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Efeu - Die Kulturrundschau

Bring mir einen Ton

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2017. In der Zeit erzählt die Komponistin Rebecca Saunders, wie sie bei Wolfgang Rihm lernte, in der Musik zu sein. Die NZZ denkt über die Sinnschichten der Popkultur nach. Die taz feiert Javier Bardems prachtvollen Bierbauch. Außerdem: Die Feuilletons trauern um Holger Czukay, Mitgründer der Band Can, und um Arno Rink, "Vater" der Neuen Leipziger Schule.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2017 finden Sie hier

Musik

Alle Feuilletons trauern um Holger Czukay, Bassist und Mitgründer von Can sowie selbsternannter "universeller Dilettant" - wobei sich viele Nachrufe eher wie eine letzte Würdigung von Czukays Band lesen. Czukay war "so etwas wie der Zampano der Band", verrät Christian Bos in der Berliner Zeitung. Er schnitt "die endlosen Jamsessions seiner Mitmusiker auf Tonband mit, auf der Suche nach den magischen Momenten, in denen vielleicht gerade Missverständnisse zwischen den so unterschiedlich ausgebildeten Spielern zu etwas völlig Neuem führten." Was Christian Schröder im Tagesspiegel nur bestätigen kann: Bei Can "ging es um den Versuch, die Musik noch einmal von einem Nullpunkt aus neu zu erfinden." Für Max Dax liegt in Czukays Tape-Basteleien nicht nur der Ursprung von Sampling, sondern von der Band selbst, wie er in der SZ erklärt: "Tatsächlich begann die Musik von Can bei Holger Czukays mit zerschnittenen und neu wieder zusammengefügten Tonbändern im Studio für elektronische Musik, interdisziplinär anknüpfend an Kurt Schwitters' literarische und künstlerische Experimente Collage bei Dada." Und Michael Pilz würdigt Czukay und seine Band als kulturelle Erneuerer der alten Bundesrepublik: "Wer von 1968 redet, darf von Can nicht schweigen. Auch im alten Kinosaal von Weilerswist, den sie damals mit Bundeswehrmatratzen auslegten, ging es darum, das alte Deutschland, das des Schlagers und der Marschmusik, zu überwinden."

Weitere Nachrufe in Standard und FAZ. Die Spex hat ein großes Interview von 2013 online gestellt. Als einer der wenigen Nachrufer würdigt Julian Weber in der taz auch Czukays Soloalben und -Kollaborationen. Das 1981 veröffentlichte Stück "Ode to Perfume" hält er etwa für "einen der schönsten Vocodersongs, die je erschienen sind." Das hören wir uns gerne an:



Übermorgen wird in Berlin das neueste Werk der britischen Komponistin Rebecca Saunders uraufgeführt: "Yes", die Vertonung des Schlussmonologs von Joyces "Ulysses". Im Interview mit Volker Hagedorn von der Zeit erzählt Saunders, die aus einer Musikerfamilie kommt, wie sie mit 16 Jahren neue Musik kennenlernte und acht Jahre später nach Karlsruhe zog, um bei Wolfgang Rihm zu studieren: "'Ich konnte kein Wort Deutsch, und er konnte nur wenig Englisch. Er hat einfache Fragen gestellt, über die ich tagelang nachdenken musste. Er hat gefragt, welches Gesicht hat dein Stück? Hat es Augen? Ich dachte, wow, es könnte keine Augen haben. Hat es einen Mund? Nein. Welche Farbe? Rot. Wo ist es denn? Das war für mich ein Geschenk. Nicht über die Musik zu sprechen, sondern sich schon in der Musik zu befinden.' Einmal begann sie mit einem Stück für Streichorchester und brachte ihrem Professor ein großes Blatt voller Noten mit. 'Er hat es langsam gedreht, falsch rum, und gesagt: Bring mir einen Ton.' Nur einen. Ein A, beschloss sie, am Klavier, in verschiedenen Farben. 'Aber ohne Innenklavier', lautete Rihms Bedingung - also ohne Tricks mit präparierten Saiten, Alufolie und Klöppeln. Nur Tasten und Pedal."

Hier Rebecca Saunders' von Beckett inspiriertes Stück "Still"



Außerdem: Jan Küveler ist für die Welt zur Insel Samos gereist, wo das Samos Young Artists Festival sich "auf die Fahnen geschrieben hat, Grenzen zu überwinden, Mauern einzureißen und Menschen verschiedener Herkunft zusammenzubringen." Gerald Felber resümiert in der FAZ die nun HaydnLandTage genannten Haydn Festspiele, die, nachdem sie im angestammten Spielort im Esterhazy-Schloss vor die Tür gesetzt wurden, erstmals übers Burgenland verstreut stattfanden.

Besprochen werden ein Konzert der Sopranistin Sunhae Im mit der Akademie für Alte Musik (Tagesspiegel), Teodor Currentzis Auftritt beim Rheingau Musik Festival (FR) und das neue Album von The National (Standard).
Archiv: Musik

Literatur

Zum Auftakt des Literaturfestivals in Berlin steigt im Tagesspiegel der irische Autor Cormac Jones in den zehnten Kreis der Hölle, zu den massenindustriellen Aquakulturen des 21. Jahrhunderts. Mannsgroße Fische kreisen im Atlantik, "nicht im Meer verteilt allerdings. Ganz im Gegenteil. Noch immer stecken sie in einer großen, vollgepackten Säule, die von der Wasseroberfläche bis weit in die Tiefen reicht. Sie sind noch immer eingepfercht, aber nicht mehr in einem Metallsilo, sondern in einem in etwa gleich großen Metallkäfig. Dieser Käfig ist an massiven apfelgrünen Bojen festgemacht, die ein paar Meilen vor der Küste von Teneriffa am Meeresboden verankert sind. Im Meerwasser sind diese kreisenden Fische nicht weniger beeindruckend als im Labor, sie haben sich ja nicht verändert, was nicht überrascht, denn in hundert Millionen Jahren haben sie sich nur wenig weiterentwickelt, lebende Fossilien nennt man sie, und doch werden sie behandelt wie Hühner in Legebatterien, und das offene Meer unter ihren Käfigen ist wie ein offener Abort."

Weitere Artikel: Für die SZ-Reihe über Transitorte und Haltestellen erinnert sich Schriftsteller Ulrich Peltzer an seine Reisen nach Neapel. David Lagercrantz setzt Stieg Larssons ursprünglich auf zehn Bände angelegte "Millennium"-Trilogie auch weiterhin fort: Heute erscheint weltweit bereits der fünfte Teil. Im SZ-Gespräch erklärt er Thomas Steinfeld, Voraussetzung für sein Engagement nach dem Tod Larssons sei gewesen, dass ihm ein gewisser inhaltlicher und stilistischer Freiraum zugestanden wurde: "Sie hat jetzt ihre stillen, reflexiven Augenblicke, und ich könnte mir vorstellen, dass sie auch eine psychologische Entwicklung durchlaufen hätte, wenn Stieg Larsson die Serie hätte fortsetzen können."

Besprochen werden Sven Regeners "Wiener Straße" (Tagesspiegel), Omar El Akkads "American War" (FR), Ulla Hahns "Wir werden erwartet" (SZ), Hamid Sulaimans Comic "Freedom Hospital" über den Krieg in Syrien (Tagesspiegel), Reinhard Kleists Comicbiografie über Nick Cave (FR) und die von Peter Böthig herausgegebene Dokumentation "Sprachzeiten - Der Literarische Salon von Ekke Maaß" (FAZ).
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Film

Beim Filmfestival in Venedig brilliert bislang vor allem das US-Kino, stellt Daniel Kothenschulte in der FR fest. Zu einer ähnlichen Zwischenbilanz gelangt Katja Nicodemus in der Zeit. Tim Caspar Boehme bewundert in der taz unterdessen Javier Bardems "prachtvollen Bierbauch", den dieser in einem Biopic über Drogenkönig Pablo Escobar zur Schau trägt. Sonja Thomaser stellt in der FR Mutmaßungen über den Night King aus "Game of Thrones" an. Mit Colin Trevorrow ist nun schon der vierte Regisseur eines künftigen "Star Wars"-Films von Disney gefeuert worden, meldet David Steinitz in der SZ. Jan Decker hat für ein Feature auf Deutschlandfunk Kultur einen Pornodreh besucht. In der taz empfiehlt Thomas Groh einen Berliner Filmabend mit italienischen Superheldenfilmen aus den 60ern, in denen es zur Musik von Ennio Morricone mitunter hübsch verkifft zuging:



Besprochen werden die Verfilmung von Dave Eggers' netzkritischem Roman "The Circle" (taz, Welt, unsere Kritik hier), die Komödie "Barry Seal" mit Tom Cruise als Drogenschmuggler (Tagesspiegel, SZ, taz), Al Gores neue Umweltschutz-Doku "Immer noch eine unbequeme Wahrheit" (SZ) und die ZDF-Serie "Zarah - Wilde Jahre" über eine Journalistin in den 70ern (Welt).
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Kunst

Popkultur ist viel mehr als oberflächliches Blingbling versichert Ueli Bernays in der NZZ. Sie ist im Gegenteil immer vielschichtiger geworden, was auch mit den Möglichkeiten digitaler Techniken zu tun hat: "Ihre Sinnschichten setzen sich einerseits von der gewachsenen Realität ab. Gleichzeitig überlagern und mischen sie sich auch immer mehr. Und man braucht nun kein Prophet zu sein, um im Zeichen von Artificial Intelligence (AI) und Augmented Reality (AR) eine wimmelnde Kultur raumzeitlicher Illusionen heraufkommen zu sehen. Vergleichbare Traumgebilde hat die Pop-Kultur bisher erst in psychedelischen Künsten und mithilfe chemischer Stimulanzien zu erzeugen vermocht."

Hier als Beispiel eine Videoarbeit des japanischen Künstlers Keiichi Matsuda:



Philipp Meier erinnert die realistisch-tatkräftige Einstellung unserer Zeit in der NZZ an die Maler der neuen Sachlichkeit und deren "große Katerstimmung nach dem ersten Weltkrieg". Heute wie damals sei diese Sachlichkeit eher eine Suche nach Halt in einer Welt, die dem Individuum mehr und mehr zu entgleiten drohe: "Schlicht nüchtern und sachlich aber war diese Kunst nie wirklich. Sie ist vielmehr die Malerei eines Realismus, der sich selber nicht traut. So markiert diese Stilrichtung bei aller Bemühung, den als subjektiv empfundenen Expressionismus durch objektive Weltanschauung zu überwinden, gleichwohl einen Bruch mit der Tradition realistischer Malerei. Neue Sachlichkeit bedeutet Distanzierung von der sichtbaren Wirklichkeit."

Der Maler Arno Rink, "Vater" der Neuen Leipziger Schule, ist gestorben. In der Berliner Zeitung erinnert sich Ingeborg Ruthe an ihren Besuch in seinem Atelier: "'Alles Malen', sagte mir Rink bei einem Ateliergespräch, 'sei wie ein vergeblicher Versuch, das Irrationale zu fassen'. Dieser Maler war das, was im Kunsthistoriker-Latein einen 'Manieristen' ausmacht. Einer wie der Italiener Jacopo da Pontormo um 1520, der im Stil der Spätrenaissance im Übergang zum frühen Barock den klassisch-ausgewogenen Menschenbildern, den Dingen und Räumen einen Zug ins Künstliche, ins Irreale gab. Auch Rink lebte seine subjektiven Ideen und Fantasien auf der Leinwand aus. Die Folge: der 'Goldene Schnitt' ist aus der Achse gerückt, die Gliedmaßen sind überlängt, und die Gestalten taumeln leicht. Die Perspektive ist verzerrt und die Raumkonstruktion übersteigert."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel berichtet Stefan Kobel von der Kunstmesse Art-O-Rama in Marseille. In der NZZ mokiert sich Christian Saehrendt über die Stadt Kassel, die die Olu Oguibes Documenta-Kunstwerk, ein Obelisk mit dem eingefrästen Jesus-Zitat "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt", kaufen will.

Besprochen werden eine Ausstellung von australischen Künstlern im A3-Showroom in Berlin (Tagesspiegel) und eine Bruegel-Ausstellung in der Wiener Albertina (Presse).
Archiv: Kunst