londons' verkauft, das vollständig durch private Spenden finanziert werden würde."

Archiv: Architektur